Soziologe im Interview

Lothar Krappmann: "Man muss Schulen angenehmer und vergnüglicher gestalten"

15.09.2016 - Anna-Lena Oldenburg

Der Alltag von Schulkindern und die Bildung junger Flüchtlinge sind nur zwei der Spezialgebiete von Lothar Krappmann. DAS MILIEU sprach mit dem deutschen Soziologen und Pädagogen über Kinderrechte, das deutsche Schulsystem und darüber, wie beides miteinander zusammenhängt.

DAS MILIEU: Kinderrechte – warum setzen Sie sich dafür ein?

Krappmann: Als ich vor vielen Jahren Soziologie studierte, war ich erstaunt wahrzunehmen, dass soziologische Theorien sich schwertun, Kindern eine konstruktive Rolle zuzuerkennen. Die Kinder müssen sozialisiert, also eingepasst werden müssen, damit die Gesellschaft weiter besteht. Sie wussten mit dem innovativen Potential, das nachwachsende Generationen für die Gesellschaft darstellen, nichts anzufangen. Ich hatte das Glück, am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung eine Kinderforschung aufbauen zu können, mit der wir zeigen konnten, dass Kinder von früh auf mit eigenen Sichtweisen, in oft sehr hellsichtiger Einschätzung unterschiedlicher Interessen und mit originellen Lösungen auf Probleme reagieren.

Es wäre verkehrt, sogar gefährlich, den Kindern die Erwachsenwelt einfach überzustülpen. Sie sind ein, manche sagen sogar, das Potential der Evolution: Ihre Fähigkeiten sind zu fördern, übrigens nicht nur die intellektuellen, ihre Urteilskraft ist zu stärken, ihre Verantwortung muss herausgefordert werden, ihrer Stimme ist Gewicht zu geben. Kinder sind nicht die besseren Menschen, aber sie sind Menschen mit allem, was zum Menschsein gehört. Von früh auf beteiligen sie sich aufmerksam und mit eigenen Vorstellungen und auch Widerstand an der Gestaltung von Beziehungen zu Eltern und anderen Personen und dem Umfeld des Aufwachsens. Von früh an zeigen sie das, und alle Beobachtungen und Untersuchungen bekräftigen, dass wir Erwachsenen in Kindern eigenständigen Menschen begegnen.

Zu Beginn der 90er Jahre habe ich die Kinderrechtskonvention entdeckt und festgestellt, dass sie dieser Anerkennung der Kinder als junge Menschen ein Fundament gibt. Es geht nicht um Kinderfreundlichkeit, auch nicht um Belohnung für Wohlverhalten, sondern Kinder haben Rechte auf Schutz, Förderung und Beteiligung, und zwar unaufhebbare Rechte: Menschenrechte.

DAS MILIEU: Die UN-Kinderrechtskonvention trat in Deutschland im Jahr 1992 in Kraft und wird Ihrer Meinung nach immer noch nur unzureichend umgesetzt. Was ist schief gelaufen? 
   

Krappmann: Als dieser Menschenrechtsvertrag über die Rechte der Kinder dem Deutschen Bundestag zur Ratifikation vorgelegt wurde, begründete die damalige Regierung den Beitritt damit, dass er vor allem für die Kinder in den Entwicklungsländern wichtig sei. Wörtlich: Deutschland habe alle Standards verwirklicht, die der Vertrag setzt. Auch mir wird manchmal, wenn ich über Verletzungen von Kinderrechten in unserem Land spreche, der Satz entgegengehalten: "Denken Sie doch an die Kinder in Afrika!" Wer will bestreiten, dass es der Großzahl der Kinder in Deutschland in vieler Hinsicht besser geht als vielen, vielen Kindern in anderen Weltregionen. Das Argument verleitet zu übersehen, dass es auch hier Kinder in Armut gibt, vernachlässigte Kinder, Kinder ohne Schulabschluss, Gewalt gegen Kinder und unter Kindern, sexueller Missbrauch von Kindern, Kinderhandel, Kinderprostitution.
Vielleicht hat auch der Name der Konvention manchen in die Irre führt: Kinderrechte. Dieser Tage sagte mir ein renommierter Kollege: Wenn ich Kinderrechte höre, denke ich an Kinderpost, Kinderkaufladen, Spielplatz. Es ist oft nötig, den Menschen klar zu machen zu machen, dass es um die Kindermenschenrechte geht, nicht um eine Spielwiese für die Kleinen.
Dazu kommt, dass für viele Erwachsene Kinder junge Heranwachsende bis so etwa 10 Jahren sind, während in den Dokumenten der UN immer die jungen Menschen bis zum Alter von 18 gemeint sind. Wenn man bei den Kinderrechten vor allem an diese jungen Kinder denkt, liegt nahe, sie unter dem Schutz der Eltern und nicht des Staates und seiner Rechte zu sehen. Das Elternrecht hat in unserem Land aus historischen Gründen eine sehr starke Tradition. Auch das mag anfänglich erschwert haben, den Kinderrechten in Deutschland Gewicht zu geben. Die Konvention berücksichtigt übrigens ausdrücklich die Rechte der Eltern, macht allerdings klar, dass Eltern in allen Entscheidungen und Anordnungen die Menschenrechte ihrer Kinder achten müssen.
So hat es etwas gedauert, bis auch hierzulande verstanden wurde, dass die Kinderrechtskonvention der Politik und den für Kinder Verantwortlichen ernst zu nehmende Aufgaben stellt.

DAS MILIEU: Viele Menschen, gerade am unteren Ende des sozialen Gefüges, fühlen sich von der Politik abgehängt. Und viele Eltern geben diese Einstellung auch an ihre Kinder weiter. Wie kann man sicherstellen, dass von Schulen das nötige Wissen über Gestaltungsmacht und Vertrauen in eine funktionierende Zivilgesellschaft vermittelt wird?

Krappmann: Als erstes sollten wir begreifen, dass die Schule selbst eine Einrichtung des Staates ist, ein öffentlicher Raum, in dem die Würde des Menschen, von Erwachsenen und Kindern, zu achten ist, wo niemand diskriminiert werden darf, wo das Wohl und die Entwicklungschancen jedes Kindes und auch jedes Erwachsenen bei allen Entscheidungen zu berücksichtigen sind. Die Konvention verlangt auch, dass jede Schülerin, jeder Schüler seine Meinung zu Unterricht und Lernen und zur Gestaltung des schulischen Zusammenlebens einbringen kann. Kinder sind gleichsam Bürger dieser Institution Schule, und ich füge ausdrücklich hinzu, weil Lehrkräfte sich nicht selten beschweren: Lehrerinnen und Lehrer auch. Und Eltern gehören auch dazu. Was Kinder, Jugendliche hier erleben, prägt das Verhältnis zu anderen Menschen und zu Behörden und Institutionen.

Beteiligung ist nicht eine Maßnahme zur Verbesserung des Betriebsklimas, obwohl mir sehr daran liegt, dass Kinder, Lehrkräfte, Schulleitung und Eltern ihre Schule schätzen. Beteiligung bringt nicht nur schnell akzeptierte Ideen ins Klassenzimmer und in die Schule, sondern auch zähe Aushandlungen, Konflikte, umstrittene Lösungen, denen Minderheiten nicht zustimmen wollen, Fehler und Irrtümer, die zwingen, noch einmal von vorn anzufangen. Hoffentlich spüren alle, dass es lohnt. Vor allem aber sollten alle Kinder spüren, dass ihre Meinung und Vorschläge nicht übergangen oder gar missachtet werden, sondern in Unterricht und Schulleben einfließen. Ich denke oft, dass es wichtiger sein könnte, in der Schule zu lernen, sich konstruktiv mit Unzulänglichkeiten und Fehlern auseinanderzusetzen als die Schule auf fachliche Höchstleistungen zu trimmen.

Davon sollten Zivilgesellschaft und politisches Leben profitieren. Das ist eine Erfahrung, die gerade Schule vermitteln kann, eine Einrichtung für alle, und eben auch für die Kinder aus desolaten Verhältnissen. Viel zu sehr starrt man auf das Vorhaben, Kinder durch gute Schulleistung aus ihrer misslichen sozialen Lage herauszuholen. So wünschenswert Schulerfolg ist: Ich glaube, dass die Erfahrung, im Klassenzimmer und in der Schule mitreden und mitgestalten zu können – von Selbstwirksamkeit sprechen die Psychologen – für die Lebenschancen noch ausschlaggebender sind.

DAS MILIEU: Ein wichtiger Grundsatz Ihres Manifests ist, dass Kinder ihre Rechte auf menschenwürdige Behandlung selber, auch gegen ihre Eltern, durchsetzen können. Wie müssen Betreuungs- und Beratungsangebote aussehen, damit dieses Ziel erreicht wird?

Krappmann: Damit kein falscher Eindruck entsteht, erinnere ich daran, dass die Konvention das Recht der Kinder auf Anleitung und Führung durch ihre Eltern unterstreicht. Aber um es noch einmal zu wiederholen: Eltern haben dabei immer die Menschenrechte ihrer Kinder zu beachten – das kann nicht anders sein. Nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz hat der Staat darüber zu wachen, dass die Kinder nach Grundrechten und Gesetz behandelt werden. Wann das Jugendamt bei Bedrohung des Kindeswohls eingreifen kann und muss, ist Gegenstand vieler Konflikte. In Sozialarbeit und Schule herrscht der Eindruck vor, dass bis zu den höchsten Gerichten verbale Beteuerungen von Eltern, sich künftig zu bessern, mehr zählen als die offenkundige Vernachlässigung von Kindern und ihrer Rechte auf Kindeswohl, Entwicklung, Bildung und Mitsprache.

Zu solchen Verletzungen von Kinderrechten sollte es gar nicht erst kommen. Schulen und Kindertagesstätten geben sich seit längerer Zeit große Mühe, mit Eltern ins Gespräch zu kommen, mit ihnen über gute Eltern-Kind-Beziehung zu sprechen und Konfliktthemen zu diskutieren. Die Konvention will ja nicht, dass die Entscheidungen den Kindern überlassen werden, sondern Eltern ihre Kinder in die Entscheidungsfindung mit einbeziehen. Nach Kinder- und Jugendumfragen wird übrigens inzwischen in keiner Einrichtung mehr miteinander verhandelt als in der Familie. Vom Verhandlungshaushalt sprechen die Kinderforscher.

Es gibt Eltern, die nie zu Besprechungen oder Versammlungen in Schule und Tagesstätte kommen. Sogar besonders erfahrene Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter haben es schwer, Zugang zu finden. Sehr hilft, wenn Vorgänge in Schulen und Tagesstätten transparent sind und schulscheue Eltern wahrnehmen, dass sie nicht diskriminiert werden, auch nicht von anderen Eltern. Auch an dieser Stelle wird deutlich, dass Schulen und andere Einrichtungen für Kinder fest auf dem Boden der Menschenrechte stehen müssen.

DAS MILIEU: Sie sprechen sich für eine wertschätzende Zeugnisgestaltung aus, in der eine Beurteilung in Textform, die auf das individuelle Kind zugeschnitten ist, die abstrakten Zahlennoten ersetzt. Welche Kompetenzen sind besonders wichtig bei der Beurteilung eines Kindes, die in Zeugnissen bisher unzureichend beachtet werden?

Krappmann: Die Ziffernnoten geben wenig Information. Die "Eins" macht stolz, die "Fünf" beschämt. Beschämung ist destruktiv und verletzt die Würde des Kindes, aber auch der Stolz der Leistungsstarken kann die anderen herabsetzen. Daher fordern viele Pädagogen verbale Beurteilungen, in denen das Verlangte erläutert und das Erreichte dargestellt wird, dazu mit einem Blick darauf, wie es weitergehen sollte, vielleicht auch mit einer Vereinbarung, welche Arbeiten als nächstes erledigt werden müssen. Das alles Fach für Fach aufzuschreiben, ist sehr aufwändig. Es gibt Schulen, die führen lieber ausführliche Gespräche mit jeder Schülerin, mit jedem Schüler – oder sie tun beides.

Aus solchen Schulen wird berichtet, dass die Schüler nicht etwa vor allem für bessere Noten streiten, sondern zumeist sehr differenziert über ihre Lernprozesse reden. Diese Mitsprache in der Leistungsbeurteilung wirkt bei den meisten Schülern motivierend und fördert Lernfortschritte. Solche Gespräche sollten im Übrigen nicht nur stattfinden, wenn die Zeugnisse geschrieben werden, sondern immer wieder. Sie ermöglichen dem Kind, sich als sich entwickelnder Mensch zu verstehen, selbst dann wenn es Schwierigkeiten hat.
Diese Gespräche bieten darüber hinaus Gelegenheit, generell über Mitarbeit und Mitwirkung zu sprechen, aber geben ebenso Schülern die Möglichkeit zu darzustellen, was sie vermissen oder sie sich wünschen. Bei unseren Beobachtungsstudien in Klassenzimmer und Schulleben waren wir sehr überrascht zu entdecken, wie wenig Lehrer und Schüler miteinander sprechen. Die nackte Notenziffer symbolisiert dieses Defizit.

DAS MILIEU: Außerschulische Aktivitäten sind wichtig, weil sie über den konventionellen Schulunterricht hinausgehen und es ermöglichen, unter Anleitung, selbstständig tätig zu werden. Inwiefern gibt es in Deutschland in diesem Bereich Nachholbedarf?

Krappmann: Da möchte ich zunächst anmerken, dass Kinder und Jugendliche auch in der Schule selbständig tätig sein sollen, und zwar nicht nur bei der Übernahme von Aufgaben im Schulleben, sondern auch und intensiv im fachlichen Lernen. Aber ich stimme zu: Schule hat auch die Aufgabe, Erfahrungen mit Gegebenheiten und Problemen außerhalb der Schule zu erschließen.

Die Konvention enthält zwei Artikel über das Recht auf Bildung. Der erste spricht vor allem vom Zugang zu Bildung, der zweite widmet sich den Bildungszielen. Die Staaten haben vereinbart, dass zum einen die Kinder eine Bildung genießen sollen, die alle Fähigkeiten fördert, dass zum anderen den Kindern die Menschenrechte als Grundlage eines friedlichen, gerechten und die Freiheiten der Person achtenden Lebens bewusst gemacht werden sollen und dass sie zum dritten befähigt werden müssen, verantwortungsbewusst im Geiste dieser menschenrechtlichen Verpflichtungen mit anderen zu kooperieren und zusammenzuleben. Dafür muss ihr Lernen über die Schule hinausreichen
Die Aufgabe der ganzheitlichen Bildung ist in Nebenfächer abgedrängt; die Anstrengung der Schulpolitik und -verwaltung gilt ganz überwiegend der fachlichen Leistungssteigerung. Die Menschenrechte werden in ein paar Schulstunden behandelt und die Vorbereitung auf verantwortungsbewusstes Zusammenleben wird dem Religions- und dem Ethikunterricht überlassen, allerdings nur in Form eines Unterrichts sozusagen mit Papier und Bleistift. Dass zur Befähigung gehört, dass man auch unter realen Bedingungen handelt, Erfahrung sammelt und diese dann bewerten und beurteilen muss, wird übergangen.

Manche Schulen, manche Lehrpläne sehen inzwischen Praktika vor. Aber das ist Öffnung zur Arbeitswelt und nicht Befähigung zum Zusammenleben mit anderen. In ihrer Empfehlung zur Menschenrechtsbildung schreiben die Kultusminister zwar, die Schülerinnen und Schüler sollten sich in ihrem Lebensumkreis für die Menschenrechte einsetzen. Aber die Schule halten sich dabei heraus. Also gibt es keinen begleitenden Lehrer, keine Lehrerin, die auf vorhandene Erkenntnisse und Erfahrung hinweisen, die zur kritischen Analyse und zu Nachdenken auffordern, emotionale Prozesse auffangen und zu neuen Überlegungen ermuntern, wenn etwas misslungen ist oder abgeschmettert wurde.

Übrigens findet man die Probleme, die zum verantwortungsbewussten Handeln herausfordern, nicht nur außerhalb der Schule. Diskriminierung, Gewalt, Fremdenfeindlichkeit, Beschämung und Herabsetzung gibt es leider in vielen Schulen. Diese Probleme können nicht administrativ geregelt werden. Lehrkräfte und Schüler müssen sie gemeinsam bearbeiten. Ihre Bewältigung verlangt aufgeklärtes, umsichtiges, verantwortliches Handeln, eben nicht einfach aus dem Bauch heraus, sondern auf der Basis von Bildung, die Schule vermitteln soll: kenntnisreich, wertorientiert, urteilsscharf und selbst- und umfeldkritisch.

Das sind Probleme, die unser aller Zusammenleben verderben. Mit dem Bildungskonzept der Kinderrechtskonvention haben sich die Staaten verpflichtet, die jungen Menschen zu befähigen, sich mit diesen Problemen auseinanderzusetzen. Ich will noch ein paar weitere nennen, die wir Erwachsenen dieser nachfolgenden Generation überlassen werden, so sehr wir uns auch bemühen mögen: Energie, Klima, Natur, nicht zuletzt die soziale Ungleichheit, die gesellschaftlichen und weltweiten Frieden bedroht. Das sind Probleme, die man weder Dilettanten und auch nicht allein den Fachwissenschaften überlassen kann, sondern für deren Lösung die Bürger des Gemeinwesens ihre Fähigkeiten mobilisieren müssen. Es ist ihr Leben, das gefährdet ist. Das wissen auch die jungen Menschen, wie Kinder- und Jugendstudien belegen. Ängste verfolgen manche Kinder schon bis in Träume.
Wo sollen dieses Können, Aushandeln, Urteilen, Evaluieren, Noch-Einmal-Versuchen und auch der Widerstand gegen Simplifizierung, Sündenbockdenken, Autoritätsgläubigkeit herkommen? Wir haben doch nur die Schule, wo mit allen Kindern und Jugendlichen Grundlagen zur Auseinandersetzung mit Problemen gelegt werden können, die diese jungen Menschen ihr ganzes Leben lang begleiten und verfolgen werden. Und das führt über Klassenzimmer und Schule hinaus.

Was in unseren Schulen weithin – nicht überall – fehlt, ist nicht Nachholbedarf. Das Recht auf eine menschenrechtsfundierte Bildung, das die Staaten den Kindern zuerkannt haben, ist nicht durch einige Schulstunden und Arbeitsgruppen am Nachmittag einzulösen, sondern verlangt Schulentwicklung, die Entwicklung einer anders ausgerichteten Schule – einer Schule, die die Kindermenschenrechte lebt.

DAS MILIEU: Inwiefern unterscheiden sich die heute notwendigen Kernkompetenzen der Heranwachsenden von denen früherer Generationen?

Krappmann: OECD-Papiere sprechen von eigenständigem Denken, von Innovationsfähigkeit, von Beziehungs- und Kooperationsfähigkeit, von Selbstverantwortung und Eigenmotivation, die Menschen heute für erfolgreiches Leben benötigen. Das sind Kompetenzen, über die Menschen schon immer verfügen können mussten, weil sie nicht genetisch vorprogrammiert funktionieren, sondern auf ihre Umwelt mehr oder weniger selbstbestimmt und sozial abgestimmt reagieren müssen und sie handelnd gestalten.

Im Mehr oder Weniger liegt der Unterschied. Eigenständiges Denken, Verantwortung verteilen, das war den Autoritäten oft nicht willkommen, und daher war von solchen Schlüsselkompetenzen etwa in meiner Schule bald nach der in der Nazi-Zeit wenig zu hören. SMV, Schülermitverantwortung, war eine unwillig zugestandene Spielwiese in Zeiten der Re-Education. Jetzt wissen wir, wie sehr Demokratie, Kultur, soziales und berufliches Leben auf die genannten Qualifikationen angewiesen sind. Es ist auch klar geworden, dass dies nicht Kompetenzen sind, die lediglich einer Elite zustehen. Unverzichtbar ist, dass jeder denken, handeln und aushandeln kann, sonst können wir weder in Familie und Freundschaft noch in Gesellschaft und Staat zusammenleben. Daher müssen diese Schlüsselkompetenzen in unseren Schulen volles Gewicht haben.
Mich stört allerdings, dass diese Kompetenzen sehr nach Vervollkommnung des Individuums klingen. Wir brauchen sicher starke Menschen. Aber wir brauchen auch Menschen, die auf einander Rücksicht nehmen, sich wechselseitig respektieren und Verantwortung für einander übernehmen. Auch das ist nicht neu, aber muss heute in viel weiteren Dimensionen verwirklicht werden. Wir erleben eine Globalisierung der Verantwortung für einander und für das Leben von Menschen, die wir nie leibhaftig sehen werden. Und das nicht abstrakt, vielmehr in Konfrontation mit konkreten Problemen, die viele, wenn nicht alle Menschen erleben. Mein Verhalten in Sachen Energie, Umwelt, Ungleichheit ist nicht nur meine Sache, sondern beeinflusst das Leben vieler anderer, und ihr Verhalten bestimmt meine Lebensmöglichkeiten. Befähigungen und Bereitschaften, sich mit diesen Problemen auseinanderzusetzen, müssen neue Schwerpunkte in einer Schule setzen, die nicht neben der reale Welt steht.

DAS MILIEU: Frühe Selektion befördert ein Gefühl der Unzulänglichkeit und Leistungsdruck. Welche Schulform halten Sie für die geeignetste, um das Selbstbewusstsein von Kindern zu stärken?

Krappmann: Das ist eine Frage, an der viele fruchtbare Debatten um die Schule und um das, was sie für alle Kinder leisten sollte, nur zu oft scheitern. Die frühe Aufteilung der Kinder im Alter von zehn Jahren ist sakrosankt. Selektion müsste eigentlich ein Unwort der deutschen Sprache sein, denn es steht für eine autoritäre Kategorisierung, wo es eigentlich nur um Unterstützung gehen dürfte, die aufgeklärte Interessen und Vorlieben fördert.

Das Auftrennen der Grundschulklassen erfolgt zu einem Zeitpunkt, zu dem die jungen Menschen noch nicht abgeschlossen haben, was man international gewöhnlich primary education, Grundbildung, nennt. Für diese Grundbildung, für das, was jedes Mitglied der Gesellschaft und jeder Bürger wissen und können soll, halten viele Staaten ihre Kinder sechs, manche auch acht Jahre zusammen. Sie müssen ja auch später zusammenleben und für einander einstehen. In diesen sechs oder acht Jahren können viele der Bildungsprozesse grundgelegt werden, von denen ich gesprochen habe – könnten grundgelegt werden, denn aus meiner UN-Tätigkeit weiß ich, dass die Curricula der Schulen dieser Welt weithin hinter den Forderungen der Kinderrechtskonvention zurückbleiben.
Aber wie auch immer: Von der Konvention her sind alle Schulformen verpflichtet, die Kinder auf verantwortungsbewusstes Leben in einer freien Gesellschaft im Geist der Verständigung, des Friedens, der Toleranz, der Gleichberechtigung vorbereiten, wie es in der Konvention heißt – also sie befähigen, drängende Themen aufzugreifen, kritisch zu denken und zu urteilen, besonnen zu handeln und die Rechte aller Menschen achten. Vielleicht führt die gemeinsame Aufgabe doch eines Tages die Schulformen zusammen bis zu einem Alter der Jugendlichen, in dem die notwendigen strukturellen Differenzierungen mit Blick auf die persönlichen Lebenspläne einsetzen müssen.

DAS MILIEU: Wie effektiv ist die deutsche Bildungspolitik organisiert, vor allem im Bezug darauf, Ihre Ziele schnell und flächendeckend umzusetzen?

Krappmann: Im Hinblick auf die Steigerung der Schulleistungen in als besonders wichtig angesehenen Fächern haben die Bildungspolitik und Schulverwaltung energisch reagiert, als internationale Vergleichsstudien Defizite nachwiesen. Rangplätze auf internationalen Vergleichsskalen wurden deutlich verbessert. Dafür wurden große Anstrengungen unternommen. Denn die ersten PISA-Ergebnisse im Jahr 2000 waren für Deutschland, das so stolz auf sein Bildungswesen war, ein Schock ähnlich dem Sputnik-Schock in den 60er Jahren in den USA, der den Rückstand in Naturwissenschaft und Technik zu dokumentieren schien.

Die Konzentration auf die Verbesserung der getesteten Schulleistungen hat allerdings viele andere Themen an den Rand gedrängt. Zwar beklagen Eltern den Leistungsdruck, dem ihre Kinder ausgesetzt seien. Insbesondere Eltern der Bildungsschichten hängen jedoch nach wie vor an der herkömmlichen Schule und verfolgen alle Änderungen von Lehrplänen und Prüfungsordnungen mit Misstrauen. Sie wollen die Fortführung der Schule, die sie kennen; sicher besser ausgestattet und mit Lehrern, die für ihre Kinder individuell aufmerksamer sind. Aber grundlegende Veränderungen von Schulstruktur und Curricula stoßen immer auf Widerstand.

Aus manchen Reden und Beteuerungen, die Schulen hätten Kinder zu verantwortungsvollen Zusammenleben in einer Gesellschaft zu befähigen, werden keine Ziele, die die Politik bestimmen. Es gibt Ministerinnen, Minister, die in diese Richtung gehen wollen. Sie müssen befürchten, von Bürgerbegehren und Volksentscheiden weggespült zu werden. Ob eine verstärkte Zuständigkeit des Bundes das Bildungswesen ändern würde? Ich bin skeptisch, weil die Beharrungskräfte auf allen Ebenen wirksam sind. Wünsche und Ängste konterkarieren sich.

Dennoch: Es gibt Schulleitungen und Lehrerinnen und Lehrern, die Schritte in diese Richtung unternehmen. Sie greifen Themen auf, die das Leben der heranwachsenden jungen Menschen bestimmen, hören Kindern und Jugendlichen zu und geben Mitverantwortung. Sie binden auch die Eltern ein.
Vielleicht weckt uns die erschreckende Wahrnehmung auf, dass unsere Demokratie fragiler ist, als wir noch vor kurzem geglaubt haben, und dass unsere Kinder in ihrer Überzeugung und Bereitschaft gestärkt werden müssen, durch demokratische Prozesse gutes Leben aller zu sichern und niemanden abzuhängen.

DAS MILIEU: Veränderung muss irgendwo beginnen: Welche Veränderungen sehen Sie als am leichtesten zu implementieren?

Krappmann: Schulen sollten die Beteiligung der Kinder ernst nehmen. Janusz Korczak, der polnische Kinderarzt und Pädagoge, sagte, alles wurde anders, als ich nicht mehr zu den Kindern sprach, sondern mit den Kindern. Das löste nicht alle Probleme in seinen Kinderheimen. Aber es öffnete den Weg dazu, gemeinsam Probleme anzugehen. Wenn ich von Beteiligung rede, dann meine ich nicht zuerst die formelle Schülervertretung, sondern die Mitsprache bei allen Angelegenheiten, die Kinder berühren, und das ist in der Schule sehr viel.
Die Begründung ist nicht, dass Kinder die besten Vorschläge hätten. Sie steuern oft hilfreiche Beobachtungen und nützliche Informationen bei, manchmal auch die Lösung. Aber auch wenn sie naive, unbedarfte Meinungen äußern, haben sie nach der Konvention das Recht, beteiligt zu werden. Sie sind Menschen, die als Menschen eigentlich das unveräußerliche Recht hätten, über ihre Angelegenheiten selber zu entscheiden. Für Einschränkungen der Selbstbestimmungen minderjähriger Kinder gibt es durchaus vertretbare Gründe. Das Mindeste, das ihnen jedoch zusteht, ist, mitzureden, ernsthafte Antworten zu bekommen und teilzunehmen. Sie werden viel dabei lernen, auch weil Kinder zuhören, falls sie nicht das Vertrauen in Erwachsene verloren haben. Erwachsene lernen dabei auch.

Beteiligung ist aber nicht nur bei der Schulhofbegrünung oder der Leerung des Papierkorbs einzuräumen, sondern sie steht den Schülerinnen und Schülern auch bei der Planung von Themen des Unterrichts zu und, wie schon gesagt, auch bei der Bewertung der Leistungen. Volle Beteiligung ist auch auch bei den wichtigen Themen zu sichern, die in der Schule bearbeitet werden müssen, wie Gewalt, Mobbing, Integration von Flüchtlingskindern.

Schulen sollten mit Priorität die Probleme angehen, die sie besonders bedrängen. Wichtig ist, dass es nicht nur um die Bewältigung von Missständen geht, sondern auch um Vorhaben, die Schule angenehmer machen und vergnüglich sind: kulturelle Projekte, Patenschaften, Feste und anderes. Trotz der ernsten, sogar bedrohlichen Themen sollen Kinder gern in die Schule gehen.

DAS MILIEU: Welche Veränderungen würden tiefergehende strukturelle Anpassungen und Kooperationen nötig machen?

Krappmann: Ein UNESCO-Gutachten, der Faure-Bericht von 1972, stellte fest, dass Menschen das meiste, was sie für ihr Leben benötigen, informell lernen, also beiläufig in der Lebenspraxis. Ich bezweifle, dass dies heute noch in diesem Maße zutrifft. Die großen gesellschaftlichen Aufgaben sind nicht mehr mit nebenher anfallenden Erfahrungen und dem angeblich gesunden Menschenverstand zu bewältigen. Kinder – und übrigens auch Erwachsene – müssen systematisch auf die gemeinsame Entwicklung neuer Lebensformen vorbereitet werden. Folglich müssen wir einen guten Teil dessen, was informelle Bildung möglicherweise geleistet hat, an die Schule heranführen. Die Schule muss sich der Lebenspraxis öffnen und Schritte in diese Lebenspraxis begleiten, sie mit den Kindern durchdenken und Verhaltensweisen entwerfen und erproben. Wir brauchen so etwas wie eine duale Menschenrechtsbildung, die Verbindung von Schule und Praxiserfahrung, wie sie das deutsche Modell der Berufsausbildung kennzeichnet. Das wird unsere Schule tiefgehend verändern, obwohl ihre Fächer wichtig bleiben. Aus ihnen kommen ja viele Anstöße zur Reflektion. Hier entstehen robuste Fähigkeiten.

Das geht in der Tat nicht ohne Kooperationen der Schule mit der Kommune und Einrichtungen um die Schule herum: mit Tagesstätten, mit Kinderbüros, mit der Stadtplanung, mit der Suppenküche, mit Flüchtlingsunterkünften, mit Betrieben, mit der Musikschule, mit der Polizei, mit dem Krankenhaus, mit Kirche, Moschee und Synagoge. Entscheidend ist, dass die Schüler nicht einfach irgendwohin geschickt werden, sondern dass die Schule ihre Lehr- und Lernerfahrung einsetzt, um aufzuarbeiten, was in den ausgewählten Praxisfeldern gesehen, erlebt und vielleicht auch beunruhigt und schockiert hat. Dafür müssen auch Personen von außen in die Schule kommen, die ihre Praxis darstellen.
Dieser Bildungsgewinn muss dokumentiert werden, nicht nur mit einer Fußnote im Zeugnis "hat sich sehr engagiert", sondern als substantielles Ergebnis. Aus deswegen sind verbale Zeugnisse nötig.

DAS MILIEU: Ihr Manifest „Worauf Kinder und Jugendliche ein Recht haben“ entstand in einer Kollaboration verschiedener pädagogischer Theoretiker und Praktiker und soll Gehör bei einem fiktiven Regierungschef finden. Wie ist die bisherige Resonanz?

Krappmann: Es gibt viel Zustimmung, sicherlich vor allem aus Kreisen der Kinder- und Menschenrechtler, aber auch aus Schulen.

Der fiktive Regierungschef ist ein realer Regierungschef, und die Gruppe hinter dem Manifest hofft auf ihn. Was mich wirklich sehr ermutigt, ist die Tatsache, dass es längst viele Schulen mit Lehrerinnen und Lehrern gibt, denen die Stärkung der Kinder als Menschen mit Interessen und Rechten ebenso wichtig ist wie die Vermittlung fachlichen Wissens und Könnens. Es gibt die Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik, den Zusammenschluss der Schulen "Blick über den Zaun", das hessische Kinderrechte-Schulnetzwerk und entsprechende Initiativen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, viele Schulen, die sich am Programm des Service-Learning beteiligen, Bürgerstiftungen wie in Barnim Uckermark, die die Beteiligung von Kindern in Schule und Kommune fördern – es gibt noch viel mehr.

DAS MILIEU: Sie schreiben unter anderem, dass „Wissen kein Statussymbol“ sei, sondern ein Instrument, um zu verstehen, erklären und zu handeln. Muss sich das deutsche Denken über Leistung und Bildung ändern?

Krappmann: Dass fachliche Kompetenz anerkannt wird, ist nicht zu kritisieren, denn vom Alltag bis zu Wirtschaft und Technik brauchen wir wissenschaftliche Erkenntnis. Auch lebensfremd erscheinende Wissenschaftszweige helfen uns zu verstehen, wer wir Menschen sind, woher wir kommen und worauf wir für die Zukunft bauen sollen. Wenn Wissen heute als Statussymbol gehandelt wird, ist ja gar nicht Bildung gemeint, sondern ein Schul- oder Hochschulabschluss, der zu beruflichen Laufbahnen berechtigt. Unser gesellschaftliches Problem ist, dass die Voraussetzungen, einen solchen Abschluss zu erreichen, sehr eng mit dem Schul- und Hochschulabschluss der Eltern korrelieren – in Deutschland bekanntlich mehr als in vielen vergleichbaren Ländern.

Ein solcher Abschluss ist nicht gleichzusetzen mit der Bildung, die die Kinderrechtskonvention allen jungen Menschen sichern will, nämlich die Befähigungen, an gesellschaftlichen Prozessen mit Gehör und Einfluss teilzunehmen, in denen gerechte Bedingungen guten Lebens ausgehandelt und entschieden werden. Da kann es im Prinzip keine Vererbung geben, weil alle Menschen über diese Fähigkeiten verfügen sollen. Sie sind für Statusansprüche ungeeignet.

Das Problem der soziale vererbten Schulabschlüsse ist damit jedoch nicht beseitigt. Es ist gravierend, weil es Privilegien für Kinder unzugänglich macht, die unter ungünstigen, von der Gesellschaft nicht ausgeglichenen Bedingungen der Entfaltung ihrer Fähigkeiten aufwachsen. Das ist ungerecht. Da die Überwindung dieser Zugangsbarrieren auch von eigenständigem Denken, Motivation, Erfahrung von Wirksamkeit, Bereitschaft, sich einzubringen, Fähigkeit, Rückschläge auszuhalten, abhängen, sollte die auf Menschenrechte ausgerichtete Bildung beitragen, sich gegen widrige Bedingungen durchzusetzen. Hier liegt ein Grund mehr, die Menschen stärkende und befähigende Menschenrechtsbildung in unseren Schulen zu verankern.

DAS MILIEU: Wie, denken Sie, wird sich die zunehmende Digitalisierung auf die Schulwelt auswirken?

Krappmann: Die Digitalisierung wird hilfreich sein, sich Information, Daten, Interpretation sowie gute Vorbilder und kritische Sichtweisen leichter als früher zu erschließen. IT gehört ja auch zu den Themen, die unbedingt in die Schule und ihre Praxis gehören, damit IT nicht die Menschen überwältigt, sondern von ihnen beherrscht wird. Es ist auch ein Menschenrechtsthema, nicht nur im Hinblick auf Kontrolle und Schutz, sondern auch zu innovativer Gestaltung sinnvollen Lebens. Es wird Lehrer nicht überflüssig machen, wie manche behaupten, sondern noch dringender machen, dass man mit einem kenntnisreichen, menschenrechtlich gebildeten Menschen über Einordnung und Beurteilung der Fülle der Informationen sprechen kann.

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