Rezension

HYBRIS

01.05.2014 - Dr. Burkhard Luber

Hybris – mit diesem Wort hat die Antike das Verhalten von Menschen gekennzeichnet, die wie die Götter sein wollten und das ist auch das generelle Thema des Buches von Meinhard Miegel: Die Sehnsucht des modernen Menschen nach immer größerer Macht. Miegel gebraucht dafür das Beispiel des Turmbaus zu Babel. Ein Turm, der bis zum Himmel reicht, soll signalisieren: Wir wollen wie Gott sein.

Im ersten Abschnitt des Buches stellt der Autor zwei besonders anschauliche Beispiele für eine solche Entgrenzung des Menschen vor: Bauten werden immer gigantischer und kostspieliger. Und die Menschheit verfällt in einen bisher ungekannten Geschwindigkeits- und Mobilitätswahn. Während viele Jahrhunderte lang die Menschen zu Fuß gehen mussten und sich in dieser Tätigkeit einander trotz unterschiedlicher Kultur ziemlich ähnlich waren, überschlägt sich die Beschleunigung seit rund 200 Jahren: Dampfmaschine, Benzinmotor, Flugzeug. Noch nie hat eine lebende Generation eine solche Zunahme an Geschwindigkeit in einem so kurzen Zeitabschnitt erlebt. Miegel nennt es „Bewegungsrausch“ und „Mobilitäts-Obsession“. Aber es geht nicht nur um die Geschwindigkeitssteigerung. Für den Flugverkehr werden immer mehr Flughäfen und Startbahnen gebaut und der Autoverkehr bringt immer mehr Straßenbauten mit sich, die auf Kosten der Natur entstehen. Der Fetisch Wachstum ist schließlich auch der Motor für die Wirtschaft, wobei sich Miegel nicht scheut, auch das Projekt Vereintes Europa und dessen Währung, den Euro in seine Skepsis gegenüber dem „Immer mehr“ mit einzubeziehen. Miegel ist so sehr von der prägenden Kraft des universellen Wachstumsdenkens in allen Lebensbereichen überzeugt, dass er das allseitigen Reden von den vielen „Krisen“ in der Gegenwart auf eine „Krise“ schlechthin zurückführt: Maßlosigkeit in Konsum und Produktion. Interessant ist dabei, dass Wachstum und Entgrenzung offenbar den Menschen subjektiv nicht glücklicher machen: In den letzten dreißig Jahren ist zwar das Bruttosozialprodukt in Deutschland ständig gestiegen, aber die Menschen stufen sich laut Umfragen seit 1980 keineswegs als immer zufriedener ein.


Im zweiten Teil geht Miegel den gedanklichen, philosophischen und religiösen Hintergründen des Wachstumfetischismus nach. Insbesondere das Christentum macht Miegel dafür verantwortlich, dass sich die Menschen von der unerreichbaren Verwirklichung in der Ewigkeit mehr ihrer Verwirklichung in der Gegenwart zuwenden. Und das mit vollen Kräften und grenzenlos. Ob Unternehmer, Wissenschaftler, Konsument - niemand fragt: Wann ist die Produktion, die Forschung, der Verbrauch genug?


Im dritten Abschnitt seines Buches beschreibt Miegel die Einstellung, mit der die Menschen eine Abkehr von der Hybris machen können. Die Überschrift dieses Buchteils ist Titel des Programms „Die Kunst der Beschränkung“. Der Start der Umkehr beginnt mit dem Zweifel. Zweifeln ist der erste Schritt, um das Wachstumsdenken in Frage zu stellen. Müssen wir immer schneller sein? Müssen wir immer mehr produzieren? Müssen wir immer höher bauen? Umkehr ist allerdings kein leichter Weg. Zwei besondere Hürden sieht Miegel dabei: Zum einen, dass in unserer Kultur alles Neue einen so hohen Stellenwert hat, denn wer so umfassend auf Neues fixiert ist, muss immer weiter wollen, immer mehr unbekanntes Terrain betreten. Die zweite Hürde: Die Attraktion von Besitz und Eigentum mit exklusivem Nutzungsrecht. Millionen Räume und Gegenstände werden von ihren Eigentümern nur partiell genutzt. Autos und andere Maschinen stehen die meiste Zeit ungenutzt in den Garagen. Dieser Unternutzung, wie es Miegel nennt, setzt er das Teilen und die Mehrfachnutzung derselben Gegenstände durch eine Mehrzahl von Menschen entgegen. Mehr Vernetzung ist notwendig, um die vorhandenen Ressourcen besser und das heißt: gemeinschaftlicher zu nutzen. Zum Beispiel kann eine Re-Aktivierung des traditionsreichen Genossenschaftsgedankens die Fixierung auf den Einzelhaushalt und überhaupt Individualismus überwinden helfen. Wahrscheinlich wird es – so Miegel – schrittweise im Wirtschaftsbereich eine Verlagerung von der Erwerbstätigkeit zur Eigenarbeit geben. Wichtig bei alledem ist immer die Frage nach dem Sinn und was dem Menschen wirklich wichtig ist. Solche Neu-Orientierung fällt nicht als Selbstverständlichkeit vom Himmel. Sie erfordert Selbstvertrauen (statt blindem Glauben an die faktischen Zustände und an die, die das „Weitermachen wie bisher“ propagieren). Ebenso nötig ist eine geschulte sensible Achtsamkeit, die fragt, was wirklich nötig für den Menschen ist. Miegel scheut sich dabei auch nicht, bei diesem notwendigen Umsteuerungsprozess ganz konkrete „heiße Eisen“ in der Politik und Wirtschaft anzusprechen, z.B. den Irrsinn der explodierenden Militärausgaben und eine Reform der EU, bei der die bestehende Euro-Währung erst einmal abgewickelt werden muss, damit ein neues tragfähiges und für Europa angemessenes Zahlungsmittel entwickelt werden kann. Schließlich bedeutet für Miegel „Grenzen des Wachstums“ auch die Begrenzung des Europa-Zentrismus und die Fixierung auf den Fetisch Globalisierung, hinter dem die USA ihr Welt-Vormachtstreben kaschieren.


Leicht ist der Weg der Umkehr vom Hybris-Denken zur neuen Bescheidenheit freilich nicht. Miegel lässt kein Zweifel daran, dass solch ein intensiver Paradigmen-Wechsel einen höchst sensiblen Prozess darstellt. Wir wären immer noch im alten technokratischen Denken verhaftet, wenn wir einfach nach einem Masterplan rufen, mit dem die neue Zeit der Begrenzung umgesetzt wird. Stattdessen plädiert der Autor für Phantasie, Anpassungsbereitschaft und Improvisationsfähigkeit. Es wird zwangsläufig Überraschungen geben auf diesem neuen Weg.


Das Buch bringt eine Fülle von Beispielen für das alte Hybris-Denken und Möglichkeiten eines neuen Lebens mit Begrenztheit. Der Schreib-Stil des Autors ist prägnant. Mit meist kurzen Sätzen präsentiert Miegel die Belege für seine Argumentation. Manchmal hat sein Stil etwas „einhämmerndes“, und statt Beispiel an Beispiel zu reihen, die in ihrer Fülle dann oft nur angerissen werden können, wünscht man sich hier und da mehr Konzentration und in die Tiefe gehen. Seine Stärken hat das Buch zweifellos in der Darstellung des bisherigen Zustandes. Dass die Zivilisation mit ihrer ungebremsten Fixierung auf Wachstum und Beschleunigung in eine fatale Richtung läuft, spüren immer mehr Menschen. Allerdings ist dieses Unbehagen mehr im Bereich des Gefühls angesiedelt. Miegel will aber nicht nur ein Diagnostiker sein, sondern auch konkrete alternative Wege zeigen. Hier ist manchmal Mangel an Anschaulichkeit im Buch. Warum z.B. pauschalisiert Miegel seine Christentums-Kritik und lenkt den Blick nicht auch auf nicht-mainstream Kirchen wie z.B. Quaker oder Waldenser, die schon seit Beginn ihrer Geschichte das Machtdenken der etablierten Glaubensgemeinschaft mit überzeugenden Gegenbeispielen konfrontiert haben? Auch hat Miegel sicher recht in seinem Konstatieren eines wachsenden Unbehagens am bisherigen Wachstumskurs. Aber genügt Zweifel? Steht nicht in vielen Lebensbereichen der Test noch aus, ob jenseits von Windrädern, Solaranlagen und Mülltrennung die Menschen wirklich willens sind, den Weg des begrenzten Wachstums auch dann zu gehen, wenn dieser tatsächlich deutliche Einschränkungen, zum Beispiel geringerer Konsum und weniger Mobilität bedeutet?

 

 

 

 

Meinhard Miegel: "Hybris. Die überforderte Gesellschaft", Propyläen – Ullstein Buchverlage, 2014, 320 Seiten, 22.99 Euro. ISBN 9783549074480

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