Rezension

Licht aus dem Osten

01.02.2017 - Dr. Burkhard Luber

Ex oriente lux, so könnte das Mantra im Buch von Frankopan lauten. Bewusst in Front gegen die traditionell westorientierte Geschichtsschreibung erzählt der Autor die Weltgeschichte aus östlicher Perspektive. Überzeugend macht er deutlich, dass es jenseits von Athen und Roma bereits in den frühen Zeiten der Hochkulturen Handelsströme weit in den Osten hinein gab, und auch die unsere Kultur so nachhaltig prägenden drei sogenannten Abrahamitischen Hochreligionen waren keine einseitig "westliche" Angelegenheit, sondern im Orient verwurzelt.

Mit profundem Wissen und eindrucksvoller Detailgenauigkeit nimmt uns Frankopan auf seine historische Reise. Jahrhundert um Jahrhundert werden abgearbeitet, immer mit Topoi präsentiert, die dem jeweiligen Zeitalter ihr Gepräge gaben: Sklavenhandel, die Kreuzzüge, die Invasion der Mongolen, die Pest. Im 19. Jahrhundert allerdings muss Frankopan doch seinen didaktischen Orientierungsfaden aufgeben. Zu drastisch ist der Erfolg des Frühkapitalismus zunächst in den Niederlanden später in Deutschland, zu global prägend der Aufstieg des westlichen britischen Weltreichs als dass diese Entwicklungen noch unter den Buchtitel "Licht aus dem Osten" eingepresst werden könnten. Aber mit dem Kampf ums Erdöl seit Ende des 2. Weltkrieges und der ständigen Unruheherd-Region des Nahen Ostens ("Middle East" im englischen Sprachgebrauch) ist der Duktus Frankopans wieder im Lot. Ob Afghanistan, Iran, der Irak, die latent unbefriedete Situation in Palästina, all das sind Ereignisse, die sich in östlichen Längengraden ereignen. Frankopan rundet seine Weltgeschichte unter östlicher Perspektive mit dem Topos der "Neuen Seidenstraße" des 21. Jahrhunderts ab, wo zwischen China, dem Nahen Osten und Europa immer mehr Beziehungen vielfältiger Art entstanden sind und unterhalten werden.

 

Der immense Fleiß, die Tiefenschärfe der Beobachtung von Frankopan ist eindrucksvoll. Trotzdem fehlt dem Buch gerade die Stringenz, die es mit seinem Anspruch non-westliche Geschichtsschreibung liefern zu wollen, haben müsste. Auf den nicht ins Muster von Frankopan passenden Aufstieg des britischen Weltreichs wurde bereits hingewiesen. Noch gravierender ist Frankopans bedenklich unterbelichtete Präsentation der USA, die ja spätestens seit dem 1.Weltkrieg zur führenden Weltmacht aufgestiegen ist. Außerdem ist Frankopan in seiner Ost-Orientierung leider nicht schlüssig trennscharf. Russland, der Iran und Afghanistan kann man natürlich geographisch „östlich“ einordnen, es stellt sich jedoch die Frage, welcher Erkenntnisgewinn durch die bloße Längengrad-Definition des Ostens erreicht wird. Der Rezensent gesteht: keine sehr überzeugende, denn der Nahe Osten und z.B. die Sowjetunion verbindet zwar manches als Akteure und Focus in der internationalen Politik, aber sie einfach als Lichter des Ostens zu subsummieren ist doch etwas einseitig. So nimmt es auch nicht wunder, dass Frankopan in seiner Einleitung die beiden Staaten des Ostens, die wirklich zu dominierenden Faktoren in der Weltpolitik aufsteigen könnten, Indien und China, ziemlich unbegründet salopp aus seinem analytischen Raster herausfallen lässt.

 

Wer Weltgeschichte in materialreicher Weise flott dargestellt lesen will, mag durchaus zu diesem Buch greifen. Wer eine neue Sichtweise, so wie es des Autors Anspruch ist, zu finden hofft, wird leider enttäuscht.

 

 

 

Peter Frankopan: Licht aus dem Osten. Eine neue Geschichte der Welt. 2016. Rowohlt Verlag. 937 Seiten. 39.95 Euro

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