Kolumne

Illuminationen: I want to be a person!

15.02.2018 - Tariq Hübsch

Unser Kolumnist Tariq Hübsch macht sich Gedanken über das Mitteilungsbedürfnis seiner Kinder und landet beim Amokläufer von Florida. Er fragt sich: war der Täter vielleicht gar kein Irrer?

Manchmal bin ich ein Rabenvater. Zum Beispiel letzten Mittwoch. Da hat die Eintracht im Viertelfinale des DFB-Pokals gegen Mainz gespielt. Ich wollte unbedingt das Spiel in Ruhe mit meinen Freunden schauen, doch mit den Kids ist das so eine Sache. Die haben ein großes Mitteilungsbedürfnis, wollen wahrgenommen werden und reden ständig auf einen ein. Ignorieren hilft da nicht. Das macht es nur schlimmer. Die werden dann zickig und plärren und weinen, geben keine Ruhe, bis man sich ihnen zuwendet und wieder Interesse vorheuchelt (wer jetzt empört und mit zittrigen Händen #Rabenvater in die Tastatur haut und viral gehen will, hat keine Kinder!). In solchen absoluten Notfällen gibt es eine Lösung. Man wirft zwar alle Prinzipien der guten Kindererziehung über Bord, aber immerhin hat diese Methode in unseren Breitengraden eine gewisse Tradition, und das nicht nur in Bezug auf Kindererziehung. Kurzum, man schafft sich das Problem vom Hals, indem man es wegschafft. Aus den Augen aus dem Sinn. In unserem konkreten Fall haben wir den Kids erlaubt, sich an der Wii auszutoben. Wir hatten zwar unsere Ruhe, doch die zarten Synapsen der Kinderhirne erlebten ein 90minütiges Armageddon.

Wir sind schon gut darin, all das, was uns in unserer Behaglichkeit und Selbstvergewisserung stört, auszublenden und wegzupacken. Im Handwerken sind wir spitze. Wir bauen uns gerne Schubladen und stopfen dann all den unfassbaren Horror hinein, den unsere Zivilisation so fabriziert. In den USA fand wieder ein sogenanntes School-Shooting statt. Ein 19 jähriger Student hat seine Uni gestürmt und 17 Menschen getötet. Wir stecken diesen Wahnsinn dann in die Schublade „Amoklauf“. Der Täter müsse psychisch gestört sein. Sowas komme vor. Er sei eben irre, dagegen könne man nichts machen. Und sowieso liege das ja an den laxen Waffengesetzen in den USA, heißt es. Ich glaube, wir machen es uns zu leicht mit dieser Erklärung. Als würden die Pistolen den Abzug ziehen und nicht die Menschen. Vielleicht sollten wir anfangen, die Gründe für die Barbarei zu verstehen, die da unter unserer sogenannten Zivilisation brodelt und sich in all dem unfassbaren Horror manifestiert. So ein Amoklauf ist dann wie ein fetter Eiterpickel. Unerbittlich lauert er unter der zerfurchten Aknehaut. Und wenn es soweit ist, da bricht er aus, entlädt all den Dreck und hinterlässt eine Narbe, die langsam, ganz langsam verheilt.

Also, was geht da in dem Kopf eines jungen Menschen vor, der mit Feuerwaffen eine Universität stürmt und nichts anderes zum Ziel hat, als so viele Menschen wie möglich zu töten? Er will abtreten mit einem großen Knall. Er, der ein Niemand ist, will jemand sein. Er, der missachtet wurde, will wahrgenommen werden. Er, der ein Außenseiter, ein durchschnittlicher, unbedeutender, unbekannter weirdo ist, will wenigstens einmal die ganz große Bühne für sich haben. Er will ein Popstar sein. Er lechzt nach Anerkennung, will einzigartig sein.

Ich glaube, er ist kein Psychopath. Er hat das Leitbild unserer Zeit wohl nur zu sehr verinnerlicht. Er ist die Akne-Haut unserer Gesellschaft, der fette Eiterpickel unter unserer Haut, den wir mit viel Schminke zu verdecken versuchen. Ach so, nur zur Info, die Wii habe ich weggeschmissen.

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