Schauspieler im Interview

Langston Uibel: "In Deutschland herrscht gerade ein ziemlich unhöfliches Klima"

01.09.2018 - Achim Seger

Als Schüler begann er seine Karriere. Mittlerweile ist er nach zahlreichen Kinofilmen wie "Freitstatt" oder "High Society - Gegensätze ziehen sich an" in der Netflix-Serie "Dogs of Berlin" zu sehen. Der in London geborene Schauspieler Langston Uibel spricht im MILIEU-Interview über seine Identität als "schwarzer Deutscher", das bedingungslose Grundeinkommen, Politikverdrossenheit und seine Meinung zum deutschen Wohlstand.

DAS MILIEU: Wenn das Leben ein Film wäre, was für ein Film wäre das Leben?

Langston Uibel: Darüber habe ich noch nie wirklich nachgedacht… ich würde sagen... das Leben ist auf jeden Fall eine Komödie. Eine Komödie ist ja nicht unbedingt nur Quatsch, aber ich finde alles was so auf der Welt passiert, ist irgendwie absurd. Also wenn das Leben, wie ich es bis jetzt erlebt habe keine Komödie ist, dann Autsch. Wenn das nicht lustig gemeint sondern ernst ist, was alles passiert, wenn das wirklich ernst gemeint ist, dann weiß ich auch nicht.

MILIEU: Und dein eigenes Leben?

Uibel: Weiß nicht genau, wahrscheinlich ein Dokumentarfilm.

MILIEU: Du bist hier in Berlin in Charlottenburg aufgewachsen und zwar zweisprachig. Macht es für dich einen Unterschied auf Englisch oder auf Deutsch zu schauspielern?

Uibel: Ja auf jeden Fall, diese zwei verschiedenen Sprachen verleihen mir irgendwie auch zwei verschiedene Stimmen und ich empfinde es als ein großes Privileg bilingual aufgewachsen zu sein. Gerade mit Englisch macht es einen großen Unterschied muttersprachlich aufgewachsen zu sein. Dieses Gefühl für die Bedeutung jeden Wortes, kann man nicht so einfach lernen. Welchen Ausdruck, welche Provokation, welchen Nachklang jedes Wort innehat, kann man nicht mal eben erlernen und wahrscheinlich auch nicht einfach so verstehen. Ich finde es schön mit Deutsch und Englisch zwei verschiedene Sprachen und damit auch zwei Arten mich auszudrücken zu haben. Ich wohne jetzt gerade in Deutschland und kommuniziere viel mehr auf Deutsch als auf Englisch, was nicht bedeutet, dass Englisch nicht nach wie vor eine sehr wichtige Sprache für mich ist. Ich finde, man kann sich auf Englisch fast noch präziser ausdrücken. Die Wörter haben eben eine ganz gewisse Bedeutung, fast schon eine eigene Geschichte. Im Deutschen finde ich kann man meiner Meinung nach Sachen besser beschreiben, im Englischen hingegen seine Gefühle besser ausdrücken.

MILIEU: Hast du denn auch schon Rollen auf Englisch gespielt? Für deinen aktuellen Charakter in der Netflix-Serie „Dogs of Berlin“ darfst du ja z.b. auch die englische Rolle synchronisieren.

Uibel: Ich habe auf jeden Fall viel mehr auf Deutsch gespielt, aber auch schon auf Englisch gedreht. Ich strebe es an, auch im englischsprachigen Bereich zu arbeiten, aber ganz ruhig und nicht verkrampft. Wenn die Leute Lust haben mit mir zu arbeiten, sag ich natürlich nicht nein. Es war mir sehr wichtig und ich finde es auch sehr schön, mir in der aktuellen Netflix Serie meine eigene Stimme geben zu können.

MILIEU: Verfolgst du denn auch die politische Situation in England? Hast du Bezug zu den dortigen Debatten?

Uibel: Oh ja, zu hundert Prozent. Für mich war natürlich diese ganze Brexit Nummer sehr interessant. Ich habe aktuell keine englische Staatsbürgerschaft, könnte diese aber beantragen, weil ich dort geboren bin. Da ich sehr oft in England bin, werde ich mir aufgrund der häufigen Einreise wohl bald einen englischen Pass zulegen, auch weil ich nicht weiß was in Zukunft passieren wird. Die Abstimmung ist natürlich sehr blöd gelaufen. So ein Referendum wäre ja hier in Deutschland nicht möglich, hier beziehen sich Volksabstimmungen ja immer nur auf ein Bundesland. Naja, da kann man sich entscheiden, welche Parteien das hier auch wollen. Die AFD zum Beispiel, weil dann wahrscheinlich eher konservative Themen durchkommen würden. Die Frage ist auch, welche Leute wählen gehen. Anders wäre es, wenn jeder verpflichtet wäre abzustimmen, wie in Belgien zum Beispiel wo es illegal ist nicht abzustimmen. Ich persönlich finde das richtig, denn eine Demokratie funktioniert nur wenn jeder aktiv mitmacht. Es ist ja eigentlich ein Widerspruch, von repräsentativer Demokratie zu sprechen, wenn nur eine bestimmte Gruppe von Menschen wählen geht. Oft gehen vielleicht auch nur die Leute wählen, die eine Veränderung wollen. Ich glaube, wenn man die Engländer morgen noch einmal diese Wahl stellen würde, würde diese anders ausgehen.

MILIEU: Und wirst du hier in Deutschland wählen?

Uibel: Ja selbstverständlich, ich werde hier wählen gehen. Wenn ich mir einen englischen Pass zulege kann ich auch dort wählen.

MILIEU: In Deutschland stehen ja demnächst die Wahlen an, gibt es ein spezielles politisches Thema was dich derzeit interessiert oder auf das du aufmerksam machen möchtest?

Uibel: Ich habe ein bisschen das Gefühl, dass wir in Deutschland eine politische Kultur haben, in der alles sehr weit weg entschieden wird. Dafür ist glaube ich auch die Schulbildung verantwortlich, aber auch die Politiker selbst. Wenn man die Politik mal auf das Wesentliche runterbrechen würde und anfangen würde in der Sprache der Menschen zu sprechen, anstatt mit irgendwelchen Wörtern oder Begriffen um sich zu werfen, könnte man vermeiden, dass die Leute gar nichts mehr verstehen… Dadurch entsteht das Gefühl, dass die Politik sehr fern vom Menschen ist, obwohl das Wort Politik ja eigentlich ein Überbegriff dafür ist wie wir zusammenleben wollen und da sollte sich eigentlich niemand entziehen können. Wenn mich jemand fragen würde, willst du mitbestimmen wie wir zusammenleben, oder willst du das es irgendjemand für dich diktiert, dann würde ich mitbestimmen wollen. Die Leute wissen vielleicht doch einfach zu wenig worum es geht und wer wofür steht, darum nehmen auch so wenig Leute an der Wahl und an der Politik teil. Es ist alles super intransparent. Wie kann es zum Beispiel sein, dass eine Partei, die Homosexuelle diskriminiert, immer noch die größte Partei in diesem Land ist? Wir haben eine Bundeskanzlerin, die dagegen gestimmt hat, dass Homosexuelle heiraten können. Das ist den Leuten zum Beispiel glaube ich gar nicht so bewusst.

MILIEU: Hast du das Gefühl, dass man als Künstler, oder als Schauspieler, oder vielleicht sogar die gesamte Filmbranche die Aufgabe hat, genau solche Themen auch zu thematisieren?

Uibel: Auf jeden Fall, aber die Filmbranche muss auch eine gesellschaftliche Aufgabe wahrnehmen. Nehmen wir z.B. den Rundfunkbeitrag, über den ja auch sehr viel diskutiert wird, und über welchen auch sehr viel Geld generiert wird, weil jeder Bürger dazu verpflichtet ist ihn zu bezahlen. Ich persönlich bin ja dafür, aber nur, wenn man dann auch seine gesellschaftliche Aufgabe wahrnimmt. Ich persönlich bin ein Befürworter, aber nur solange die Zuständigkeit ernannt wird an gesellschaftlichen Debatten teilzunehmen – dies kann u.a. bedeuten die Gesellschaft zu spiegeln und einen Film über eine bestimmte Alltagssituation zu drehen. Das würde ja schon dazu beitragen und den Leuten zeigen, wie es anderen geht. Ich finde es grundsätzlich schwierig, sich raushalten zu wollen und zu sagen „ich habe kein politisches Interesse“. Mir ist es extrem wichtig, etwas zu verändern, sonst hätte ich auch keine Lust auf diesen Beruf. Das ist eigentlich meine Hauptmotivation.

MILIEU: Gibt es für dich ein Thema was derzeit noch fehlt? Zum Beispiel ein gesellschaftsrelevantes Thema, was noch nicht in einem Drehbuch verarbeitet wurde?

Uibel: Ganz klar, für mich als schwarzen Deutschen, gibt es noch zu wenige Filme mit denen ich mich identifizieren kann und in denen meine Probleme angesprochen werden. Ich glaube, das bezieht sich auch auf Frauen, wo es auch eine Unterrepräsentation gibt. Mir fehlen Filme, die nicht die großen Probleme ansprechen, sondern einfach mal zeigen wie es ist, wenn man irgendeine Eigenschaft hat, die von der Gesellschaft vielleicht als Schwäche empfunden wird. Was für einen Alltag hat eine Frau in diesem Land? Das ist einfach ein ganz anderer, als der von einem Mann. Was für einen Alltag hat man als Schwarzer oder als Türke in diesem Land? Das ist für mich auch ein Thema, denn ich finde, dass die größte Minderheit in diesem Land eine ziemlich kleine Stimme hat. Das hat man auch an der Özil Debatte gemerkt, welche mich wirklich aufgeregt und verletzt hat. Ich habe gemerkt, dass sogar die größte Minderheit hier keine wirkliche Repräsentation und kein richtiges Sprachrohr hat. Özil hat natürlich auch nicht gerade clever reagiert und das Foto mit Erdogan war sicher ein Fehler. Was nicht bedeutet, dass ich nicht gut nachvollziehen könnte, wenn jemand irgendwann aus der Nationalmannschaft zurücktritt, weil er nach jedem Spiel nicht wie jeder andere Spieler einfach aufgrund seiner Leistung kritisiert wird, sondern mit rassistischen Beleidigungen kommentiert wird. Das hat niemand verdient. Damit muss zum Beispiel ein Mats Hummels niemals in seinem Leben umgehen. Das ist eine Sache die Özil erleben musste, einfach nur aufgrund seiner türkischen Herkunft. Das können glaube ich viele nicht nachvollziehen. Vor allem für eine Sache, für die du nichts kannst.

MILIEU: Im Film Freistaat hast du einen Afro-deutschen Jungen gespielt. Hast du selbst auch persönliche Erfahrungen mit Rassismus oder Diskriminierung gemacht?

Uibel: Jeden Tag. Ich habe sicher nicht die gleichen Erfahrungen gemacht wie die Rolle die ich gespielt habe, aber als schwarzer Deutscher wird man jeden Tag daran erinnert, dass viele Menschen nicht davon ausgehen dass man Deutsch ist, nur aufgrund der Hautfarbe. Warum werden Menschen kategorisch ausgeschlossen, nur weil andere Menschen noch nicht verstanden haben, dass das Wort Deutsch nicht mehr mit einer Hautfarbe verhaftet ist? Das muss in den Köpfen irgendwie klarwerden. Was mir auch schon passiert ist, dass ich in einen Konflikt geraten bin und jemand dann einfach aus der Situation heraus den Hitlergruß gemacht hat. Jeder hat mal einen Streit, das ist o.k., aber ich finde dass wir hier in Deutschland gerade ein ziemlich unhöfliches Klima haben. Wir sind nicht sehr freundlich zueinander, man lächelt sich auf der Straße nicht an, jeder kümmert sich nur um sich, alles ist sehr anonym und kalt, das finde ich sehr schade. Ich finde es auch bedauerlich, dass ich manchmal nicht mit jemandem diskutieren kann, ohne dass er rassistisch wird. Somit ist eine Diskussion beendet - aufgrund von Diskriminierung für Sachen, für die jemand nichts kann - obwohl die Diskussion ja vielleicht für beide gesund sein könnte. Ich dachte in diesem Land hätten wir das hinter uns, dass Gruppen aufgrund von Eigenschaften mit denen sie geboren wurden, diskriminiert werden. Anfang des Jahres gab es Diskussionen ob Schwule heiraten dürfen. Wir haben also bisher genau das gemacht, Leute dafür diskriminiert, wofür sie nichts können. Das ist für mich das gleiche Prinzip, und solange das nicht von der Welt wegradiert wird, haben wir ein großes Problem.

MILIEU: Du bist in dieser Gesellschaft groß geworden und in mittelständischen Verhältnissen aufgewachsen. Was ist für dich Lebensqualität?

Uibel: Gute Frage. Für mich ist Lebensqualität glaube ich tatsächlich in erster Linie Bildung. Bildung und Wissen schließt die Welt für dich auf. Das Angebot der Welt wahrnehmen zu können, zu verstehen was man alles machen kann, wie ich sein kann, wie andere Leute sein können, welche Berufe es gibt, wie ich denken kann... Wenn man die Welt nicht aufschließen kann, nicht nur praktisch sondern auch mit Gedankengut, dann ist man leider sehr eingeschränkt. Das finde ich sehr schade. Man sieht einfach viel weniger, nimmt viel weniger wahr, auch im Alltag. Das ist für mich Lebensqualität, sich der Welt zu öffnen. Wir hier in Europa beziehungsweise Deutschland haben da wirklich fast alle Möglichkeiten und Chancen.

MILIEU: Gibt es für dich in diesem Bezug einen bestimmten Ansatz wo du denkst „hier könnte etwas geändert werden“? Hast du bestimmte Ideen oder Vorstellungen?

Uibel: In unserem Grundgesetz steht ja eigentlich, dass es Chancengleichheit für alle gibt. Alle sollten die gleiche Chance auf Bildung haben, unabhängig davon wo und wie man aufwächst. Auf der anderen Seite ist es Fakt, statistisch gesehen, dass aufgrund des Einkommens und des Bildungsstandes deiner Eltern dein Leben ab dem fünften Lebensjahr schon vorbestimmt ist. Ob man in eine reiche Familie oder in einen Brennpunkt hineingeboren wird, ist aber rein zufällig. Als Kind habe ich keinen Einfluss darauf, in welche Familie ich hinein geboren werde. Ich finde, der Staat sollte sich um Menschen kümmern, die nicht so viel Glück hatten. Chancengleichheit ist in der Praxis aber leider nicht so einfach und beinhaltet viel Aufklärung. Meistens sind auch nicht die Kinder selbst verantwortlich, sondern die Eltern. Aber ein so erfolgreicher und reicher Staat wie Deutschland sollte allen Menschen die gleichen Möglichkeiten bieten können.

MILIEU: Das erinnert mich an die Ideen und Diskussionen über kostenlose Bildung für alle oder das bedingungslose Grundeinkommen. Wie würde denn für dich die perfekte Gesellschaft beziehungsweise die perfekte Welt aussehen?

Uibel: Das ist wirklich schwierig, die perfekte Welt kann ich nicht beschreiben. Es sind für mich eher gewisse Prinzipien, die viele gesellschaftliche Probleme auslösen und die ich zum Teil nicht nachvollziehen kann, weil ich sie nicht in mir habe. Ich bin davon überzeugt, dass das Hauptproblem Geiz ist. Viele Missstände lassen sich einfach auf Geiz zurückführen. Die Leute haben Angst, dass wenn sie jemandem etwas geben, selbst weniger haben. Oder „warum soll ich ihm etwas geben, wenn ich doch dafür gearbeitet habe? Warum muss ich Steuern zahlen?“. Und ein Hauptproblem ist auch, dass sich Leute gegenseitig ausbeuten. Wir beuten die Dritte Welt aus und die Menschen dort sind uns anscheinend einfach egal. Rassismus und Kriege sind natürlich auch große Probleme. Es gibt leider noch so viele blöde Konfliktgründe und Missstände, die gelöst werde müssten, dann könnte sich die Welt vielleicht auch ein bisschen beruhigen. Wenn Probleme wie Rassismus, Diskriminierung oder Ausbeutung abgehakt werden, könnten wir endlich über andere Inhalte diskutieren. Wir sind ja sogar schon an dem Punkt angekommen an dem wir darüber diskutieren, ob wir ertrinkende Menschen vor dem Ertrinken retten oder nicht. Dass so etwas überhaupt Thema ist, macht mich traurig.

MILIEU: Fällt es dir als Schauspieler manchmal schwer die emotionale Distanz zu deinen Rollen zu halten?

Uibel: Also beim Film „Freistaat“ war das mit Sicherheit am schwersten, weil das eine Rolle war die mir wirklich nahe gegangen ist und mir sehr wichtig war. Wäre ich 30 Jahre früher geboren, hätte das mein Schicksal sein können. Deswegen war das eine sehr berührende und emotionale Rolle. In der Drehzeit war es nachts etwas schwieriger einzuschlafen, und sich zu versichern „das ist nicht dein Leben, dir geht’s gut“.

MILIEU: Gibt es eine Rolle die du gerne spielen würdest oder gerne gespielt hättest?

Uibel: Darüber habe ich mir noch nie wirklich groß Gedanken gemacht. Ich liebe es zu träumen, aber ich möchte auch dass meine Träume wahr werden. Ich träume nicht so gerne utopische Sachen. Über meine Träume werde ich jetzt auch nicht sprechen, weil man sich dann vielleicht denkt „oh Gott, das wird niemals passieren“ (lacht). Aber ich weiß was alles möglich ist und was ich mir erträume soll auch passieren. Ich weiß aber nicht welche Rolle ich als Nächstes spielen will oder werde, keine Ahnung. Es kommt wie es kommt, und es wird hoffentlich gut werden.

MILIEU: Du wirst ja derzeit als Nachwuchsschauspieler gehandelt, was hast du denn noch für Pläne für deine Zukunft?

Uibel: Politisch aktiv zu sein und das mit meinem Beruf verschmelzen zu lassen. Meinen Beitrag an die Gesellschaft leisten, ich möchte etwas verändern. Ich finde wir leben in einer nicht so schönen Zeit gerade. Ich wünsche mir in 50 Jahren zurückblicken zu können und zu sagen „ich habe dazu beigetragen, dass es besser wurde“.

MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Uibel! 

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