Kolumne

Lupus Oeconomicus: Was ist eigentlich Deutschlands Corona-Strategie?

01.06.2020 - Nicolas Wolf

Die Anzahl der Corona-Fälle sinkt seit Wochen stetig, das Virus scheint unter Kontrolle. Da ist es nur logisch, dass die strengen Maßnahmen zur Eindämmung von Sars-Cov-2 nach und nach zurückgenommen werden. Doch wie weit können wir dabei gehen? Was ist vertretbar, was ist zu riskant? Die Einschätzungen von Experten gehen dabei mitunter weit auseinander, zum Beispiel was die Öffnung von Schulen und Kindergärten angeht. Unter den Bundesländern herrscht schon längst keine Einigkeit mehr und so lockert halt jeder nach Gutdünken vor sich hin. Die Öffentlichkeit bildet sich derweil ihre eigene Meinung, ob Ramelow, Söder oder Laschet mit ihrer Linie richtig liegen.

Dabei ist diese Lockerungsdebatte herrlich diffus und spezifisch zugleich. Auf der einen Seite werden konkrete Einzelmaßnahmen leidenschaftlich diskutiert: Können Restaurants wieder öffnen? „Ja“, sagen die Außer-Haus-Esser; „nein“, erwidern die Zuhause-Kocher. Soweit so vorhersehbar. Doch so spannend es für Politiker, Journalisten, Hobby-Virologen und echte Virologen auch sein mag, einzelne Lockerungsmaßnahmen zu diskutieren, viel wichtiger wäre es darüber zu sprechen, was wir hier eigentlich auf nationaler Ebene vorhaben . Denn eine Frage wird meiner Wahrnehmung nach so gut wie nie gestellt: Was wollen wir mit unseren Maßnahmen erreichen oder anders formuliert, was ist die grundlegende Corona-Strategie für Deutschland?

Vielleicht habe ich das entsprechende Memo verpasst und allen außer mir ist zweifelsfrei klar, wie wir in Zukunft mit Sars-Cov-2 umgehen wollen. Doch die gefürchteten „Lockerungsdiskussionsorgien“, die ja nun derzeit im Gange sind, erwecken bei mir den Eindruck, dass es an einer grundsätzlichen Vision für die nächsten 12 Monate mangelt, an der wir uns in der notwendigen Debatte um das schrittweise Aufheben sämtlicher Beschränkungen orientieren könnten.

Am Anfang der Krise war das unmittelbare Ziel eindeutig: Die exponenzielle Ausbreitung des Virus zu stoppen, um ein Zusammenbrechen des Gesundheitssystems inklusive Tausende von Toten zu verhindern.  Die beschlossenen Ausgangsbeschränkungen schienen der einzig wirksame Weg. Die wirtschaftlichen Kosten würden zwar hoch sein, doch das würden sie auch bei einer ungehinderten oder nur wenig verlangsamten Ausbreitung des Virus. Nun ist das Unterfangen „Flatten the Curve“ allerdings erfolgreich absolviert und die Reproduktionsrate – die berüchtigte „R0“ – liegt unter 1, was bedeutet, dass das Virus langfristig verschwinden würde. Gleichzeitig verursacht aber jeder weitere Tag an Einschränkungen hohe gesellschaftliche und wirtschaftliche Kosten.

Dieser Trade-Off zwischen „Leben retten“ auf der einen Seite und persönlichen und wirtschaftlichen Freiheiten andererseits ist ohne Zweifel den meisten bewusst. Doch wie man ihn bewertet, hängt vor allem auch davon ab, welches Ziel man letzten Endes vor Augen hat. Wollen wir langfristig ein Aussterben des Virus erreichen und akzeptieren daher bis auf Weiteres eine „90%-Wirtschaft“, wie das britische Magazin „The Economist“ die aktuelle Situation kürzlich beschrieb? Dies wäre mit anhaltenden, hohen wirtschaftlichen Kosten verbunden, die mit Sicherheit die der Finanzkrise von 2008 übersteigen würden. 

Oder beabsichtigen wir uns Zeit zu erkaufen, bis es (hoffentlich) irgendwann einen (hoffentlich auch wirksamen) Impfstoff gibt? Was allerdings, wenn diese Hoffnung enttäuscht wird? Müssten wir nicht dann im großen Stil eine Test-and-Trace-Strategie à la Südkorea implementieren? Oder wollen wir am Ende doch dem schwedischen Modell folgen und eine langsame Ausbreitung des Virus in Kauf nehmen, um dann irgendwann auf natürliche Weise Herdenimmunität zu erreichen? Kosten und Nutzen einzelner Corona-Maßnahmen abzuschätzen ist schon schwierig genug, aber sie zu beurteilen ohne Einigkeit hinsichtlich einer übergreifenden Gesamtstrategie hergestellt zu haben, macht die Auseinandersetzung darüber noch komplizierter.

Mein Eindruck ist, dass wir momentan implizit auf eine weitere Unterdrückung des Virus setzen und Lockerungen nur in soweit zulassen, als dass die „R0“ unter 1 bleibt. Doch das ist wie gesagt mit dauerhaften Einschränkungen und hohen Kosten verbunden und daher nicht ewig aufrechtzuerhalten. Wir brauchen daher eine „Exit-Strategie“, einen Konsens darüber, was der nächste Schritt sein wird.

Selbst eine nur grob umrissene, mittelfristige Vision, wie wir mit Sars-Cov-2 umgehen wollen, wäre in vielerlei Hinsicht von großem Nutzen. Es würde nämlich allen relevanten Akteuren – Privatpersonen, Unternehmen, Bundesländer – die Möglichkeit geben, ihr Handeln entlang dieser übergeordneten Strategie auszurichten. Wir befinden uns in einer Phase, wo die Virus-Bekämpfung immer dezentraler und die Maßnahmen nuancierter werden, sodass dem Urteil privater Akteure eine größere Bedeutung zukommt. Wir können nicht anders, als uns in Teilen darauf zu verlassen, dass wir (Einzelpersonen wie Unternehmen) das Richtige tun. Etwas mehr Klarheit, wo wir denn eigentlich in Sachen Covid-19 schlussendlich hinwollen, wäre dabei eine hilfreiche Richtlinie für individuelles Handeln.

Des Weiteren würde eine etwas klarere Perspektive zumindest in Teilen die Unsicherheit reduzieren, die auf absehbare Zeit wirtschaftliche Aktivität unterdrücken wird. Für Unternehmen wie Arbeitnehmer in stark betroffenen Brachen (z.B. Gastronomie, Events) stellt sich die Frage, ob es auf Sicht eine Rückkehr zur Normalität von 2019 geben wird. Ist die Antwort auf diese Frage nein, wird so mancher sein Geschäftsmodell anpassen bzw. sich eine neue Tätigkeit suchen wollen. Zugegeben, sämtliche Prognosen in dieser Hinsicht sind mit erheblicher Unsicherheit verbunden – vieles hängt zum Beispiel davon ab, ob ein wirksamer Impfstoff entwickelt werden kann. Aber eine bessere Vorstellung davon, worauf wir gemeinsam hinarbeiten wollen, würde sicherlich in einigen Fällen Ressourcen freisetzen, die in derzeit weniger aussichtsreichen Wirtschaftszweigen feststecken. Eine weitere Überlegung in diese Richtung: Wenn wir uns längerfristig darauf einstellen sollten, mit dem Virus zu leben (für den Fall, dass kein effektiver Impfstoff gefunden wird), dann werden wir den privaten Sektor mobilisieren müssen, um zum Beispiel die Testkapazitäten weiter auszubauen. Das geht aber nur, wenn dementsprechend auch Signale gesendet werden. Mir scheint, als würde derzeit keine Klarheit herrschen, ob groß angelegtes Testen (ich spreche hier von mehreren Millionen pro Tag) ein wichtiger Bestandteil der deutschen Corona-Strategie sein wird.

Zu guter Letzt – so zumindest meine naive Hoffnung – würde eine zentrale, übergeordnete Corona-Strategie zu einer besseren Koordination unter den Bundesländern führen. Im Grunde ist es ja wünschenswert, dass die einzelnen Länder experimentieren und divergieren – es liefert Datenpunkte für die Virusbekämpfung und hilft dabei unter der Vielzahl an Maßnahmen, die geeignetsten zu finden. Doch nützt dies herzlich wenig, wenn wir keinen gemeinsamen Maßstab dafür haben, was denn im Kontext einer nationalen Corona-Strategie als „geeignet“ gilt. Verfechter des schwedischen Ansatzes (langfristiges Erreichen von Herdenimmunität) würden wahrscheinlich Bodo Ramelows Sicht der Dinge unterstützen. Wer wiederum darauf baut, dass wir in einigen Monaten deutlich mehr testen und bestätigte Fälle noch besser aufspüren und isolieren können, der bevorzugt es wohl eher wie Markus Söder weiterhin zur Vorsicht zu mahnen.

Also, liebe Politiker, Experten und Landsleute: Was wollen wir denn eigentlich mit unseren Corona-Maßnahmen erreichen? Was sollte unsere Strategie, unser Corona-Masterplan sein? Solange wir das nicht beantwortet haben, sind Lockerungsdiskussionsorgien in der Tat nur bedingt produktiv.

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