Kolumne

Illuminationen: Stars and Stripes

15.09.2017 - Tariq Hübsch

Unser Kolumnist bekommt Besuch von seiner Cousine aus den USA. Sie will nett sein und schenkt ihm Socken. Doch die rot-weißen Streifen und weißen Sterne auf Blau wecken in ihm ungute Gefühle. Und er fragt sich, als Kritiker des amerikanischen Imperialismus, wie sie ihm wohl stehen würden.

Kürzlich feierte ich mit meiner muslimischen Großfamilie das islamische Opferfest. Überraschungsgast war dabei die aus den USA angereiste Cousine meiner Halbschwester. Zuletzt hat sie uns vor 30 Jahren besucht. Umso erstaunter waren wir dann auch, als sie jedem von uns eine Tüte voller Süßigkeiten und kleinen goodies aus Amerika schenkte. Kurze Zeit fühlte ich mich wie ein West-Berliner nach dem Zweiten Weltkrieg, der von den guten amerikanischen Rosinenbombern einen himmlischen Vorgeschmack erhielt auf den süßen american way of life. In meinem typisch amerikanisch-braunen goodie bag lag auch ein Paar Socken. Es hatte, wie sollte es anders sein, ein Muster im ikonographischen Stars and Stripes-Design. Es war schon etwas komisch, wie ich so als überzeugter Kritiker des amerikanischen Imperialismus das Symbol der Tyrannei und Boshaftigkeit in meinen Händen hielt. Andererseits ging von diesem rot und blau und weiß und diesen Sternen eine eigentümliche Faszination aus.

Mein modeaffiner Bruder sah in ihnen ein Statement-Piece, merkte jedoch sofort an, dass die Zeit der hipsterhaften Socken leider – oder Gott sei Dank –vorbei sei. Ich malte mir trotzdem aus, wie es wäre, diese USA-Socken zu tragen. Es wäre, so war ich überzeugt, eine meisterhafte Inszenierung des Widerstands, wenn ich als linker, schwarzhaariger Muslim in Deutschland diese stars and stripes-Socken spazieren trüg. Denn war die aus der Subkultur stammende Rebellion nicht auch immer das Aneignen der Symbole des Feinds? Ich würde mich in etwa wie ein Punk fühlen, der damals, als Punk noch subversiv war, zum Entsetzen der angepassten Kapitalisten das Hakenkreuz zur Schau stellte. Maximale Konfrontation. So ein bisschen wäre ich auch wie Mr. Next-President Kanye West, der als Meister der popkulturellen Codierungsstragien ja nicht zum Spaß die Südstaatenflagge auf einem Konzert schwenkte.

Mit diesen Socken, so war ich mir sicher, würde ich Donald Trump so richtig eine reinwürgen. Es wäre ein Fanal gegen all diese rechten Hetzer, gegen Tea-Party-Deppen, gegen Breitbart-Schreibtäter und mindestens eine Ohrfeige für das deutsche Pendant der Alt-Right-Bewegung – den Identitären der AfD. Ich war mir sicher, dass ich auf der Seite des Widerstands war. In einer langen und wichtigen Tradition der Rebellion gegen das kapitalistische Establishment. Ich wäre Teil des popkulturellen Aufstands gegen Donald Trump. In einer Riege mit R.E.M, den White Stripes, Adele, Aerosmith, Neil Young und vielen, vielen anderen, die mit der Macht ihrer Klampfen und Stimmbändern gegen diese Inkarnation des Bösen mobil gemacht haben. Genauso wie Lady Gaga und Katy Perry und Beyonce und so weiter und so fort. Und umso mehr ich darüber nachdachte, wer so alles Donald Trump böse findet - all die Modedesigner und Filmemacher, Künstler und Medienmogule, Politiker und Journalisten, all die großen und systemrelevanten Rädchen der Maschine mit dem Namen Kapitalismus -, desto klarer wurde, dass Donald Trump das Beste ist, was dieser Maschine passieren konnte. Er ist wohl wie ein gutes, teures Öl, das die Maschine am Laufen hält. Und Pop ist wohl nur noch ein weiteres Rädchen. Genauso wie die Socken.

Apropos Socken. Die Frage, ob ich sie tragen sollte, hat sich von selbst erledigt. Mein Schwager hat sie aus Versehen mit nach München genommen. So behauptet er zumindest. Er ist Journalist bei der Süddeutschen Zeitung. Ich denke, er will Karriere machen.

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