Buchautor im Interview

Lukas Rietzschel: "Es geht nicht um Veränderung, sondern die Abschaffung der Demokratie"

15.10.2018 - Anna Stahl

Lukas Rietzschel ist ein deutscher Nachwuchsautor, sein Debütroman "Mit der Faust in die Welt schlagen" gibt so manche Antwort auf Fragen nach den Vorfällen in Chemnitz. Der Roman handelt von zwei Brüdern, die im Osten von Sachsen aufwachsen, ihr Leben ist geprägt von familiären Problemen, von Alkohol und von Uwe, dem Verlierer. DAS MILIEU sprach mit dem Buchautor über die Motivation hinter seinem Roman, die Gründe für den Rechtsextremismus in Deutschland sowie die Frage der Radikalisierung junger Menschen.

DAS MILIEU: Herr Rietzschel, Ihr Roman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ wurde vom Literaturkritiker des MDR, Matthias Schmidt, als „der Roman über den Osten der 2000er-Jahre“ bezeichnet. Was hat Sie, 1994 in Ostsachsen geboren, zum Verfassen eines solchen Buches bewogen?

Lukas Rietzschel: Ganz platt, ganz einfach: Ich wollte wissen, was passieren muss, damit man ein Asylbewerberheim anzündet. Aber ich wollte eben keine Radikalisierungsgeschichte schreiben, sondern einen Text über das zunächst leichte Abdriften, die schrittweise Entfernung von der Gesellschaft, bis hin zu deren kompletter Ablehnung.

MILIEU: Inwiefern haben Sie dahingehend schließlich recherchiert?

Rietzschel: Entscheidend war für mich das Brennen des Husarenhofes in Bautzen 2016. Als betrunkene Jugendliche die Feuerwehr bei den Löscharbeiten behinderten. Dieses Bild hat sich mir so eingeprägt, dass ich es in einer abgewandelten Form an das Ende des Romans stellen wollte. Ich kann nicht erklären, warum jemand etwas Derartiges tut, ich erkläre es ja auch im Roman nicht. Was ich versuche, ist, das zu spiegeln, was diese Jungs gedacht haben könnten. Dafür gibt es ein paar Milieustudien, ein paar Reportagen, Filme. Aber das genügte mir nicht.

MILIEU: Der Politologe Aladin El-Mafaalani hat die These aufgestellt, gelingende Integration vergrößere die Konflikte, da erst durch Integration ein gesellschaftlicher Diskurs überhaupt notwendig wird. Inwiefern stellen die ausländerfeindlichen Aufmärsche in Chemnitz, die Entstehung von Pegida oder der politische Aufstieg der AfD vor diesem Hintergrund aus Ihrer Sicht tatsächlich eine Gefahr für die demokratische Ordnung dar?

Rietzschel: Weil dieser Protest längst von konstruktiven, demokratisch legitimen Vorschlägen und Wünschen für eine Veränderung der Verhältnisse abgekehrt ist. Da geht es nicht mehr um eine Kritik am Islam oder an sogenannter Massenmigration. Da wird ein Systemwechsel gewünscht, ein neues Deutschland. Frei von demokratischen Kompromissen, frei von kritischer Presse, kritischen KünstlerInnen, frei von gesellschaftlicher Heterogenität. Seit Chemnitz wird immer verhohlener von Selbstbewaffnung und Selbstjustiz gesprochen, auch von der AfD. Bürgerwehren gründeten sich bereits 2013 und 2014 erstmals. Hier geht es längst nicht mehr um Veränderung der Demokratie sondern um deren Abschaffung. 

MILIEU: Haben Sie Angst davor, dass sich die deutsche Geschichte wiederholen könnte?

Rietzschel: Immer, ja. Vor allem davor, dass sich das sogenannte kollektive Gedächtnis auch verändern kann. Dass also irgendwann tatsächlich ein Schlussstrich gezogen und ein neues Deutschland, verantwortungs- und schuldfrei, proklamiert wird.  

MILIEU: Lässt sich die Radikalisierung junger Menschen am rechten politischen Rand allein mit der ökonomischen und sozialen Perspektivlosigkeit erklären, wie Sie sie in ihrem Roman entwerfen?

Rietzschel: Nein, natürlich nicht. Auch reduziere ich im Roman die Radikalisierung nicht allein auf diese beiden Faktoren. Ich glaube, dass die Frage nach Identität eine ebenso wichtige Rolle spielt, die geschichtliche und räumliche Verortung. Nicht nur bei der Nachwendegeneration sondern auch bei der Eltern- und Großelterngeneration. Da spielt der Systemwechsel mit rein, Weltgeschichte, Popkultur, Schulbildung, Freundschaft, Kommunikation. Alles, was einen Menschen prägen kann. Was gelingt, kann ja auch misslingen.

MILIEU: Anders als in Deutschland haben sich Rechtspopulisten in der Schweiz schon lange im politischen System etabliert. Damir Skenderovic, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Fribourg hat das Land daher als „Avantgarde des Rechtspopulismus in der Nachkriegsgeschichte“. Gleichzeitig ist die Schweiz eines der reichsten Länder Europas. Worauf würden Sie diesen Widerspruch mit Blick auf die Situation in Deutschland zurückführen?

Rietzschel: Da gibt es keinen Widerspruch. Es herrscht noch immer das Bild vom Wendeverlierer vor, der sich Pegida anschließt, aus seiner prekären Lebensrealität heraus. Tatsächlich handelt es sich bei diesen Leuten jedoch um mitunter gut ausgebildeten, gut verdienenden Mittelstand. Da wurde sich nach der Wende ein Zweitwagen geleistet, ein Haus gebaut, jährlich in den Urlaub geflogen. Da steht die neueste Technik im Wohnzimmer und die Kinder können studieren. Gerade wegen dieser neuen kapitalistischen Partizipationsmöglichkeit und den gleichzeitigen Erfahrungen der Banken-, Finanz- und Griechenlandkrise entsteht eine Globalisierungsabneigung und die Wahrnehmung, der Staat und das System können für keine Sicherheiten garantieren. Dann zu erkennen, mit der sogenannten Flüchtlingskrise, dass der Staat auch nicht wehrhaft und nicht handlungsfähig ist, treibt diesen Mittelstand auf die Straße. Er sieht sich betrogen und hintergangen, vorgeführt, bevormundet. Das kulminiert mit den Erfahrungen der Wende- und Nachwendezeit und nicht zuletzt mit einem anderen Staats- und Demokratieverständnis, das seinen Ausgangspunkt in der DDR hat. Eine ungesunde Mischung.

MILIEU: Der deutsche Film „Die Kriegerin“ erzählt, wie eine junge Frau sich der Neonaziszene anschließt. Bei den beiden Hauptprotagonisten Ihres Romans handelt es sich um junge Männer. Welche Rolle denken Sie spielt das Geschlecht in Bezug auf rechte politische Radikalisierung?

Rietzschel: Da gibt es keinen Unterschied. Fatal ist genau diese doppelte Unsichtbarkeit. Wir sehen vor allem Nazi-Männer und schließen auf eine eher männliche Bewegung und Radikalisierung. Das führte zum Beispiel dazu, dass die Behörden lange überhaupt nicht nach Beate Zschäpe fahndeten. Wenn es keine Frauen in der Szene gibt, können die, ergo, auch nicht gewalttätig sein. Und genau dieses Denkmuster übernehmen auch die Neonazis. Zschäpe ließ bei ihrer Anhörung verlesen, dass sie als Frau ja gar nichts von Politik verstehen würde. Sie war halt verliebt, aber von rechtem Gedankengut oder gar rechter Gewalt wollte sie nichts mitbekommen haben. Allein deswegen ist „Kriegerin“ ein unfassbar guter und wichtiger Film. Er konfrontiert uns mit einer radikalen, rassistischen und gewalttätigen Frau. Die gibt es, auch wenn sie in der Unterzahl sind und in eher untergründigen Strukturen auftauchen. Es ist falsch, Frauen eine eher amouröse Bindung in die rechte Szene nachzusagen. Ihnen also zu unterstellen, sie wären dort, weil ein Liebhaber, Freund, Ehemann, sie hineingezogen hätte. Das Zschäpe-Motiv also. Frauen wie Männer können fremdenfeindlich und antisemitisch sein und eine Lust, einen Drang verspüren, den Staat mit all seinen Strukturen radikal zu stürzen und zu vernichten.

MILIEU: Die Grünen wollen bei der Landtagswahl 2019 mit dem Kampf für „ein anderes Sachsen“ antreten, dass sich von der AfD abgrenzt und gemeinschaftliche demokratische Werte in den Vordergrund rückt. Worin sehen Sie auf politischer Ebene langfristig eine geeignete Strategie, um die strukturelle Benachteiligung des deutschen Ostens aufzuheben und dieses „andere“ Sachsen entstehen zu lassen?

Rietzschel: Ich bin kein Politiker, sondern Schriftsteller. Was ich sagen kann, ist, dass es in jedem Fall eine Menge zu tun gibt.

MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Rietzschel! 

 

Foto: Gerald von Foris

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