Rezension

Heiße Kriege im Kalten Krieg

01.03.2016 - Dr. Burkhard Luber

Über vierzig Jahre, vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Ende des Kalten Krieges hat das atomare “Gleichgewicht des Schreckens” die Welt vor einem Dritten Weltkrieg bewahrt. Was bei einem Blick auf diese Zeit von 1945 bis 1990 jedoch oft in Vergessenheit gerät: Die Welt war in in diese Jahrzehnten bestimmt keine friedliche Welt. Unterhalb des Schirms der atomaren Waffenarsenals wurden weiterhin Kriege auf allen Kontinenten geführt.

Kolonialkriege, Kriege um die Vorherrschaft im Nahen Osten, Invasionen. Diese Kriege sind Thema des vorliegenden Buches. Alle fanden außerhalb der unmittelbaren Interessenssphären der USA und der Sowjetunion statt, waren aber oft sog. “Stellvertreterkriege” für die beiden Supermächte. Bernd Greiner und sein Forschungsteam untersuchen solche nicht-nuklearen Kriege in dreizehn Fallstudien, u.a.:

Der griechische Bürgerkrieg
Der Koreakrieg
Der Vietnam-Krieg
Die sowjetische Invasion in Afghanistan
Der Bürgerkrieg in El Salvador
Der indonesische Kolonialkrieg in Osttimor
Der irakisch-iranische Krieg
Die Nahost-Kriege
Das militärische Engagement Kubas in Afrika

Die Autoren kommen bei ihren Analysen zu dem Ergebnis, dass die lokalen und regionalen Konflikte während dieses Zeitraums der Auffassung widersprechen, der Kalte Krieg sei eine statische Blockkonfrontation gewesen. Stattdessen ist eine gegenseitige Beeinflussung zwischen der atomaren Bipolarität und den diversen kriegerischen Auseinandersetzungen unterhalb der atomaren Schwelle zu konstatieren. Dem Hauptteil des Buches, in dem die Kriegs-Fallstudien präsentiert werden, gehen deshalb zwei längere allgemeine politische Analysen der USA und der Sowjetunion voran, in denen die Interessen und auch das tatsächliche militärische Engagement beider Supermächte außerhalb ihrer Machtsphären im engeren Sinne, der NATO und der WTO untersucht werden.

Die umfangreichste Fallstudie des Buches ist das Kapitel “Zur Strategie und Praxis des Abnutzungskrieges in Vietnam 1965 - 1973”. In Vietnam wurde der längste heiße Krieg in der Zeit des Kalten Krieges ausgetragen und es war einer der schlimmsten Kriege in der Menschheitsgeschichte überhaupt. Zu keiner anderen Zeit und an keinem anderen Ort der Welt wurden so viele Vernichtungsmittel eingesetzt wie in Vietnam. An die drei Millionen Tonnen warfen US-Kampflugzeuge 1966 bis 1968 über Vietnam, Kambodscha und Laos ab - weitaus mehr als auf allen Schauplätzen im Zweiten Weltkrieg. Bis 1975 verfeuerten die US-Streitkräfte sieben Millionen Tonnen Bomben und Artilleriegranaten in Nord- und Südvietnam. Die Fläche Vietnams, in etwa gleich mit der Deutschlands blieb am Ende des Krieges mit 26 Millionen Bombenkratern zurück. Realistische Schätzungen gehen von einer Million getöteter vietnamesischer Soldaten und über zwei Millionen getöteter vietnamesischer Zivilisten aus.
 
Der Vietnamkrieg war das typische Beispiel eines asymetrischen Krieges mit all seinen Facetten. Der Vietcong führte einen Guerilla-Krieg und spekulierte auf eine lang andauernde, die USA zermürbende Kriegsführung. Die USA wiederum waren ständig unter dem (Zeit)Druck, nicht zuletzt auch für die Propaganda im eigenen Land, schnelle vorzeigbare Erfolge zu erzielen. Angesichts der fürchterlichen Dimension dieses Krieges fragt Bernd Greiner, der die Analyse für den Vietnamkrieg in diesem Sammelband schreibt, zu Recht: Warum riskierten die USA diesen Krieg, der nur im Fiasko enden musste? Welches politische Weltbild ging in diese Entscheidungen ein? Und vor allem: Was war der Grund für dieses blinde Festhalten der USA an ihrer Kriegsstrategie, dieser Unwille zu Kurskorrektur und schließlich die Unfähigkeit, den Krieg zu beenden? Geografische Gründe sind auszuschließen. Vietnam war ohne nennenswerte Rohstoffe, ein irrelevanter Markt und ohne geo-strategische Bedeutung. Letztlich ging es eben um die Machtdemonstration eines topdog, um das Zeigen von Stärke, um Symbolpolitik - mit all ihren verhängnisvollen Folgen. Die USA sollten in aller Welt, besonders aber bei ihren Verbündeten als absolut glaubwürdig erscheinen, jedes Zurück würde - so die Entscheidungsträger in Washington - als verhängnisvolles Zeichen der Schwäche interpretiert werden. So schlitterten die USA Jahr für Jahr tiefer in den “Vietnamesischen Sumpf”, wie der Krieg bald von den kritischen Kommentatoren in den amerikanischen Medien genannt wurde. Da die USA Opfer ihres traditionellen militärischen Denkens wurden, das sich an Schlachten und Fronten wie im Zweiten Weltkrieg orientierte, was sich in Vietnam als völlig verfehlt erwies, wussten sich die amerikanischen Generäle zunehmend nur noch damit zu helfen, den sogenannten “body count” als Arithmetik des Krieges zu benutzen. Wer Freund oder Feind war im vietnamesischen Dschungel wurden zunehmend schwieriger auszumachen. Unfähig zum Überdenken dieser Strategie griff die amerikanische Militärführung deshalb zu immer schlimmeren Methoden, die nach heutigem Urteil sicherlich als “terroristisch” eingestuft würden: Mit Entlaubungs-Chemikalien wie dem berüchtigten Agent Orange wurden große Teile des Urwalds, wo sich der Vietcong verborgen hielt, vernichtet. Mit Napalm-Brandbomben wurden systematisch Dörfer, wo man den Vietcong vermutete, angegriffen und oft brutal zerstört. Der ganze Wahnsinn dieser irrationalen Eskalationsstrategie endete dann in Maßnahmen wie die berüchtigte: “We had to destroy the village in order to save it”. Der Vietnamkrieg ist das schlimme Beispiel für den prägnanten Satz des Friedensforschers Karl W. Deutsch: “Macht ausüben, heisst nicht lernen zu müssen”. Oder in der Diktion des berühmten US-Senators William Fulbright: Der Vietnamkrieg war einer der schlimmsten Beispiele der amerikanischen “Arrogance of Power”.

Greiner und seine Mitarbeiter haben eine äußerst gründliche und detaillierte Monographie über die Kriege 1945 bis 1990 geschrieben. Der große Verdienst dieses Sammelbandes ist, dass er auf der einen Seite dem oberflächigen irrigen Eindruck entgegenarbeitet, als sei der Ost-West-Konflikt die alleinige Auseinandersetzung in diesen 45 Jahren gewesen. Auf der anderen Seite zeigen die einzelnen Aufsätze aber immer wieder instruktiv die Wechselwirkung zwischen dem Kalten Krieg und den einzelnen Heißen Kriegen. Eine große Stärke des Buches ist außerdem die gelungene Balance zwischen den einzelnen Kriegs-Fallstudien und den generellen Reflexionen über die militärischen Konflikte in diesen vier ein halb Jahrzehnten.

Bernd Greiner u.a. (Hg.): Heiße Kriege im Kalten Krieg, 2006. 514 Seiten. 35 Euro. Hamburger Edition HIS Verlagsgesellschaft

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