Rezension

Kapitalismus global. Über die Zukunft des Systems, das die Welt beherrscht

01.12.2020 - Dr. Burkhard Luber

“Die Bourgeoisie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde”

Karl Marx und Friedrich Engel im “Manifest der Kommunistischen Partei”

(S. 13 des hier rezensierten Buches)

Von seinen Kritikern argwöhnisch betrachtet, von den Ökonomen skeptisch oder wohlwollend betrachtet, von den Bankern stürmisch gefeiert: Der Kapitalismus hat sich seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes fester etabliert als je zuvor. Lenins berühmte Schrift “Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus” müsste heutzutage eher umformuliert werden in “Der Digitalismus als höchstes Stadium des Kapitalismus”. 

Dennoch geben auch im Kapitalismus Krisen und Einbrüche Grund genug zur Reflexion. Hier setzt das Buch von Milanovic an, der früher leitender Ökonom an der Forschungsabteilung der Weltbank war und nun an der City University New York arbeitet. Milanovic geht dabei mit einer historisch gegliederten Analyse des Kapitalismus vor, der sich in seinen Hauptepochen als Liberaler, Politischer und Globaler Kapitalismus manifestiert hat. 

Im Westen der Welt hat sich eine liberale meritokratische Variante des Kapitalismus etabliert, für den nach wie vor in der klassischen Nomenklatur von Karl Marx und Max Weber das Privateigentum über die Produktionsmittel kennzeichnend ist mit dem Ergebnis einer Gesellschaft in der die herrschende hochgebildete Klasse einen großen Teil des Finanzkapitals kontrolliert. Kennzeichen für den Politischen Kapitalismus sind, in China und Russland aber auch in anderen Regionen der Welt, ein staatlich gelenkter autoritärer Kapitalismus mit effizienter Bürokratie, fehlender Rechtsstaatlichkeit und Autonomie des Staates. Als Beispiele für Regime mit Politischem Kapitalismus (außer China und Russland) nennt Milanovic Singapur, Äthiopien, Algerien, Ruanda. 

Die dritte Form des Kapitalismus ist der Globale Kapitalismus, der vor allem durch Mobilität der beiden Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit gekennzeichnet ist. Hier referiert Milanovic auf die eindrucksvolle Studie von Richard Baldwin “The Great Convergence” (hier in dieser Zeitschrift bereits früher besprochen), der drei Globalisierungsphasen unterscheidet, die durch eine Verringerung der Transportkosten zuerst von Gütern, danach von Information und schließlich von Menschen.

Nach dieser globalen Analyse resümiert Milanovic drei Typen der Entwicklung des westlichen Kapitalismus und präsentiert dazu zwei Alternativmodelle:

  • Im klassischen Kapitalismus ist jeder Kapitalist reicher als jeder Arbeiter. Eine Einkommensumverteilung (zB über Steuern) findet kaum statt. 

  • Im sozialdemokratischen Kapitalismus erfolgt eine erhebliche Umverteilung durch Steuern und frei zugänglicher Krankenversicherung und Bildung.

  • Im liberalen meritokratischen Kapitalismus steigt die interpersonale Ungleichheit.

Diesem empirischen Befund stellt Milanovic zwei Alternativmodelle gegenüber:

  • Im “Volkskapitalismus” bleiben die Einkommen weiterhin unterschiedlich, aber alle Bürger beziehen dieselben Anteile ihres Einkommens aus Kapital und Arbeit. 

  • Im “Egalitären Kapitalismus” erzielen alle Menschen gleich hohe Kapital- und Arbeitseinkommen. Diese relative Einkommensungleichheit gewährleistet Chancengleichheit. “Liberalismus, Kapitalismus und Sozialismus nähern sich einander an” (B.M., Seite 304).

Dabei weist Milanovic in den anschließenden Seiten seines Buches pointiert darauf hin, dass das Erreichen der zwei o.a. Alternativen nicht im voluntaristischen stehen bleiben darf sondern konkrete Handlungs-Strategien umfassen muss und nennt dafür: 

  • Steuererleichterungen für die Mittelschicht und hohe Erbschaftssteuern zum Zweck der Vermögensnivellierung

  • eine deutliche Aufstockung der Mittel für das öffentliche Schulsystem und ein kostenniedriges Bildungssystem

  • eine “Staatsbürgerschaft light", die Einwanderungen ermöglicht, ohne nationalistische Gegenreaktionen zu provozieren

  • eine strikt begrenzte und ausschließlich öffentliche Finanzierung von Wahlkämpfen, um eine “Plutokratie” zu verhindern

Milanovic gibt einen markanten Beitrag zur gegenwärtigen Kapitalismusdebatte, die ebenso anregend zu lesen ist wie das Buch von Thomas Piketty: Kapital und Ideologie (ebenfalls früher in dieser Zeitschrift rezensiert). Was das Buch besonders zu einer spannenden Lektüre macht: Hier spricht niemand von einem ideologisch fixierten “linken” Standpunkt aus (immerhin war der Autor hochrangiger Mitarbeiter bei der Weltbank), sondern ein Ökonom mit Weitblick, dem die Überwindung der globalen wie nationalen Ungleichheiten ein wichtiges Anliegen ist.      

 

Branko Milanovic: Kapitalismus Global. Über die Zukunft des Systems, das die Welt beherrscht. 404 Seiten. 2020. Suhrkamp Verlag. 26 Euro

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