Psychologin im Interview

Katja Grieger: "Die Prügelattacken beginnen nicht in der Hochzeitsnacht"

01.01.2020 - Tahir Chaudhry

Jede vierte Frau in Deutschland hat mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder sexuelle Partnerschaftsgewalt erlebt, zeigen Dunkelfeldstudien des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Frauen, die Gewalt erleben, fühlen sich oft schwach und allein. Frauenberatungsstellen und Notrufe bieten den Opfern oftmals die erste Zuflucht vor der Ohnmacht. Wir sprechen mit Katja Grieger vom Verein "Frauen gegen Gewalt" über die Ursachen männlicher Gewalt, die fehlende Sensibilisierung in der Gesellschaft und den positiven Effekt von #MeToo auf das Geschlechterverhältnis.

Frau Grieger, kann man behaupten, dass der gefährlichste Ort für die Frau die eigenen vier Wände sind?

Grieger: Ja, das kann man ganz schlicht so sagen. Frauen erleben überproportional häufig Gewalt in ihren eigenen vier Wänden. Die vier Wände sind dabei aber eine Metapher für die partnerschaftliche Beziehung. Es kann also durchaus sein, dass der Mann seine Ehefrau im Urlaub im Hotelzimmer oder auf dem Heimweg vom Restaurant im Auto misshandelt. Der Tatort ist nicht immer das eigene Zuhause, aber doch am häufigsten.

Ab wann beginnt für Sie Gewalt?

Für die Strafverfolgungsbehörden ist Gewalt etwas anderes als für eine betroffene Frau, die auch schon das, was nicht direkt strafrechtlich relevant ist, als „Gewalt“ wahrnehmen kann. Wir haben dafür in unserer Arbeit keine feststehende Definition, aber für uns ist jede Handlung, die die körperliche oder seelische Integrität einer Frau verletzt, ein Gewaltakt. Wir unterstützen also jede Frau, die eine Situation als grenzverletzend, übergriffig und gewalttätig erlebt und folgen dabei ihrem persönlichen Empfinden.

Welche Form von Gewalt erleben Frauen am häufigsten?

Die sexualisierte und körperliche Gewalt. Darunter kann sich jeder etwas vorstellen. Danach kommt die psychische Gewalt. Frauen berichten in diesem Kontext davon, wie ihre Partner sie von ihren Freunden isolieren, ihre finanziellen Mittel kontrollieren oder ihnen täglich systematisch erzählen, dass sie der letzte Dreck sind. Eine weitere Form, über die immer häufiger gesprochen wird, ist die digitale Gewalt. In manchen Partnerschaften oder Trennungssituationen verlagern sich gewalttätige Handlungen etwa in die sozialen Medien. Hier setzt Stalking ein, indem der (Ex-)Partner bedrohliche Nachrichten schickt oder eine Spy-App auf dem Handy der Frau installiert.

Es gibt Frauen, die sich von ihren Männern regelmäßig ins Krankenhaus prügeln lassen. Und doch kehren sie immer wieder zu ihren Peinigern zurück. Wie gehen Sie mit diesen Frauen um?

Was wir nicht machen, ist, den Frauen vorzuschreiben, was sie tun sollen. Wir versuchen, alle Möglichkeiten gemeinsam mit ihnen durchzugehen, entscheiden müssen sie letztlich aber selbst. Gewalterfahrungen sind Erfahrungen des extremen Kontrollverlusts. Da übernimmt ein Mann Kontrolle über das Leben einer Frau. Das ist eine Ohnmachtserfahrung. Deshalb ist es für die Frauen besonders wichtig, jeden Schritt selbstbestimmt zu gehen, um sich handlungsfähig fühlen zu können und nicht schon wieder von jemandem gesagt zu bekommen, was man tun oder lassen soll.

Woran liegt es, dass diese Frauen nicht sofort einen Schlussstrich ziehen, nachdem sie das erste Mal Gewalt durch ihren Partner erlebt haben?

Diese Frage höre ich oft und stelle daraufhin eine Gegenfrage: „Sind Sie noch keinen Tag zu lange in einer Beziehung geblieben, die nicht gut für Sie war?“ Es ist nicht immer so leicht, sich zu entscheiden oder eine Trennung dann durchzuziehen. Viele Männer fangen ja nicht in der Hochzeitsnacht mit den schlimmsten Prügelattacken an. Es handelt sich um lange Prozesse, in denen sich Dinge verändern. Manchmal beginnt es mit einer übertriebenen Eifersucht und führt dann über Kontrollsucht und Isolierung vom sozialen Umfeld irgendwann zur ersten körperlichen Gewalttat. Während dieser Entwicklung den richtigen Moment zu finden, in dem man sagt: „Jetzt reicht’s aber!“, das ist gar nicht so leicht. Besonders dann, wenn der Mann sich immer wieder entschuldigt und seiner Partnerin Grund zur Hoffnung gibt, dass er es nicht wieder tun und dass alles wie früher zu Anfang der Beziehung wird.

Bei den Entscheidungen der Frau spielen oftmals Abhängigkeiten eine Rolle. Wodurch können diese entstehen?

Gemeinsame Kinder sind oft ein Faktor. Die sorgen beispielsweise dafür, dass man den prügelnden Ex-Partner auch nach der Trennung noch regelmäßig sehen muss. Denn der Mann hat ein Umgangsrecht mit den Kindern, das von der Frau organisiert und eingehalten werden muss. Die Frau muss die Kinder dadurch regelmäßig zu ihm bringen oder von ihm abholen lassen und es passiert gar nicht selten, dass sie in diesen Situationen wieder bedroht wird. Oft benutzen Männer die Kinder auch als Druckmittel und sagen: „Wenn du dich trennst, dann sorge ich dafür, dass dir das Sorgerecht vom Familiengericht entzogen wird.“ Darüber hinaus sind viele Frauen finanziell auf ihre Männer angewiesen. Gerade wenn die Kinder noch klein sind, ernähren die Männer meist die Familien. Diese finanzielle Abhängigkeit erschwert es, sich ganz allein ein neues Leben mit den Kindern aufzubauen.

Wie würden Sie in diesem Zusammenhang die Gesetzeslage beurteilen?

Die ist ganz gut. Wir haben seit 2001 das Gewaltschutzgesetz, das gerichtliche Maßnahmen zum Schutz vor Gewalt und Nachstellungen sicherstellen soll. Kurz gesagt bedeutet das: Wer schlägt, der geht. Diejenige Person, die eine andere in der Wohnung verletzt hat, muss sie verlassen, selbst, wenn es sich um die eigene Wohnung handelt. Es wird dann vom Gericht oder der Polizei ein Verbot auferlegt, das besagt, dass der Täter sich zwei Wochen nicht in der Wohnung blicken lassen darf. So hat das Opfer Zeit, sich zu sortieren und Hilfe zu suchen. Das rechtliche Problem fängt dort an, wo es gemeinsame Kinder gibt. Denn da wird leider nicht der Schutz der Frau und der Kinder höher bewertet als das Umgangsrecht des Vaters. Das widerspricht unserer Meinung nach internationalen Abkommen, die auch Deutschland unterzeichnet hat. In dem Abkommen des Europarates zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, auch als Istanbul-Konvention bekannt, steht sehr klar geschrieben, dass Sorge- und Umgangsrechtsregelungen niemals die Sicherheit von betroffenen Frauen oder Kindern gefährden dürfen. Eigentlich müssten Gerichte dieses Abkommen immer mitberücksichtigen, wenn sie solche Entscheidungen treffen. Das passiert aber leider nicht, deshalb ist unseres Erachtens eine Ergänzung im Gesetz nötig und wir hoffen, dass wir die Politik davon überzeugen können.

Welche Faktoren auf Seiten der Frau ermöglichen überhaupt einen prügelnden Mann?

Dabei geht es nicht unbedingt um das individuelle Verhältnis zwischen zwei bestimmten Personen. Es existieren über Jahrhunderte alte gesellschaftliche Verhältnisse, in die Männer und Frauen – also wir alle – hineingeboren werden. Diese bringen häufig Männer auf die Idee, sie dürften gegenüber Frauen Gewalt anwenden. Frauen finden sich in Beziehungen meistens automatisch in der unterlegenen Machtposition wieder. Wir leben noch lange nicht in Zeiten, in denen Frauen den Männern gleichwertig sind. Stattdessen sieht man häufig, dass Männer davon ausgehen, über die Körper und Leben von Frauen bestimmen zu dürfen. Wenn Sie mich nach Faktoren fragen, die einen prügelnden Mann ermöglichen, dann würde ich also sagen: ganz einfach das Geschlecht.

Kommen wir zu der Arbeit in den Beratungsstellen. Was passiert, wenn sich eine betroffene Frau telefonisch meldet?

Als erstes muss geklärt werden, ob die Anruferin zum Zeitpunkt des Anrufs in Sicherheit ist oder ob eine akute Bedrohung besteht. Wir fragen also zu Beginn des Gesprächs: „Wo sind Sie gerade und können Sie sicher sprechen?“ Wenn die Frau in akuter Gefahr ist, dann versuchen wir, ihr dabei zu helfen, sich in eine sichere Lage zu bringen. Danach geht es um die möglichen Kinder und die Frage, ob die in Gefahr sind. Wenn die Lage soweit klar ist, folgt die Überlegung, ob die Frau mit den Kindern für eine Weile bei Verwandten oder Freunden unterkommen kann. Falls nicht, dann ist auch das Frauenhaus eine Option, wobei es gar nicht so einfach ist, dort einen Platz zu finden, weil die Häuser oftmals überbelastet sind. Ganz oft bekommen wir dann nach und nach Einblick in weitere akute Anliegen der Frauen, wie zum Beispiel den Wunsch nach juristischem Beistand während der Trennung oder berufliche Probleme, weil man beispielsweise aufgrund der gewalttätigen Übergriffe mehrmals gefehlt hat und dafür abgemahnt wurde. Manchmal brauchen die Frauen auch einfach jemanden, mit dem sie reden und dem sie vertrauen können. Und dann sind wir für sie da.

Welche Rolle erfüllt Ihre Einrichtung hinsichtlich der Lösung dieser Probleme?

Wir leisten psychosoziale Unterstützung: Wir stabilisieren die Frau in Krisensituationen, wir liefern Informationen über Perspektiven aus diesen Zuständen heraus, wir unterstützen bei der Traumabewältigung, wir begleiten bei Strafverfahren und vermitteln weiterführende Hilfen. Die Entlastung der Betroffenen ist erst mal das Wichtigste. Wenn man jahrelang immer wieder in Bedrohung lebt und Schuldgefühle eingeredet bekommt, dann braucht man einfach mal eine Person, mit der man reden kann, ohne gleich wieder Vorwürfe zu hören. Manchmal reicht eine Person, die der Frau bestätigt, dass das, was ihr zugestoßen ist, Unrecht ist. Wir machen der Betroffenen klar: „Sie tragen keine Schuld. Er ist der Gewalttätige. Es ist gut, dass Sie angerufen haben. Sie müssen sich nicht dafür schämen, was passiert ist.“ Allein das zu hören, hilft den Frauen meist schon sehr.

Werden die Anschuldigungen der Frauen gegenüber den Männern in irgendeiner Form von Ihnen geprüft?

Nein. Unsere Aufgabe ist es nicht, infrage zu stellen, was berichtet wird oder wie die Polizei Beweise zu sammeln, sondern auf der Seite der Betroffenen zu sein und der Frau das zu geben, was sie in der Notsituation braucht. Wenn die Frau möchte, arbeiten wir auch mit der Polizei zusammen. Wir entscheiden jedoch nichts über die Köpfe der Frauen hinweg, sondern informieren sie über rechtliche Möglichkeiten. Wenn sie eine Inanspruchnahme ablehnt, akzeptieren wir das.

Ihre Kritiker sehen Sie als Bestandteil der sogenannten Helferinnenindustrie und als eine Lobbyistin, die daran interessiert sei, dass es möglichst viele Opfer gäbe. Was entgegnen Sie?

Wenn man das so sieht, dann müsste man gleichzeitig behaupten, dass jeder Arzt und jede Ärztin daran interessiert ist, dass es möglich viele Kranke gibt. Und daran glaube ich nicht. Was wäre die Alternative? Gar nichts tun und hoffen, dass die Gewalt von alleine aufhört? Das ist keine Option, finde ich.

Welche Werkzeuge geben Sie betroffenen Frauen mit an die Hand, mit denen sie der nächsten Eskalation aus dem Weg gehen können?

Ob es zur Eskalation kommt, hängt nicht von der Frau ab, sondern vom Mann. Die Frauen haben sich ja irgendwann mal in diese Männer verliebt und wollen dann nicht sofort gehen, sondern suchen zuerst nach Wegen, mit denen sie die Beziehung ohne Gewalt aufrechterhalten können. Darin unterstützen wir die Frauen auch, wenn sie sicher sind, das zunächst probieren zu wollen. Manchmal gelingt es, aber oft auch nicht. Dann unterstützen wir sie bei der endgültigen Trennung, wenn sie das möchten. In der Beratung können die Frauen auch gemeinsam mit der Beraterin herausfinden, was realistische Möglichkeiten sind, eskalierende Situationen schneller zu verlassen. Kann die Betroffene beispielsweise eine Freundin einweihen, zu der sie flüchten kann, wenn sie in Not ist?

Aber eine Trennung ist nicht immer ungefährlich.

Das stimmt, es gibt Fälle, in denen Männer sagen: „Wenn du gehst, bist du tot. Du gehörst mir. Bevor dich ein anderer kriegt, bringe ich dich um.“ In diesen Fällen erarbeiten wir gemeinsam mit den Frauen einen Plan, wie sie ihren Partner verlassen können. Viele denken ja, wenn die Frau sich bloß sofort trennen würde, sei alles gut. Aber so ist es eben nicht immer. Wir wissen aus Erfahrung, dass gerade Trennungssituationen bei Gewaltbeziehungen besonders gefährlich für die Frauen sein können. Da gibt es dann zum Beispiel das sogenannte Trennungs-Stalking, das bedeutet, der Mann stellt ihr nach, verfolgt sie, bedroht sie weiter, lauert ihr auf. Deshalb ist es wichtig, in der Beratungsstelle gemeinsam mit der Frau eine Einschätzung der Gefährdung vorzunehmen. Denn wir müssen bedenken: In Deutschland werden jedes Jahr ungefähr 150 Frauen von ihren Partnern oder Ex-Partnern getötet, bei noch mal so vielen gibt es eine versuchte Tötung.

Was sind die größten Hindernisse bei Ihrer Arbeit?

In erster Linie sind es die schlechte Ausstattung und der Mangel an Personal. Im Durchschnitt verfügen die Beratungsstellen über ungefähr 2,1 staatlich finanzierte Vollzeitstellen, diese Zahl hat sich seit Jahren nicht erhöht. Das bedeutet, dass es eine ganze Reihe Beratungsstellen gibt, die mit einer oder zwei Kolleginnen besetzt sind. Diese machen neben der Beratung der Betroffenen und ihrer Bezugspersonen auch noch Kampagnen, veranstalten Präventionskurse, leiten Selbsthilfegruppen, bilden andere Berufsgruppen fort und müssen regelmäßig mehrere aufwendige Anträge schreiben, damit ihre Beratungsstelle im nächsten Jahr wieder Förderung bekommt. Durch die schlechte Ausstattung können weniger Termine vergeben werden, was zu langen Wartezeiten für die Betroffenen führt. Da zu wenig Personal vorhanden ist, müssen manchmal Präventions- und Fortbildungsangebote eingestampft werden. Eine Unterbesetzung, zum Beispiel durch Urlaub oder Krankheit, führt in einigen Fällen sogar dazu, dass man die jeweilige Beratungsstelle vorübergehend schließen muss. Das ist eine Katastrophe. Am Ende ist es schlichtweg eine politische Frage, für wie wichtig man unsere Arbeit hält und in welchem Umfang man sie finanziert.

Fehlt es auf Seiten der Politik an Sensibilität für dieses Thema?

Wir erleben grundsätzlich viel Zuspruch seitens Politikerinnen und Politikern. „Was mit den Frauen geschieht, ist schrecklich. Eure Arbeit ist ungeheuer wichtig“, das ist, was sie sagen, aber wirklich gehandelt – vor allem mit finanziellen Mitteln – wird am Ende selten. Die Beratungsstellen und Frauenhäuser in diesem Land arbeiten finanziell und personell auf einem Niveau, für das viele andere morgens gar nicht aufstehen würden.

Was kann jeder Einzelne dazu beitragen, dass es weniger Fälle von Gewalt gegen Frauen gibt?

Wir bekommen oft zu hören, dass zu einer Frau, die sich anderen Menschen anvertraut, gesagt wird: „Gehören zu so einer Sache nicht immer zwei?” „Glaubst du nicht, dass du ihn zu sehr provoziert hast?“ Oder: „Ich würde da gerne mal die andere Seite hören.“ Ein Bagatellisieren oder Infragestellen der Geschichte darf nicht die Antwort auf Gewalt sein. Sobald eine Betroffene dieses Gefühl bekommt, wird sie sich vielleicht nie wieder jemand anderem anvertrauen.

Was sollte man also stattdessen tun?

Wir müssen zunächst einmal aufmerksamer sein, um Notsituationen besser erkennen zu können. Hat meine Freundin mehrmals unsere Verabredungen abgesagt, weil ihr neuer Freund nicht möchte, dass sie sich mit anderen Leuten trifft? Oder erzählt sie mir, dass er ihr Handy überprüft, weil er findet, dass man in Beziehungen keine Geheimnisse voreinander haben sollte? In solchen Situationen kann es sinnvoll sein, gezielt das Gespräch zu suchen. Und wenn es tatsächlich um Gewalt oder Kontrolle durch den Partner geht, gilt es, sich solidarisch auf die Seite der Frau zu stellen, nicht zu relativieren, nichts über ihren Kopf hinweg zu entscheiden und auch zu ertragen, dass sie sich nicht sofort von ihrem Partner trennen will. Wir können zuhören, sie stärken und ihr über die Krise hinweg beistehen. An die Beratungsstellen können sich übrigens auch Menschen wenden, die sich Sorgen um eine Freundin, Kollegin oder Angehörige machen. In diesen Fällen geht es dann darum, wie man die betreffende Frau am besten unterstützen kann. Auf gesellschaftlicher Ebene sollte weiterhin viel über das Thema gesprochen werden, sich viel mehr über Mängel empört werden. Gehen Sie beispielsweise in den Bürgersprechstunden auf Politikerinnen und Politiker zu und fragen Sie nach: Wie viel Geld bekommt eigentlich unsere Beratungsstelle oder das Frauenhaus? Ist das nicht zu wenig?

Was ist Ihr persönlicher Motor für die Arbeit gegen Gewalt an Frauen?

Ich sehe diese Gewalt als Teil einer Diskriminierung von Frauen und Chancenungleichheit. Ohne Gleichstellung wird es keine Gewaltfreiheit geben und ohne Gewaltfreiheit wird es keine vollkommene Gleichstellung geben. Ich möchte mit meiner Arbeit einen Beitrag dazu leisten, dass ich in einer Gesellschaft leben kann, in der alle Menschen die gleichen Chancen auf Teilhabe und ein selbstbestimmtes, gewaltfreies Leben haben. Nur dann ist auch eine gute, demokratische Gesellschaft gewährleistet.

Hat die #MeToo-Bewegung eine positive Entwicklung befeuert?

Ich glaube, dass #MeToo etwas im Bewusstsein verändert hat. Vielen ist bewusst geworden, wie verbreitet das Problem ist. Das Thema ist nicht mehr so einfach totzuschweigen wie vor zehn Jahren. Es gibt ein dauerhaftes Interesse daran, das Ungleichgewicht unter den Geschlechtern zu thematisieren. Ein Geschlecht allein kann das jedoch nicht erreichen. Beide Seiten müssen es wollen und können dann auch von diesen Debatten profitieren. Für immer in der Rolle festzuhängen, dass die andere Hälfte der Welt potenziell Angst vor einem hat, wenn man ihr nachts alleine auf dem Gehsteig begegnet, ist sicher auch nicht schön für Männer.

Einige Männer fühlen sich seit #MeToo benachteiligt oder verunsichert.

Ich glaube, dass diejenigen vielleicht eine Benachteiligung wittern, die sich darum sorgen, ihre Privilegien zu verlieren. Eine Verunsicherung finde ich dagegen positiv. Das führt nämlich dazu, dass man Fragen stellt und man vielleicht sogar mit seiner Frau oder Freundin zum ersten Mal darüber spricht, was sie alles schon an Angst, Bedrohung oder Übergriffen erlebt hat und wo ihre Grenzen sind. Eingefahrene Rollenmuster mögen bequem sein, aber für Beziehungen auf Augenhöhe braucht es mehr Gespräche zwischen den Geschlechtern. Und es braucht Männer, die bereit sind zuzuhören.

 

 

Katja Grieger ist Leiterin des Bundesverbandes Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe – Frauen gegen Gewalt e.V. (bff), der sich seit fast zwei Jahrzehnten für Frauen in Not einsetzt. Der Verband umfasst über 180 Frauennotrufe und Frauenberatungsstellen, berät jährlich mehr als 65.000 Personen und leistet damit den maßgeblichen Anteil an der ambulanten Beratung und Hilfestellung für weibliche Opfer von Gewalt in Deutschland. Beratungsstellen in allen Regionen Deutschlands sind auf der Homepage www.frauen-gegen-gewalt.de zu finden.

 

 

Foto: bff/Jörg Farys

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