Rapper im Interview

"Jeder Mensch spürt was Gut und Böse ist"

15.05.2016 - Hamed Chaudhry

Er gilt als einer der einflussreichsten deutschen Rapper und gehört zweifellos zu den Vätern des deutschen Hip Hops. Mehrfach ging er Gold und Platin, mehrfach wurde er ausgezeichnet. Nach ganzen zwei Jahrzehnten kann Savas Yurder auch bekannt als Kool Savas auf ein spannendes, vielseitiges und bewegtes Leben zurückschauen.

DAS MILIEU: Eine Frage vorab für all unsere Leserinnen und Leser – ob jung oder alt: Was ist „Hip Hop“ – generell und für dich?

Savas: Hip-Hop ist eine Jugendkultur, entstanden in New York. Der Namensgeber war Afrika Bambaataa - und Hip Hop ist eine Kunstrichtung, sie wird aus verschiedensten Teilen zusammengestellt. Ursprünglich besteht diese aus Breakdance, Graffiti, Turntablism, Rappen und Beatbox. Dieses waren die fünf Grundsäulen, doch diese haben sich mit der Zeit etwas verändert. Nun kann ebenfalls das Produzieren dazu gezählt werden. Aber es kommt auch oft dazu, dass die Leute Rap mit Hip-Hop verwechseln. Doch das Rappen ist eine Sparte und Hip-Hop ist der Überbegriff.

DAS MILIEU: Welche Rolle spielen dein familiärer Hintergrund und deine Migrationserfahrungen für den Menschen, der du jetzt geworden bist?

Savas: Als ich mit meiner Familie nach Berlin kam, war ich 12 Jahre alt und wir sind nach Kreuzberg gezogen. Und in dem Ortsteil gab es ein Jugendzentrum, in dem ich das erste Mal angefangen habe selber Musik zu machen. Ich glaube schon, dass die Umgebung in der ich gelebt habe mich auf diese Schiene geführt hat. Aber vielleicht hätte ich in einer anderen Umgebung, den gleichen Einfluss erhalten. Ich kann nicht so genau sagen, wie sehr die Umgebung mich beeinflusst hat.

DAS MILIEU: Du hast früh angefangen dich an amerikanische Rapper zu orientieren. Wer von ihnen und was hat dich am meisten inspiriert?

Savas: Das war wechselhaft. Mit NWA, ICE-T bin ich aufgewachsen, auch die BC Boyz, ICE Cube und MC8 waren für mich große Inspirationen. Das sind alles Old School Namen. Die meisten Namen sind jetzt garnicht mehr bekannt. Deshalb, hatte ich zu erst angefangen, auf Englisch zu rappen und danach hat sich Stück für Stück einen eigener Stil entwickelt. Als ich dann angefangen habe auf Deutsch zu Rappen, war es ganz mein Ding. Und somit konnte ich mich, nur an mir selbst orientieren. Da es zur der Zeit nur englischen Rap gab.

DAS MILIEU: Vielen Rappern wird Gewaltverherrlichung vorgeworfen. Diese Rapper selbst vergleichen es oft mit Hollywoodfilmen, die ebenfalls diese Themen behandeln würden. Was hältst du vom Vergleich zwischen Musik und Film?

Savas: Da habe ich einen künstlerischen Standpunkt und einen persönlichen Standpunkt dazu. Der persönliche deckt sich aber nicht immer mit dem künstlerischen Standpunkt. Im Prinzip kann gesagt werden, dass Musik und die allgemeine Kunst mit der Realität nicht zu vergleichen sind. Denn die Kunst findet unabhängig von der Realität statt und sie sollte sich für nichts rechtfertigen sollen. Es kann quasi alles getan und gesagt werden im Namen der Kunst. Ich glaube daran, dass die Freiheit gegeben sein sollte, sich auszudrücken.

Auf der anderen Seite, sehe ich ebenfalls, dass viele junge Leute unsere Musik hören. Mit der Zeit habe ich auch ein anderes Bewusstsein dafür entwickelt. Zu meiner Anfangszeit: mir war es relativ egal, was ich mit meiner Musik ausgedrückt habe. Ich habe sie so gestaltet, wie ich gerade Lust hatte und einige Male sollte sie auch provozierend wirken. Bis heute provoziere ich wie zuvor, das gebe ich zu. Aber in dem Moment, wenn ich den persönlichen Kontakt mit meinen Fans habe, in diesem Moment versuche ich die Zeit intensiv zu nutzen, ich schaue mir den Menschen an und versuche auch gut auf diesen einzuwirken.
 
In meinen Konzerten versuche ich zwischen meinen Songs auch meine persönliche Meinung und meine Sicht zu vermitteln und versuche positiv zu wirken. Dazu muss ich noch eins sagen, dass jeder Mensch für sich seine eigene Verantwortung trägt, an zweiter Stelle folgen die Eltern usw. Das heißt, wenn jemand sein Leben nicht auf die Reihe bekommt, muss die Verantwortung bei der Person gesucht werden und dann bei den Eltern, danach im Umfeld usw. All diese Schritte müssen zuerst folgen, bevor einer bestimmten Musikrichtung die Schuld zugewiesen werden kann, die für das Fehlverhalten der Person verantwortlich sein soll. Jemand der Drogen nehmen möchte oder gewalttätig sein möchte, tut dies auch ohne eine bestimmte Musikrichtung zu hören.

DAS MILIEU: Welches Verhältnis pflegst du zum Zeitgeist?

Savas: Jeder muss seinen eigenen Zeitgeist erschaffen. Zwar ist dies nicht verpflichtend, aber es würde mich nicht glücklich machen, etwas nachzuahmen. Oft merke ich es im Studio, wenn ich mit Künstlern arbeite, die versuchen einen Musikstil nachzumachen oder den Stil von jemand anderem zu kopieren. Davon halte ich nichts. Man kann sich ja nur selbst präsentieren, umsetzen und verwirklichen. Ich gebe mir dabei die größte Mühe, mir darüber bewusst zu sein. Es ist klar, dass ich meine Wurzeln in der Musik in einem bestimmtem Bereich habe, aber ich lasse mich von diesem nicht einnehmen und versuche meinem eigenen Stil treu zu bleiben.

DAS MILIEU: Sind Rapper – so wie es manchmal aus ihrer Warte zu vernehmen ist, die Dichter und Denker unserer Zeit?

Savas: Das redet man sich so zurecht, weil versucht wird diese Stilrichtung zu rechtfertigen oder weil man es cool findet. Rapper regen höchstens zum Nachdenken an. Kanye West ist beispielsweise für mich ein Rapper, der Dinge sagt, die von Bedeutung sind.

DAS MILIEU: Was würdest du sagen unterscheidet den Kool Savas von vor 10 Jahren von dem heutigen Kool Savas?

Savas: Ich glaube nicht, dass sich viel verändert hat. Denn man passt sich der aktuellen Situation, in der man sich befindet, an. Wenn vor zehn Jahren ein Punkt erreicht war, dass man in den Spiegel schauen konnte und zu sich sagen konnte, "Ja, das bin ich.", dann verändert sich danach überhaupt nichts mehr. Klar, können verschiedene Varianten entstehen. Aber der Grundcharakter bleibt gleich.

Wenn man zurückschaut, dann kommt es einem so vor, als hätte die Musik früher viel mehr Spaß gemacht. Aber wenn man dann tatsächlich in die Zeit zurückreisen würde, dann würde man merken, dass es genau so anstrengend ist, wie es jetzt ist. Denn der Mensch versucht oft Momente zu romantisieren. So ist es mit dem Charakter, er hat dann verschiedenste Seiten, aber im Grunde verändert er sich nicht.

DAS MILIEU: Welche Bedeutung hat für dich Bildung in deinem Leben?

Savas: Ich habe etwas Bildung erlangt, leider nicht in dem Maß wie ich es mir jetzt, im Nachhinein, gewünscht hätte. Aber ich war auch sehr unaufmerksam. Im Allgemeinen denke ich, dass Bildung das höchste Gut ist, das erlangt werden kann, unabhängig von Liebe. Denn das ist der größte Reichtum, den man erlangen kann und es ist mehr wert als alles andere.

DAS MILIEU: Dein Name bedeutet ja „Kalter Krieg“. Es heißt, dass wir uns derzeit in einem neuen Kalten Krieg befinden. Wie blickst du auf die weltpolitische Lage?

Savas: Oftmals bin ich fassungslos oder traurig, dass diese Umstände vorhanden sind. Aber auf der anderen Seite bin ich auch ein Realist und denke, dass die Menschen, die eine Führungsposition besetzen ein ganz anderes Interesse verfolgen als der “normale” Bürger. Abgesehen davon,  dass wir “normalen” Menschen niemals an solch eine Führungsposition gelangen könnten. Oft haben die Menschen in Führungspositionen andere Probleme als für Frieden oder Harmonie zu sorgen. Es herrschen wirtschaftliche Interessen, es werden persönliche Interessen miteinbezogen, es herrschen Gefälligkeiten und vieles andere. Deshalb bin ich in diesem Punkt so desillusioniert, dass ich dazu sage, es ist der Lauf der Dinge. Denn am Ende des Tages hat nicht das Volk einen Krieg begonnen, sondern die politische Zusammenhänge haben ihn größtenteils erzeugt.

DAS MILIEU: Was interessiert dich noch neben den Themen Musik und Politik? Wofür lässt du dich begeistern?

Savas: Ich liebe Autos (lacht). Es gibt sehr vieles, wofür ich mich interessiere, mit der Zeit entwickeln sich neue Interessen. Ich finde auch Architektur sehr interessant, Ästhetik ist auch ein interessantes Thema. Und die Frage: wieso gibt es bestimmte Sachen, die dem menschlichen Auge gefallen und andere Sachen wiederum nicht? Woran liegt es, dass bestimmte Sachen als Trend bezeichnet werden und wie verhalten sich diese Umstände? Ebenfalls interessiert mich der Mensch im Allgemeinen, es ist sehr faszinierend wie sich die Psyche des Menschen entwickelt  und sich Menschen verhalten.

DAS MILIEU: Was ist die Moral der Geschichte deines bisherigen Lebens? Was hast du aus deinen Erfahrungen im Musikgeschäft gelernt und was würdest du an junge Künstler und generell an unsere Leserinnen und Leser weitergeben?

Savas: Es ist schwer das alles auf einen Punkt zu bringen. Es gibt Situationen im Leben, in denen man sich entscheiden muss. Und ich habe vieles miterlebt. Auch wenn gesagt wird, dass Gut und Böse nicht auseinander gehalten werden können. Unabhängig vom Wertesystem spürt eine Person in sich selbst, ob eine Entscheidung, die eine Person für sich trifft, die richtige ist.

Ich habe von einigen Menschen mitbekommen, dass sie sich für die falsche Seite entschieden haben und sich somit ganz verloren haben und diese Menschen bleiben auch nicht lange glücklich. Doch wenn man sich für die gute Seite entscheidet, etwa nicht ständig egoistisch zu sein und für andere Opfer zu bringen und für andere Menschen da zu sein, dann wird man glücklich und ist mit sich selbst im Reinen. Jeder sollte bei sich selbst beginnen und nicht darauf warten, dass andere den ersten Schritt machen

 

 

 

Transkribiert von Tayyeba Raja.

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