Kurzgeschichte

Kinderkackekotzparade

01.03.2014 - Leona Sedlaczek

Kannst du nicht. Kannst du einfach nicht. Du kannst nicht immer deinen Eltern die Schuld für alles geben. So hab ich das zumindest mal gelesen. Kann ich nicht? Kann ich schon. Will ich nicht. Bin jetzt auch schon groß. Jetzt steh ich so und sag naja, eigentlich voll gut und so, hab voll viel gelernt, bin jetzt groß und stark und so. Half hier und da und versteh es ja. Weil's immer wieder scheiße läuft, in andern Familien, da bin ich dann eben da.

Kannst du nicht. Kannst du einfach nicht.
Du kannst nicht immer deinen Eltern die Schuld für alles geben.
So hab ich das zumindest mal gelesen.
Kann ich nicht? Kann ich schon. Will ich nicht. Bin jetzt auch schon groß.
Jetzt steh ich so und sag naja, eigentlich voll gut und so,
hab voll viel gelernt, bin jetzt groß und stark und so.
Half hier und da und versteh es ja.
Weil’s immer wieder scheiße läuft, in andern Familien, da bin ich dann eben da.
Kann das voll gut und versteh dich dann auch voll. Sag, ist hart, wird zwar nie wieder toll,
aber vielleicht wird eines Tages alles wieder halb gut, nimm mal den Kopf hoch und nur Mut.


Komm jetzt auch echt klar, mit allem so. Gleiche Probleme, geh nur nicht so schnell k.o.,
wie die, die das nicht hatten. Das Glück ein Scheidungskind zu sein.
Denn ich, ich hab jetzt voll die Power, bin da, wo andre aufgeben, spreng die Mauern.
Fand Marken nun mal schon immer scheiße und Haare färben? Da müsst ich schon Stacy heißen. Teenie Probleme hatt‘ ich also kaum. War halt mehr beschäftigt mit dem Elefanten im Raum. Weil da drauf meine Eltern saßen, und während wir daneben Tiefkühlpizza aßen,
haben sie sich gegenseitig versucht zu schubsen und wir, wir mussten dann eben das Haus putzen.


Wollt kein Wort mehr mit ihm reden, war mir echt zu dumm, fragte mich nur immer warum,
warum muss das gerade uns passiern, und mir, Scheidungskind, eins von viern. Weil man doch immer denkt, die anderen, klar, aber uns, uns passiert das nicht, und dann kommt der Tag, an dem deine Familie zerbricht. Dann kommt der Tag, an dem dein Papa zu deinem Vater wird. Und deine Mama nicht mehr lächelt, wenn sie ein Wort über ihn verliert.


Am Anfang war das alles einfach nur nicht real, und während ich da lag, heulend, mit dem Kopf an der Schulter von meinem Pa, hab ich noch nicht gemerkt, dass er jetzt einfach geht, und uns den Rücken kehrt, als wären wir nie gewesen. Manchmal ist es wahrscheinlich leichter, wenn ein Mensch einfach fort ist, aber er, er war das nie, er hat sich einfach nur für viel zu lange Zeit aus meinem Leben verpisst. Und ich hasste seine Stadt, seinen Beruf und seine neue Frau, und ihre Kinder erst, doch ich wusste ja ganz genau, ich muss die irgendwie mögen, weil mein Vater sagt, nur so wird’s gehen, doch, was ich schreien wollte, war: „Wie könnt ihr’s wagen mir meinen Papa zu stehlen?“


Und die Abgründe, die sich auf einmal auftun in so ‘ner eigentlich heilen Welt, sind ganz schön tief und alles, was dann gerade zählt, ist, dass man sich mit aller Kraft irgendwie oben hält. Aber wenn ein Telefongespräch mit deinem Vater nur noch aus einem Hallo besteht, und aus ich wollt ma’ hören, wie’s dir so geht,
und ansonsten nur Unterhaltszahlungen die Verbindung zwischen euch sind, dann geht immer mehr Liebe verloren. Ich wurd‘ dann eben einfach zum Mama-Kind.

 

Und Mamas Worte waren gepackt von Tränen, Schmerz, und Wut, denn eine gescheiterte Ehe, aufs Tiefste betrogen und darauf nur Streitereien, wem tut das schon gut. Und immer wieder bin ich da dran zerbrochen, sie so leiden zu sehen, und Papas Briefe heimlich zu lesen, die immer so krass unter die Gürtellinie gehen.


Manchmal sprang ich und wunderte mich, wie tief ich fiel, so innerlich.


Hatt‘ auch irgendwann echt kein‘ Bock mehr und dachte, ich hau ab,
konnt’s nicht mehr hören, diesen immer währenden, ätzenden Kinderkack. Weil ich mir einfach dachte, die sind doch erwachsen, Mann,
wieso muss ich das jetzt alles tragen, und was, wenn ich das nicht kann? Wenn hier einer den Kinderkack reden darf, dann ja wohl wir,
wo willst du wohnen, bei deinem Papa oder hier?


Ich will hier Zuhause bleiben, auch wenn ich damals dachte, dass das, was von Zuhause noch bleibt,
nur die Mauern sind, in denen ich aufwuchs und die Fotos aus der alten Zeit.
War alles ganz schön scheiße und manchmal dacht ich so bei mir,
wenn ich irgendwann mal Zeit reise, dann mach ich das alles wieder heile hier.
Unter meinem Bett gab’s schon lange keine Monster mehr,
sondern Träume und die waren in ihrem Ernst zu schwer,
dass mich dann die Tränen packten und die Angst vorm bloßen nackten
Alleinesein und Nichtverstehen, von Dingen die meine kleinen Kinderaugen nicht sollten sehen.
Darum hab ich die dann auch erstmal abgegeben und sie gegen erwachsene eingetauscht,
dacht, vielleicht helfen die mir meinen Blick zu heben und das alles mal mehr zu versteh‘n.
Hab mir meine Kinderaugen aber doch zurück geholt, weil ich merkte, dass in all der Not,
die Erwachsenenaugen mich nur trauriger machten, als Kind hatt‘ ich wenigstens noch was zu lachen.


Und dann wird man ja auch irgendwann erwachsen und denkt, jetzt reicht’s auch mal,
mit dem ganzen Melancholie-ich-hatte-so-‘ne-scheiß-Jugend-Bla,
denn eigentlich ist es auch gar nicht so schlimm,
weil ich immer noch meine Leute hab und nicht alleine bin.


Doch dann kommt so ‘n Lied, so ‘ne Geschichte oder sowas in der Art, und ich merk wie‘s mich einfach wieder packt, der ganze Kram, und das ist dann hart,
weil ich wieder einmal erklären muss, warum ich fünf Jahre später immer noch heulen muss.
Hat eben einfach tief gesessen und das tut es wahrscheinlich immer noch,
so Phantomschmerzen in Teilen von mir, die gar nicht mehr da sein sollten, und doch,
weiß ich ja ganz genau, dass da einfach sowas bleibt, so ‘n doofes, riesen Loch.


Aber dann ging ich fort und hab mir mal ‘n bisschen Zeit genommen,
und wieder ganz schön viel Kraft gewonnen.
Das Loch hat jetzt ‘ne Füllung und die ist ziemlich gut.
Man sieht zwar noch, wo das Loch mal war,
aber eigentlich fühl ich mich heute ziemlich wunderbar.
Denn eigentlich, denke ich, bin ich voll gut dran. Hab gute Eltern, trotz all dem Kram.
Die kümmern sich und die sind da und helfen mir und kommen auch mal.


Und heute bin ich meistens glücklich, denn meine Familie macht es trotzdem richtig,
weil wir, trotz all der heile-Welt-Fassade und der Kinderkackekotzparade,
uns trotzdem einfach lieben, so familienmäßig mitsamt den ganzen Streitereien und Hieben,
aber trotzdem gut und fest und tief, und auch wenn ich viele Nächte nicht schlief,
dann hab ich doch heute viel mehr, als viele der anderen, verstanden,
dass nichts größer und besser und schöner ist, als meine Familien-Banden.

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