Rezension

Left Brain, Right Brain: Thoughts and Musings of a Servant

01.03.2021 - Dr. Burkhard Luber

“If one were to ask (me as) former diplomat, teacher and servant “What is the Meaning of Life?” my simple response would be, “SERVICE”. We find LIGHT when we lead others to the LIGHT, through service.”

(aus dem Vorwort des Autors)

Afrika ist ein focus von verschiedenen Texten in dieser Zeitschrift, z.B. Achille Mbembe “Ausgang aus der langen Nacht”, Burkhard Luber “Afrika auf dem Weg wohin?” und Tom Burgis “The Looting Machine” 

Die hier rezensierte Publikation zeichnet sich durch ihre Kombination von Argumenten des Autors und seine vielfältigen Funktionen im Bereich der praktischen Politik aus. Nathaniel Barnes war u.a. Ständiger Vertreter Liberias bei den Vereinten Nationen, Botschafter Liberias bei den USA und Finanzminister von Liberia, wo er das im Bürgerkrieg kollaborierte Finanzsystem des Landes wieder rekonstruierte. Das vorliegende Buch ist eine Sammlung von Reden von Barnes, in denen er einschlägige allgemeine Themen wie Globalisierung, Entwicklung und Liberia-spezifische Aspekte behandelt aber auch über sein Handeln auf der diplomatischen Bühne reflektiert. 

Wie ein motivierender roter Faden zieht sich durch die gesamte Publikation das Engagement des Autors, die Zukunft seines von so viel Gewalt und leidvollen Bürgerkrieg beherrschten Heimatlandes Liberia zum Besseren zu wenden. Barnes definiert sich schon auf dem Cover des Buches als “Diener” seines Landes und diese bescheidene Haltung sowie seine engagierte Haltung in diversen politischen Funktionen für sein Land wird in den verschiedenen Ansprachen, deren Texte in diesem Sammelband abgedruckt sind, sehr schön deutlich. 

Nachfolgend sollen einige besondere Gedanken und Einzelthemen aus dem Buch von Nathaniel Barnes besonders angesprochen werden. 

Natürlich darf in einem Buch das 2020 erschienen ist, eine Reflexion über Globalisierung nicht fehlen, die Barnes prägnant ein Phänomen mit zwei Gesichtern nennt. Globalisierung fördert sowohl die Dominanz des Weltnordens über den Weltsüden (in der Begrifflichkeit von der “A Structural Theory of Imperialism” des norwegischen Friedensforschers Johan Galtung die “topdogs” und die “underdogs” der Welt), bietet aber auch den armen unterdrückten Ländern die Möglichkeit zu Emanzipation und selbst-gesteuerten Entwicklung (vgl. hierzu auch: Richard Baldwin “The Great Convergence”). Diese beiden Richtungen der sich immer stärker manifestierenden Globalisierung stehen in tentativen Konflikt zueinander, und es wird eine Aufgabe für den Weltfrieden sein, den Globalisierungsprozess möglichst in einer win-win Situation für alle beteiligten Nationen und ihren Einwohnern zu gestalten und ihn kompatibel für möglichst Viele werden zu lassen. Damit die Länder des Weltsüdens auch zu den Gewinnern der Globalisierung werden, schlägt Barnes eine 5 Punkte Strategie vor: 

  1. Eine schonungslose Selbstanalyse, die schlechte Zustände im eigenen Land nicht einfach externen Faktoren in die Schuhe schiebt, sondern ehrlich und nachhaltig die eigenen inhouse Probleme adressiert

  1. Ein Regierungssystem, das in seiner Ausgestaltung für ein nachhaltiges Wohlergehen seiner BürgerInnen sorgt

  1. Ein Erziehungssystem das den Bildungsstand der Nation auf ein positives nachhaltiges Niveau bringt, entsprechend dem prägnanten Satz, dass man statt Fische zu verschenken, besser die Technik des Fischens vermitteln soll

  1. Eine umfassende Netzwerkbildung als tragfähiges kreatives Aktionsmuster im Inneren des Landes, das nicht an Partikularinteressen sondern am Gemeinwohl orientiert ist

  1. Ein überzeugender “Masterplan” für die Nation, in dem die einzelnen Entwicklungsstränge aufeinander bezogen, gebündelt und in einen guten effektiven zukunftsorientierten Focus gebracht werden. 

Angesicht der vielen eindrucksvollen und so schlüssig und stringent vorgetragenen Argumente von Nathaniel Barnes wird es der Buchautor sicher tolerieren wenn nachfolgend auch einige Punkte in seinen Texten erwähnt werden, bei denen meines Erachtens noch weiterer Diskussionsbedarf besteht: 

Zwar ist die Dankbarkeit von Barnes gegenüber den Vereinten Nationen als ein maßgeblicher Faktor zur Beendigung des Bürgerkriegs in Liberia verständlich, sollte ihn allerdings nicht über die bedenklichen Defizite der UNO hinwegtäuschen: Die ständige Blockade im Sicherheitsrat und die Ineffizienz der UNO in solch gravierenden internationalen Konflikten wie z.B. dem Syrienkrieg, wo die UNO-Verhandlungen in Genf nur ein peripheres Geschehnis waren, während die wirklich wirksamen Akteure Russland, Türkei und der Iran die syrische Zukunft nach ihren Interessen geformt haben. 

Ob sich das Niveau einer demokratischen Kultur so positiv weiterentwickelt wie Barnes es hier darstellt, muß dahingestellt bleiben. Noch gibt es m.E. zu viele Beispiele, wo der für Demokratien ja so wichtige und eigentlich selbstverständliche Machtwechsel von gewaltsamen Protesten der unterlegenen Seite begleitet wird. 

Der emphatische Satz von Barnes auf S. 80 “We can do it. Let´s make Liberia work” ist in seiner Aufbruchsstimmung und prononcierten Einladung, das Schicksal Liberias in die eigene Hand zu nehmen, sympathisch. Allerdings sollte im Übereifer des ”Packen wir's an” nicht schon vorhandene Räder in Liberia erneut erfunden werden. Ob z.B. der Aufbau eine eigene liberianischen Luftfahrtindustrie mit einer Produktionskette für Überschallflugzeugen wirklich sinnvoll für die nachhaltige Entwicklung Liberias ist, kann man mit Fug und Recht bezweifeln angesichts dessen was an Entwicklung des Landes zur Zeit notwendiger ist. Ein effektives Erziehungssystem, eine nachhaltige Agrarproduktion und der Ausbau der Produktion kundenfreundlicher Solargeräte für verschiedene Nutzungen sind wohl für einen nachhaltigen Ausbau der Infrastruktur wirkungsvoller als solche einzelnen klimaschädigenden Superprodukte. Hier ist dringend eine stringente Priorisierung in der Landesentwicklung geboten wie sie z.B. Justin Yifu Lin und Célestin Monga in Beating the Odds: Jump-Starting Developing Countries entwickelt haben. 

Wenn Nathalie Barnes weitere Bücher publiziert, was sehr begrüssenswert wäre, wäre es wünschenswert, wenn er sich u.a. auch solchen, in der vorliegenden Publikation nicht behandelten Probleme widmet, wie z.B. dem latenten Konflikt zwischen Islam und Christentum in Afrika aber auch dem drohenden Zerfall der Staatlichkeit von Rechtssystem und staatlichem Gewaltmonopol in den von zunehmenden Terrorismus bedrohten Ländern der Sahelzone. Sollten die dortigen Länder nicht von dem drohenden Abstieg in failed states bewahrt bleiben, ist leider zu befürchten, dass dies auch nicht ohne gravierende Folgen für die südlicher gelegenen Küstenstaaten wie z.B. Liberia, Sierra Leone und Ghana bleiben wird. 

Eine bekannte Basis-Frage, die in diesem Buch punktuell thematisiert wird und im Hintergrund durchweg präsent ist, auch wenn sie nicht so ausdrücklich formuliert wird: Gibt es einen eigenständigen afrikanischen Weg trotz der weltbeherrschenden Determinanten der Globalisierung, insbesondere in seiner modernen digitalisierten Form? Ideen für einen eigenständigen Weg hat es ja in Afrika immer gegeben wie z.B. Senghors “Negritude”, die in der Arusha Declaration formulierten staatssozialistischen Ideen Nyereres in Tanzania (Arusha Declaration) oder die Formulierung des “Dritten Wegs” durch Nasser in Ägypten. Nachhaltig sind solche Konzepte allerdings nirgendwo geworden, so daß es m.E. statt solcher Konzepte eher darum gehen sollte, welche eigenständige Beiträge Afrika inmitten des Rahmens der mondial herrschenden Globalisierung liefern kann. Dazu von Nathalie Barnes mehr zu hören, wäre von hohem Interesse und es ist spannend, dass der Autor inzwischen (wie auch der Rezensent) als Senior Associates bei dem verheißungsvollen start up der internationalen consulting company ADMA https://www.africadma.com/ in Monrovia tätig sind. 

Ein für die/den LeserIn sicherlich überraschendes feature sind die über das ganze Buch verstreuten lebendigen Bilder, die Barnes selber gemalt hat; als Hobbyzeichner seit seiner Kindheit an. Die Farbenfrohheit dieser Illustrationen erinnern zunächst etwas an Bilder von Kandinsky und werden durch ihre Überschriften, die der Autor ihnen gibt, in den Kontext des Buches gebracht. 

Alles in allem eine sehr eindrucksvolle Publikation, die mit Ihrer Kombination von inhaltlichen Argumenten und den Erfahrungen des Autors als Politiker in seinen verschiedenen Funktionen sehr überzeugt. Ein Must Read für alle, die sich intensiver mit dem Thema Globalisierung, speziell im afrikanischen Kontext beschäftigen wollen.



M. Nathaniel Barnes: Left Brain... Right Brain. Thoughts and Musings of a Servant on Globalization, Poverty, Conflict and Humanity. 215 pages. Forte Publishing, Monrovia. 2020. 28.94 Euro.

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