Kolumne

Lupus Oeconomicus: Konjunkturpakete & Kahneman

01.07.2020 - Nicolas Wolf

Es passiert derzeit einfach zu viel, um diese Kolumne nur einem Thema zu widmen. Deshalb diesmal zwei kurze Aufsätze und ein paar Gedanken im Twitter-Format statt einem längeren Essay. Ich wünsche viel Spaß bei der Lektüre - vielleicht empfindet der eine oder andere ja tatsächlich ein wenig Lesevergnügen.

Das Covid-Konjunkturpaket und die Frage nach dem Danach

Die Bundesregierung hat ein Konjunkturpaket geschnürt, um der aufgrund der Pandemie stark lädierten Wirtschaft wieder auf die Beine zu helfen. Es wird sich laut Schätzungen auf mindestens 130 Millionen Euro belaufen, eine Riesensumme. Zusammen mit anderen Maßnahmen wird Deutschland insgesamt fast 10 Prozent seiner Wirtschaftsleistung zur Krisenbewältigung mobilisieren, damit relativ gesehen sogar mehr als die USA. Mein Eindruck ist, dass die Kritik am wirtschaftspolitischen Kurs der Bundesregierung insgesamt recht verhalten war, was vielleicht auch daran liegen mag, dass sich Finanzminister Scholz umfänglich mit deutschen Ökonomen unterschiedlicher Couleur beraten zu haben scheint – und wer kritisiert schon gerne seine eigenen Ideen und Vorschläge?

Ich muss gestehen, dass ich positiv überrascht bin, wie schnell und mit welcher Kraft die Bundesregierung auf die wirtschaftlichen Verwerfungen der Pandemie reagiert hat. Meine Sorge hinsichtlich der ökonomischen Dimension der Krise war, dass diese unsägliche, aber leider in der Verfassung verankerte Schuldenbremse und ordoliberale Dogmatik einer angemessenen wirtschaftspolitischen Antwort im Wege stehen würden. Aber es scheint, als hätte sich Jörg Kukies, Staatssekretär im Finanzministerium, mit seiner keynesianischen Linie glücklicherweise durchgesetzt.

Tatsächlich haben weltweit sämtliche Regierungen und Zentralbanken die richtigen Lehren aus der viel zu zögerlichen Antwort auf die Finanzkrise von 2008 gezogen und im Rahmen ihrer jeweiligen Möglichkeiten zumindest versucht, mit großzügigen Hilfsprogrammen die heimische Wirtschaft zu stützen. Aller Negativrekorde in Sachen Konjunkturdaten zum Trotz macht das immerhin ein wenig Mut. Dennoch habe ich so meine Zweifel, was die wirtschaftliche Erholung vom schärfsten Einbruch seit der Großen Depression in den 30er-Jahren angeht – und das nicht nur, weil die Gefahr einer zweiten Welle im Herbst oder Winter besteht. Derzeit mag noch große Einigkeit darin bestehen, dass Notenbanken und Regierungen „die Bazooka“ auspacken und beherzt die Konjunktur ankurbeln sollten. Doch irgendwann werden die Rufe nach Defizit-Reduzierung und ausgeglichenen Staatshaushalten zunehmen, was die Gefahr birgt, dass kontraproduktive Austeritätspolitik abermals die Runde macht.

Selbst wenn das nicht der Fall sein sollte und politische Entscheidungsträger die Fehler in den Jahren nach der Finanzkrise nicht wiederholen, stellen sich vier strukturelle Fragen:
Erstens, wie viel permanenten Schaden haben die allerorts verhängten Beschränkungen zur Virus-Bekämpfung angerichtet? Konjunkturpakete und Stimulus sind notwendig, helfen aber nicht all jenen Unternehmen, die aufgrund der Pandemie in die Insolvenz geschlittert sind.

Zweitens: Inwieweit sind Konsumenten gewillt, sich wieder nach draußen zu wagen, zu essen, zu shoppen und zu reisen? Mehrwertsteuersenkungen sind per se kein schlechtes Mittel zur Konsumbelebung, können aber Sars-Cov-2 leider nicht von Zauberhand verschwinden lassen. Hinzu kommt, dass viele Sektoren weiterhin Beschränkungen unterliegen, was sie weniger produktiv macht und ihre Aktivität drosselt. Das Konjunkturpaket, auf das die Eventsbranche, Tourismus und Gastronomie hoffen, heißt Impfstoff und der kommt hoffentlich bald, aber vielleicht auch nie.

Drittens: Wie soll Deutschlands Volkswirtschaft langfristig wachsen? In den Nullerjahren waren es vor allem amerikanische Konsumenten, die die Weltwirtschaft stützen. Als diese dann im Zuge der Finanzkrise als Wachstumstreiber ausfielen, sprang China mit einem massiven Infrastrukturprogramm ein. Als Exporteur von langlebigen Konsum- und von Investitionsgütern war Deutschland ein großer Nutznießer zunächst vom Boom in den USA und dann von Chinas Urbanisierung und Modernisierung. Es ist unwahrscheinlich, dass die Volksrepublik und die Vereinigten Staaten wieder diese Rolle übernehmen werden, woraufhin sich aus deutscher Sicht die Frage stellt, wie man als vom Export abhängiges Land künftig für Wachstum sorgen will. Die Tatsache, dass der Handelskonflikt zwischen den USA und China und seine Auswirkungen auf den Welthandel Deutschland beinahe in die Rezession befördert hätten, lässt nichts Gutes erahnen.

Viertens und letztens: Wie geht es mit dem „Elephant in the Room“ (auch als Euro bekannt) weiter? Als die Finanzkrise ausgestanden war, wurde die Gemeinschaftswährung zum nächsten Krisenherd. Seither hat es nur marginale Reformen gegeben; dass es den Euro überhaupt noch gibt, ist wohl in erster Linie der Europäischen Zentralbank zu verdanken. Wie die von der Sars-Cov-2 hart getroffenen und schon vor der Krise alles andere als dynamischen Italien und Spanien mit einer viel zu starken Währung sich wieder berappeln, ist mir nun noch mehr schleierhaft, als es vor der Pandemie der Fall war.

Fazit: Die Krise ist noch lange nicht ausgestanden.

Corona und der Confirmation-Bias

Vielen Managern, Geschäftsleuten und Entscheidungsträgern gilt „Thinking Fast & Slow“ von Nobelpreisträger Daniel Kahneman, einem Pionier der Verhaltensforschung, als Pflichtlektüre. Sicherlich nicht zu Unrecht – es ist faszinierend, dabei aber nicht allzu schwere Kost und von praktischem Nutzen. Im Wesentlichen beinhaltet es eine bunte Sammlung von „Biases“ (Plural von „bias“, deutsch etwa Tendenz, Neigung oder Verzerrung), die unser Denken systematisch beeinflussen und dazu führen, dass wir nicht der von Wirtschaftswissenschaftlern häufig postulierte ultra-rationale homo oeconomicus sondern eben der mitunter (vordergründig) irrational entscheidende homo sapiens sind.

Beispiele sind der „Recency Bias“, welcher beschreibt, dass wir Menschen dazu neigen, Entwicklungen in der jüngeren Vergangenheit in die Zukunft zu extrapolieren, oder etwa die „Availability Heuristic“ (Verfügbarkeitsverzerrung), auf Basis derer wir die Häufigkeit von Ereignissen überschätzen, bloß weil wir uns an sie am ehesten erinnern können.
Ein weiterer Bias, den ich in vielerlei Hinsicht für sehr relevant halte und oft beobachte (außer an mir selbst natürlich, versteht sich *räusper*), ist der „Confirmation Bias“, oder auf deutsch „Bestätigungsverzerrung“. Dabei geht es um das Phänomen, dass wir Beweisen, Indizien oder vermeidliche Fakten, die unsere eigene vorgefasste Meinung bestätigen, bereitwillig Glauben schenken, aber solche, die unserer Weltsicht widersprechen, hinterfragen, anzweifeln oder als unwahr abtun.

In der Debatte um den Umgang mit dem neuartigen Corona-Virus ließen sich öffentlich wie privat zahlreiche Beispiele von Confirmation Bias finden. Auf der einen Seite bei all jenen, die so taten, als gäbe es keinerlei Trade-offs zwischen Gesundheit, Freiheit und Wirtschaft und als ob die von Unsicherheit geprägten epidemiologischen Modelle und Studien, auf Basis derer sämtliche Maßnahmen beschlossen worden, Gewissheit wären. Demgegenüber: die Zweifler, die Kritischen und Überkritischen, die Verschwörungstheoretiker und die, die es einfach nicht wahr haben wollten. Sie stürzten sich auf jegliche Kritik an der Corona-Politik, die von Fachleuten geäußert wurde, um diese dann ebenfalls wiederum als Wahrheit und unwiderlegbare Gegenrede zu verkaufen. Und so argumentierten die einen mit Drosten und dem RKI ohne Einwände oder Kritik an deren Empfehlungen zuzulassen, während die anderen Bahkdi und Ioannidis mit der Überzeugung ins Feld schickten, dass diese entgegen dem Mainstream sagen, was tatsächlich ist. Gemein ist beiden Gruppen, dass sie die Argumente der Gegenseite nicht annehmen. Gemein ist ihnen auch, dass sie in Schwedens „Alleingang“ jeweils ihre eigene Position bestätigt sehen. Für Corona-Falken ist das schwedische Experiment Beleg dafür, dass die weniger restriktiven Maßnahmen zur Krisenbewältigung Pandämonium über das skandinavische Land gebracht haben. Für Corona-Tauben hingegen hat Schweden erfolgreich gezeigt, dass man auch ohne Maskenpflicht und Ausgangsbeschränkungen ein zweites Bergamo vermeiden kann. Welche Ironie.

Anderweitig...

Die Akte „Wirecard“ ist ein Wirtschaftskrimi vom Feinsten – ich bin schon jetzt auf die Buchveröffentlichungen gespannt. Was allerdings die zeitgenössische Berichterstattung um die einstige Tech-Hoffnung angeht fällt auf, dass der Fokus in Deutschland auf dem Management und den Wirtschaftsprüfern liegt, während in der internationalen Presse hingegen vor allem auch die Rolle der hiesigen Finanzaufsichtsbehörde Bafin beleuchtet wird. Diese sollte nämlich das Unternehmen eigentlich beaufsichtigen, hatte sich aber stattdessen immer wieder schützend vor Wirecard gestellt, Leerverkäufe der Aktie zeitweise verboten und dann wegen Marktmanipulation ermittelt. Wenn Dinge mächtig schief gehen, wird immer von „Konsequenzen“ geredet. Das sollte in diesem Fall nun auch für die Bafin gelten. Das schreibe ich nicht aus Gehässigkeit oder anderen Ressentiments, das Gegenteil ist der Fall. Eine funktionierende Finanzaufsicht ist ein wichtiger Bestandteil einer modernen Volkswirtschaft. Versagt sie, dann kann es teuer, wie die Finanzkrise von 2008 gezeigt hat. Wirecard ist zum Glück nicht Lehman Brothers, aber lernen sollten wir aus diesem Debakel nichtsdestotrotz.

Das Urteil des Verfassungsgerichts zu den Anleihenkäufen der EZB bringt mich selbst fast zwei Monate später noch immer auf die Palme. Die Begründung ist einfach zu haarsträubend. Ich habe großes Vertrauen in unsere Staatsorgane und das galt bisher und gilt auch (vorerst) weiterhin für das BVG. Doch das EZB-Urteil stimmt mich zumindest mal nachdenklich. Vielleicht sollte ich künftig auch bei anderen Entscheidungen genauer hingucken...

Zum Abschluss noch eine tatsächlich ernst gemeinte Frage: Wieso tun sich Leute freiwillig politische Diskussionen auf Twitter, Facebook oder in Internetforen an?

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