Abhängigkeit

Im Reich der hungrigen Geister

01.09.2021 - Dr. Gabor Maté

Um den Süchtigen zu heilen, muss man zum Anfang zurückkehren…

Dr. Gabor Maté gehört zu den weltweit anerkanntesten Experten der Suchtpsychologie. Seine einschneidenden Erkenntnisse, die er durch seine jahrzehntelange Arbeit als Arzt in der Drogenszene Vancouvers erwarb, verändern unsere Sicht auf menschliche Entwicklung, Trauma und Entwurzelung. In seinem internationalen Bestseller "Im Reich der hungrigen Geister" nähert er sich mit ganzheitlichem und mitfühlendem Blick der Sucht – sei es nach Alkohol, Heroin, Sex, Tabak oder Glücksspiel. Dabei widerspricht er gängigen Annahmen, Suchtverhalten sei ein Phänomen willensschwacher Menschen oder eine genetische Disposition. Ganz im Gegenteil: Es durchzieht unsere gesamte Gesellschaft und lässt sich nur als komplexes Zusammenspiel von persönlicher Geschichte, emotionaler Entwicklung und neurochemischen Prozessen verstehen. Im Folgenden ein Buchauszug:

Viele Jahre lang habe ich Tausende von Dollar für CDs ausgegeben. Ein paar hundert Dollar innerhalb von ein oder zwei Stunden liegen zu lassen, war kein Problem. Mein Rekord lag bei fast achttausend Dollar in einer Woche. Die wirtschaftliche Katastrophe wurde durch mein Einkommen abgefedert, das ich als einer der selbstaufopfernden - sprich Workaholic - Ärzte, die von der ganzen Welt bewundert werden, verdiente. Wie ich bereits an anderer Stelle geschrieben habe, war es für mich leicht, all die Ausgaben als Kompensation für meine harte Arbeit zu rechtfertigen: Die eine Sucht dient als Alibi für die andere. (*Dieser Absatz und mehrere andere in diesem Kapitel sind aus Unruhe im Kopf – dem Buch, das ich über Aufmerksamkeitsdefizitstörungen (ADS) geschrieben habe, und wurden adaptiert.)
Das Verwirrende daran war Folgendes: Beide Verhaltensabhängigkeiten repräsentierten wahre Aspekte von mir, die jeweils unverhältnismäßig verzerrt waren. Meine Sucht nach Musik und Büchern könnte man als ästhetische Leidenschaft tarnen, und meine Arbeitssucht als Dienst an der Menschheit – in der Tat habe ich eine ästhetische Leidenschaft und möchte der Menschheit dienen.
Ich bin nicht der einzige Mensch auf der Welt, der von klassischer Musik berauscht ist, und ich bin bei Weitem nicht der einzige, der mehrere Aufnahmeversionen musikalischer Meisterwerke besitzt. Sind also all diese anderen Enthusiasten auch süchtig? Nein, nicht alle, aber viele von ihnen sind es – ich sehe sie in den Geschäften und lese ihre Kommentare im Internet. Ein Süchtiger kennt den anderen. Jede Leidenschaft kann zu einer Sucht werden. Aber wie kann man dann zwischen den beiden unterscheiden? Die zentrale Frage ist: Wer hat das Sagen, das Individuum oder sein Verhalten? Es ist möglich, eine Leidenschaft zu beherrschen, aber eine zwanghafte Leidenschaft, die ein Mensch nicht beherrschen kann, ist eine Sucht. Diese Sucht ist das wiederholte Verhalten, das ein Mensch immer wieder an den Tag legt, obwohl er weiß, dass es ihm selbst oder anderen schadet. Wie es sich nach außen hin darstellt, ist irrelevant. Die Kernfrage ist, welche innere Beziehung hat die Person zu dieser Leidenschaft und den damit verbundenen Verhaltensweisen. Stellen Sie sich im Zweifelsfall eine einfache Frage: Sind Sie angesichts des Schadens, den Sie sich selbst und anderen zufügen, bereit, damit aufzuhören? Wenn nicht, sind Sie süchtig. Und gleichfalls, wenn Sie nicht in der Lage sind, das Verhalten aufzugeben oder Ihr Versprechen einzuhalten, es nicht mehr zu tun, sind Sie süchtig.
Es gibt natürlich bei jeder Art von Sucht eine tiefere, verkrustetere Ebene: den Zustand der Verleugnung, in dem man sich entgegen aller Vernunft und aller Anzeichen weigert anzuerkennen, dass man sich selbst oder jemand anderem schadet. Im Verleugnungszustand ist man völlig resistent, sich überhaupt irgendwelche Fragen zu stellen. Aber wenn Sie es wissen wollen, schauen Sie sich um. Sind Sie den Menschen, die Sie lieben, näher, nachdem sich Ihre Leidenschaft erfüllt hat, oder fühlen Sie sich eher isolierter? Sind Sie mehr zu dem wahren Ich geworden, das Sie eigentlich sind, oder fühlen Sie sich nur noch hohl?
Der Unterschied zwischen Leidenschaft und Sucht ist der zwischen einem göttlichen Funken und einer Flamme, die verbrennt. Das heilige Feuer, durch das Moshe (Moses) die Gegenwart Gottes auf dem Berg Horeb erlebte, hat den Busch, aus dem es hervorkam, nicht vernichtet: Und der Engel des Herrn erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. Die Leidenschaft ist göttliches Feuer: Es belebt und befreit, es spendet Licht und gibt Inspiration. Leidenschaft ist großzügig, weil sie nicht vom Ego getrieben ist, Sucht ist egozentrisch. Die Leidenschaft gibt und bereichert, die Sucht ist ein Dieb. Die Leidenschaft ist eine Quelle der Wahrheit und Erleuchtung, die Sucht führt in die Dunkelheit. Sie sind lebendiger, wenn Sie leidenschaftlich sind, und Sie triumphieren, ob Sie Ihr Ziel erreichen oder nicht. Die Sucht jedoch erfordert ein bestimmtes Ergebnis, das das Ego nährt. Ohne dieses Ergebnis fühlt sich das Ego leer und beraubt. Eine verzehrende Leidenschaft, der Sie hilflos ausgesetzt sind, egal welche Folgen sie hat, ist eine Sucht.
Vielleicht widmen Sie sogar Ihr ganzes Leben einer Leidenschaft, aber wenn es wirklich eine Leidenschaft und keine Sucht ist, dann tun Sie dies aus freiem Willen, mit Freude und im Bewusstsein Ihres wahren Selbst und Ihrer wahren Werte. Bei einer Sucht gibt es keine Freude, Freiheit oder Selbstbehauptung. Der Süchtige verbirgt sich schamhaft in den dunklen Ecken seiner eigenen Existenz. Ich sehe die Scham in den Augen meiner süchtigen Patienten in Downtown Eastside, und in ihrer Scham sehe ich meine eigene gespiegelt.
Sucht ist der dunkle Abklatsch der Leidenschaft und, für den naiven Beobachter, ihre perfekte Imitation. Sie ähnelt der Leidenschaft in ihrer Dringlichkeit und in dem Versprechen der Erfüllung, aber ihre Gaben sind illusorisch. Es ist ein schwarzes Loch. Je mehr man ihr gibt, desto mehr verlangt sie. Im Gegensatz zur Leidenschaft ist die Alchemie der Sucht nicht in der Lage, Neues aus Altem zu schaffen. Sie schwächt nur das, was sie berührt, und verwandelt es in etwas Geringeres, etwas Billigeres.
Fühle ich mich nach einem meiner zügellosen Amokläufe glücklicher? Wie ein Geizhals zähle ich im Geiste meine jüngsten Käufe nach und katalogisiere sie – ich bin ein heimlicher Dagobert, der gebückt seine Hände aneinanderreibt und sich vor Freude über den Besitzstand freut, während sein Herz immer kälter wird. Nach einem Kaufrausch fühle ich mich nicht glücklich.
Sucht ist zentrifugal. Sie saugt die Energie aus einem heraus und schafft ein Vakuum der Trägheit. Leidenschaft gibt dir Energie und bereichert deine Beziehungen. Sie stärkt dich und gibt anderen Kraft. Leidenschaft gestaltet, Sucht verzehrt – in ihrer Umlaufbahn gilt zuerst das Selbst und dann kommen erst die anderen.

Dr. Gabor Maté, Im Reich der hungrigen Geister, Unimedica im Narayana Verlag, erschienen 14. Mai 2021, 496 Seiten, 26,80 €

Der kanadische Arzt Dr. Gabor Maté ist ein ausgewiesener Experte zu den Themen Sucht, Stress und kindliche Entwicklung. Er arbeitete zwölf Jahre lang in Vancouver mit Patienten, die von Drogenabhängigkeit, psychischen Erkrankungen und HIV betroffen waren. Mit über 20 Jahren Erfahrung in der Allgemein- und Palliativmedizin und seiner umfassenden Forschung ist Dr. Maté ein gefragter Redner, der sich regelmäßig an Mitglieder des Gesundheitssystems, Pädagogen und Laien in ganz Nordamerika wendet. Für seine bahnbrechende medizinische Arbeit wurde er mit dem Order of Canada, der höchsten zivilen Auszeichnung seines Landes, ausgezeichnet.

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