Medien

Liebe BILD, ich bitte um Verzeitung!

23.08.2013 - Felix Kroll

Liebe Bild, mein Therapeut sagt, ich soll dir nicht mehr schreiben. Wir führen eine ungesunde Beziehung, behauptet er. Sie alle orakeln, du würdest mich früher oder später herunterziehen. Auf dein Niveau.

Ich empfand anfänglich sehr viel Glück mit dir - obwohl - oder grade weil du mir etwas einfacher gestrickt erschienst.  Doch dumm bist du nicht. Und in der Vergangenheit bist du immer subtiler geworden. Die lächelnde Intrigantin, die aus dir geworden ist, macht mir ungemein mehr Angst, als die dralle Dirn von damals, die etwas ungelenk übers Parkett wirbelte, aber deren Unbeholfenheit sie auf eine verquere Art und Weise liebenswert machte.

 

Trotz deines dominanten Gebärens, fühlte ich mich intellektuell überlegen und so konnte ich lange Zeit vielen deiner fast schon charmanten Unzulänglichkeiten mit einem Lächeln begegnen, als wären sie die Fehler eines Kindes. Ich nahm dich in die Arme, du nahmst mich auf den Arm. Wut stieg auf in mir - ein Groll, den deine Gelassenheit nur noch verstärkte.
Denn ich suche in diesen verwirrenden Zeiten einen erwachsenen Partner, der mich verlässlich durch das dunkle Dickicht von Daten, Zahlen und Statistiken, Krisen, Katastrophen und komplexen Kontexten zu führen vermag. So eine habe ich zuerst auch gesehen in dir. Du bist oberflächlich betrachtet schön auffällig und Markantes an dir sticht so sehr ins Auge, dass man mindestens eines unwillkürlich mit einem Schmunzeln zudrücken muss.

 

Aber der Zauber ist verflogen. Wo die Liebe mich einst blendete, schaue ich nun hin mit vor Zorn lodernden Augen. Sei froh, dass dies nur ein Brief ist und du meinen hasserfüllten Blick nicht erwidern musst, wie früher, wenn du bei Fehltritten ertappt wurdest. Es waren Augenblicke voller Erbärmlichkeit, aber auch ein klein wenig Hoffnung.

 

Doch grundlegend bleibst du deinem verdorbenen Charakter treu, was manche Menschen ja sogar als „straight“ an dir schätzen (früher hieß so was Engstirnigkeit). Einige sagen auch, sie geben sich mit dir nur zum Spaß ab. Das finde ich unfair. Ich wurde erzogen, nicht über eventuell kindheitsbedingte Störungen der anderen zu lachen. Aber es ist nie zu spät eine gute Kindheit zu haben meine Liebe.

 

Oder hast du Etwaiges sogar schon geahnt und bedienst jetzt mit deinem journalistischen Tourett eine dich im Grunde verachtende Klientel, während dein einstiger Traum vom avantgardistischen Sprachrohr endet, weil es – statt für die breite Masse zu sprechen – in derselben untergeht? Verkaufst du dich, damit du dich verkaufst, oder ist dein Absatz so hoch, weil dein Absatz so hoch ist?  

 

Ich weiß, ich schweife ab. Hier sollte es auch um meine Versäumnisse gehen, aber ich kann keine erkennen, bei aller Reflexionsfähigkeit. Bin ich letztendlich nicht viel besser als du? Du hofierst Größen aus Wirtschaft und Politik, aber dein Herz schlägt eigentlich für all uns Arbeitnehmer. Und der deutsche Michel lässt sich bekanntermaßen gern bezirzen.

 

Volks-Irgendwas geht immer gut, du lieferst Folklore. Ganz im positiven Sinne. In diesem Meer von Lügen brauche ich zumindest ein wenig märchenhafte Erzählkunst, um in diesen nebulösen Zeiten, wenigstens die eigene – mich vermeintlich leitende – Hand zu erkennen. Und befänden sich an ihr auch ein paar für mich nur schwer sichtbare Fäden, würde dieses diffuse Gefühl wett gemacht werden, von der bequemen Gewissheit nicht allein zu sein.  
Du sprichst aus, was gesagt werden muss, oder fragst zumindest, ob man das nicht zumindest sagen sollen dürfte. Wie auch immer. So viele meiner Beziehungen sind schon an unausgesprochenen Konflikten gescheitert. Da lobte ich mir doch deine holde Art, einfach mal auf den Tisch zu hauen und die Dinge beim Namen zu nennen. Bei ihren wahren Namen.  Manche erheitern sich über deine kreativen Wortneuschöpfungen aber in meinen von Liebe verblendeten Augen benanntest du oftmals schlicht und einfach das Wesen der Dinge.

 

Klar, deine ungeschminkt hässliche Wahrheit stößt hin und wieder dem ein oder Anderen an den Kopf. Ich interpretiere deine Ausraster als Denkanstöße, wohlgleich ich auch meinem Therapeuten Recht geben muss. Die Tatsache, dass mein Handeln und Denken von dir beeinflusst wird, wenn du mich bis zur Bewusstlosigkeit prügelst mit deinen Worten und jeder Schlag ebendiesen Zustand zementiert, bis hin zur kompletten Abhängigkeit von dir, kann ich nicht weiter leugnen. Bei aller Liebe. Du veränderst mich.

 

Ich war mal ein Freigeist und in gefühlsdusseligen Momenten und durch großangelegte Aktionen hast du mir häufig gezeigt, dass du grade diese Eigenschaft so sehr schätzt an mir. Aber jetzt sind dir meine Leserbriefe zu objektiv geworden. Ich öde dich an und koche jede Woche das Gleiche. Seit du die süßen und vor allem nackten Mädchen von der Seite eins genommen hast ist auch unser körperliches Verhältnis erkaltet.

 

Meinen Freunden hab ich lange erzählt ich hab dich noch wegen des Kreuzworträtsels. Doch wir wissen beide, was für große Lücken dort zuletzt klafften, und wie erbärmlich meine letzten Versuche waren mir selbst etwas vorzumachen. Ungeniert ließ ich meinen Speichel auf die exklusiven Bilder des letzten beabsichtigten Promi-Fauxpas tropfen, während ein paar Sekunden später Tränen den Weg meines Blickes säumen, der unverdrossen über die schrecklich-faszinierenden Szenen einer weiteren Dritte Welt Katastrophe wanderte, bis ich schlussendlich in den Spiegel guckte und mich selbst nicht mehr leiden konnte.

 

Du willst im Szenebezirk Sushi verschlingen, während du über Traditionen und  identitätsstiftende Werte schwadronierst. Während ich das alles hier schreibe, merke ich wieder, weshalb ich mich von dir getrennt habe – mein Therapeut wäre stolz auf mich. Und doch hoffe ich insgeheim auf eine Antwort von dir, denn dich nicht lesen ist auch irgendwie keine Lösung!

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