Islam-Debatte

Jihadisten sind sehr fromme Muslime

01.12.2020 - Mohammed Saboor Nadeem

Kaum findet ein Terroranschlag in Europa statt, lesen wir unzählige Statements von muslimischen Vertretern auf sozialen Medien, hören sie in der Tagesschau kommentieren oder von der Kanzel in Moscheen predigen, in denen sie die grauenhaften Taten verurteilen. Das ist gut so! Doch ich plädiere für einen Kurswechsel, für eine schärfere Sprache, theologische Debatten über den Ursprung des Terrors und ein besseres Verständnis darüber, warum Extremisten überhaupt Zulauf finden.

Nachdem ich mit einem gleichaltrigen jungen Abgeordneten der Hamburgischen Bürgerschaft (Landesparlament) eine sehr gehaltvolle Diskussion auf WhatsApp hatte, über einen Online-Clip, in dem deutsche Imame Terroranschläge verurteilen und die Täter “vermeintliche Muslime” nennen, habe ich mich entschlossen, die wichtigsten Gedanken aus diesem Austausch hier etwas ausführlicher zu formulieren. Mein Standpunkt dabei war, dass wir die Jihadisten durchaus als sehr fromme Muslime sehen sollten. Erst diese provokante Aussage hat daraus eine tatsächliche Diskussion herbeigeführt.

Ich habe in den letzten Jahren etliche Statements von Islam-Verbänden und Imamen gelesen und gehört, in denen sie ihre Trauer und ihr Entsetzen über die grauenhaften Taten zum Ausdruck bringen und diese verurteilen. Aber nicht gut genug. Damit meine ich die Worte, die Imame oder Gemeindevorstände benutzen, wenn grausame Terroranschläge unsere Gesellschaft treffen. Denn in der Regelmäßigkeit, mit der wir in den letzten fünf Jahren europaweit Terroranschläge sehen, kann ich keinen umkehrenden Effekt aus ihrem Narrativ erkennen. Ganz im Gegenteil, glaubt man den deutschen Sicherheitsbehörden, wächst die Gefahr aus dem islamistischen Milieu für unsere Gesellschaft ständig. Es scheint, dass eine neue Anschlags-Welle trotz Pandemie nicht ausbleibt, nicht in Europa, und auch nicht in muslimisch geprägten Gesellschaften, wo das extreme Ausmaß der Anschläge mit den Anschlägen hier nicht mehr zu vergleichen ist.

Schon seit den 80ern, dem Aufkommen des Mullah Regimes als politische Macht in Iran, hören wir im Nahen Osten und Europa Rechtsurteile und Statements, in denen politische Gewalt - also Terrorismus, durch moderne Medien immer öfter verurteilt wird.

Doch das Entstehen der Terror-Organisation IS, mit all ihren grauenhaften und brutalen Verbrechen gegen die Menschheit, mit all den verletzten, verstümmelten und getöteten zivilen Opfern, wie es sie zuvor durch keine islamistische Terror-Organisation gab, und dem internationalen Zulauf, konnten die mit Zitaten unterlegten und mit Quellen untermauerten Aussagen der muslimischen Vertreter nicht aufhalten. Obwohl die Jihadisten Muslime sind, wenn auch sehr extreme Muslime, müssten doch gerade sie die Statements verstehen. Für wen sind diese Aussagen denn sonst verfasst?

Natürlich muss man dann ebenso kritisch hinterfragen, ob es überhaupt richtig ist, wenn konservative Politiker oder Journalisten generell alle Muslime auffordern, Terrorismus zu verurteilen und sich davon zu distanzieren. Das ist weder sinnvoll noch fair, denn einzelne Muslime dürfen nicht mit Kollektivschuld behaftet und erst recht darf nicht politisch damit gespielt werden.

Es ist aber genauso falsch, dass Imame den Islam und sich unaufgefordert von Gewalt freisprechen. Sie sollten eher eine (selbst-)kritischere und schärfere Sprache entwickeln, mit der sie in der Lage sind, islamistischen Extremismus zu analysieren, denn die islamistischen Anschläge werden von Muslimen verübt, die sehr fest daran glauben, dass sie das Richtige tun, so sehr dass sie sogar dafür bereit sind, zu sterben. Diese Statements, mit denen dann solche Anschläge (denen nicht-Muslime und Muslime gleichermaßen zum Opfer fallen) verurteilt werden, sind, wenn man das eben Gesagte berücksichtigt, viel zu oberflächlich, relativierend und auch sinnlos. Wenn wir dann nicht in der Lage sind, ein starkes und wirkmächtiges Narrativ dagegen zu entwickeln, wenn die Sprache oberflächlich bleibt, dann wird es uns auch nicht gelingen, das Problem an der Wurzel zu packen.

Entsetzen, Schmerz, Leid und Trauer zu äußern, dagegen sage ich nichts. Das ist therapeutisch sogar sehr sinnvoll und erweckt auch Empathie bei der Bevölkerung. Aber, um gerade auf der Bühne, die den Verbänden leider viel zu oft nur dann geboten wird, wenn islamistische Terroranschläge stattfinden, ein Resultat zu erlangen, und zwar bei denen, die auf dem falschen Weg sind, muss das Narrativ über diese Oberflächlichkeit und Beileidsbekundungen hinausgehen. Kritische Analysen und klare Worte müssen dafür gefunden werden, warum Jihadisten mit ihrem Narrativ Menschen dazu bewegen Attentate auszuführen. Es reicht nicht aus, die Jihadisten “Ungläubige” oder “vermeintliche Muslime” zu nennen. Interessant dabei ist, die Parallele zwischen Islam-Verbänden, die Gewalt verurteilen, und Jihadisten, die sich gegenseitig und andere mit dieser Taktik zu Ungläubigen erklären. Dieses Paradox wird kaum hinterfragt, obwohl meiner Meinung nach genau darin ein Anfang für einen kritischen Diskurs liegt. Jihadisten nämlich tun das, was sie tun, im Namen Gottes und ihrer Religion: sie glauben an Allah, an seine Schrift, an seine Propheten und den Tag des Jüngsten Gerichts. Sie tun das, was sie tun, mit voller Hingabe und Eifer, darin erkennt man ihre “Frömmigkeit” (Lebensgestaltung, Haltung, Emotionen, Glaube). Ein Anschlag steht am extremen Ende. Im Vergleich zu den uns bekannten Zahlen aus dem islamistischen Milieu haben recht wenige von ihnen tatsächlich Anschläge verübt. Dadurch wird deutlich, dass jene Argumente, die Attentäter aus dem islamistischen Milieu ausschließen und sie als Außenseiter der Gesellschaft darstellen, sich mit ihrer Lebensweise nicht beschäftigt haben. Die Frage, die sich daraus ergibt, ist, was tun all die anderen Jihadisten, die nicht kämpfen oder sich in die Luft sprengen?

Um das zu verstehen, müssen wir jegliche pseudo-psychoanalytischen und -psychopathologischen Erklärungsversuche, wie z.B. Jihadisten seien Psychopathen, wie dies oft von Kommentatoren leichtsinnig vorgetragen werden, beiseitelassen. Es fällt unserer Ratio schwer, die Bösen im Arendtschen Sinne als “normal” zu verstehen. Dabei sollte Psychologie sehr wohl eine große Rolle spielen, aber eher durch empirische Befunde und Analysen als durch Effekthascherei. Tatsächlich sind Menschen mit psychischen Erkrankungen, von denen ernsthafte Gefahren ausgehen, recht selten, dies gilt auch für psychisch kranke Jihadisten. Daher müssen wir sehr wohl genauer in die Köpfe schauen, um zu verstehen was die religiöse Umwelt und Struktur ihnen bedeutet. Diese genauer zu verstehen, helfen semi-psychologische Aussagen genauso wenig wie das ständige Aussprechen von allgemeingültigen Werten und ethischen Grundsätzen, wie etwa Gewalt sei keine Lösung. Denn wenn die Bevölkerung von Statements profitieren soll, dann müssen eben auch die religiösen Praktiken, Zitate und Quellen (auch der anderen Konfessionen) studiert und in einen kritischen Kontext gesetzt und offen problematisiert werden, die hauptsächlich von Extremisten benutzt werden. Darin liegt auch eine große Chance für die Demokratisierung muslimischer Verbände in Europa. Dann würde sich schnell herausstellen, wer in der Lage ist, den Islam verfassungskonform auszulegen und wer welchen Nachholbedarf hat.

Dieser Diskurs sollte deshalb auch jetzt von Muslimen ernst genommen werden, weil weiterhin vor allem junge Muslime vom sog. Mainstream-Islam weg und in die Hände von Extremisten laufen. So muss ich Präsident Macron recht geben, dass der Mainstream-Islam sehr wohl in einer Krise steckt. Das damit abzutun, dass nur eine Minderheit zu Extremisten wird und nur eine Minderheit von der Minderheit soweit geht und tatsächlich Terroranschläge verübt, ist falsch. Wer z.B. in Länder wie Pakistan mit über 200 Millionen Einwohnern schaut, wird Zahlen von bis zu 10% Sympathisanten (keine Anhänger!) von Jihadisten finden, von denen es dann sehr viele gibt. Wie sieht es dann wohl bei fast 2 Milliarden Muslimen weltweit aus? Dieses Beispiel führe ich deshalb an, um aufzuzeigen, dass es bei einer Weltreligion wie dem Islam auch sinnvoll ist global auf das Problem zu schauen, um es zu verdeutlichen. Denn dann geht es nicht mehr um den einen Klassenkameraden, der nach Syrien gereist ist, sondern auch um die anderen ca. 5000 Jugendlichen aus Europa. Und auch das wird wohl nur die Minderheit von der Minderheit sein. Hier steckt der Teufel tatsächlich im Detail.

Gerade in den vergangenen Wochen, als es um die Mohammed-Karikaturen ging, zeigten sich viele Muslime weltweit als stolze Muslime, die zu ihrer Religion stehen und bereit sind, die Ehre des Propheten zu verteidigen. Besonders Extremisten zitierten dabei aus den heiligen Quellen und riefen auf, die Ehre des Propheten mit allen Mittel zu verteidigen. Demgegenüber standen generelle Aussagen, das Töten im Islam sei verboten. Es zeichnete sich eher ein falsches Bild ab, dass die einen nicht zu töten bereit seien, die anderen schon. Das jüngste Ereignis zeigt auch, dass sich sehr wohl eine Kultur der Ambiguität im Islam finden lässt, die entweder das Töten- oder das Nicht-Töten-Statement unterstützten kann.

Nur das Auswählen und zitieren von Textstellen, die ausschließlich von Liebe und Barmherzigkeit erzählen, lässt die anderen Textstellen, in denen z.B. von Gewalt die Rede ist, nicht verschwinden. Extremisten denken sich diese auch nicht aus, sondern greifen auf dieselben Quellen und Taktiken zurück. Doch warum tun sie dies? Dies herauszufinden, sollte auf der Agenda eines jeden Islam-Verbands stehen, dem etwas daran liegt perspektivisch muslimische Kinder gegen das Narrativ der Islamisten zu immunisieren. Es ist eine große Aufgabe, jene kritischen Stellen vollständig in einem Zusammenhang zu sehen, und zwar so, dass jeder sie versteht. Dafür muss man den gesamten Inhalt der Last kennen, die man mit sich trägt. Die richtigen Worte und Art der Ansprache dieser Problematik sollten sich aber innerhalb der muslimischen Gemeinden entwickeln, nur so kann sich die tatsächlich friedliche Mehrheit von der gewaltbereiten Minderheit abgrenzen und ihr die ideologische Grundlage entziehen. Dabei spielen Imame (wörtl.: Anführer, Leiter, Vorbeter oder Vorbild), die das theologische Wissen besitzen, eine entscheidende Rolle ihre Gemeinden in einem solchen Dialog zu führen.

Denn der Status als Weltreligion bringt auch globale Verantwortung mit sich!

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