Kolumne

Lupus oeconomicus: Italeave und der Anfang vom Ende des Euros

15.01.2017 - Nicolas Wolf

Wann haben Sie das letzte Mal einen Artikel zur Eurokrise gelesen? Sicherlich wird dies schon eine ganze Weile her sein, da die mediale Aufmerksamkeit derzeit eher anderen Themen gilt wie zum Beispiel der Trump-Präsidentschaft, der inneren Sicherheit oder dem Krieg in Syrien.

2017 könnte nun allerdings das Jahr sein, in dem die Eurokrise mit voller Wucht zurückkehrt und wieder Schlagzeilen macht.

 

Am Ende könnte es sogar soweit kommen, dass der diesjährige Bundestagswahlkampf im Zeichen folgender Fragestellung steht: Soll der deutsche Steuerzahler lieber deutsche Banken mit Milliarden retten oder für südeuropäische Arbeitslose aufkommen? Das ist zugegeben sehr zugespitzt und etwas zynisch formuliert, fasst aber recht treffend zusammen, worum es im Kern geht; nämlich um das grundsätzliche und altbekannte Problem, dass die Eurozone eine Währungsunion ohne dazugehörige Banken- und Fiskalunion ist.

 

Warum nun ausgerechnet 2017 ein Schlüsseljahr für den Euro sein sollte, liegt nicht nur an den Wahlen in Frankreich und den Niederlanden, sondern vor allem auch an Italien, oder, um genau zu sein, an den Problemen in Italiens Bankensektor.

 

Das Thema “italienische Bankenkrise” wird  in der Finanz- und Investmentcommunity seit mehreren Monaten intensiv diskutiert, war in den gängigen Medien aber bisher überraschend abwesend. Deshalb ein kurzer Überblick: Italiens Wirtschaft ist seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 nicht gewachsen, sondern geschrumpft, die Arbeitslosigkeit steht bei über 11%, jeder dritte Jugendliche ist ohne Job und die Staatsverschuldung steht bei über 130% der Wirtschaftsleistung. Die anhaltend schlechte Konjunktur wiederum hat Italiens Finanzsektor in die Bredouille gebracht, mit der Folge, dass Italiens Banken schätzungsweise 50 Milliarden Euro an frischem Kapital benötigen. Der Haken: Der Staat wird davon einen größeren Teil beisteuern müssen (in etwa 30 Milliarden Euro), da sich mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit nicht ausreichend private Investoren für eine Rekapitalisierung des italienischen Bankensektors finden würden.

 

Um es auf den Punkt zu bringen: In einem Land, dessen Bevölkerung sich mit sinkenden Einkommen und hoher Arbeitslosigkeit konfrontiert sieht, sollen nun ausgerechnet Banken mit staatlichen Geldern gerettet werden. Die Situation ist somit politisch äußerst heikel und natürlich Wasser auf den Mühlen der euroskeptischen Partei Movimento 5 Stelle. Diese hat versprochen im Falle eines Wahlsiegs eine Abstimmung über Italiens Verbleib in der Eurozone durchzuführen und da nach dem gescheiterten Referendum über eine Verfassungsreform Anfang Dezember die Chancen auf Neuwahlen noch in diesem Jahr gar nicht schlecht stehen, ist es vielleicht angebracht, sich damit auseinanderzusetzen, was für Folgen Italeave, also ein Austritt Italiens aus der Eurozone, eigentlich hätte.

 

Da ist zunächst einmal die Frage, ob ein Euroaustritt aus Sicht Italiens überhaupt Sinn macht. Würde es die Lira wieder einführen, hätte es eine deutlich schwächere Währung, was italienische Exporteure wettbewerbsfähiger machen würde. Da der italienische Staat wieder Herr seiner eigenen Währung wäre und beliebig viel Geld drucken könnte, wäre auch das Schulden- und Bankenproblem gelöst. Italien würde also zu dem Wirtschaftsmodell zurückkehren, das es vor Einführung des Euros verfolgte: eine schwache Währung gepaart mit einem ausgabenfreudigen Staat. Ein Modell, das durchaus funktionierte, denn in den Jahrzehnten vor Einführung des Euros wuchs Italiens Wirtschaft ähnlich stark wie die Deutschlands, obgleich die Inflation aufgrund der permanenten Abwertung der Lira deutlich höher lag.

 

Langfristig hätte Italien außerhalb der Eurzone also durchaus eine Wachstumsperspektive, wobei der Preis dafür ein schmerzhafter Verfall von Vermögenswerten und ein abrupter Anstieg der Inflation aufgrund einer stark abgewerteten Lira wäre.

 

Nun könnte man natürlich mit den Schultern zucken und den Italienern zurufen: “Dann geht doch!”. Doch dann würde man  leichtfertig ignorieren, dass Italien der drittgrößte Schuldner der Welt ist. Sollte es seine Verbindlichkeiten in Lira anstatt in Euro zurückzahlen, würde dies zu massiven Verlusten im globalen Finanzsystem führen. Spanien und Portugal wären ohne EU-Hilfe ebenfalls gezwungen die Eurozone zu verlassen  – ein finanzieller Super-GAU, der den Lehman-Crash von 2008 bei weitem übertreffen würde und auch Deutschland sehr teuer zu stehen käme, Bankenrettungen nicht ausgeschlossen sondern eher sehr wahrscheinlich.

 

Wer ein solches Auseinanderbrechen der Eurozone verhindern will, muss den Südländern - also Italien, Spanien, Portugal und Griechenland - eine Perspektive innerhalb der Währungsunion bieten. Und die besteht ausdrücklich nicht darin gebetsmühlenartig zu wiederholen, besagte Länder müssten “Strukturreformen” durchführen um wettbewerbsfähiger zu werden. Der europäische Norden und der Süden sind wirtschaftlich so unterschiedlich, dass die gemeinsame Währung nur dann  funktionieren kann, wenn zwischen ihnen Ausgleichs- und Transfermechanismen bestehen, denn andernfalls landen die strukturell weniger wettbewerbsfähigen Länder über kurz oder lang in einer Abwärtsspirale aus langsamen Wachstum und hoher Staatsverschuldung. Dass dann irgendwann der Moment kommt, wo aus Sicht der Bevölkerung der Austritt aus der Währungsunion attraktiver erscheint als chronische Stagnation, ist unvermeidbar.

 

Italien ist eventuell an diesem Punkt angelangt, doch dies scheint in der Flut anderer aktueller Themen unterzugehen. Wer auch immer im Herbst die Parlamentsmehrheit erlangt und somit Deutschland die nächsten vier Jahre regieren wird, wird sich mit einem möglichen Italeave konfrontiert sehen und gezwungen sein, zur eingangs erwähnten Frage Position zu beziehen: Europäische Schuldenunion oder Wirschtschafts- und Finanzkrise inklusive Rettung deutscher Banken? Wer der Meinung ist, dass das für seine Wahlentscheidung nicht gänzlich irrelevant ist, der sollte mit seinem Wahlkreiskandidaten mal darüber sprechen. Ich wette, dass die wenigsten eine Antwort parat haben.

 

 

 

 

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