Eine Frage des MILIEUs

"Ist Hypnose reine Täuschung?"

01.09.2018 - Prof. Dr. Dirk Revenstorf

Hypnose ist manchmal Täuschung und manchmal echt. Was das Phänomen Hypnose schwierig macht ist, dass sich daran seit Alters her zahlreiche Illusionen knüpfen: magische Vorstellungen von Wunderheilungen, Macht über Menschen, Wahrheitsfindung und Anderes. Vieles davon ist reine Phantasie. Aber tatsächlich ist hypnotische Trance ein veränderter Bewusstseinszustand, was sich auch neurobiologisch nachweisen lässt, in dem die Informationsverarbeitung anders funktioniert als im Alltagsbewusstsein. Und zwar so, dass Menschen dann zu ihrer eigenen Überraschung zu Dingen in der Lage sind, die sie nicht für möglich gehalten haben. Das betrifft den Zugang zu Erinnerungen, zu körperlichen Reaktionen, zur Fähigkeit durch neue gedankliche Verknüpfungen Verhaltensweisen, Haltungen und Sichtweisen zu ändern sowie Heilungsprozesse zu unterstützen. Es ist aber nicht allen Menschen im gleichem Maße gegeben, eine hypnotische Trance einzugehen.

Im Gehirn gibt es mehrere Regionen, deren Funktion sich in der Hypnose verändert. Es ist einmal die Abteilung, die für das Ichbewusstsein zuständig ist (Präkuneus, etwa unter der Mitte des Schädeldaches). Das ist der Teil des Gehirns, der die Selbstreflektion betreibt und aktiv wird, wenn ich z. B. mit meinem Namen angesprochen werde oder wenn ich etwas in Ich-Form vorlese. In der Hypnose vermindert sich dessen Aktivität und damit entfällt, dass ich mir bewusstmache, dass ich es bin, der dies oder das tut oder dass ich mich frage, „passt das zu mir“. D.h. hypnotisch suggerierte Handlungen geschehen wie von allein – unwillkürlich, ohne Selbstzweifel, so wie das Gehen oder und andere automatisierte Verhaltensweisen. Jetzt könnte man denken, dass die hypnotisierte Person fremdbestimmt handelt – also manipuliert wird. Aber das stimmt nicht. Es geschieht nur einfach ohne Nachgrübeln von innen heraus. Wenn man etwa einem Prüfungskandidaten in Hypnose suggeriert, er begebe sich an seinen Prüfungsplatz und mache die Kreuze an die richtige Stelle und gehe dann zur nächsten Aufgabe über, berichtet er typischerweise, er habe alle Aufgaben zügig und ohne Nachbessern ausgeführt und dabei bessere Noten erhalten als erwartet.


Außerdem ist die Region des Stirnhirns runtergefahren, die für die kritische Analyse nach Maßstäben des Alltagsdenkens, für die Abwägung von Konsequenzen, oder für Entscheidungsprozesse und das sogenannte rationale Denken zuständig ist (Teile des präfrontalen Kortexes). Das klingt zunächst bedenklich, da man argwöhnen könnte, dann verhielte sich der Mensch ja unvernünftig oder gar unmoralisch. Das ist aber nicht Fall. Vielmehr fällt durch diese größere mentale Offenheit die übliche Skepsis weg, die in inneren Selbstgesprächen zum Ausdruck kommt, wie „das kann ich nicht, das hat noch nie geklappt, was werden die Anderen denken“ und Ähnliches. Es ist so, dass in diesem Zustand die Dinge in kindlich phantasievoller Weise neu verknüpft werden, was zu kreativen Lösungen führt, die sonst nicht in Erwägung gezogen würden. Dadurch können gedankliche und emotionale Sackgassen überwunden werden, die Menschen blockieren. Man kann z.B. eine Angst einflößende Situation dadurch „neutralisieren“, dass man sie in Trance mit Erfahrungen verbindet, die mit Angst emotional nicht vereinbar sind wie Erlebnisse des Stolzes oder der Aggression.


Vor Allem lassen sich körperliche Heilungsprozesse bei Problemen wie Allergien, oder Reizdarm, sowie Wundheilung und Schmerzbewältigung durch heilsame hypnotische Bilder unterstützen. So kann man für die Wundheilung Vorstellungen von Immunaktivität, Durchblutung, Gerinnung, Zellwachstum suggerieren oder bei Schmerzen Vorstellungen von Kühle oder Taubheitsgefühle suggerieren. Derartige Trancen werden typischerweise als Anleitung zur Selbsthypnose vermittelt, sodass der Patient sie allein für sich nutzen kann.
Das alles kann Hypnose, nämlich Dinge, die dem Alltagsdenken nicht zugänglich sind. Allerdings gibt es ein paar Einschränkungen zu beachten. Man kann in Hypnose nicht beliebige Dinge suggerieren – obwohl dies in der Showhypnose manchmal so scheint. Jedenfalls kann man es nicht nachhaltig. Und es gibt auch keine überzeugenden Experimente, in denen fremd- oder selbstschädigendes Verhalten suggeriert wurde, das gegen das Wertsystem der Person verstieß. Zwar wird dies gelegentlich in der Showhypnose so dargestellt, aber der öffentliche Rahmen, in dem es geschieht, nämlich das Fernsehen, die Disco, das Forschungsinstitut, garantiert den Spielcharakter und dass die Inszenierung von Unheil geschützt ist. Wenn kriminelle Handlungen mit Hypnose in Zusammenhang gebracht wurden, so hatte das nichts mit der Hypnose an sich, sondern etwas mit einer Abhängigkeitsbeziehung zu tun, die allerdings durch Hypnose wie auch andere therapeutische Situationen gefördert werden kann. Nur wird von der ausführenden Person die Hypnose manchmal als Schutzbehauptung verwendet, da mit diesem Begriff im Volksmund der Zustand der Willenlosigkeit verbunden ist und damit eine Entlastungsfunktion in Anspruch genommen wird.


Es gibt aber in manchen Hypnosedarbietungen auch Täuschung und zwar sowohl auf Seiten des Hypnotiseurs wie auf Seiten des Hypnotisierten. Die Showhypnose findet immer vor einem Publikum statt, das ein Teil der Inszenierung ist. Da der Showhypnotiseur die Personen für seine Experimente sehr sorgfältig danach auswählt, ob sie kooperativ sind, kann er sie leicht unter Druck setzen, sich selbst und ihn nicht zu blamieren und die Show nicht scheitern zu lassen. Z.B. schickt er immer ein paar der Probanden als ungeeignet von der Bühne, sodass die Verbleibenden ihr Bestes tun, um die Scham zu vermeiden, ebenfalls als nicht qualifiziert abgelehnt zu werden. Auf diese Weise lassen sich manche Probanden tatsächlich zu Albernheiten oder Obszönitäten hinreißen, einerseits um dem Showmaster eine Gefälligkeit zu tun und zum anderen um die Gelegenheit zu nutzen, unter dem Deckmantel der scheinbaren Willenlosigkeit „die Sau rauszulassen“. Hier täuschen Hypnotiseur und Hypnotisierter gemeinsam das Publikum.


Eine andere und folgenschwerere Art von Täuschung liegt dann vor, wenn der Hypnotiseur einem kranken Menschen Heilung durch Hypnose verspricht und dadurch die medizinisch richtige Behandlung verhindert. Auch ist es eine Täuschung, wenn man meint mit Hypnose das Gedächtnis auffrischen zu können, um kriminelle Handlungen aufzudecken. Erinnerungen, auf die man in Trance stößt, enthalten zwar in der Regel mehr Fakten als im Alltagsbewusstsein zugänglich sind, aber auch mehr Konfabulationen und Phantasieprodukte.



Siehe auch:
Revenstorf, D. (2017) Hypnotherapie und Hypnose. Psychotherapieverlag
Und Material auf der hompage meg-tuebingen.de

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