Ausgabe #150

In der Dunkelheit vertrauen

01.06.2020 - Olivia Haese

Liebe Leserinnen und Leser,
Liebe Autorinnen und Autoren,

der Name meines monatlichen Abonnentenbriefes lautet "Leben/Nebel". Dieses Palindrom symbolisiert für mich, ähnlich wie der Gegensatz von "Licht/Schatten", die ständige sich wechselnde Dualität unserer Erfahrung auf Erden: Manchmal können wir getrost lebhaft sein, leichten Herzens unseren Tag erleben, unser geistiges Auge sieht die Bedeutung unseres Daseins.

Und manchmal verstehen wir das Leben überhaupt nicht. Sind wir überhaupt auf dem richtigen Weg? Haben wir alles falsch verstanden? Verwirrung und Zweifel bedecken unsere innere Sicht wie Nebel.

Für viele von uns waren die vergangenen Monate bedeckt von solchem Nebel. Die Tage waren stiller und gleichzeitig aufrüttelnder als das Leben, wie die meisten von uns es vorher kannten. 

Ich jedenfalls bin nicht unberührt von meinen letzten drei Monaten in italienischer Quarantäne.

Meine ursprüngliche Rückkehr nach Deutschland musste ich zunächst auf unbestimmte Zeit verschieben, jeder Tag war ein Tag voller Ungewissheit. Die Ungewissheit war mir nach und nach fast zu einer zweiten Natur geworden. Erstmal empfand ich sogar eine gewisse Erleichterung in dem Gefühl, nicht zu wissen, was passieren wird und wann es passieren wird.

Doch eigentlich ist es offensichtlich, dass Ungewissheit die Dinge komplizierter macht. Als Menschen können wir uns in einer unklaren Lage nicht auf Dauer wohlfühlen. Wir wollen verstehen, die Umstände klar sehen, denn Klarheit bringt Sicherheit. 

Wie Licht und Schatten bedingen sich Verständnis und Unverständnis, Sicherheit und Angst, Glaube und Zweifel. Sich tatsächlich im Nebel zu verlieren ist nicht schwer, und es ist bereits den Besten von uns passiert - vermutlich mehr als einmal. Und von Ungewissheit ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Verzweiflung. 

Aber wir wurden nicht für den Nebel geschaffen, sondern für das Leben. Das Licht existiert, um uns an die Wahrheit zu erinnern, der Schatten existiert, um aufgeklärt zu werden. Hätten wir nur das Licht selbst, würden wir gar nicht wissen, was es ist. Die US-amerikanische Sängerin Morgan Harper Nichols schrieb: "Es gibt einen Grund, warum der Himmel nachts dunkel wird. Wir sind nicht dazu bestimmt, immer alles sehen können. Wir sind dazu bestimmt, uns auszuruhen und selbst in der Dunkelheit zu vertrauen."

Doch was sollen wir tun, wenn das dunkel zu blickdicht ist, das Verständnis unmöglich? Wie können wir da noch vertrauen, dass alles einen Sinn hat?

Licht bedeutet Verständnis. Während der "dunklen Nacht der Seele" ist der Mensch für jeden Lichtfunken dankbar. Diese Funken können in vielen Formen kommen.

Unseren Schmerz einer vertrauensvollen Person zu kommunizieren, verstanden zu werden, erhellt unsere Gedanken. Manchmal ist es die Textzeile eines Liedes, die uns einen wichtigen Bruchteil der Erleuchtung bringt, manchmal ein Buch, manchmal muss es ein exzellenter Therapeut sein.

Die wichtigste und zugleich schwer zu erlangende Erkenntnis scheint dabei zu sein: Der Schatten hat keinerlei eigenständige Substanz und Macht. Er ist dem Licht untergeordnet. Immer. Schatten entsteht, wenn Licht durch ein Objekt gebrochen wird. Eine Sache wird erst zur "Quelle" von Dunkelheit, wenn sie kein Licht passieren lässt. Das heißt: die Abwesenheit von Licht lässt erst den Schatten entstehen. Am Ende muss also das Licht überwiegen und bestehen. Wenn alles durch Schatten bedeckt zu sein scheint, ist das der Funke der Hoffnung, der immer bleibt.

Kleine Lichtfunken in die Welt zu bringen ist auch wieder das Ziel der 150. Ausgabe unseres Magazins. Wir alle können, indem wir unsere eigenen Perspektiven teilen, zum kollektiven Verständnis der Gesellschaft beitragen. Die Wahrheit ist so multidimensional, dass es wichtig ist, sie von so vielen Winkeln wie möglich zu beleuchten.

So wünsche ich unserer Leserschaft viele Lichtfunken, nicht nur in Form unserer Artikel; und es bleibt meine Hoffnung, dass wir auch durch Corona gelernt haben, selbst in ungewissen Zeiten ein Gefühl dafür kultivieren können, unsere eigene Wahrheit klarer zu sehen.

Und selbst wenn die Schwärze gerade jeden Aspekt unseres Gedankenhimmels beherrscht, mögen wir uns daran erinnern, dass die Nacht immer dann am dunkelsten ist, bevor die Sonne aufgeht.

In diesem Sinne wünsche ich eine gute Lektüre unserer 150. Ausgabe.

 

Beste Grüße

Olivia Haese
Chefredakteurin

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