Ausgabe #165

Keine Schuld – nur Verantwortung

01.09.2021 - Olivia Haese

Liebe Autorinnen und Autoren, liebe Leserinnen und Leser,

wer die Welt verändern will, muss sich selbst verändern – so weit, so gut.
Nur, wie schafft man das? Wie erreicht man in sich selbst diese ausschlaggebende Veränderung, die man in der Welt sehen will?

Wer sich selbst Ziele setzt, sich in irgendeinem Lebensbereich zu verbessern, ist oft zum Scheitern verurteilt. Zum Beispiel sind viele Menschen längst überzeugt, dass ihre Ernährung nicht ideal ist, doch halten neue Vorsätze für eine gesündere Lebensweise selten länger als ein paar Wochen, wenn überhaupt. Ein anderes weit verbreitetes Verhalten ist eine gewisse Internetsucht, obwohl eigentlich viele von uns weniger Zeit mit unserem Smartphone und mehr mit unseren Familienmitgliedern verbringen möchten. Die kleinen schlechten Gewohnheiten führen zu größeren, einflussreicheren Problemen, und wir wissen es. Schuldgefühle folgen. Wie kommt es, dass wir uns intellektuell unseres Fehlverhaltens bewusst sind, aber es kaum schaffen, es langfristig zu ändern? Wieso können wir nicht aus unserer selbstkreierten kognitiven Dissonanz ausbrechen?

Entscheidungsfreiheit und Selbstoptimierung sind in einer Kultur wie unserer, die die individualistische Entfaltung wertschätzt, stark betont. Das bedeutet aber auch, dass uns unsere Makel zu unserer selbstverschuldeten Last werden. Wer es also trotz aller Willenskraft nicht schafft, ein nachteiliges Verhaltensmuster zu überwinden, entwickelt zu allem Überfluss dann auch noch die verdammende Überzeugung, ein absoluter Versager zu sein.

Nur leider bringt uns das auch nicht weiter. Man bräuchte eine Perspektive, die das Problem in vollem Umfang anerkennt, aber es nicht noch sekundär verschlimmert.

"Keine Schuld – nur Verantwortung" sagte ein guter Freund zu mir. Einprägsame Worte, denn sie fassen den nötigen Perspektivwechsel gut zusammen. Wer Verantwortung für eigenes Handeln übernimmt, gesteht ein, wie viel Macht er hat. Wir haben zwar nicht viel Kontrolle in dieser Welt, vielleicht nicht mal viel besonders Kontrolle über uns selbst – und doch haben wir eine, denn es gibt es einen freien Willen, der uns allein zusteht. Woraus genau dieser freie Wille genau besteht und zu welcher Entscheidung er führt ist eine andere Frage. Das Übernehmen von Verantwortung kann also lediglich bedeuten, dass wir entscheiden, was unsere Aufgabe ist – und was nicht. Die wahrheitsgetreue Erkenntnis darüber, welche Macht uns Menschen tatsächlich zugetan ist (und sei es auch noch so wenig...), könnte uns den Weg zur tatsächlichen Besserung zeigen.

Auch unsere Kolumnistin Daniela Ribitsch beschäftigt sich diesen Monat in ihrem Artikel "Erst Ich, dann vielleicht Wir? Fehlende Solidarität in Zeiten von Corona" mit dem Thema Eigenverantwortung und Fremdverantwortung in einer individualistisch geprägten Gesellschaft, außerdem haben wir in dieser Ausgabe einen Buchauszug aus "Das Reich der hungrigen Geister", in dem der kanadische Arzt Dr. Gabor Maté das Thema Sucht von einer ganzheitlichen Perspektive beleuchtet. Aber das ist natürlich noch nicht alles – ich wünsche viel Freude beim Durchstöbern!

Beste Grüße,

Olivia Haese

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