Philosophie

Ich fühle, also bin ich – Warum die Vernunft den Bach runtergeht

01.08.2015 - Alia Hübsch-Chaudhry

Wenn wir so wollen, können wir Feuerbach als Idealisten bezeichnen. Er erklärte, wie viele, viele Philosophen vor ihm, die Vernunft zum Maß aller Dinge: „Der Verstand ist das neutrale, gleichgültige, unbestechliche, unverblendete Wesen in uns – das reine affektlose Licht der Intelligenz.“ Die Vernunft allein mache den Menschen frei. Sie sei unabhängig von „den Leiden des Herzens“. Sie habe „keine Begierden, keine Leidenschaften, keine Bedürfnisse und eben darum keine Mängel und Schwächen, wie das Herz“.

Gefühle gelten als irreführend, fremdbestimmt. Bis heute sind wir mehr als stolz auf unsere Vernunft, die als Wegbereiter für die Aufklärung und Fortschrittlichkeit des Westens gilt.

Ähnlich wie Kant sah Feuerbach in der Vernunft den absoluten Maßstab zur Konstituierung von Mündigkeit. Dabei unterschied Kant zwischen der Vernunft im Privatgebrauch und im öffentlichen Gebrauch. Erstere ist eingeschränkt, da sie an gewisse gesellschaftliche Normen gebunden ist. Den Privatgebrauch nannte er denjenigen, den der Mensch „in einem gewissen ihm anvertrauten bürgerlichen Posten, oder Amte, von seiner Vernunft machen darf“.

Entscheidend für die Aufklärung des Menschen ist dementsprechend die öffentliche Meinungsbildung, die unter keinen Umständen eingeschränkt werden darf. Relevant sind Meinungen, die „unter dem öffentlichen Gebrauche seiner eigenen Vernunft denjenigen, den jemand als Gelehrter von ihr vor dem ganzen Publikum der Leserwelt macht“.

Tatsächlich ist eine möglichst uneingeschränkte öffentliche Meinungsbildung für die Mündigkeit des Individuums notwendig. Warum jedoch sollte der manipulative Charakter der individuellen Vernunft von dem der öffentlichen Vernunft getrennt werden können? Die Bildung der öffentlichen Meinung ist nicht subjektlos. Dabei können das (manipulierte) Interesse der Mehrheit oder die Dominanz einzelner einflussreicher Individuen den Gesamtprozess der Meinungsbildung vehement mitbeeinflussen. Die öffentliche Vernunft ist, wie die individuelle Vernunft, permanenten Einflüssen ausgesetzt und rekurriert damit genauso wie die individuelle Vernunft auch auf autoritärem Gedankengut. Genauso wie „Gelehrte“, im religiösen und areligiösen Kontext, die Menschen fehlleiten (falsches Wissen vermitteln), können sie die Menschen rechtleiten (ihnen wahres Wissen vermitteln). Diese Ambivalenz bei Kant, dass das Wissen der Gelehrten zugleich Lösung und Ursache für die Unmündigkeit der Gesellschaft ist, bleibt auffällig.

Auch wenn es pathetisch klingt: Es sind die absolute Wahrheitsliebe und die Willensstärke, die eine sinnvolle Kritik an der eigenen und an der fremden Vernunft ermöglichen und uns mündig machen. So wie es der muslimische Wissenschaftler Ibn-al Haytham (965 n. Chr.) tat: „Ein Wahrheitssucher ist nicht der, der die Schriften der Altvorderen studiert und - seinem Naturell folgend - sein Vertrauen in sie setzt, sondern der, der seinem Glauben an sie (diese Schriften) misstraut und das, was er in ihnen findet, hinterfragt; der, der Argumenten und Beweisen folgt, und nicht den Worten von Menschen, deren Natur doch nur so strotzt von Unvollkommenheit und Unzulänglichkeiten. Wer die Schriften von Wissenschaftlern liest und die Wahrheit herausfinden möchte, muss sich also zum Feind seiner Lektüre machen; er muss seinen Geist sowohl auf den Kern als auch auf die Ränder dessen richten, womit er sich gerade beschäftigt, er muss es von allen Seiten angreifen. Bei dieser kritischen Prüfung sollte er auch sich selbst hinterfragen, um weder in Voreingenommenheit noch in Nachlässigkeit zu verfallen.“

Interessant ist, dass Feuerbach eben jene Vernunft von der Gefühlsebene und möglichen egoistisch-motivierten Interessen zu entkoppeln und erheben versucht. Wenn die Vernunft den Menschen allein auszeichnet – was ist dann beispielsweise mit geistig behinderten Menschen? Was ist mit Kindern? Das Bewusstsein des Menschen kann nicht auf den menschlichen Intellekt reduziert werden.

Auch das Telos der von Edmund Husserl geprägten philosophischen Strömung kann dem entgegengesetzt werden: Das Erleben des Subjektes und damit seine unmittelbare erfahrene Tätigkeit in der Welt sollen für den Menschen einsichtig und konstitutiv werden. Kritisiert wird das von Feuerbach gelobte Vorgehen der Wissenschaft, Subjekte und Dinge zu abstrahieren und damit von ihrer Umgebung zu isolieren: „Das theoretische Verhalten ist unumsichtiges Nur-hinsehen. Das Hinsehen ist, weil unumsichtig, nicht regellos, seinen Kanon bildet es sich in der Methode.“ Die „Umsicht“ ist nach Heidegger präreflexiv und damit ursprünglicher als die Theorie. Sie ist unmittelbarer an der Wahrheit der Dinge, da sie kein konstruierendes Denken kennt.

Gerade die Beziehung des Subjektes zu seiner Umgebung, gerade sein praktisches Erleben und Empfinden bestimmen sein Bewusstsein, sein Werden und sein Wirkungspotenzial. So gesehen kann die Vernunft als Motor des Menschen, die jedoch vom Herzen angetrieben werden muss, verstanden werden. Was nützt mir die Vernunft, wenn sie mich gleichgültig werden lässt, indem sie die Gefühlsebene völlig ausblendet? Führt ein solches Verständnis nicht automatisch zu einem Relativismus, in der eine wertindifferente Verhältnissetzung von Daseinszuständen zu einer Austauschbarkeit von Subjekten und Werten führt? Adorno und Horkheimer nannten sie in ihrem gemeinsamen Werk "Dialektik der Aufklärung" auch „die instrumentelle Vernunft“.


Eine vernünftige, kalkulierende Sicht des Menschen endet zudem spätestens im Angesicht des Todes. Ist es vernünftig zu leben, wenn wir eh irgendwann sterben werden? Ein technisches, rein materielles Verständnis von Bewusstsein mündet konsequent weiter gedacht im Nihilismus und lässt den Stolz und die Hoffnung auf die Unendlichkeit des Intellekts in der Geschichte der Menschheit (wie Feuerbach es handhabt) für das individuelle, lebende Subjekt absurd werden. Tatsächlich haben wir es mit einem Paradigmenwechsel der Moderne zu tun, als der Neurowissenschaftler Damasio 1995 sagte: "Es geht nicht mehr um 'Cogito ergo sum' (Ich denke, also bin ich), sondern der Satz heißt heute 'Ich fühle, also bin ich'." Die gedachte, potenzielle Unendlichkeit in der Geschichte der Menschheit ist – so gewagt es für einen Atheisten klingt - nicht zu vergleichen mit einer erlebten, spirituell-erfahrbaren Unendlichkeit des religiösen Menschen in Gott. Dabei gilt der Begriff der göttlichen Weisheit als ein verbindendes Mittel zwischen eigener Vernunft und das blinde Vertrauen in eine höhere Macht: Der religiöse Mensch soll auf Gott vertrauen, seine Wahrheitsliebe unter Beweis stellen und wird früher oder später erkennen, welche subtilen Wahrheiten in der Logik und Ordnung der erlebten Lebenswirklichkeit verborgen waren.

Insbesondere die Motivation, das Streben und die Leidenschaft für etwas sind nicht mit dem reinen Verstand zu erklären und eben wesentlich für den allgemeinen Fortschritt eines Subjektes und einer Gesellschaft. Jeder Mensch hat ein Ziel, das er anstrebt. Dabei ist das, was wir wahrnehmen und fühlen, primär für unsere Orientierung in der Wirklichkeit. Die Reflexion und Abstraktion von konkret Erfahrenem dient dabei der Verarbeitung und kritischen Überprüfung der unmittelbaren instinktiven Beurteilung der Umgebung. Wie sollen diese beiden Prozesse voneinander getrennt werden? Die Vernunft ist mit dem Herzen, der gefühlten Wahrnehmung, verknüpft; eine Trennung ist nicht möglich. Der reine Verstandesmensch ist allein aufgrund seines Verhaftet-Seins an der Theorie nicht wirklich (d.h. er wirkt nicht praktisch) und lebt damit in einer Illusion - weit entfernt von dem Streben nach Wahrheit und Erkenntnis bei Kant und Feuerbach.

Eben dieser Widerspruch zwischen „reiner“ Theorie und „schmutziger“ Praxis bei Feuerbach ist oft Grund für die vermeintliche Kritikwürdigkeit von Religionen an sich. Es bleibt die Frage offen, inwiefern das positive Menschenbild nach Feuerbach begründbar ist, wenn diese Diskrepanz vom Individuum schwerlich gänzlich aufgelöst wird. Plausibel ist jedenfalls, dass die Wahrhaftigkeit einer Theorie durch ihre Umsetzungsfähigkeit in die Praxis erkannt wird. Ideen und Theorien, die der Verstand entwickelt, gewinnen erst an Aussagekraft, wenn sie erfahren werden. Andererseits können sie auch wie Ammenmärchen fiktiv und damit erfunden sein. Damit die Erfahrung alleine nicht täuscht, kann und muss die Vernunft als überprüfendes Mittel eingesetzt werden.

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