Ausgabe #152

Isolation = Selbstabsorption?

01.08.2020 - Olivia Haese

Liebe Leserinnen und Leser,
Liebe Autorinnen und Autoren,

vielleicht bin ich die einzige, die gerade diese Erfahrung macht, aber bei mir hat die vergangene Isolation bzw. die derzeitige Teilzeit-Isolation zu einer Art „unfreiwilliger Selbstabsorption“ geführt. Damit meine ich die Einstellung, die man bekommt, wenn man das große Ganze zumindest auf emotionaler Ebene aus dem Blick verliert und sich stattdessen intensiv mit seinen eigenen (negativen) Umständen befasst. So eine Art unbewusstes, scheinbar harmloses Selbstmitleid.

Die „Generation Smartphone“ ist ja sowieso für Oberflächlichkeit und Egotismus verschrien. Ich will dabei Corona keine Schuld geben. Sicherlich hat das Ganze tiefe kulturelle wie gesellschaftliche Wurzeln und komplexe Verästelungen. Vermutlich hat die Isolationsphase auch in vielen Leuten gerade das Gegenteil hervorgerufen. Bei einem bedeutenden Teil der Menschheit ist „Selbstmitleid“ wohl das Letzte, wofür sie im Moment Zeit haben.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin mir ganz im Klaren darüber, dass viele Leute eher mehr Selbstmitgefühl verdienen, als sie sich derzeit zugestehen. Sich selbst gegenüber mit offenem Herzen und Verständnis zu handeln ist mehr als essenziell für das seelische Wohlbefinden. Aber neben dieser gesunden Selbstfürsorge gibt es eine Art pervertierten, vom Ego-getriebenen Auswuchs.

Es ist nicht unbedingt leicht, einen Ausweg aus dieser kontraproduktiven Selbstfokussierung zu finden. In der Konsumgesellschaft ist das Ego so tief eingeflochten, dass man es gar nicht mehr als das identifizieren kann, was es ist.

Man kann ja heutzutage kaum die sozialen Medien nutzen ohne mit der Message „self-care!“ konfrontiert zu werden. Ich hab die Vermutung, dass unsere Gesellschaft aber im Grunde keine Ahnung hat, was „self-care“ eigentlich bedeuten soll. Wie denn auch? Haben wir überhaupt ein klares Verständnis davon, was das „selbst“ ist? Beruht unsere kollektive Vorstellung des „selbst“ nicht zumindest ein Stück weit auf Egoismus? Schließlich ist „Generation Smartphone“ ein Produkt unserer Gesellschaft. Nicht umgekehrt.

Jedenfalls – um von philosophischen Lebensfragen wieder zurück auf den Boden der Tatsachen zu kommen – hier ein Anstoß zum Überwinden des Selbstmitleides: Sich daran erinnern, dass es anderen Leuten noch schlimmer geht. Scheint offensichtlich, aber was bedeutet es uns?

Anderen Menschen geht es viel schlimmer... Ich sehe ein, dass der vielleicht noch egoistischer oder fast schon makaber klingt. Aber immerhin ist es ein effektiver Gedanke. Anderen Leuten geht es so schlecht, die denken nicht mal an sich selbst. Es gibt Menschen, die haben seit Jahren nicht an sich selbst gedacht.

Natürlich ist uns das unterschwellig bewusst. Viele von uns tragen eine unbewusste Schuld mit sich herum, weil wir ja eigentlich wissen, wie gut wir es haben und uns trotzdem beschweren. Andere versuchen bereits verzweifelt, sich um das Leid anderer zu kümmern und gehen dabei selbst zu Grunde.

Was kann eine solche Perspektive also Positives bringen? Vielleicht, dass es uns sogar irgendwie Kraft gibt, den richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt unter die Arme zu greifen, anstatt sich einen weiteren Moment den Kopf über sein eigenes Leben zu zerbrechen?

Vielleicht spricht dieser Gedankengang ja nur einen kleinen Teil der Leserschaft an, aber ich finde es angesichts des „Selbst“verständnis in unserer westlichen Gesellschaft wichtig, hin und wieder diese Fragen zu stellen: Ist es nicht möglich, sein Ego zu vernachlässigen, ohne dabei sich „selbst“ zu vernachlässigen? Gibt diese Art von Selbstlosigkeit nicht eine Form von Energie, die Selbstabsorption regelrecht „absorbiert“?

Aber genug der Moralphilosophie. Wie immer wünsche ich Ihnen zum Ende meines in-grundlegende-Lebensfragen-ausgearteten „openers“ eine freudige Lektüre unserer Artikel dieses Monats. Unter anderem mit dabei: Ein Text zum Thema „Gewaltprävention“ von Redakteur Dr. Burkhard Luber, außerdem von Theologe Peter Zeillinger verfasste Gedanken zum Thema „Identität Europas“ und nicht zuletzt „Zehn Thesen“ des Lobbyismus und der Aushöhlung der Demokratie.

 

Viel Vergnügen und beste Grüße,

Olivia Haese
Chefredakteurin

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