Buchauszug

Indien Superpower – Aufstieg einer Wirtschaftsmacht

01.11.2020 - Michael Braun Alexander

In Kürze wird es mehr Einwohner zählen als jedes andere Land: Indien – das größte Volk der Geschichte. Allein in Delhi leben mehr Menschen als in allen deutschen Großstädten. Indiens Aufstieg zur globalen Wirtschaftsmacht begann vor 30 Jahren mit einem Reform-Big-Bang. Seitdem hat sich das Boom-Land zum fünftgrößten Wirtschaftsraum entwickelt; 2040 wird es voraussichtlich die USA einholen. In Zukunftsbranchen wie IT oder Telekommunikation hat es Länder wie Deutschland längst abgehängt. Der Wirtschaftsjournalist und Indien-Korrespondent Michael Braun Alexander zeichnet ein kritisch-konstruktives, spannendes Bild der aufstrebenden Supermacht.

Who's perfect? Indien's Image.

Indien ist nicht das Paradies auf Erden und wird es auch nie sein. Sofern man der Berichterstattung in manchen Medien Glauben schenken mag, ist das Land ein einziger Moloch. »Die Presse im Ausland ist brutal zu Indien«, wie es der General Manager eines führenden Hotels in Delhi einmal lapidar ausdrückte. Dieses Kapitel soll eine Auswahl der oft mit Indien assoziierten negativen Themenkomplexe aufgreifen, um dieses Narrativ quasi »aus dem Weg zu räumen« für eine klarere Sicht auf die Dinge.

Es handelt sich um eine Art Katastrophenbericht. In der indischen Gesellschaft hat allerdings noch nie irgendjemand so getan, als wäre das eigene Land eine idyllische Schönwetterveranstaltung, frei von Fehl und Tadel. Diese Wahrhaftigkeit ist löblich und sympathisch. Man denke zum Vergleich an südostasiatische Länder fern jeder offiziellen Kritikfähigkeit – zum Beispiel Malaysia und Singapur –, denen diese selbstkritische Haltung deutlich schwerer fällt. »Im Gegensatz zu so vielen anderen Staaten«, schrieb der Historiker Fernand Braudel, »praktiziert Indien die Tugend, Wunden nicht zu verbergen – weder vor sich selbst noch vor anderen.« Eine direkte Folge dieser Uneitelkeit ist allerdings, dass Indien in weiten Teilen der westlichen Welt einen entsetzlichen Ruf und ein grässliches Image hat.

Die meisten Deutschen waren nie in Indien und kennen sich nicht oder jedenfalls kaum aus, was auch für einen Großteil der Leser dieser Zeilen gelten dürfte. Ihr Indienbild speist sich vor allem aus Informationen, die passiv erworben werden, die also irgendwo in den Medien auftauchen, weil Redaktionen oder Verlage sie für wichtig erachten. Selbst diejenigen, die das Land schon einmal besucht haben, laufen jedoch Gefahr, einen winzigen Ausschnitt – nämlich das persönlich Erlebte, oft in einer touristisch relativ erschlossenen Region – für repräsentativ zu halten. Auch das ist problematisch und verzerrend. Einerseits hat es ein westlicher Tourist leicht, wenn er indischen Boden betritt, Land und Leute kennenlernen will, denn er ist in der Regel relativ wohlhabend. Andererseits hat er es unendlich schwer, denn er reist meistens in einer Blase fern des indischen Alltags – oft ohne dies überhaupt zu bemerken, weil ihm sein Lebensstil in Indien mit weichem Bett, Klimaanlage, Strom, interessantem Essen und Rückflugticket »normal« vorkommt. Diese Blase ist komfortabel, aber auch irreführend und mitunter eine Spur grotesk. »Es ist zweifellos richtig, dass viele westliche Besucher, die im Taj [dem Luxushotel Taj Palace in Süd-Mumbai] gebucht haben, sich nie weit davon entfernen«, schrieb etwa Gillian Tindall, eine Stadtbiografin von Mumbai, schon Anfang der 1980er-Jahre. »Ab und zu kommen sie heraus, um eine teure Postkarte am Gateway [of India] zu kaufen oder einen ausgestopften Mungo mit dazugehöriger Kobra an einem der Stände am Meer, die solche Artikel durchweg en masse vorhalten. Dann ziehen sie sich wieder in ihren klimatisierten Palast zurück, auf dem Weg vielleicht von Heerscharen besonders schmutziger Obdachloser aufgehalten, die auf dem Bürgersteig vor dem Taj ihren Bettelstand aufgeschlagen haben. So geht es ein paar Tage, dann fliegt der Taj-Gast zurück nach London, Washington oder Milwaukee und erzählt seinen Freunden von der schrecklichen Armut in Indien.

Zugegeben: Einzelne Details, die Tindall erwähnt, haben sich inzwischen erledigt. Es ist heute undenkbar, das einst beliebte »Dekorationsobjekt« der ausgestopften Kobra mit einem die Schlange bekämpfenden Mungo in einem Touristenshop zu finden. Grundsätzlich aber ist das aufgezeigte Muster – Ankunft per Flugzeug in Indien, wohnen (und oft speisen) in einem Luxushotel, zwischendurch kurze, risikofreie Ausflüge in das vermeintlich »echte« Indien vor der Tür, Abreise – noch heute typisch.

Nicht nur Bequemlichkeit spielt dabei eine Rolle, sondern auch Fremdeln, manchmal gar Furcht. »Die in fremden Umgebungen grundlegend und angsterzeugend in Frage gestellten eigenen Erfahrungen und Gewissheiten können in  Extremfällen, wenn man alleine und ohne verständige Hilfe bleibt, zu einer Art Angststarre führen, zu einem Rückzug in das Schnecken-haus eines Hotelzimmers, das man erst am Ende des Aufenthalts für die Rückreise wieder verlässt«, schrieb Jörn Mundt, Biograf des Reise-pioniers Thomas Cook. Eine pointiert-akkurate Beobachtung. Um es mit einem Vergleich zu sagen: Man stelle sich vor, ein Inder kommt zum ersten Mal in seinem Leben nach Deutschland. Er bucht sich für zwei oder drei Nächte im Berliner Luxushotel Adlon ein, läuft einmal die Linden runter zum Stadtschloss (Humboldt Forum), speist – mutig, mutig – im Borchardt um die Ecke und fährt dann wieder im Taxi zum Flughafen und Abflug – in dem Glauben, er kenne jetzt Deutschland. Man merkt sogleich, wie problematisch dieses Urteil wäre.

 

Michael Braun Alexander: Indien Superpower. Aufstieg einer Wirtschaftsmacht, Erscheinungsdatum: Juli 2020, 400 Seiten, FinanzBuch Verlag, 22,99 €

Michael Braun Alexander ist Journalist, Kolumnist der Bild am Sonntag und Schriftsteller. Er lebt und arbeitet seit 6 Jahren in Berlin und Indien. Er studierte Politik, Wirtschaftswissenschaften und Philosophie in Oxford, sowie in Bologna und Washington. Braun Alexander war u.a. als Auslandskorrespondent in Mumbai und New York sowie als Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins Finanzen/€uro tätig.

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen