Umweltdiskussion

Individuelles Verhalten oder strukturelle Veränderungen?

01.05.2019 - Dr. Burkhard Luber

In der aktuellen, durch “Fridays for Future” intensivierten Diskussion, welche Veränderungen zur Rettung der Umwelt notwendig sind, trifft man häufig auf die Position, dass dafür strukturelle Veränderungen notwendig sind. „Strukturelle“! Das heißt, individuelle Verhaltensveränderungen (als Konsument*in, Käufer*in, Reisende*r) genügen nicht! Damit der Begriff strukturell allerdings sinnvoll und wirksam verwendet werden kann, muss eingehender geklärt werden, was unter ihm zu verstehen ist. Der folgende Text ist als ein Beitrag zu dieser Klärung gedacht.

 

Eine interessante Reflexion zu dieser Fragestellung findet sich bei Johan Galtung, ein norwegischer Friedensforscher. Galtung hat sich einen gewissen Namen mit dem Begriff “strukturelle Gewalt” gemacht. Damit meint er Gewalt ohne Zuordnung der Gewalthandlungen zu einem direkten persönlichen Gewalt-Akteur. Er denkt dabei zB an Hunger und Krankheiten in der internationalen Dimension, oder auch Ausbeutung etc.

Noch näher zu unserer, in der Überschrift gestellten Frage ist der Text von Johan Galtung: “Eine strukturelle Theorie des Imperialismus” (in Dieter Senghaas (hgg.) Imperialismus und strukturelle Gewalt, edition suhrkamp, Englische Original-Version online, mit ausführlichen Belegen).

Folgender Satz darin ist instruktiv:
“Our point of departure is once more that the world is divided into have's and have-not's, in have  and  have-not  nations.  To decrease the gap, one aspect of the fight against structural violence,  redistribution  by  taking  from  the have's and  giving  to  the  have-not's  is  not enough: the structure has to be changed. The imperialist structure has inter-national as well as intra-national aspects and will consequentlyhave to be changed at both levels.”

Das kommt m.E. nahe an den o.a. adressierten Kontrast, der ähnlich formuliert werden könnte: Es genügt nicht, das individuelle Verhalten umweltfreundlich einzurichten: die (wirtschaftlichen und politischen) Strukturen müssen in Richtung Umwelterhaltung verändert werden.

Allerdings motiviert die Perspektive in diesem Galtung-Artikel, nochmal vertieft über das Thema “Individuelle Verhalten versus Strukturveränderung” nachzudenken. Bei Galtung ist es einleuchtend, dass die internationale Ungerechtigkeit nicht durch Einzelaktionen strukturell überwunden werden kann. Und in der Ökologie-Strategie würden das Erreichen wirklich substantiellen umweltfreundlichen Verhaltens wohl mit erheblichem Staatsinterventionismus (Verhaltensverbote, Marktregulierungen etc) einhergehen müssen und das bei sehr offenen Chancen auf ihre Durchsetzbarkeit.

Aber davon abgesehen: Kann nicht “individuelles” Verhalten, sofern es kollektiv wird z.B. durch wirksamen Massenprotest, doch strukturelle Veränderungen erzwingen?

Wieviel Personen sind notwendig und wie lange würde wohl ein Autokaufboykott benötigen, bis die Autofirmen in Deutschland bankrott wären? Sicherlich nicht, wenn es nur hunderte von Nicht-Käufern wären und der Boykott nur über paar Monate dauern würde. Aber wenn die Zahl in die 100.000 ginge und über ein Jahr durchgehalten würde? Wahrscheinlich kann man solche Überlegungen sogar betriebswirtschaftlich einigermaßen präzise durchkalkulieren: wie viel Konsumboykott trifft eine Firma nachhaltig?

Oder: Wieviel Personen sind notwendig und wie lange würde wohl ein gezielter Flugboykott benötigen, bis er den Profit von Billig-Fluglinien ernsthaft treffen würde? Auch da sicher nicht durch eine kleine Zahl von Beteiligten, aber wenn es ein massenhafter Flugboykott sein würde? Ab wann müsste Amazon in Deutschland schließen, wenn hierzulande XXX Personen YYY Monate nicht dort einkaufen würden?

Aus diesen Überlegungen heraus: Muss die Diskreditierung des individuellen Verhaltens nicht präzisiert werden, etwa so: Individuelles Verhalten darf sicher kein Alibi sein für nicht stattfindende gesellschaftliche / wirtschaftliche “strukturelle” (!) Veränderungen. Aber gibt es nicht “kritische Massen”, bei denen simultanes individuelles (Protest)Verhalten zu einem kollektiven Faktor wird und damit strukturelle Veränderungs-Mächtigkeit erlangt?

Daran anschließend kann frau/man auch fragen, was ein kollektives Boykott-Verhalten zugunsten der Umwelt - über einen Hebel zum Umsteuern hinaus - für andere aktive Protestformen gegen umweltzerstörerisches Wachstum bedeuten könnte. Wenn es ernst werden soll, wahrscheinlich mehr als “nur” “Fridays for Future”, sondern dann in Richtung der Blockade genuiner Growth-Brennpunkte - als da sind Flughäfen, Autobahnknotenpunkte wie das Horster Dreieck oder das Kamener Kreuz (als prägnante Schnittstellen für den Autoverkehr und speziell für den Konsumgütertransport). Was ja schon - aus welchen Motiven auch immer vorgenommene - Starts kleiner Drohnen für Flughäfen an disruptiven Folgen haben können, hat sich ja zB Anfang des Jahres in Gatwick gezeigt. Und die Extinction Rebels kürzlich in UK haben auch rudimentär eine solche Perspektive demonstriert.

In diesem Zusammenhang findet sich bei Niklas Luhmann (in seinem Bändchen “Macht”) ein bemerkenswerter Hinweis zum Unterschied zwischen Macht als Potential und als mögliche faktische Realisierung. Trivial aber konkret formuliert: Der Staat bzw. seine Machtagentur Polizei kann immer nur einen Teil seines Macht-/Droh-Potenzials aktivieren. Wenn "alle" Personen etwas blockieren oder boykottieren, stößt der Machtapparat an seine Grenzen. Letztlich beruht die Reichweite der Macht nämlich auf ihrem Bluff-Charakter. Macht gaukelt vor, dass sie überall und immer die Situation im Griff haben kann. Was aber nicht stimmt. "If the bluff is called" wie es im Poker-Jargon heißt, muss sie die Karten auf den Tisch legen, und man sieht, dass sie doch nur weniger halten kann, als sie verspricht. Es ist so wie bei den Mindestreserven in den Banken: Dass deren Beruhigungspotential funktioniert, geht darauf zurück, dass das Bank-Management schlicht hofft, nicht alle Leute werden auf einmal zugleich sich all ihr Geld auszahlen lassen wollen. Vielleicht kann man aus diesem Topos noch mehr machen, wenn über Protest-Strategien gesprochen wird.

Für unseren Vergleich zwischen strukturellen Veränderungen mit individuellem Handeln für eine umwelterhaltende Strategie ergibt das also zwei Handlungsschienen:

Wenn individuelles Handeln so massenhaft und anhaltend auftritt (wann beide Kriterien erreicht sind, müsste definiert, wenn möglich auch operationalisiert werden), kann ein solches Kollektiv-Verhalten möglicherweise strukturelles Veränderungspotenzial entfalten. Damit ist der Gegensatz “individuell versus strukturell” vielleicht nicht ganz so rigide, wie es zuweilen dargestellt wird.

Für eine direkte strukturelle Veränderungsstrategie in Richtung Degrowth müssten allerdings dafür erforderliche Mechanismen in Politik und Wirtschaft gesucht werden, die hier nur stichwortartig aufgelistet werden können: Höhere und umfassendere Luxus- vielleicht sogar Konsum- / Kauf-Steuer, strafbewehrte Begrenzungen des individuellen Energieverbrauchs bzw. progressive Energiesteuern, hohe Flugreisesteuern, drastische Reduzierung der Anzahl deutscher Flughäfen. Wobei dabei noch gar nicht thematisiert wird, wie dafür (parlamentarische) Mehrheiten zu finden wären.

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