Ausgabe #116

Aus der Chefredaktion: Leben daneben

01.08.2018 - Alia Hübsch-Chaudhry

Liebe Autorinnen und Autoren, liebe Leserinnen und Leser,

"Sie müssen lernen in der Langeweile zu verharren", sagte einst mein Philosophie-Professor zu mir, nachdem er mehrere Essays von mir gelesen hatte. Zwar gefiel es ihm, dass ich viele verschiedene Positionen und Theorien behandelte, andererseits schien er den Eindruck zu gewinnen, dass ich in meiner Rastlosigkeit bestimmte Aspekte und Feinheiten ausließ.

Tatsächlich ist das oft ein unbewusster Vorgang, dass wir im Streben nach neuen Erkenntnissen, unseren Blick auf das Altbekannte verlieren und verändern. Das Alte erscheint uns selbstverständlich, durchdacht und verstanden, obwohl das in den seltesten Fällen tatsächlich so ist. Gestern beispielsweise war ich an einem altbekannten Ort spazieren. Der einzige Unterschied zu sonst: eine hochwertige Kamera und eine weitere Person, die mich begleiteten. Plötzlich nahm ich viel mehr als sonst wahr. Ich war neugieriger, aufmerksamer und wacher. Uns begegneten Rehkids, Kühe, Frösche, Hasen, zahlreiche zuvor unbeachtete Obstbäume und Blumen, unidentifizierbare Dinge. Wir hatten das Gefühl, auf Reisen zu sein. Wir schmeckten unterschiedliche Äpfel und Mirabellen, rochen den Duft der Blumen und Planzen und begaben uns durch Sträucher und Wiesen.

Ein Weg so zu gehen, als würde man ihn das erste Mal gehen, etwas so zu betrachten, als hätte man es noch nie gesehen, ist eine Kunst für sich. Aber wenn wir Selbstverständlichkeit und Routine zulassen, gefährden wir unser Werden, unser Sein und unser Schaffen. Wir schließen mit Dingen innerlich ab und sehen die Wunder nicht als solche an.

In der aktuellen Ausgabe von DAS MILIEU haben wir zahlreiche bekannte und weniger bekannte Themen für euch aufbereitet. Im Interview mit dem Schriftsteller Michael Köhlmeier erfahren wir, warum rechte Politiker nicht verharmlost werden dürfen und wie er über den uralten israelisch-palästinensischen Konflikt denkt. Dr. Christoph Quarch schreibt in seinem Essay über den Geist der Freundschaft nach Platon und Lars Jaeger spricht über die digitale Manipulation in unserer Zeit. Aber das ist natürlich nicht alles. Lest selbst!

Beste Grüße,

Alia Hübsch-Chaudhry
Chefredakteurin

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