Nahost-Kenner im Interview

Jürgen Todenhöfer: "Wir leben in einer verlogenen Welt!"

15.10.2013 - Nasreen Ahmadi

Der neue Bestseller "Du sollst nicht töten" macht wieder einmal deutlich, dass Konflikte nur durch Verhandlungen und nicht mit Waffengewalt gelöst werden. DAS MILIEU sprach mit dem bekannten Nahost-Kenner Jürgen Todenhöfer über die Ächtung des Krieges, den Frieden in Syrien, die Wahlen in Afghanistan und die Nominierung Malalas für den Friedensnobelpreis.

DAS MILIEU: Der Titel Ihres neuen Bestsellers lautet „Du sollst nicht töten“. Eine Aufforderung, die jeder ohne Zögern unterschreiben würde, da fast jeder den Krieg für dumm, abstoßend und unzivilisiert hält. Trotzdem findet man sehr wenige Stimmen in der Bevölkerung, die sich gegen die Kriegseinsätze erheben.

Warum wehren sich so wenige Bürger gegen den Kriegseinsatz und gegen die Politiker, die uns einreden wollen, dass ein Kriegseinsatz besser wäre, als politische Verhandlungen?

Todenhöfer: Weil der Krieg immer mit Lügen begründet und schön geredet wird. Uns wird erzählt, er sei notwendig um Menschenrechte durchzusetzen, um Leid zu lindern, um den Unterdrückten zu helfen oder um unsere Sicherheit zu verteidigen. In Wirklichkeit geschieht meist das Gegenteil.
Da der Krieg oft auch ‚weit weg’ ist, wird er bei uns aus dem Alltag ausgeblendet. Uns wird verschwiegen, was Krieg wirklich bedeutet. Morden, verstümmeln, vergewaltigen und plündern. Auf beiden Seiten. Solange wir uns nicht mit dieser Tatsache offen auseinandersetzen, wird sich da auch nichts ändern.
 
DAS MILIEU: Als die USA in Syrien militärisch eingreifen wollten, wurden die wahren Motive der Politiker von den meisten Medien überhaupt nicht hinterfragt. Auch die komplizierte Lage in Syrien wurde nicht analysiert. Die Politik lieferte Schwarz-Weiß-Begründungen und die Medien druckten sie ab. Woran liegt das eigentlich?

Todenhöfer: Ich kann mich an keinen Konflikt erinnern, in dem ein Großteil der Medien so lange und so vehement eine militärische Reaktion gefordert hat, wie in Syrien. Verblüffend ist auch, wie lange die meisten Medien bis heute an ihrer teilweise ziemlich verdrehten Berichterstattung festhalten und dabei die Realität vor Ort einfach ignorieren. Das hat auch damit zu tun, dass die meisten Journalisten ihre Informationen fast ausschließlich von den Rebellen beziehen. Mit der anderen Seite zu reden, ist für viele ein Tabu. Man müsste dann ja möglicherweise sein Feindbild korrigieren. Syrien besteht nicht nur aus Opposition und Rebellen. Ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung steht hinter Assad, ob uns das gefällt oder nicht. Dazu kommt noch die schweigende Mitte. Doch diese Menschen werden ausgeblendet, da ihre Meinungen nicht in unsere Version der Geschichte passen.

DAS MILIEU: Der Westen weigert sich kategorisch, mit Assad zu sprechen. Was ist Ihrer Meinung nach der Hauptgrund?

Todenhöfer: Das Argument der Verhandlungsgegner lautet, Assad töte sein eigenes Volk und sei ein Kindermörder. Doch auch die Rebellen töten mit Mörsern und Granaten ihr eigenes Volk. Selbst Abraham Lincoln tötete im amerikanischen Bürgerkrieg, der über 600.000 Menschen das Leben kostete, sein eigenes Volk. In erster Linie, wie er immer wieder betonte, um die nationale Einheit zu wahren und dann erst um die Sklaverei zu überwinden. Churchill, Roosevelt, Truman töteten mit ihren Städtebombardierungen, teilweise mit Atombomben, tausende Kinder. Bush und Obama töteten und töten im Irak, in Afghanistan und in Pakistan ohne mit der Wimper zu zucken, Kinder. Wegen dieser Realitäten bin ich ja gerade gegen Kriege, weil sie immer auch Kinder töten. Genau deswegen muss man Verhandlungen dem Krieg vorziehen. Das Argument, mit Kindermördern könne man nicht verhandeln, man müsse sie mit Kriegen vertreiben, ist zynisch, weil man damit das Recht beansprucht, weiter Kinder zu töten. Im Interesse der guten Sache natürlich. Wir leben in einer verlogenen Welt.
 
DAS MILIEU: Assad hat sich bereit erklärt, in der Chemiewaffen-Frage mit dem Westen, mit der Welt zu kooperieren. Welche Schritte müssen als nächstes folgen, um diesen Konflikt weiter zu entschärfen und wie lange wird der Krieg in Syrien Ihrer Einschätzung nach noch dauern?

Todenhöfer: Wir sollten die Chance der Gespräche über den Abbau der Chemiewaffen zur Entschärfung des Gesamtkonflikts nutzen. Der Krieg in Syrien muss politisch gelöst werden. Nur Verhandlungen mit tiefgreifenden Zugeständnissen beider Seiten können zu einer fairen Lösung für alle Syrer führen. Diesen Krieg auszukämpfen zu wollen, ist Irrsinn und Menschen verachtend. Wer das hinnimmt, interessiert sich nicht wirklich für die Menschen dort. Alle Konfliktparteien müssen an einen Tisch, ohne Vorbedingungen. Die USA und ihre Verbündeten müssen ihren Einfluss auf die Rebellen und die Opposition nutzen, um diese an den Verhandlungstisch zu bringen. Dass die Opposition bisher das Gespräch verweigert, ist unverantwortlich. Die USA müssen Saudi-Arabien und Katar zwingen, ihre Waffenlieferungen an die Rebellen einzustellen. Hauptkunde dieser Lieferungen ist ja Al Qaida. Die Saudis und Kataris liefern die Waffen nicht, um den Syrern Demokratie zu bringen, sondern um durch den Sturz Assads den Iran zu schwächen.
 
DAS MILIEU: Ist es denn denkbar, dass eine politische Lösung erreicht wird, in der Assad weiter herrschen kann?

Todenhöfer: Das sollten allein die Syrer entscheiden. Wir sollten uns vehement für eine friedliche Lösung des Konfliktes einsetzen. Den Rest sollen die Syrer entscheiden. Assad hat in der Bevölkerung offenbar mehr Rückhalt, als uns durch westliche Medien gesagt wird. Die Rebellen verlieren an Rückhalt. Und die vom Ausland gehätschelte syrische Exil-Opposition wird in Syrien von kaum jemandem ernst genommen. Sie gilt als eine Erfindung des Westens. Im übrigen glaube ich nicht, dass Assad ewig Präsident bleiben will.
 
DAS MILIEU: Präsident Assad kann sich im Syrien-Krieg eine Vermittlerrolle Deutschlands vorstellen. Außenminister Westerwelle wies dies jedoch umgehend zurück. Warum will sich Deutschland nicht als Vermittler für politische und diplomatische Lösungen einsetzen?

Todenhöfer: Ich kann über die Aussage von Herrn Westerwelle nur den Kopf schütteln. Und das nicht nur, weil ich viele Vertreter der Bundesregierung kenne, die sehr wohl für eine friedliche Lösung des Konflikts eintreten. Die Bundesregierung hat mir ja schließlich auch geholfen, konkrete Verhandlungsangebote der iranischen und der syrischen Regierung an die US- Administration zu überbringen. Vielleicht wollte Westerwelle den UN-Vermittler Lakdar Brahimi nicht übergehen, aber seine schroffe Zurückweisung der Bitte um Vermittlung war töricht.
 
DAS MILIEU: Wegen den vielen Massaker von beiden Seiten haben zahlreiche Menschen in Syrien ihre Verwandten und Freunde verloren. Entsetzliche Bilder des Krieges haben sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt. Viele empfinden Hass gegenüber ihren eigenen Landsleuten. Wie schafft man es, ein Volk von diesem Hass zu befreien?

Todenhöfer: Viele Wunden werden nie verheilen. Deswegen versuche ich mich ja so sehr für kluge politische Verhandlungen und Lösungen einzusetzen. Weil Krieg nicht mit der letzten Bombe endet, sondern in den Menschen Jahrzehnte lang weiter lebt. Wer seinen Bruder sterben sieht, vergisst das nicht. Wie leichtfertig wir mit Krieg umgehen, macht mich immer wieder zornig. Manche westlichen Staaten schüren und schüren und schicken Waffen und Geld für noch mehr Waffen. All das, angeblich um die Syrer zu befreien. In Wirklichkeit zerstören sie so vielen die Zukunft. Ich kann es nur immer wieder sagen: Wir müssen uns für Verhandlungen und Dialog aussprechen. Alles andere wird zu grauenvollen Konsequenzen führen und zu noch mehr Hass.
 
DAS MILIEU: Weitere zwei Millionen Syrer haben das Land verlassen und vier Millionen sind im Inneren des Landes auf der Flucht. Was bedeutet das eigentlich für die Zukunft dieser Nation?

Todenhöfer: Das hängt davon ab, wie lange der Konflikt noch weiter geht. Aber die Zukunft der meisten Syrer wird schwierig sein. Übrigens sagt die Tatsache, dass die meisten Syrer in Gebiete flüchten, die von der Regierung kontrolliert werden, viel über die heutige Lage in Syrien aus. Aber auch das wird hier oft übersehen.
 
DAS MILIEU: Zwischen Iran und den USA gibt es nach 30 Jahren wieder Gespräche. Die Chancen auf eine Wiederannäherung zwischen den USA und Iran stehen gut. Nur der israelische Präsident steht dem allem skeptisch gegenüber. Könnte diese skeptische Haltung den Konflikt zwischen USA und Iran beeinflussen?

Todenhöfer: Niemand hat in den letzten Jahren so viel Unsinn über Iran geredet wie Netanjahu. Wenn es nach ihm ginge, wäre der Iran schon längst angegriffen worden. Völkerrechtswidrig übrigens. Aber die USA scheinen verstanden zu haben, dass die Iraner es mit dem Verhandlungsangebot ernst meinen. Nach 30 Jahren hat sich jetzt eine große Chance ergeben, auch wenn Netanjahu darüber nicht erfreut ist. Frieden mit Iran wäre auch für Israel gut. Aber vielleicht nicht für Netanjahu, den dann keiner mehr bräuchte. Durch sein kriegerisches Poltern wird Netanjahu immer mehr der Ahmadinedschad Israels. Das ist nicht gut für Israel, dessen Existenzrecht ich übrigens immer verteidigt habe. Aber Israel kann nur in einer Welt von Freunden überleben, nicht in einer Welt von Feinden. Dazu muß es auch das Existenzrecht anderer Völker anerkennen. Zum Beispiel das der Palästinenser.
 
DAS MILIEU: Herr Todenhöfer, in Ihrem Buch erfährt man, dass Sie zahlreiche Male in Afghanistan waren. Im kommenden Jahr sind dort Wahlen und es tummeln sich zahlreiche Kriegsverbrecher auf den Wahllisten. Die meisten dieser Männer gehören eigentlich eher vor ein internationales Gericht, als in den Präsidentenpalast. Beispiele dafür wären der Warlord Dostum, der mit Hilfe Asraf Ghanis zum Vizepräsidenten ernannt werden will. Kann man mit solchen Präsidentschaftsanwärtern in Afghanistan auf Frieden hoffen und wie groß ist die Gefahr, dass es wieder zu einem Bürgerkrieg kommt?

Todenhöfer: Diese Frage ist durchaus berechtigt. Es muss darüber nachgedacht werden, wie das Land mit diesem Personenkreis umgehen sollte. Gleichzeitig muss ich aber auch sagen, dass diese Personen an die Schaltzentren der Macht gekommen sind, weil die Amerikaner sie in den letzten 12 Jahren zu Partnern im "Krieg gegen den Terrorismus" gemacht haben. Sie sollten in Zukunft keine führenden Positionen mehr erhalten. Aber letztlich müssen die Afghanen selber entscheiden, wie sie damit umgehen.

DAS MILIEU: In den vergangenen Tagen wurde Malala Yousafzai, das Mädchen, dem im vergangenen Jahr von einem pakistanischen Extremisten in den Kopf geschossen wurde, für den Friedensnobelpreis nominiert. Den diesjährigen Sacharow-Preis des EU-Parlaments für geistige Freiheit erhielt sie bereits und einen "Malala Day" gibt es auch schon. Warum wird nicht auch den Kindern, die fast jeden Tag durch amerikanische Drohnen ums Leben kommen, ein Gedenktag gewidmet? Warum interessiert sich keiner für sie?

Todenhöfer: Was Malala passiert ist, ist ein schreckliches Verbrechen und ich finde es bewundernswert, wie sie damit umgeht. Es ist richtig, dieses tapfere Mädchen zu ehren.
Es gehört jedoch zur traurigen Realität unserer Welt, dass wir meist nur die Verbrechen unserer Feinde zeigen. Wäre Malala von einer US-Drohne verletzt oder getötet worden, hätten wir ihr Gesicht wohl nie kennen gelernt. Es gäbe dann auch keinen "Malala Day". Die Gesichter der von Drohnen getöteten Kinder Pakistans haben es noch nie auf den Titelseiten westlicher Magazine geschafft.
 
DAS MILIEU: Vielen Dank für das Interview, Herr Todenhöfer!
 
 

 Jürgen Todenhöfer (geb. 1940) ist Autor und Publizist. Der promovierte Jurist saß 18 Jahre für die CDU im Bundestag. Anschließend gehörte Todenhöfer bis 2008 zum Mitglied des Vorstandes bei Burda Media. Schon in frühen Jahren zeigte er großes Interesse für arabische Welt. Immer wieder bereiste er den Nahen und Mittleren Osten, Iran und Afghanistan. Er schrieb die Bestseller "Wer weint schon um Abdul und Tanaya?", "Andy und Marwa – zwei Kinder und der Krieg", "Warum tötest du, Zaid?"und "Teile dein Glück". In seinen Büchern analysiert er die Lage der Kriegsgebiete und hält ein leidenschaftliches Plädoyer für den Frieden und gegen den Krieg. Seine Buchhonorare gehen unter anderem an schwerverletzte syrische Kinder, an Kinderheime in Afghanistan und an ein Kinderkrankenhaus im Kongo.

 

 

 Das Interview führte Nasreen Ahmadi am 14. Oktober 2013.

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