Eine Frage des MILIEUs

"Kann man ohne Müll zu produzieren leben?"

15.03.2019 - Tante Olga

Wenn ich morgens aufstehe muss ich in der Regel nicht duschen, da ich meinen Haaren an einen 3-4 Tage Rhythmus gewöhnt habe. Heute ist so ein Tag. Sind die Haare nass gemacht, wird die Haarseife auf der Kopfhaut verrieben und eingeschäumt. Gewaschen und rasiert wird auch damit. Ich liebe meine Universal-Alepposeife, weil ein Stück alles kann. Die Einwegrasierer habe ich schon vor langer Zeit gegen einen guten Rasierhobel eingetauscht. Auf das Eincremen nach dem Duschen kann ich verzichten. Auch das konnte ich meiner Haut abgewöhnen – seltener Duschen macht das leichter.

Unter die Arme kommt ein Spritzer DIY Natron-Deo und damit bin ich auch schon fertig im Badezimmer. Das Anlegen einer Tagesmaske habe ich vor ein paar Jahren komplett eingestellt. Die unvorteilhaften Verpackungen von Schminke und Co. wollte ich nicht mehr haben. Mittlerweile genieße ich nicht nur den Zeitvorteil. Dass ich mich früher nur nach einem Besuch vor dem Schminkspiegel als vollständige Person gefühlte, empfinde ich als wahre Erlösung. Wenn ich mich nie anmale, fühle ich mich immer schön. Und wenn ich mich mal nicht schön fühle, dann zumindest natürlich.

Den Kleiderschrank werde ich heute nicht besuchen, denn ich ziehe einfach das an, was ich gestern und den Rest der Woche anhatte. Solange mein Sohn mich nicht anspuckt und das Natron-Deo seinen Dienst tut, fiel mir irgendwann kein Grund mehr ein, jeden Tag im Kleiderschrank zu wühlen. Es soll Menschen geben, denen macht das Spaß, ich sehe es eher als Zeitverschwendung. Und selbst wenn ich mal wechsele, befinden sich in meinem Schrank so wenige und nur Lieblingsteile, dass ich kaum noch weiß wie es sich anfühlt „nichts zum Anziehen zu haben“. 

Langsam wacht nun auch mein kleiner Sohn auf und muss dringend aufs Klo. Ich freue mich nach 2 ½ Jahren immer noch jedes Mal darüber, dass er das schon kann. Das Abhalten von Geburt an, hat sich wirklich gelohnt – keine lästigen Windeln mehr, keine dreckigen oder Wunden Pos und deutlich weniger Wäsche. Seit einem Jahr ist er nun schon weitestgehend „trocken“.

Wir frühstücken zusammen Müsli mit selbst gemachter Hafermilch. Nach vielen Experimenten habe ich den Trick endlich raus, wie sie auch richtig lecker wird. Meinen Kuhmilchkonsum möchte ich schon lange reduzieren. Tetra-Paks kommen für mich aber auch nicht in Frage, da Kunststoff und Aluminium daraus nicht recycelt werden. Das Müsli habe ich in unserem eigenen Unverpackt Laden „Tante Olga“ gekauft. Mir fehlte diese Möglichkeit so lange, bis mein Mann und ich beschlossen, einen eigenen Laden aufzumachen. Nun haben wir keine Verpackungen mehr und können vielen anderen Menschen das gleiche ermöglichen.

Jetzt geht es noch mal ins Bad, um mit den Bambuszahnbürsten unsere Zähne putzen. Nehme ich heute die Zahnputztablette oder mein selbstgemachtes Zahnpulver? Manchmal kann ich mich nicht entscheiden. Mein Sohn interessiert das nicht, wer möchte am liebsten nur auf der Bürste herumkauen.

Ist der kleine Mann gut bei der Tagesmutter angekommen radele ich zum schönsten Arbeitsplatz der Welt. So empfinde ich es zumindest häufig, wenn mir bewusst wird mit wie viel Sinn ich meinen Alltag füllen darf. Für mich ist das ein großer Luxus, der mir weit mehr gibt, als jede Shoppingtour. Tatsächlich kann ich mir diesen Luxus nur leisten, weil Shoppingtouren von meiner To-Do-Liste verschwunden sind. Ich kaufe nur noch sehr selten und wenn, dann meistens Gebrauchtes. Den Kleiderschrank peppe ich auf Kleidertauschpartys auf und Möbel finde ich immer wieder auf dem Sperrmüll, mehr als in unsere Wohnung reinpassen. Windeln muss ich ja zum Glück auch keine kaufen. Die Investition in Stoffwindeln hat sich schnell ausgezahlt.

Am Nachmittag mache ich es mir mit meinem Sohn auf dem Spielplatz gemütlich. Er fühlt sich dort wie zu Hause und hat ein erstaunliches Vermögen Spielzeug zu teilen. Ob das etwas damit zu tun hat, dass es in unserer Patchwork Familie kaum „mein“ und „dein“ gibt, wüsste ich wirklich gerne mal untersucht. Platz für sein eigenes Zimmer hat unsere Wohnung jedenfalls nicht und spielen tut er mit Küchenutensilien genauso gerne wie mit offiziellem Spielzeug. Wenn der kleine Hunger naht, packe ich ein Brötchen aus dem Stoffbeutel aus mit dem ich immer zum Bäcker (oder zu unserem Laden) gehe. Kekse, Quetschies, Reiswaffeln und Co. brauchen wir nicht. 

Auf dem Rückweg geht es noch mal kurz im Laden vorbei. Heute ist Mittwoch, Ausgabetag der Solawi (Solidarische Landwirtschaft), bei der wir Mitglied sind. Alles was hier angebaut wird, kommt auch auf den Teller. Nichts wird weggeschmissen, weil es zu krumm oder zu klein ist. Wir sammeln unseren Gemüseanteil ein und machen uns ans Abendessen. Frisch zu kochen enthält großes Einsparpotential, sowohl finanziell als auch verpackungstechnisch. Da dafür mit Kind und Kegel nicht immer viel Zeit ist, habe ich gelernt, das Ganze möglichst einfach und unkompliziert zu gestalten. Auch heute bin ich etwas knapp dran. Ich schnibbele nur schnell ein paar Kartoffeln klein und backe sie mit Salz und Öl im Backofen knusprig. Dazu gibt es Spinat-Salat frisch von der Solawi – regional, saisonal, unverpackt und lecker!

Mein Sohn allerdings hat nicht so recht Lust auf Abendessen und spielt lieber Gläserrotieren. Da waren wir nicht schnell genug und die Scherben liegen auf dem Boden. Wir seufzen genervt und beginnen den Küchenboden zu fegen. Das Glas landet im Mülleimer.

Ganz ohne Müll geht es also auch bei uns nicht. Natürlich nicht. Wir leben in einer Gesellschaft, die zwangsläufig Müll produziert und alles was wir besitzen, geht irgendwann kaputt. Zero Waste beschreibt aber auch keinen Zustand, sondern eine Utopie, die anzustreben sich lohnt, um unsere endlichen Ressourcen zu schonen. Jeder kann sofort loslegen damit und weniger konsumieren, nutzen was schon da ist und Verpackungen und Einwegprodukte vermeiden. Allein damit lassen sich recht einfach rund 80 % des Hausmülls vermeiden.

Weitere Infos: www.tante-olga.de

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