Rezension

Kapitalismus, Märkte und Moral

01.09.2019 - Judith Rötgers

„Aber war der ‚alte Geist‘ des Kapitalismus tatsächlich so viel moralischer als der globale Finanzkapitalismus des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts? Stand nicht das revolutionäre Wirtschaftssystem, wie es sich in industriekapitalistischer Form seit dem 18. Jahrhundert in Europa entwickelte, von Anfang an in der Kritik, weil es zeitgenössischen Moralvorstellungen widersprach? Und hat nicht gerade diese Kritik das System letztlich zukunftsfähig gemacht, indem sie es herausforderte, sich fortlaufend zu reformieren und zu erneuern? Schuf sie nicht, genau genommen, die Voraussetzungen dafür, dass es seine Konkurrenten bis heute überlebte?“ (S. 17)

 

Mit diesen Überlegungen setzt sich Ute Frevert in ihrem neuen Buch „Kapitalismus, Märkte und Moral“ auseinander und geht dabei auch der Frage nach, ob wirklich alle Waren und Beziehungen ein Preisschild erhalten dürfen. Mit historischem Blick nimmt sie sich sowohl Theorie und Praxis des Kapitalismus vor und knüpft mit ihren Reflexionen an aktuelle Bewegungen und Debatten an. Ihre Kernthese ist dabei: Moralische Interventionen bilden die Grundlage für Kurskorrekturen an der kapitalistischen Ordnung. Sie haben sie fortlaufend herausgefordert und transformiert.

Das Buch beginnt mit theoretischen Überlegungen zum Moralbegriff und den Beiträgen der Schwergewichte Adam Smith, John Stuart Mill, Karl Marx und Friedrich Engels, um dann im zweiten Kapitel Armut und die Verschiebung zur Eigenverantwortung spätestens im 18. Jahrhundert zu thematisieren. Das dritte Kapitel bespricht das Aufkommen des Sozialstaates mit sozialen Reformansätzen und dem Versicherungswesen. Daran schließen sich Überlegungen zur Vermarktlichung ganz unterschiedlicher Lebensbereiche an. Vom Heiratsmarkt bis zur Visumsvergabe beleuchtet Frevert, wie wirtschaftliche Prinzipien in soziale Beziehungen eingegangen sind. Im vorletzten Kapitel geht es um den Umgang mit Geld – es handelt von Krediten, der Börse und Wucher. Schließlich folgt der Schwenk ins Heute, indem Frevert die Macht der Produzent*innen, Konsument*innen und des Staates diskutiert.

Der Autorin ist ein flott zu lesender und unterhaltsamer Lauf durch die Kapitalismusgeschichte gelungen. Das Buch ist sprachlich ansprechend geraten, wobei an manchen Stellen weitere Beispiele für noch mehr Anschaulichkeit gesorgt hätten. Gekonnt schlägt das Buch den Bogen zu aktuellen Auseinandersetzungen und verbindet so die historische Analyse mit gegenwärtigen Debatten: Frevert rahmt ihre Ausführungen mit der aktuellen Klimabewegung und Forderungen nach einem „moralischen Kapitalismus“ ein, zieht aber auch innerhalb der Kapitel immer wieder aktuelle Bezüge. Angesichts dieser Rahmung ist es erstaunlich, dass die Vermarktlichung – manche würden sagen der Ausverkauf – der Natur als Beispiel unerwähnt bleibt. Dies wiederum hätte ein weiteres Thema aufgemacht: nämlich das der oft beschönigend genannten globalen Arbeitsteilung. Profite und Konsum hier, Naturzerstörung dort – wie moralisch kann das sein? Im Kolonialismus wurzelnde Ausbeutungsverhältnisse, die bis heute fortdauern und das Fundament des Kapitalismus bilden, dass der Kapitalismus damit auch global gesehen Verlierer*innen und Gewinner*innen produziert, diese Aspekte werden im Buch nicht behandelt.

Während die Autorin den Bogen von Robin Hood, Karl Marx über Papst Franziskus bis zu Bernie Sanders spannt, kommt die (historische) Perspektive von Wissenschaftlerinnen, Denkerinnen, Theoretikerinnen oder Politikerinnen – abgesehen natürlich von ihrer eigenen – zu kurz. Außen vor bleibt damit auch weitestgehend ein Blick auf Geschlechterverhältnisse oder Sorgearbeit als wichtige Säule der kapitalistischen Ordnung und ihre moralischen Implikationen.

Diese Aussparungen ermöglichen, ein recht wohlwollendes Bild vom Kapitalismus zu zeichnen. Der Name der Schriftenreihe, „Unruhe bewahren“, ist somit durchaus passend. Denkbar wäre auch ein grundlegender Wandel statt nur einer Modifikation des Bestehenden. Frevert versteht moralische Kritik allerdings vor allem auch bezogen auf heutige Verhältnisse als eine Kurskorrektur, die nicht an den Fundamenten des Systems rüttelt. Ob das die Zeichen der Zeit richtig liest, wird sich zeigen.

Bildergebnis für Ute Frevert: „Kapitalismus, Märkte und Moral“. Residenz Verlag. 2019. 152 Seiten, 20 Euro.

Ute Frevert: Kapitalismus, Märkte und Moral. Residenz Verlag. 2019. 152 Seiten, 20 Euro.


 

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