Verleger im Interview

Ken Jebsen: "Wenn man mich isoliert, habe ich mehr Zeit zum Lesen"

01.02.2016 - Alia Hübsch-Chaudhry & Tahir Chaudhry

Das ist der erste Teil des Interviews mit dem Moderator von KenFM. Seine Gegner bezeichnen ihn als Antiamerikanisten mit verschwörerischen Thesen. Seine Befürworter sehen in ihm einen mutigen Kämpfer gegen den Schwindel der Mächtigen. DAS MILIEU sprach mit Ken Jebsen über seinen Beruf, seine Spiritualität, seinen Wandel nach dem "Rausschmiss" und die Unfreiheit der Meinung in Deutschland.

DAS MILIEU: Kannst du mir die drei wichtigsten Wahrheiten nennen, die die große Masse nicht kennt, aber deiner Meinung nach kennen sollte?

Jebsen: Nein.

DAS MILIEU: Du siehst dich als Aufklärer…

Jebsen: Nein.

DAS MILIEU: ...aber deine Fanbase?

Jebsen: Nein, ich habe keine Fanbase.

DAS MILIEU: Keine Fans?

Jebsen: Nein. Das sagst du. Vielleicht gibt es Leute, die sich so bezeichnen. Es gibt zahlreiche Seiten, die sich nach KenFM benannt haben, nicht nach Ken Jebsen und das ist ein Unterschied. Natürlich ist es so, dass wenn man etwas relativ erfolgreich macht, dann gibt es Menschen, die das gut finden und sich dann wie Fans benehmen.

DAS MILIEU: Was machst du beruflich?

Jebsen: Ich bin Journalist, Reporter und Verleger.

DAS MILIEU: Du hast eine eigene Redaktion?

Jebsen: Ja.

DAS MILIEU: Wie arbeitet ihr?

Jebsen: Meine Themen suche ich mir selbst heraus. Alles, was mich interessiert oder was ich als überfällig betrachte, wird thematisiert. Es gibt keine hierarchisch-gegliederte Redaktion, wo gesagt wird, was ich oder andere tun müssen. Ich selbst habe mir den Luxus erarbeitet, dass ich Dinge machen kann, die zu meinem Hobby geworden sind. Die Zeiten für den Journalismus haben sich ja geändert. Wir sind eine Laptop-Redaktion und wir treffen uns im Netz. Meinen Laptop habe ich immer dabei und sobald ich Wlan habe, reiche ich das Werk meinetwegen von der Skihütte aus ein.

Mittlerweile bin ich mein eigener Chef und meine Redaktion arbeitet fokussiert, also das meiste, was in der Welt geschieht, sind keine Themen, die uns interessieren. Wir machen nichts über Sport, zu Produkten oder Reisetests. Wir machen alles, was mit Politik zu tun hat oder mit Wirtschaft, die mit Politik zu tun hat. Eigentlich sind es alle Themen, die mit großer Macht zu tun haben. Im Grunde genommen sind wir ein Automagazin, das sich besonders auf Sportwagen spezialisiert hat. Und so gesehen ist das ein sehr übersichtlicher Markt, weil ich mich mit dem meisten einfach nicht beschäftige.

Ich bin nicht allein, sondern habe eine Vielzahl von Gastautoren, deren Namen den einen oder anderen überraschen mögen. Es gibt oftmals Journalisten, die aufhören wollen und dann bei uns landen. Es gibt immer wieder Medienschaffende, die keine Rubrik für sich in den herkömmlichen Medien finden und etwas testen möchten. Wir geben Ihnen die Plattform. Wenn etwas funktioniert, dann wird es gefördert, wenn nicht, dann geht es bald wieder offline. Ich haben hier den Vorteil, dass das Studio direkt im Haus ist. So wie bei Dr. Dre, der in seinem Musikstudio wohnt und gar nicht rausgeht, um zu arbeiten. Er ist mit seinem Beruf verheiratet, weil es ihm Spaß macht.

Lange Zeit fehlte uns Platz. Nun sind wir dabei alles zu vergrößern. Unsere Beiträge kommen sogar aus dem Ausland, von Leuten, die nicht exklusiv für uns arbeiten. Aber die Kernredaktion erhält eine Summe X und leistet dafür nach Belieben Arbeit für die Plattform. Es gibt keinen Druck. Und in der Regel liefern unsere Leute dann zu viel ab. Wie in einem Restaurant, das sagt: zahl, was du glaubst, was es dir wert ist. Alle Ideen, Interviews oder Reportagen, die hier ankommen, wollen die Leute machen. Ich muss niemanden dazu drängen oder etwas absegnen. Eigentlich mache ich den Beruf so wie er ganz früher mal gedacht war. Dass das heute so was Besonderes ist, wundert mich.

DAS MILIEU: Wie kommt ihr zu Standpunkten?

Jebsen: Wir probieren es einfach. Dann verändert sich eine Sendung auch mal von der ersten, zur zweiten und zur dritten. Dazu muss nicht erst drei Jahre lang der Rundfunkrat zusammen getrommelt werden. Es geht auch nicht um Quoten, die darüber entscheiden, wann die Sendung abgesetzt wird. Es sind natürliche Entwicklungsprozesse. So wie Sendungen früher entstanden sind oder wie sich eine Romanfigur entwickelt hat. Da sagt man auch nicht: nach drei Tagen habe ich hingeworfen.

Heute muss immer alles ganz ganz schnell sein. In der Plattenindustrie gibt es jetzt ja sogar Single-Verträge. Wie will man sich da als Künstler entwickeln? Eine Band wie Queen wäre ja heute gar nicht mehr möglich. Was wir also bei KenFm versuchen, ist Journalismus ohne Scheuklappen, mit offenem Visier und einem gewissen Risiko.

DAS MILIEU: Heißt du tatsächlich Ken Jebsen?

Jebsen: So heiße ich eigentlich gar nicht. Wegen „Ken Jebsen“ wurde ich schon immer danach gefragt, wo mein Vater herkommt, damit ich dorthin zurück gehe, wo ich herkomme. Aber "wohin zurück?" habe ich immer gefragt. "Dorthin wo meine Mutter geboren ist?" Das war Krefeld. (lacht) Das habe ich bei Wikipedia gefälscht. Ich habe mir gedacht: "Lass uns mal einen Namen ausdenken!: Nehmen wir Moustafa Kashefi!". Ein typischer iranischer Name? Eben gar nicht. Die Leute übernehmen alles. Wenn dich jemand mit Moustafa Kashefi im Netz anspricht, weißt du sofort, dass er ein Rassist ist. Hätte ich David Sonnenschein geschrieben, hätte ich was anderes zu hören bekommen. Leute denken ich sei Muslim, stimmt aber gar nicht- ich hab mit dem Islam gar nichts zu tun. Jude bin ich auch nicht. Ich bin Skater.

DAS MILIEU: Glaubst du?

Ken Jebsen: Ja, ich glaube. Ich glaube, dass es besser wird.

DAS MILIEU: Glaubst du an einen Gott?

Ken Jebsen: Wichtig ist, ob er an mich glaubt. Ich bin ein spiritueller Mensch. Die großen Religionen sprechen von einem unsichtbaren Gott, der von den Gläubigen aber oft mit Füßen getreten wird. Ich glaube aber, dass Gott sichtbar ist. Alles was du siehst, die ganze Schöpfung ist Gott. Kümmere dich um das Sichtbare, behandle es einigermaßen anständig, zum Unsichtbaren kannst du später kommen.

DAS MILIEU: Ist das Pantheismus?

Ken Jebsen: Keine Ahnung. In allen Religionen ist als Kernbotschaft enthalten: was du nicht willst, was man dir antut, das mute auch keinem anderen zu. Es geht letztlich darum den Dschihad mit sich selbst auszumachen. Das ist das ganze Geheimnis. Bevor du den anderen darauf hinweist, was er alles falsch macht, mach es selber richtig. Anders geht es nicht. Menschen, die etwas für die Gesellschaft getan haben, wurden durch Religion beeinflusst, sie wurden dann sehr ruhig, sehr still. Menschen wie Einstein oder Malcolm X. Religion ist eigentlich ein Tool, um Menschen weniger aggressiv zu machen. Jetzt nutzen sie es, um aggressiv zu werden. Die haben ganz sicher irgendwas falsch verstanden.

Das Leben ist ein ziemlich gut gemachtes Videospiel mit einer irre Auflösung. Wenn du alles ernst nimmst, bist du verloren. Da muss ein Joke drin sein. Das ist viel mehr Monty Python als wir glauben. Wenn du tot bist, denkst du: O Gott, das war so echt! Das war eine geile Grafik! (lacht) Dann siehst du alle Figuren, die du getroffen hast. Das hier kann nicht alles sein. Das ist wie Hardware und Software. Wenn man das Leben eins zu eins nimmt, mit all den Absurditäten und Grausamkeiten, dann bleiben nur drei Optionen: Heroin nehmen, sich einer terroristischen Organisation anschließen oder den Strick nehmen. Mach ich alles nicht. Das ist ein Test. Das Leben ist ein Belastungstest.

DAS MILIEU: Hat Religion die Probleme geschaffen?

Ken Jebsen: Der Mensch braucht offensichtlich ein Feindbild. Warum orientiert man sich an den Negativ-Beispielen einer verschwindend kleinen Minderheit von Extremisten und nicht an den vielen positiven Beispielen? Im Koran steht nicht drin, zieh von Tür zu Tür und hau einem über den Kopf, der nicht mitspielt. Da steht auch nicht drin, dass du töten und Frauen vergewaltigen sollst und dich vorher betrinken und dieses christliche Neujahr feiern sollst. Das steht da gar nicht drin. Es steht auch nicht in der Bibel, dass man Muslime jagen soll.

Es geschieht ganz schnell, dass man Vorurteile entwickelt. Da muss man aufpassen. Es gibt doch diesen Spruch: Ein Konservativer ist ein Liberaler, bei dem man einmal eingebrochen hat. Man kann ganz schnell Rassist werden.

Man muss einfach aufpassen, dass man nicht jeden Morgen verbittert aufsteht. Wie wäre es zu sagen: Das Leben ist eigentlich cool. Und ich lebe in einem Land, in dem ich offen aussprechen kann, was ich denke. Da gibt es andere Länder, da ist das nicht so. Da bin ich schon mal Gewinner. Das Wasser kommt aus der Leitung, was in Homs (in Syrien) nicht so ist. Auf mich wird auch nicht geschossen, was in vielen Staaten nicht so ist.

DAS MILIEU: Wir haben einen komödiantischen Beitrag von dir für Pro Sieben aus dem Jahre 2010 gesehen, wo du eine ältere Dame darüber befragst, ob sie denn eine “gebürtige Münchenerin” sei. Damals hast du noch Menschen verwirrt und heute versuchst du ihnen ihre Augen zu öffnen…

Jebsen: Nein, das ist ein Irrtum. Schau dir mal Bruce Willis an. Der war eine Zeit lang “Stirb langsam” und davor hatte er noch was ganz anderes gemacht. Er konnte also noch nicht den verlässlichen Typen spielen, sondern denjenigen, der blutverschmiert aus dem Helikopter springt. Irgendwann ist er reifer geworden, hat “The Sixth Sense” gemacht und hat die Bandbreite vergrößern können.

Wie kam es jetzt zu diesem Video, das du erwähnt hast? Damals war ich als Reporter für die “Morning Show” von Pro Sieben im Einsatz. Wer genau hinsieht, der wird feststellen, dass ich schon immer subversiv war. In einer Pause hatten wir gesagt: “Lass mal die Kamera laufen, wir crashen das mal!” und dachten: “Die werden uns bestimmt rausschmeißen!”. Aber wir haben gemerkt: die schmeißen uns nicht raus. (lacht) Wir haben also das gesendet, was nie eingeplant war und es hat funktioniert. Außerdem hab ich ja schon immer parallel Radio gemacht und dort sehr kritische Fragen aufgeworfen. Dass dann noch Leute sagen, dass ich nach meinem “Rausschmiss” politisch geworden sei, ist absoluter Quatsch.

DAS MILIEU: Als du mit dem Journalismus angefangen hast, warst du also genauso kritisch?

Jebsen: Zu Beginn war ich Öko-Redakteur und das in einer Zeit, wo die Grünen größer wurden. Ich war auf den Müllkippen, in Kinderkrebsstationen usw. Parallel dazu habe ich eine Jugendsendung gemacht, die “Skateboard” hieß. Darin ging es um Rock n’ Roll. Man muss doch nicht sagen, dass ist logisch in sich nicht schlüssig, nur weil jemand extreme Sachen rechts und extreme Sachen links tut. Das ist doch ein Spiel.

DAS MILIEU: Glaubst du nicht, dass sich dein Ton nach dem “Rausschmiss” doch verschärft hat? Denn dieses Gefühl haben einige Menschen, weil sie denken, Ken Jebsen sei auf einem persönlichen Rachefeldzug gegen das System, das ihn lange Zeit getragen hat.

Jebsen: Erstens bin ich ein neidfreier Mensch. Ich übe auch keine Rache gegen ein System. Die Leute, die das glauben, denken, dass mir das wichtig wäre. Ich mache doch meinen Job nicht, damit Leute auf der Straße sagen, das ist gut oder schlecht. Das passiert einfach. Ich bin da unabhängiger, ein Künstler. Auch mache ich keinen anbiedernden Journalismus, damit mich die oder die Zielgruppe gut findet.

Ich bekomme ja sehr viel Post. Und wenn ich mal etwas zur amerikanischen Besatzungs- und Kriegspolitik mache, dann werde ich gelobt und wenn ich sage, dass ich das, was in der Türkei läuft und mit den Kurden, überhaupt nicht in Ordnung finde, dann bekomme ich sehr wütende Post von der türkischen Community, die dann sagen: “Bisher fanden wir dich gut, aber das geht gar nicht. Jetzt bin ich enttäuscht!”. Und das höre ich aus jedem Lager. Dann sage ich immer dazu: “Ich bin nicht dein privater Berichterstatter!”. Das, was wir hier machen ist natürlich auch Meinung. Natürlich ist das nicht neutral. Schon die Auswahl der Themen ist nicht neutral. Ausgewogen ja, aber was ist neutral? Ob man über etwas berichtet oder nicht berichtet, ist ja schon manipulativ.

DAS MILIEU: Nehmen wir das Beispiel von der Silvesternacht in Köln. Wie näherst du dich diesem Thema auf deine Art?

Jebsen: Wenn die Emotionen bei diesem Thema hochkochen, frage ich: Wenn Männer Frauen vergewaltigen, ist es dann eine Spezialität nur von Migranten aus Nordafrika? Gibt es das sonst nicht in Deutschland? Wir haben 7.000 Vergewaltigungen und sexuelle Nötigungen pro Jahr und die gibt es überall. Aber gerade wenn der schwarze Mann die weiße Frau, angreift… Was laufen da für Modelle in den Köpfen ab? Was sind das für Ängste? Da versuchen wir dann tiefer in die Materie einzusteigen und sprechen mit Psychologen, Hirnforschern oder Gewalttätertherapeuten. Das interessiert mich, auch privat.

DAS MILIEU: Das differenzierte Hinschauen ist deine Spezialität?

Jebsen: Wir sind heute darauf gedrillt einfache Antworten zu geben auf komplexe Fragen. Weil wir das so in den Medien machen, weil wir das so im Radio machen, stimmt unser Gesamtbild nicht. Das Leben ist relativ komplex. Weil wir  es einfacher verkaufen wollen, damit man es aus Talkshows leichter zitieren kann. Was wir überhaupt nicht haben: Wir haben keine Zeit. Wieso nehmen wir uns nicht die Zeit? Das grundsätzliche Dilemma, was wir auf diesem Planeten haben ist, wir hören uns gegenseitig nicht zu.

DAS MILIEU: Du hast am Anfang klargestellt, dass du nicht “die Wahrheit” vertrittst, aber dein Kampf gilt doch der Lüge und Täuschung oder etwa nicht?

Jebsen: Nein.

DAS MILIEU: Was machst du dann überhaupt? (lacht)

Jebsen: Ich denke laut nach.

DAS MILIEU: Gut, schauen wir uns das am Beispiel von 9/11 an...

Jebsen: Das war ein Inside Job.

DAS MILIEU: Und du willst, dass die Menschen das erkennen, oder?

Jebsen: Nein, ich will gar nichts.

DAS MILIEU: Nur nachdenken?

Jebsen: Ja. Du kommst jetzt mit 9/11. Ich wollte gar nicht darüber reden, aber dieses Thema ist im Journalismus zu einem Lackmustest geworden. Wir alle haben es gesehen und haben enorme Zweifel, aber niemand wäre bereit öffentlich in einer “freien Gesellschaft” Fragen zu stellen, weil das ein Karriereknick bedeutet. Niemand würde in ein Bewerbungsgespräch reingehen und sagen: 9/11 war ein Inside Job! Dann wird es sofort heißen: “Raus! Den Job als Mechaniker bekommen Sie nicht!”. Was? (lacht)

Was ist das für eine Gesellschaft? Wenn wir an die deutsche Geschichte denken, dann wissen wir doch, was es bedeutet, wenn man Dinge nicht sagt, nur weil andere das nicht hören wollen. Dieser Angsthebel, der benutzt wird, um zu regulieren, was politisch korrekt und inkorrekt bleibt, funktioniert bei mir nicht. Ich arbeite allein. Isoliert mich bloß. Wenn man mich isoliert, habe ich mehr Zeit zum Lesen. Ich brauche mehr Input. Aber wenn mich jemand wirklich blöd findet, soll er mich vergessen, wenn jemand meine Sendungen nicht mag, einfach nicht einschalten! Ich will nicht, dass andere mich unbedingt hören.

DAS MILIEU: Und trotzdem hast du Auftritte auf Massenkundgebungen...

Jebsen: Das ist ein persönlicher Entgiftungsprozess. Wenn ich ein normaler Bürger bin, gehe ich auf eine Demonstration. Dazu werden wir doch in einer Demokratie immer wieder aufgefordert. Man soll für oder gegen etwas sein und dafür sein Gesicht zeigen. Aber sobald ich eine prominente Person bin, darf ich das nicht. Claus Kleber kann sich nicht privat zu etwas äußern. Der ist dann ZDF oder Tagesthemen. Was soll das? Sahra Wagenknecht oder Angela Merkel können nicht einfach mal irgendwo hingehen und sich etwas anschauen. Und ich nehme mir privat das Recht heraus, dass ich mal gucken kann.

Mir haben alle immer vorgeworfen, dass ich nur über die Pegida und AfD sprechen würde und nie mit denen. Das habe ich mal versucht. Daran wurde ich dann aber von Linken gehindert und mit Gewalt bedroht. Ich habe nur meine Arbeit als Reporter wahrnehmen wollen. Wenn ich nicht mit der anderen Seite reden darf, dann stimmt doch irgendetwas mit unserem Journalismus nicht. Man spricht nicht mit der anderen Seite und ist dann wahnsinnig fortschrittlich. Man trifft sich in Gruppen und weiß, dass die anderen blöd sind. Da unterscheiden sich die Linken von den Rechten gar nicht.

Ich bekomme aus beiden Lagern dieselbe Post, dass ich ja eigentlich ganz okay sei, aber dies oder jenes ginge überhaupt nicht und deshalb sei ich gar nicht okay. Das sind Schranken im Kopf, die ich ablehne. Da pfeif ich drauf! Ich mach diesen Job nicht, damit mich möglichst viele Leute gut oder schlecht finden. Ich interessiere mich nicht für “die Leute”.

DAS MILIEU: Was möchtest du bei den Leuten, die dich gut finden, erreichen?

Jebsen: Ich möchte, dass meine Zuschauer unabhängig werden. Unabhängig von dem, was sie meinen, denken zu müssen. Meist kennen sie nur den einen Mainstream-Standpunkt. Ich gebe ihnen den anderen. Das führt natürlich zu einer Form von Verwirrung. Wie bei einer Schnitzeljagd, wo es richtige und falsche Fährten gibt. Es ist ein Spiel. Das Spiel heißt: Was ist richtig? Menschen sollen nicht sagen: Alles, was Ken sagt, ist richtig. Nein.

Manchmal bauen wir z.B. absichtlich Fehler in unsere Sendungen ein, damit man uns aufmerksam folgt. Es ist wie im Unterricht und den muss nun mal spannend gestalten. Wir machen ja oft dasselbe auf eine andere Art und Weise. Und wir arbeiten auf einem Gebiet, wo die Leute immer sagen: “Dieses Regierungskonstrukt Demokratie ist so mühsam! Man muss so oft auf Demos gehen. Und egal, was wir hier tun, trotzdem werden sie sich in Hinterzimmern treffen, um TTIP zu beschließen!”. Ich weiß ja auch nicht, wie man das ändern kann. Aber es gibt keine schnellen Lösungen.

DAS MILIEU: Du bekommst bestimmt auch oft negative Reaktionen und Beschimpfungen in Bezug auf KenFM. Was ist deine Reaktion?

Jebsen: Du musst mich nicht gucken. Es gibt - glaube ich - 80 Milliarden Internetadressen. Nimm einfach eine andere! Aber oft ist es so wie damals beim Radiosender: Leute, die mich leiden konnten, haben mich 40 Minuten gehört und die mich nicht leiden konnten, 80 Minuten. (lacht) Ich verstehe überhaupt nicht, wie man sich regelmäßig an jemandem abarbeiten kann, um zu sagen, wie doof er doch ist. Deine Zeit ist doch zu knapp und zu schade. Mach du etwas, womit du die Welt weiterbringst, anstatt dich mit jemandem zu beschäftigen, wo du denkst: dem kann man nicht mehr helfen! Wenn du willst, dass jemand nicht ernst genommen wird, dann gib ihm in deinem Leben keinen Platz.

Für Leute, die mir auf den Senkel gehen - da gibts gar nicht so viele, habe ich keinen Platz. Und Leute, die in meinem Leben einen Platz haben und mir auf den Senkel gehen, also Menschen, die mein Leben teilweise mitbestimmen, Regierungsmenschen zum Beispiel, nehme ich nach Dienstschluss nicht nach Hause. Dann belästige ich meine Kinder nicht mit Frau von der Leichen. Ich bin da einfach professionell.

 



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