Kruzifix-Debatte

Im Zeichen des Kreuzes

01.05.2018 - Ludger Verst

Deutschland diskutiert. Und Religion ist sein Thema. Wer vor zwanzig Jahren noch Religion für erledigt hielt, findet sich heute in erstaunlicher Regelmäßigkeit vor allem mit religionspolitschen Themen konfrontiert: aktuell mit der Anordnung der bayerischen Staatsregierung, die ab dem 1. Juni im Eingangsbereich jedes staatlichen Dienstgebäudes „deutlich vernehmbar“ ein Kreuz angebracht sehen will.

Was soll das? Die bayerische CSU-Regierung will das Kreuz als „Ausdruck der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns“ verstanden wissen. Viele werfen ihr Grenzüberschreitung vor oder schlicht Symbol-Missbrauch, die politische Instrumentalisierung einer religiösen Kernbotschaft. Sie mache aus dieser Kernbotschaft die billige Botschaft Mia san mia. Das sei Ketzerei, weil es das Kreuz verstaatliche und damit säkularisiere, wie Heribert Prantl es in einem viel beachteten SZ-Beitrag beschreibt.

Als schwer erträglich erscheint in den letzten Tagen nicht nur die in der CSU-Ankündigung liegende quasi-göttliche Autorität einer politisch zu diktierenden Selbstbeheimatung im Zeichen des Kreuzes, sondern auch die Strategie einer Selbstimmunisierung gegen jede Form unangenehmer, sprich „religionsfeindlicher“ Kritik.

Sprengsatz politischer Narzissten

Neu daran ist: Der Sprengsatz, der in dieser säkularisierten Lesart eines christlichen Symbols steckt, zündet nicht in den Händen dogmatischer Fanatiker, sondern in denen politischer Narzissten, denen es mittels eines Ohnmachts- und Passionssymbols politisch um Exklusivität, um bloße Grenzziehung geht. Nur so scheint ein Wahlvolk populistisch noch rechtzeitig hinter sich zu bringen sein.

Wie kann sowas passieren? Die Sprache der Christen, die mit dem Kreuzzeichen als zentralem Identitätssymbol des Christlichen sicher zu hantieren glaubte, ist christen-, kirchen- und heimattümlich offensichtlich leergelaufen. Der tiefere christliche Sinn scheint ausverkauft. Dies liegt auch und sicher nicht zuletzt an einem in der Tradition des Christentums groß gewordenen emphatischen Wahrheitsbegriff, der lange Zeit auf einer Unterscheidung wahrer und falscher Religion beruhte. Auf dieser Basis entwickelte sich ein Wahrheitsverständnis, das sich nicht ergänzend neben, sondern konfrontativ gegen andere, konkurrierende Wahrheiten stellte und diese damit in den Bereich des Falschen rückte.

Frontstellung gegen das kulturell und traditionell Andersartige

Die Konfrontation mit diesem Verständnis exklusiver Wahrheit ist das eigentlich Verblüffende des bayerischen Kreuzes-Aktionismus. Ihr neuartiger, exklusiver Charakter tritt in der Frontstellung gegen das kulturell und traditionell Andersartige hervor, auch in der Art seiner  Mitteilung und Präsentation. Denn schließlich kommt in den zahlreichen Bildern des kreuzanschlagenden Ministerpräsidenten, die in den Medien die Runde machen, eine politische Theatralik zum Ausdruck, die förmlich darauf drängt zu fragen, welche identitätsstabilisierende, exklusive Inschrift über dem Kreuz wohl noch folgen werde: Jesus von Nazareth, König der Bayern?

Die antagonistische Energie des vermeintlich sicheren politischen Wissens um das, was mit kultureller und heimatlicher „Wahrheit“ unvereinbar ist, liefert nun ihrerseits klare Konturen und handlungsleitende Orientierungskraft. Die aus dem Christentümlichen hervorgegangene, dogmatisch gesteuerte Grenzziehung von Richtig und Falsch erzeugt Unterscheidungsdynamiken, die inzwischen nicht mehr nur innerkonfessionell Grenzverletzungen identifizieren, sondern diese zusehends auch politisch in Anspruch nehmen. So bekommen es die Kirchen zwangsläufig, wenn auch ungewollt, mit christlich eingefärbten „Gegenreligionen“ zu tun, die mit der Wahrheit, die sie verkünden, zugleich auch ein Gegenüber liefern, dass sie bekämpfen können. Die CSU definiert Freund und Feind, Heimat und Fremde, Wohlstand und Bedrohung — kurz: das, was sie als Erscheinungsformen des Unwahren und Gefährlichen verdächtigen und ausgrenzen will.

Identität als die Konstruktion der Anderen

Was die Partei damit zeigt, ist ein Verständnis von Identität als Konstruktion der Anderen: dass „die kulturelle Prägung Bayerns" ein Feindbild sei für andere, um dieses Feindbild dann bekämpfen zu können in anderen (nicht-bayerischen) Prägungen. Das Bedrohungsszenario, die Angst vor dem Unbekannten — in erster Linie vor einem penetrierenden Islam — verhindert die nötige Auseinandersetzung mit sich selbst und den eigenen Traditionen.

Mag sein, dass die traditionellen Heilslehren heute versagen, weil keine Zeit und kein Sinn mehr ist für Utopie, für große visionäre Entwürfe.

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