Kurzgeschichte

Hilflos in Afrika

15.12.2013 - Dr. Sarfraz M. Baloch

Was macht man als chronischer Brillenträger, wenn ein Patient sagt; „Doktor, ich habe ein großes Problem. Sobald ich meine Brille abnehme, sehe ich gar nichts.“ In diesem Moment sehe ich mir meinen Patienten an. Er scheint eine glaubwürdige Persönlichkeit zu sein. In der Hoffnung, er werde meinen Behandlungsvorschlag verstehen, lasse ich ihm von unserem Übersetzer sagen, er solle doch seine Brille nie abnehmen, um besser sehen zu können. Daraufhin sagt mir mein verehrter Patient, er bekomme aber starke Schmerzen, wenn er die Brille trage. Ich nehme ihm die Brille ab und untersuche sie. Es ist eine Lesebrille, wahrscheinlich mit einer Stärke von +7 dpt oder noch höher. Sie ist nicht beschädigt. Ich lasse ihm sagen, dass er wieder zum Augenarzt oder Optiker gehen solle, um sich eine neue Brille entsprechend seiner Sehstärke verschreiben zu lassen.

Der Patient sieht mich an, als würde er an meinen ärztlichen Fähigkeiten zweifeln. Spätestens in diesem Moment werde ich unsicher, obwohl ich sonst doch die Ruhe in Person bin. Ich atme tief durch, atme den ganzen Sand aus Niger noch tiefer in meine Lungen ein und warte bis der Übersetzer die Hausa-Sprache ins Englische übersetzt hat. Der Patient sagt, er habe die Brille nicht von einem Augenarzt oder Optiker bekommen. Die Brille gehöre ihm nicht einmal, er habe sie von einem Bekannten ausgeliehen und nicht wieder zurückgegeben. Jetzt habe er aber Kopfschmerzen davon bekommen. Ich lächle gutmütig, um meinem Patienten das Gefühl zu geben, dass es völlig normal sei und hoffe, er hat die darauf folgenden Anweisungen verstanden. Ich nehme meine eigene Brille ab, um mich selbst zu vergewissern, ob es tatsächlich meine Brille ist. Es war meine eigene Brille, bloß woher kommen meine Kopfschmerzen?

Eine andere Patientin berichtet, dass ihr zwei-monatiges Kind starke Kopfschmerzen habe. Enthusiastisch frage ich sie, wie sie so etwas merke. Natürlich bin ich stets daran interessiert, neue Diagnosemöglichkeiten zu erlernen und auszuprobieren. Daraufhin ändert sie die Aussage und sagt, dass das Kind Gelenkschmerzen plagen. Auf meine erneute Frage sagt sie, dass nicht das Kind, sondern sie selbst Knieschmerzen habe. Dabei verzerrt sich ihr Gesicht vor Schmerzen. So ein Gesicht hätte natürlich die Gabe von sehr starken Schmerzmitteln verlangt. Da ich aber verstand, dass dieser Gesichtsausdruck aufgesetzt und die Medikamente für den ungelegenen Eigengebrauch oder wahrscheinlich sogar für den Fremdgebrauch bestimmt waren, tat ich dies jedoch nicht.

 

Eine andere Patientin möchte gerne ihre Handlinien beseitigt haben, da sie diese für extrem gefährlich und eigenartig hält. Obwohl sie diese Linien seit ihrer Kindheit besitzt, konnte sie sich nicht mit ihnen anfreunden. Sie fragt, ob ich ihr nicht ein Medikament dagegen geben könne.

 

Ein weiterer Möchtegern-Patient kommt in seinem Coolio-ähnlichem Gang zu mir. Er setzt sich ganz bequem auf die Bank vor mir, nimmt seine Sonnenbrille ab und schreit ganz laut, dass er Gelbfieber habe. Ich frage ihn, woher er das wisse. Er hörte mich nicht an und bittet mich, den Satz zu wiederholen. Ich wiederhole ihn. Er versteht mich abermals nicht. Daraufhin bitte ich ihn, die Kopfhörer abzunehmen und mir zuzuhören. Ich sage ihm, wenn er wirklich Gelbfieber hätte, könne er nicht so gemütlich vor mir sitzen. Lässig, wie er ist, bittet er mich, ihm etwas gegen Diabetes zu geben. Ich frage ihn, ob er wirklich Blutzucker hätte. Er antwortet mit Nein. Ich bin überfordert. Hinter ihm steht eine lange Schlange von an die hundert Patienten. Als er für seinen angeblichen Diabetes nichts bekommt, will er plötzlich etwas für seine Rückenbeschwerden haben. Ich gebe ihm die süßen Tic Tacs aus meinem Privatvorrat, von der er pro Tag nur eine verzehren solle. Ich bin kurz davor, ihm aus Scherz zu sagen, dass er eine Tablette nach dem Einschlafen und eine vor dem Aufwachen einnehmen solle. Ich lasse es aber sein. Immerhin warten noch weitere Patienten.

 

Mein Übersetzer fragt eine Patientin - auf meinen Wunsch mehrmals - welche Beschwerden sie habe. Ihre Antwort bleibt die gleiche. Sie sei seit zwei Jahren schwanger und wisse nicht, was sie machen solle. In ihrem Schoß sitzt ein kleiner Junge. Auf Nachfrage finden wir heraus, dass er ihr etwa eineinhalbjähriger Sohn ist. Nicht nur ich, sondern auch die beiden Kollegen und sämtliche Übersetzer sind von diesem Beschwerdebild extrem irritiert. Mein aktiver Übersetzer schüttelt die ganze Zeit über seinen Kopf und lässt die Patientin sogar die Monate und die Tage aufzählen, die ein Jahr und ein Monat umfassen. sein sollen. Alles beantwortet unsere Patientin korrekt. Als Ursache dafür kann man aus medizinischer Sicht vieles vermuten. Die nötigen Informationen fehlten uns jedoch. Und obwohl die Patientin meinen Übersetzer von ihren Beschwerden nicht nicht überzeugen kann, ist sie recht unzufrieden mit ihrer „Erkrankung“. Meine Tic Tacs wären hier völlig fehl am Platz. Ich bemitleide sie.

 

Obwohl wir abends über solche lustigen Fälle sprachen und lachten, liefen oft unerwartet unwillkürlich die Tränen. Sie traten aus unseren Augen, ohne dass wir es wollten, so als seien sie ungezogene Kinder. Neben einer Handvoll lustiger Patienten hatten wir es mit hunderten traurigen Schicksalen zu tun. Patienten mit Beschwerden, die ich oder die Kollegen in Deutschland fast nie zu sehen bekommen hätten, weil in Deutschland  viele Erkrankungen erst gar nicht so weit fortschreiten und schon am Anfang behandelt würden. Ganz banale Infektionen der Augen und der Wunden, die sich im Laufe der Zeit entzünden und verschlimmern, kosten vielen Menschen ihr Augenlicht oder ihre Gliedmaßen. Viele Kinder kamen mit blinden Augen die womöglich mit Antibiotikasalben hätten geheilt werden können, wären sie rechtzeitig in der Lage gewesen, die Behandlung zu bezahlen. Viele Wunden wären gar nicht so weit entzündet gewesen. Jetzt müssen die Menschen mit einer Behinderung leben. Auch hier wäre ein kleiner chirurgischer Eingriff mit antibiotischer Behandlung von Nutzen gewesen. Vielen Kindern wäre schon mit einem Wurmmittel geholfen. Einige kamen mit vereiterten Augen, wobei jede Hilfe zu spät kam und wir selbst kein Mittel dagegen besaßen. Wir fühlten uns ohnmächtig, als wir manche Kinder weinen sehen mussten. Machtlos mussten wir uns verstümmelte Kinder und Erwachsene ansehen, ohne ihnen helfen oder gar Hoffnung geben zu können. Die Bilder in meinem Kopf, über die wir keinesfalls lachen konnten, sind noch zahlreicher. Sie alle mischten sich abends in unsere Gedanken und der Eine oder Andere machte sich allein zu einem stillen Spaziergang auf. Mal kamen die Tränen und befreiten uns, mal kam keine Träne und der Schmerz erdrückte uns innerlich.

 

Mit einer der kleinsten und einfachsten Augenoperationen könnte man vielen Menschen ihr Augenlicht wiederschenken. Der graue Star ist eine weit verbreitete Erkrankung in Afrika. Sie ist an sich mit einer kleinen Operation zu heilen, jedoch ohne die richtigen Gerätschaften, führt sie zur Blindheit. Was hätten wir da machen können? Welche anderen Ideen könnten wir verwirklichen? Viele Gedanken kreisten in unseren Köpfen. Doch am Schlimmsten war für mich, und ich bin sicher, auch für meine Kollegen, dass ich abends schmerzhaft feststellen musste, dass man vielen hätte helfen können, hätte man etwas mehr Mittel dabei. Vielen konnte man aber gerade deshalb nicht helfen, weil einfach die nötigen Mittel fehlten. Mit leeren Händen kann man nicht einmal Hoffnung schenken. Der Hilfsorganisation „Humanity First“ fehlt es nicht an Courage, in die entlegensten Gebiete zu fahren und dort zu helfen, wo keiner zuvor gewesen ist, jedoch fehlt es manchmal sehr an Hilfsmitteln. Diese Hilflosigkeit teilten wir mit unseren Patienten. Wahrscheinlich weinen sie genauso heimlich wie wir.

 

 

 

 

Foto: © United Nations Photo

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