Kolumne

Lupus Oeconomicus: Die Kapitalismuskrise und was Roboter damit zu tun haben

15.03.2017 - Nicolas Wolf

Den Kapitalismus zu kritisieren liegt mal wieder im Trend. Vielerorts heißt es, er habe sein zentrales Versprechen, Wohlstand für alle zu bringen, nicht gehalten. Schaut man sich jedoch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts an, wird klar: vor allem in der westlichen Welt kam es zur Verbesserung der Lebensstandards. Diese Tatsache lässt also durchaus positivere Schlüsse zu.

Die grundsätzliche Prämisse des Kapitalismus beziehungsweise der Marktwirtschaft, dass Privateigentum, Unternehmertum und der Wettbewerb zwischen Wirtschaftsakteuren langfristig zu Fortschritt und Wohlstand führen, ist nur schwer in Frage zu stellen. Ebenso wenig in Frage zu stellen, ist allerdings die chaotische, zerstörerische Kraft des kapitalistischen Systems. Es produziert Exzesse, Krisen und extreme Ungleichheit. Der Kapitalismus ist ein höchst widersprüchliches System, da das Profitstreben der Kapitalbesitzer mitunter schwer mit dem Erhalt der Kaufkraft der Arbeiterschaft vereinbar ist. Doch wenn die Einkommen von Arbeitnehmern stagnieren, damit der Kapitalist seine Renditeziele erreichen kann, wer soll dann konsumieren, kaufen und somit die Wirtschaft am Leben erhalten? 

 

Und so kann es passieren, dass eine Zunahme von ökonomischer Ungleichheit dazu führt, dass die Nachfrage nach all dem, was die Unternehmen dieser Welt so produzieren, immer weiter abnimmt. Es ist daher kein Zufall, dass mit zunehmender Einkommens- und Vermögensungleichheit auch die Verschuldung privater Haushalte immer weiter zunahm. Wenn das eigene Einkommen den Kauf eines zweiten Autos oder eines Urlaubs nicht hergibt, dann wird halt eben das eigene Haus beliehen oder ein ungesicherter Kredit aufgenommen. Dies war das Wirtschaftsmodell, das bis zur Finanzkrise 2007 vor allem in den USA bestand hatte und die Weltwirtschaft am Laufen hielt. Der amerikanische Konsument wollte konsumieren, konnte es sich nicht leisten, verschuldete sich, um es doch zu können, und konnte dann irgendwann die Rechnung nicht mehr bezahlen. Mit der Krise von 2007 brach dieses fragile Kartenhaus zusammen und mit ihm die neoliberale Doktrin. 

 

Es ist nicht verwunderlich, dass nun derzeit die logische Gegenreaktion auf die Weltwirtschaftskrise und die quälend langsame Erholung im Anschluss daran stattfindet und das Pendel zurück schwingt. Protektionismus statt Globalisierung, Deckelung von Gehältern, Vermögenssteuer, großzügigere Bezüge für Arbeitslose und Rentner – je nach dem welchen Teil der Wählerschaft man ansprechen möchte, wird ein anderer Köder hingeworfen. Was auffällt, ist, dass die Debatte so geführt wird, als würden die wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten von vor 30 oder 40 Jahren auch heute noch gelten – und dementsprechend das wirtschaftswissenschaftliche Lehrbuch Antworten für die Herausforderungen der Gegenwart parat hält. 

 

Was aber, wenn wir tatsächlich in einer anderen Welt leben, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht? Längst ist die Zeit der auf die Massenproduktion von Industrie- und Konsumgütern ausgelegte Volkswirtschaft vorbei, das digitale Zeitalter hat begonnen und technologischer Fortschritt vollzieht sich so schnell wie nie zuvor. Ist die Zunahme ökonomischer Ungleichheit das Resultat einer Wirtschaftspolitik, die die Reichen, die mit hohen Einkommen, jene, die das Kapital kontrollieren, systematisch bevorzugt hat? Ohne Zweifel hat die Liberalisierung der Finanzmärkte, die Herabsenkung von Spitzensteuersätzen und die Besserstellung von Kapitaleinkünften wie ein Katalysator gewirkt. Doch an der These Martin Fords, Autor des Buchs “Rise of the Robots”, ist durchaus etwas dran, wenn er sagt, dass die zunehmende Konzentration von Einkommen vor allem Ausdruck immer schneller voranschreitender Technologien ist, die disproportional Managern und Kapitaleignern zugute kommen.

 

Digitalisierung und Robotisierung sind Trends, die längst im Gange und unaufhaltsam sind. Viele klassische Berufsbilder werden durch sie verschwinden oder zumindest stark verändert werden: Taxi- und LKW-Fahrer aufgrund selbstfahrender Autos, Postboten und Paketzusteller aufgrund von Zustellung durch Drohnen. Selbst vor Akademikern, bisher von technologisch bedingter Arbeitslosigkeit weitestgehend verschont, wird künstliche Intelligenz nicht Halt machen. Bei aller berechtigter Kritik an exzessiven Managergehältern, Bankenrettungen auf Kosten der Steuerzahler und Lobbypolitik: Die größte wirtschaftliche Herausforderung der Zukunft und größte Zerreißprobe der westlichen Demokratien sind nicht Donald Trump, Brexit, die Flüchtlingskrise oder Fake News, sondern die Reorganisation unseres sozialen und wirtschaftlichen Miteinanders in Angesicht massiver technologischer Umwälzungen. Länger Geld für Arbeitslose und höhere Renten werden da kaum helfen. 

 

Wer das für Unfug hält, möge sich vor Augen führen, dass 80% der einst gut bezahlten Industriejobs, die in den USA in den vergangen Jahrzehnten verloren gegangen sind und nun Präsident Trump “zurückbringen” möchte,  Opfer von Automatisierung und nicht von geldgierigem Outsourcing nach China oder Mexiko waren. Wenn US-Unternehmen Produktion aus dem Ausland wieder in die Vereinigten Staaten verlagern sollten, dann wird es zwar reichlich Arbeit für Roboter geben, aber nur wenig gegen die Arbeitslosigkeit unter amerikanischen “blue collar” Arbeitern helfen. Mit zunehmend intelligenteren Maschinen, werden auch in anderen Teilen der Wirtschaft die Auswirkungen zu spüren sein, z.B. im Servicebereich.

 

Was also tun? Wie die Ludditen im England des 19. Jahrhunderts aus Furcht vor Arbeitslosigkeit die Maschinen zerstören? Dies wäre nicht nur zwecklos, sondern auch dumm. Bisher war technologischer Fortschritt immer mit höherem Wohlstand verbunden, obgleich dieser zuletzt immer ungleicher verteilt wurde. Die Früchte der zunehmenden Automatisierung so zu verteilen, dass der soziale Frieden gewahrt bleibt, wird aller Wahrscheinlichkeit nach ein radikales Umdenken fordern. Auf der einen Seite müssen Innovation und Fortschritt gefördert werden, gleichzeitig aber muss eine soziale Infrastruktur geschaffen werden, die dazu ermutigt sich permanent weiterzubilden und den sich rasch verändernden Bedingungen anzupassen – etwas, das der britische “The Economist” unter dem Titel “Lifelong Learning” vor einiger Zeit thematisierte. Ein bedingungsloses Grundeinkommen wird langfristig wohl eine Notwendigkeit sein, was wiederum eine gewisse Regulierung von Wohnen und Mobilität nach sich ziehen würde. Wie das bezahlt werden soll, steht wieder auf einem ganz anderen Blatt und wird in Zukunft ein wesentlicher Streitpunkt zwischen Linken und Konservativen sein. Wie auch immer wir am Ende mit dem technologischen Wandel umgehen, noch bleibt ein wenig Zeit sich Gedanken zu machen und die Weichen für die Zukunft zu stellen. Leider gewinnt Weitsicht keine Wahlen, weshalb ich meine Zweifel habe, dass der Übergang ins Zeitalter der Roboter glatt verlaufen wird.

 

 

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