Gesellschaft

Kultur der Kulturlosigkeit

01.03.2021 - Peter Fahr

Anstatt eine Kultur zu leben, die über bloßes Entertainment und Profitstreben hinausgeht, trauern wir vergangenen Zivilisationen nach. Wehmütig erinnern wir uns an vergangene Zeiten und trauern den Kulturen nach. In dicken Bildbänden, Fernsehdokus und den sozialen Medien preisen wir die ägyptische Kultur, die Aztekenkultur, die fernöstliche Kultur, die Kultur der Primitiven ... Wir füllen Museen mit alter Kunst und verherrlichen sie, weil wir vermissen, was wir unterdrücken — die zeitgenössische Kultur. Wir reden von Kultur und meinen Zivilisation. Wir reden von Kunst und meinen Technik. Wir reden von Freiheit und meinen Ordnung.

Kultur ist Konsumgut geworden: Sie ist die geistige Haltung von Außenseitern, die am Gegenstand Form gewinnt und nach Jahrzehnten als Zeitgeist der vergangenen Epoche Geschichte macht. Wir leben nicht in der Gegenwart, wir vertrösten uns mit der lorbeerbekränzten Vergangenheit auf eine fragwürdige Zukunft.

Der Schrei nach Geld wird oft mit Kulturbedürfnis gleichgesetzt. Kultur wird in Euro gemessen und nach Währungen beurteilt. Ein großer Kostenaufwand, ein großer Gewinn sind die Hauptkriterien der Kulturwirtschaft. Darum wird uns nur das angeboten, was wir gewillt sind zu bezahlen: Open-Air-Festivals, Musicals, Jedermann-Aufführungen, Passionsspiele, Militärparaden, Flugschauen und hin und wieder eine Netflix-Serie auf dem Tablet. Kultur wird mit Unterhaltung und Folklore verwechselt. Die Zeiten der engagierten, risikofreudigen Kunsthändler, Verleger und Theaterintendanten sind vorbei. Heute schaut man vor allem auf die Rentabilität eines Projektes. Da bleibt kein Platz für Idealismus.


Cyberkinder

Die einst so prächtige Blume der europäischen Kultur ist am Verwelken. Der naturwissenschaftliche Fortschritt macht ihr den Garaus. Er vergiftet die Erde, in der sie wurzelt, das Wasser, von dem sie trinkt, die Luft, die sie atmet. Unser bedingungsloser Glaube an die Errungenschaften der Technik versetzt ihr nun den Todesstoß.

Die technische Selbstüberschätzung, die in der uneingestandenen Existenzangst gründet, gipfelt in der Computermanie. Wir glauben, den Minderwertigkeitskomplex gegenüber den kosmischen Kräften mittels elektronischer Impulse zu überwinden.

Wir hoffen, die Unergründlichkeit des Daseins durch eine Orientierung am Materiellen zu ergründen. Indem wir alles Messbare, Berechenbare und Belegbare in Daten verarbeiten und speichern, ersticken wir unsere quälende Unsicherheit. Wir reden uns ein, über alles Bescheid zu wissen, alles unter Kontrolle zu haben, über alles zu verfügen.

So hält der Computer auch oder vor allem in diejenigen Bereiche Einzug, wo wir uns gefühlsmäßig hilflos vorkommen. Fragen, mit denen wir nicht leben können, werden mit Daten beantwortet, das heißt unterdrückt. Zweifel, die uns überkommen, werden mit Daten beseitigt, das heißt verdrängt. Ratlosigkeit, die uns befällt, Verzweiflung, von der wir ergriffen werden, Angst, die wir täglich verspüren — mit Daten befreien wir uns davon. Wir wollen unbeschwert, zufrieden, glücklich sein. Wir wollen unsere Ruhe haben.

Die Kinder sind die letzten großen Träumer dieser Zeit. Aber in einer Welt der Zahlen und Fakten sind Träumer verdächtig. Ihre überschäumende Fantasie stellt uns Erwachsene bloß. Also erzählen wir den Kindern keine Märchen mehr, sondern konfrontieren sie mit der pervertierten Wirklichkeit am Bildschirm. Also führen die gemeinsamen Spaziergänge nicht mehr in den Wald, sondern in die Elektronikabteilungen der Warenhäuser. Also muss der Computer auch ins Kinderzimmer.

Die digitalen Videospiele simulieren Leben, wo nichts als audiovisuelle Trostlosigkeit herrscht. Sie nähren die kindliche Sehnsucht nach Abenteuer und bieten nichts als die schwache Illusion davon. Sie lähmen die Kreativität und versetzen in einen Zustand der Untätigkeit. Sie fesseln durch eintönige Wiederholung, die die geistigen Kräfte einschläfert bis zur Bewusstlosigkeit. Verhelfen die Computerspiele der Fantasielosigkeit zum endgültigen Durchbruch?


Klimajugend

Europa ist kein Holzboden für Kultur. Es besitzt fruchtbare Erde, aber der kulturelle Acker liegt brach. Skeptisch beobachten wir die Künstler bei ihrem Tun und reagieren erst spät darauf. Wenn die alten Meister zur lebenden Legende geworden sind, beehren wir sie mit Auszeichnungen. Die jungen Künstler werden kaum gefördert. Die Jungen leben von ihren Idealen, nicht vom täglichen Brot.

Kultur hat mit Fantasie zu tun, mit Schönheit, Menschlichkeit und Ehrlichkeit. Mit Lebensqualität. Kultur beschränkt sich nicht auf Kunst, Malerei, Literatur und Film. Sie umfasst unser ganzes Leben. Probleme und Erfolge und Niederlagen gehören dazu. Unsere Mitwelt, die Fauna und Flora sind unsere Kultur. Und wie steht es um die Natur? Sie ist verschmutzt, verseucht, aufgeheizt, missgebildet und radioaktiv. Sie wendet sich gegen das Leben und verbreitet den Tod. Unsere Kultur liegt im Koma.

Die Klimajugend begehrt auf und beginnt uns allmählich zu ärgern. Ihre Streiks stören den Alltag. Wir empfinden die Demonstrationen als Erpressung, als eine Art von Gewalt. Dabei vergessen wir, dass auch die klimabewegten Jugendlichen Kinder unserer Kultur sind.

Kinder, die sich gegen ihre unverantwortlichen Eltern auflehnen, die erwachsen werden und mitreden wollen. Wohlbehütet in einer unheilen Welt lechzen sie nach Abenteuer, Mitbestimmung und Selbstverwirklichung. Und da die suizidale Gesellschaft sie nicht ernst nimmt, gehen sie auf die Straße und werden laut. Und siehe da, sie werden angehört. Die Mauer der Machtlosigkeit ist durchbrochen.

Diese „Gewalt“ der Zivilgesellschaft verdammen wir. Dass wir Kulturbanausen täglich Gewalt anwenden, merken wir nicht. Und die Ahnung, dass die Gewalt der Suizidgesellschaft jene der Klimajugend heraufbeschwört, verdrängen wir. Wir fahren fort, die Mitwelt zu zerstören. Wir fahren fort, Minderheiten rücksichtslos der Mehrheit anzupassen. Wir fahren fort, der Norm zu huldigen und die alternative Berechtigung zu unterdrücken. Doch nur wenn wir versuchen, die eigene Einzigartigkeit und die der anderen anzunehmen, Mensch zu sein — auch in Religion und Kunst, in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft — erwachen wir und mit uns unsere Kultur, aus der tiefen Bewusstlosigkeit. In der wahren, kreativen und kompromisslosen Offenbarung des Einzelnen liegt die letzte Möglichkeit unserer Arterhaltung.


Spatzengesang

Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: „Die Kultur stirbt!“ Ihr Lied stimmt traurig. Wer die katastrophalen Nachrichten in Zeitung, Fernsehen und den sozialen Netzwerken verfolgt, fasst sich an den Kopf und beschwört den uralten biblischen Satz: „Denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Oder habe ich die Spatzen missverstanden? Ich stehe am Fenster und schaue hinaus. Da sitzen zwei dieser winzigen Vögel auf dem Dach gegenüber, in der Winterkälte, und trällern munter drauflos. Weshalb sind sie nicht mit den Schwalben in den Süden abgehauen? Weshalb harren sie trotz Bise und Futtermangel auf ihrem einsamen Posten aus? Weshalb schweigen sie nicht?

„Die Kultur stirbt!“, zwitschern sie. Und ich war so einfältig, ihre Botschaft wörtlich zu nehmen. Klar, hier ist Kultur nicht gefragt.

Im reichen Europa beschränkt sich das Prozentdenken auf Profit. Hier heißt Kultur: Keine Kultur haben wollen.

Aber mit den Spatzen hat niemand gerechnet, ihr Lied ist Kultur. Ich will es mit den Spatzen halten: ausharren, weitersingen.

 

 

Peter Fahr wird 1958 in Bern (Schweiz) geboren und studiert Germanistik und Kunstgeschichte. Nach ersten Buchveröffentlichungen (Gedichte, Geschichten, Collagen) und viel beachteten Plakat-Aktionen mit Aphorismen publiziert er Bücher mit zeitkritischen Essays und politischer Lyrik. Auf mehrere Gedichtbände folgen zwei Erzählungen, die Autobiografie "Alles ist nicht alles“ und die Gesammelten Gedichte "Selten nur". Sein literarisches Schaffen wurde verschiedentlich ausgezeichnet. Link zu Peter Fahrs Webseite.

Erstveröffentlichung des Artikels: rubikon.newshttps://www.rubikon.news/artikel/kultur-der-kulturlosigkeit

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