Toleranz

Im Dialog liegt die Macht!

23.08.2013 - Nida Gondal

Vor einiger Zeit besuchte ich einen internationalen Gottesdienst einer baptistischen Kirche, da ich von einer Freundin eingeladen wurde. Sie sagte auch, dass ein Konvertit, der vom Islam zum Christentum konvertiert war, seine Geschichte erzählen werde. Ich dachte mir, dass es sich doch sehr spannend anhört, und fuhr hin.

Ich wurde schon im Parkplatz von den freundlichen Anhängern der Gemeinde mit einem breiten Lächeln empfangen und man hieß mich willkommen. Auch bot man mir in der Kirche einen schönen Platz an. Man sagte, dass man sich freute, dass ich kam. Die Atmosphäre war allgemein sehr herzlich und der Raum war bereits gut gefüllt.


Der Gottesdienst war sehr nett gestaltet, mit diversen Gebeten und Liedern auf den verschiedensten Sprachen der Welt. Alle – egal ob klein oder groß – saßen ruhig und hörten aufmerksam zu. Der Pfarrer machte auch einen sehr offenen und herzlichen Eindruck. Es wurde über Gott geredet und natürlich über Jesus (Friede sei auf ihm) und seine Botschaft an die Menschen. Was mir auffiel, war, dass während des gesamten Programms nicht applaudiert wurde. Wie bei uns Muslimen, dachte ich.

Zum Abschluss kam der lang erwartete Konvertit zur Sprache. Er hielt eine Predigt darüber, dass man den Heiligen Geist nicht habe, wenn man Jesus (Friede sein auf ihm) nicht anerkenne. Und im Laufe seiner Rede kam er dann auch dazu, von seinem Weg zum Christentum zu erzählen. Allerdings begann er diesen Teil etwa so: "Ich war gefangen in dieser falschen Ideologie", und "Ich danke Gott, dass er mich davon befreite und bete weinend zu Gott, dass er auch meine Mitmenschen davon befreit". Er führte es weiter so aus, dass es im Islam nie um Jesus (Friede sein auf ihm) ginge, sondern allein um Muhammad (Friede und Segen Allahs seien auf ihm). Muhammad (s) hätte verkündet, dass man allein ihm folgen solle und alles andere vor ihm vergessen solle.

Als dann der Gottesdienst zum Ende zu kommen schien, erhob ich meine Hand und fragte den Pfarrer, ob ich auch etwas sagen dürfte. Der Pfarrer nickte mir freundlich zu und bat mich auf die Bühne zu kommen und ins Mikro zu sprechen. Ich bedankte mich recht herzlich für die Erlaubnis und auch für die Einladung, sagte, dass mir das Programm sehr gut gefiel, und kam dann auf die Predigt am Ende zu sprechen. Ich merkte an, dass wir nicht nur international, sondern auch interreligiös vertreten waren und dass ich ein paar Dinge, die über den Islam gesagt wurden, richtigzustellen hatte:

Erstens ist der Islam keine Ideologie, sondern eine Religion, wie auch das Christentum, das Judentum oder der Hinduismus. Zweitens entspricht es nicht der Wahrheit, wenn behauptet wird, dass Jesus (Friede sei auf ihm) im Islam keine Rolle spiele. Ein Muslim ist dazu verpflichtet, an alle Gesandten Gottes zu glauben und so glauben auch alle Muslime an Jesus (Friede sei auf ihn) als einen Propheten und Gesandten Gottes, der es zur Aufgabe hatte, die Menschen auf die Lehre Gottes zurückzuführen und sie Gott näher zu bringen. Und drittens, verwies Muhammad (s) mehrmals auf Jesus (Friede sei auf ihn) und auch seine Mutter Maria (Friede sei auf ihr). Er kündigte sogar an, dass Jesus in Form eines Reformers wiederkehren wird, um die Menschen erneut rechtzuleiten. Im Koran wird sogar Maria als Vorbild für die Gläubigen erwähnt. Und auch an einer anderen Stelle äußert sich der Koran über Maria (Friede sei auf ihr) folgendermaßen:

"Gedenke, wie die Engel sprachen: O Maria, Allah hat dich erwählt und dich gereinigt und dich erkoren aus den Frauen der Völker.“ (3:43)

Ich bedankte mich nochmals und merkte an, dass ich diese Worte unbedingt loswerden wollte, da ich es sehr schade fände, wenn so viele Menschen mit einem so falschen Bild des Islams aus dem Saal gingen. Als ich dann von der Bühne runter ging, wurde zum ersten Mal im Saal applaudiert. Auch der Redner der Predigt wurde nochmals nach vorne gebeten, um sich dazu zu äußern. Er entschuldigte sich für seine falsche Ausdrucksweise und beteuerte, dass er in keinster Weise vorhatte, den Islam schlecht darzustellen. Der Pfarrer bedankte sich am Ende für den Nachtrag und es wurde das Buffet eröffnet. Und da ich als Muslima anwesend war, ordnete der Pfarrer an, dass bitte alle Gerichte ein Schildchen bekamen, welches Fleisch sie enthielten.

Ich wurde von den Mitgliedern der Gemeinde umso herzlicher aus dem Saal hinausbegleitet und so herzlich zum Buffet eingeladen, dass ich nicht mehr absagen konnte, und entschied noch eine kurze Weile zu bleiben. Eine Dame sagte: "Am Ende ist es eh egal, welche Religion man hat - Hauptsache man glaubt an Gott!" Und auch der Pfarrer kam nochmals zu mir und bedankte sich recht herzlich: "Vielen Dank dafür, dass Sie den Mut hatten, als einzige Muslima in einer Kirche sich auf so gute Weise zu äußern!"

Mit diesem Beitrag möchte ich einmal herausstellen, dass man sich auf der Welt durch Dialog sehr gut verstehen kann und über jedes Missverständnis reden kann, wenn alle Menschen genauso offen und herzlich sind, wie die Mitglieder dieser Gemeinde. Dass manche Prediger sich gerne auf das Feindbild Islam stützen, ist und bleibt bedauerlich, aber wie man an diesem Beispiel sieht, macht der Ton die Musik. Ich jedenfalls hoffe, dass ich die herzlichen Mitglieder dieser Gemeinde wieder treffen kann. Denn im Dialog liegt die Macht!

Foto: © Jonah Bettio

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