Islamismus

Islamisten wieder auf dem Vormarsch

01.09.2021 - Mohammad Saboor Nadeem

Die Machtübernahme der Taliban kommt für viele überraschend. Damit herrschen wieder Angst und Schrecken in Afghanistan. Radikale Islamisten mit langen Bärten, dunklen Gewändern und mit schwerer militärischer Ausrüstung, die auf Pick-ups Kabul einnehmen, dominieren unsere Nachrichten. Diese Bilder erinnern stark an die zuletzt rasante und ähnlich unvorhergesehene Entwicklung der Terrororganisation “Islamischer Staat” (IS) in Syrien und Irak. Die Ideologie ist dieselbe!

So wie in Afghanistan, wo die Taliban durch die amerikanisch geführte militärische Intervention besiegt schienen, scheint auch der IS im Nahen Osten geschlagen vorerst.

Ähnlich schnell nahm damals der IS im Jahr 2014 Iraks zweitgrößte Stadt Mosul ein. Kurz darauf beherrschte er ein Gebiet, fast so groß wie Italien, und rief am 29. Juni 2014 das islamische Kalifat aus. Damit weckte die Terrororganisation Hoffnungen und religiöse Gefühle bei vielen Muslimen weltweit und überzeugte so Anhänger in fernen Teilen der Erde, sich ihrer Sache anzuschließen. Gleichzeitig stimmte die IS-Führungsriege ihre Anhänger immer wieder darauf ein, nicht aufzugeben, auch wenn es so scheint, als würde der IS (kurzfristig) verlieren, denn der Sieg sei auf lange Sicht gewiss. Bis 2015 war die brutalste Terrororganisation der Welt kaum aufzuhalten. Auf dem Höhepunkt ihres Feldzuge nahmen die Kämpfer in Windeseile Regierungsgebäude, Banken, Ölfelder, Krankenhäuser, Schulen, Militär- und Polizeistationen, also ganze Städte, nahezu ohne merklichen Widerstand ein.

Jedoch durch die militärischen, politischen und wirtschaftlichen Sanktionen gegen den IS, ebenfalls durch die amerikanisch geführte Koalition gegen den internationalen Terrorismus, verlor der IS fast die Hälfte des beherrschten Gebiets in Syrien und einen Teil im Irak. Sein Vermögen sank von 1.9 Mrd. US-Dollar in 2014 auf knapp 800 Mio. US-Dollar in 2016. Und der Zulauf von ausländischen Rekruten nahm deutlich ab, von etwa 2000 auf dem Höhepunkt ihres Feldzuges in 2015 auf höchstens 50 Rekruten im Jahr 2016, die die türkische Grenze passierten, um sich dem IS anzuschließen.

Die von den USA geführte militärische Koalition hat mehr als 10.000 IS-Kämpfer getötet, darunter auch Anführer und Kommandeure der Terrororganisation. Im Februar 2017 hat die irakische Armee, mit amerikanischer Unterstützung, Mosul wieder zurückgewonnen.

Sieben Jahre nach dem Ausrufen des Kalifats und dem emotionalen Appell des selbsternannten IS-Kalifen, dem in den Jihad zu folgen die Pflicht aller Muslime sei, ist auch die Idee einer Renaissance des islamischen Reiches, die kurz Realität zu werden schien, wieder in die kollektive muslimische Traumwelt entschwunden.

Doch ist der IS damit wirklich endgültig besiegt? Die Ereignisse, also der überraschende Vormarsch der Taliban in Afghanistan nach über 20 Jahren, sollten uns eines Anderen belehren.

Physisch wurde der IS sicherlich wortwörtlich in die Wüste geschickt und hat seinen Feldzug verloren. Operativ bleiben ihm wenig Handlungsmöglichkeiten, obwohl besonders jetzt Anschläge in westlichen liberalen Ländern, z.B. durch die zurückgekehrten IS-Kämpfer, die noch vorsichtiger im Untergrund agieren, eine relevante Signalwirkung auf die globale Jihadisten-Community hätten. Doch die wenigen einzelnen Akteure haben, ohne ihr großes globales Netzwerk, das sie nach einem Anschlag z.B. als Möchtegern-Märtyrer feiert und ihnen zu vermeintlich unendlichem Ruhm verhelfen würde, keine Basis und keine Anführer mehr. Auch der territoriale Verlust des IS macht es wenig attraktiv für die Sache weiterzukämpfen und Unterstützer bzw. Rekruten zu gewinnen. Jedoch sei gewarnt vor der Idee, wie sie einst auch bei den Taliban viel zu vorschnell vorgetragen wurde, dass die Organisation an Glaubwürdigkeit verloren habe, wovon sie sich nie wieder erholen könne, weil man verstanden hätte, dass sie schlecht und böse ist.

Das Exportieren von Demokratie, die Möglichkeit von freien Wahlen und Stärken von zivilgesellschaftlichen Strukturen ist keine Garantie für gesellschaftliche Sicherheit und politischen Frieden. Besonders dann nicht, wenn die radikale Idee eines religiös-fundamentalistischen Staates, ob als Kalifat oder Emirat, nicht nur in den Köpfen einiger Anhänger, sondern besonders als frei-schwebendes ideologisches Meme in der zeitgenössischen globalen Kultur weiter besteht. Die Idee existiert auch noch lange nach dem Untergang des IS, nur einen Klick entfernt, im massiven digitalen Propaganda-Archiv des IS im Internet.

Sicherlich werden einige sich durch den verlorenen Krieg des IS von dieser radikalen Ideologie und den terroristischen Netzwerken, religiös und emotional enttäuscht, abwenden. Jedoch für viele andere, ganz besonders die, die sich als “wahre Gläubige” verstehen, ist der territoriale Verlust kein Grund sich von einem vermeintlich göttlichen Plan abzuwenden und seinem vorgeschriebenen Pfad nicht mehr zu folgen. Der Untergang des IS-Kalifats wird die Jihadisten von fundamentalistischen Netzwerken losgelöst haben, aber sicherlich nicht von den religiösen Vorstellungen und auch nicht von dem Drang und Wunsch nach einer neuen islamischen Weltordnung. Deutsche Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass fast die Hälfte aller IS-Rückkehrer an den jihadistischen Wertevorstellungen und an der Ideologie weiterhin festhalten. Ganz nach dem Motto: Losgelöst, aber nicht De-Radikalisiert.

Wer sich durch die Internet-Foren und Kommentarspalten klickt, wird erstaunt feststellen, dass die Idee von einer Regierung, die konsequent auf den Grundlagen der Sharia handelt, so wie durch die Taliban proklamiert, bei erstaunlich vielen Muslimen Zuspruch findet. Dieser emotionale Drang, der fest verwurzelt ist im kollektiven radikal-islamischen Bewusstsein, kann jederzeit wieder durch das Aufleben derselben oder einer anderen Organisation, die sich des jihadistischen Propaganda-Materials bedient, neue Anhänger anziehen.

Dass die Taliban, trotz jahrzehntelanger harter und zäher Kämpfe im Gebirge gegen die militärisch überlegenen Amerikaner, nicht aufgegeben und nicht verloren haben, sondern ganz im Gegenteil nun Afghanistan nach ihrer fundamentalistischen Auslegung des islamischen Rechts regieren wollen und ein Emirat ausgerufen haben, wird auch im Irak und anderen Teilen der muslimischen Welt Dynamiken schaffen, die sich Nachfolger der Terrororganisation IS rasch und wahrscheinlich für die meisten mal wieder unvorhersehbar zueigen machen werden.

 

Anm. d. Verf.: Dieser Artikel wurde kurz nach der Machtübernahme der Taliban geschrieben, also vor dem Anschlag am Flughafen in Kabul am 26.08.2021, zu dem sich die Terrororganisation IS bekannt hat.

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Unterstützen