Sexueller Missbrauch

Katholisches Gift

01.09.2018 - Ludger Verst

Hohn und Spott schlagen mir entgegen in diesen Tagen. Ein beträchtlicher Teil derer, denen ich begegne, weiß, dass ich katholisch bin. Ich arbeite ja für „diesen Laden“. Zunächst begreife ich nicht: Warum kein Gruß heute? Und der Ton so scharf? — Ach! Pennsylvania, Missbrauchsfälle, Brief vom Papst … — Man könnte meinen: das gewohnte Betroffenheitsszenario.

Doch dieses Mal ist etwas anders. Ohnmächtiger Zorn liegt in der Luft. Aggression und Ratlosigkeit, Wut und Entsetzen. Alles gleichzeitig. Die Atmosphäre atmet Gift. Katholisches Gift. Was schon lange und immer wieder neu nicht enden will, tritt als moralische Pest immer ruchloser zu Tage: Die sexuelle Gewalt an Kindern — allein in Pennsylvania sind es mindestens 1000, die von mehr als 300 Priestern missbraucht wurden — ist eine schier ins Unendliche ausgreifende Epidemie. Wieder hat die Kirche die Täter über Jahrzehnte geschützt, ihre Taten vertuscht.


Wie viele Täter werden es morgen sein? Und wie viele Opfer …?


Fragen wie diese machen Menschen zornig und zynisch und ohnmächtig. Seit langem schon. Doch ihre Geduld mit diesem Verein, diesem „Netzwerk organisierter Kriminalität“, geht definitiv zu Ende. Das spüre ich in diesen Tagen.


Die katholische Männerkirche mit ihrer steilen Hierarchie, so Spiegel-Kolumnistin Margarete Stokowski, sei prädestiniert dafür, sexualisierte Gewalt nicht nur zu ermöglichen, sondern auch ungestraft zu lassen angesichts einer Sexualmoral, die menschliche Bedürfnisse auf extrem wenige lebbare Varianten beschränke oder ganz verbiete (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/katholische-kirche-und-missbrauchsfaelle-gewalt-mit-systema-1224179.html , 21.08.2018). Wer es immer noch nicht glauben will: Die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche sind keine Einzelfälle oder Zufälle, sondern Gewaltszenarien mit System. Sie sind hausgemacht. Pflichtzölibat und Pädophilie mögen keine Geschwister sein, aber sie grüßen sich aus der Ferne als notleidende Verwandte.

Alles scheint gut, auch wenn ich missbrauche

Die gemeinsame Not liegt in der schizoiden Persönlichkeitsstruktur vieler Täter. Das ist an sich nichts Neues. Die Kühle und Unbeirrbarkeit des schizoiden Charakters rühren von der Verdrängung und Abspaltung seiner Gefühle. Ihm fehlt der ehrliche Kontakt zum Anderen — zu Menschen, die anders sind, zu anderen Weltsichten und zum Anderen in sich selbst. Ihm fehlen Übungen in Emotion, Schwäche und Widersprüchlichkeit. Denn obwohl der Schizoide innerlich gespalten ist, stellt ihm Mutter Kirche mit ihrem klaren Bild vom Berufen- und Auserwählt-Sein zum priesterlichen Weiheamt ein über alle Eventualitäten und Fragwürdigkeiten hinaus verlässliches und bruchloses Selbstbild zur Verfügung. Selbst als subjektiv schuldig Gewordener vermag der kirchliche Täter sich schnell intellektuell zu objektivieren. Ich bin Priester auf ewig. Das kirchliche Priesterbild bietet keine Zeit und erst recht keinen Anlass für Ambivalenzen. Alles scheint gut, auch wenn ich missbrauche.

„Mit Karacho gegen die Wand“

Hier wäre der Hebel einer grundsätzlich notwendigen Reform anzusetzen. Das System Kirche müsste sich von dem Druck seiner eigenen Heiligsprechung distanzieren, besser: lossagen, befreien lassen — „um des Himmelreiches willen“. Strukturen, Ordnungen und Ämter verfügen über keinen sakramentalen Eigenwert, wie die Missbrauchsfälle zeigen. Hilfe dazu wird von innen wie von außen nötig sein. Der Präsident des Zentrums für Kinderschutz an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, Hans Zollner, hat mit Nachdruck dazu aufgerufen, die Verantwortung für dieses Thema nicht allein an Kirchenjuristen und Psychiater zu delegieren. Theologen und Sozialwissenschaftler hätten das Problem in seiner Komplexität bisher nicht wahrgenommen. „Kein systematischer Theologe von Rang hat sich in den letzten 35 Jahren damit beschäftigt“, stellte Zollner enttäuscht fest (https://www.kirche-und-leben.de/artikel/missbrauchs-experte-des-vatikans-mitkaracho-gegen-die-wand, 23.08.2018). In der Gesamtkirche sehe es nicht besser aus, weil die traditionell katholisch geprägten Länder des Westens, die Missionsländer und die Ostkirchen in völlig verschiedenen Kulturwelten lebten und sehr verschieden mit den Tabus der Sexualität umgingen. „Die Kirche hat nicht die Sprache, den Mut und den Willen, sich wirklich damit auseinanderzusetzen.“ Deshalb steuere sie bei diesem Problem „mit Karacho auf die Wand zu“, warnte der Jesuit.


Um die Aufklärung von Missbrauchsfällen radikal voranzutreiben und neue zu verhindern, müsste das System bis in die Ämtertheologie und Priesterausbildung hinein nachhaltig umgebaut werden. Natürlich sind solche Forderungen zugleich Überforderungen, wenn man von heute auf morgen oder übermorgen alles klären wollte. Jede Reform aber fängt damit an, das Alte nicht weiter zu fördern, sondern den neuen Weg konsequent zu gehen: die Opfer anzuhören und zu verstehen, statt kalt und nüchtern nur zu „entschädigen“, und diejenigen, die Priester (und Priesterinnen) werden wollen, von der Verpflichtung zum Zölibat zu befreien. An diesen Schmerzpunkten wird sich ein elementares Stück Zukunft dieser Kirche entscheiden.

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