Eine Frage des MILIEUs

"Können Philosophen die Welt retten?"

15.07.2019 - Dr. Gerhard Hofweber

Leider nein. Ich wünschte zwar, dem wäre so, aber dem ist nicht so. Gerade in einer demokratischen Gesellschaft ist das unmöglich. Am ehesten wäre es möglich, wenn die Staaten von Philosophenkönigen regiert werden würden, so wie Platon das gedacht hat. Seine Idee war ja die, dass es dem wahren Philosophen nicht um sein individuelles Wohl und sein subjektives Begehren, sondern um das Allgemeinwohl ginge. Deshalb wäre er der perfekte Herrscher. Dummerweise streben aber gerade die Menschen, welche das Allgemeinwohl zum Maßstab ihres Handelns machen nicht nach Macht, wohingegen gerade die Menschen, welche nach Macht streben, am Allgemeinwohl nicht interessiert sind. Dies ist leider ein unauflöslicher Widerspruch.

Aber selbst wenn es einen wahren Philosophenkönig gäbe, könnte er nichts ausrichten, wenn seine Erkenntnisse von seinem Volk nicht geteilt würden. Und dies wäre der Fall, denn die tiefen Erkenntnisse werden nur schwer und von wenigen erworben, auch wenn dies in Zeiten des Meinungszwangs als elitär erscheint und abgelehnt wird.

Wer oder was könnte dann aber die Welt retten? Kann Sie überhaupt gerettet werden? Und zuvor noch: Warum und vor wem muss die Welt gerettet werden?

Dass die Welt gerettet werden muss, wenn sie nicht untergehen soll, ist heute so offensichtlich geworden, dass es nicht weiter begründet werden muss. Und auch wovor sie gerettet werden muss, wird immer deutlicher: Es ist die unersättliche Gier, die Sucht nach dem Immer-Mehr, welches die Erde im Schraubstock hält und die Spirale immer weiter dreht. Maximierung bedeutet: Egal, was du erreicht hast, egal, wie viel du besitzt, es könnte mehr sein. Diese Haltung ist nicht nur normal geworden, sondern sie wird uns sogar als alternativlos und dem Wesen des Menschen entsprechend verkauft. Die größten Befürworter dieser falsch verstandenen Evolutionstheorie sind diejenigen, die am meisten davon profitieren. Sie propagieren nicht nur den Kampf aller gegen alle, sondern auch den Kampf jeder für sich selbst und gegen sich selbst und schließlich den Kampf aller gegen alles. Ihre größte Beute wird die Erde selbst sein und wenn sie erlegt ist, wird menschliches Leben auf ihr nicht mehr möglich sein.

Was diese Menschen antreibt - und nicht nur diese, sondern zunehmend die Menschheit insgesamt - ist der Wunsch, ein Loch im Zentrum ihres Seins zu füllen. Dieses Loch, und damit das eigene Dasein, wird als Leere empfunden und diese soll gefüllt werden durch die Steigerung der eigenen, an sich als wertlos erlebten Persönlichkeit ins Grandiose. Dies geschieht durch die Anhäufung von Macht und durch den Verzehr und Konsum von Gütern und Menschen, insbesondere von solchen, die selbst noch nicht durch Macht und Gier korrumpiert sind. Da sich das Loch auf diese Weise aber nicht füllen lässt, wächst das Bedürfnis und es braucht immer mehr Güter und immer extremere Formen der wenigsten punktuellen Befriedigung. Dies zeigt sich in den sexuellen Praktiken ebenso wie in der Verbreitung und Glorifizierung des an sich ungesunden Extremsports oder der wachsenden PS-Stärke ganz normaler Autos. All dies ist Ausdruck der normal gewordenen Absurdität.

Die Absurdität wird gehypt und verherrlicht, aber sie ist doch nur Ausdruck der Tatsache, dass wir die Vernunft verloren haben. Dies hat zur Folge, dass wir vergessen haben, was es heißt, Mensch zu sein. Die tiefe Bedeutung des Menschseins und die damit verbundene hohe Aufgabe dem eigenen Menschsein gerecht zu werden, sind der lächerlichen Selbstoptimierung und dem Ausleben der eigenen Egoität gewichen. Dem Philosophen kommt die Aufgabe zu, uns wieder daran zu erinnern, was Menschsein wahrhaft bedeutet. Dazu muss er sich aber zuerst dessen selbst bewusst werden und nicht an den Zeitgeist angepasste Plattitüden clever und scharfsinnig kombinieren. Hier kann sich der Philosoph wirklich nützlich machen, wohl wissend, dass seine Hinweise auf die wahre Bedeutung des Menschseins ungern vernommen werden. Denn für fast alle Menschen hat dies Konsequenzen. Es bedeutet: ‚Hör auf, so zu leben, wie du jetzt lebst und bislang gelebt hast. Lass das alles hinter dir und kehr um! Wende dich wieder dem metaphysischen Kern deiner Existenz zu und lerne, in Wahrheit und Liebe zu leben. Dies ist deine Bestimmung. Dafür bist du auf die Welt gekommen und dies ist der Sinn deines Lebens’.

Die wahre Bedeutung des Menschseins: Dies allein ist es, was das Loch im Zentrum unseres Daseins füllen kann, für immer und prinzipiell füllen kann. Nur sie. Aber welches ist diese Bedeutung? Die Bedeutung des Menschsein liegt in seiner Vernunft. Weil der Mensch vernünftig ist, hat er eine Würde, ist absolut frei und ist ein metaphysisches, göttliches Wesen. Verfehlt er seine Vernunft, so ist er das schlimmste und vernichtendste aller Lebewesen, erfüllt er seine Bestimmung, ist er das erhabenste aller Lebewesen. Die Vernunft, sein Kern, hat zwei Seiten. Der eine ist theoretisch und zielt auf Wahrheit. Der andere ist praktisch und zielt auf das Gute. Das höchste Gute aber ist das Handeln in Liebe. Deshalb sind Wahrheit und Liebe die beiden Momente, die in sich dasselbe sind, worauf der Mensch wahrhaft ausgerichtet ist. So weit dies auch von der heute herrschenden Meinung auch entfernt sein mag, so ist es doch die Wahrheit und die größten Denkern aller Völker haben dies auch zu allen Zeiten erkannt.

Im Bewusstsein dieser Bedeutung des wahren Menschseins lebend und sich um Liebe und Wahrheit bemühend leben: Dafür sind wir auf der Welt. Würde dies allen gelingen, hätten wir das berühmte Paradies auf Erden. Aber immerhin gelingt es wohl einigen, wie man glauben darf. Diese leben ohne Loch, sondern aus der Fülle der eigenen Existenz. Denn der genannte Kern ist die reine Wirklichkeit: Etwas, das nur wirkt, ohne eine Gegenwirkung zu erfahren. Deshalb verbraucht es sich auch nicht. Es ist reines Wirken, eine Quelle, die immer sprudelt. Was der von der narzisstisch geprägten Gier zerfressene Mensch in all seinem Streben nach Macht vergeblich sucht, das findet derjenige, der den Weg der Wahrheit und der Liebe geht. Nur im Zentrum meines Seins kann ich die Erfüllung finden, nach der ich mich sehne. Dort liegt sie aber tatsächlich auch.

Gäbe es also einen Philosophenkönig, so würde er nur ein Gesetz erlassen und damit alle anderen Gesetze überflüssig machen, so wie Jesus mit seinem neuem Gebot die 10 Gebote überflüssig gemacht hat: ‚Lernt, euch untereinander zu lieben! Liebet Euch untereinander und liebet Euch selbst’. Jeder, der dies versteht, hört auf, sich selbst narzisstisch zu betrachten, sondern bemisst den Wert seiner Existenz nur noch an dem Maß, in dem es ihm gelingt, in Wahrheit und Liebe zu leben und somit seine metaphysische Dimension zu achten und den Sinn seiner Existenz zu erfüllen. Würden dies alle begreifen, oder zumindest doch die Mehrheit, wäre die Welt gerettet. So aber retten die wenigen, die dies begreifen, sich selbst und die, welche sie lieben.




Dr. Gerhard Hofweber ist Philosoph und Autor. Er ist Inhaber des Dr. Hofweber Instituts für Philosophie und Wirtschaft und betreibt im Bayerischen Staatsbad Bad Brückenau die Philosophenvilla das Cafe Carpe Diem. Zuletzt sind von ihm die Bücher "Das schöne Kind", "Die Formen der Versöhnung mit der Vergangenheit" und "Das philosophische Manifest" erschienen.
www.dr-hofweber-institut.de
www.gerhardhofweber.de
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