Tod von Mandela

Madiba und Ich

15.12.2013 - Jannik Niestroy

Normalerweise schreiben Journalisten in einer unpersönlichen Form. Artikel werden in neutralem Stil verfasst, ein Ich ist geradezu verpönt. Das gilt meist auch für Nachrufe, wie zum Beispiel bei Nelson Mandela. Mit diesem Tabu breche ich hier. Ich kann keine Geschichte über einen Mann erzählen, dessen wesentliche politische Taten so lange zurückliegen, dass ich sie nie bewusst erlebt habe. Ich bilde mir auch nicht ein, ihn zu kennen und eine persönliche Note beifügen zu können. Die einzige persönliche Note, die ich glaubhaft vermitteln kann, ist meine eigene.

Wie gesagt, ich kenne Nelson Mandela nicht, sein Handeln kenne ich nur aus Erzählungen, aus Berichten, aus Wikipedia. Er war immer eine Sagengestalt für mich, eine jener geradezu mythischen Figuren, die zu gut schienen, um wahr zu sein. Das macht wohl seinen Zauber aus. Normalerweise nehme ich den Tod eines Prominenten mit einem Achselzucken zur Kenntnis, selbst wenn ich diese Person zu dessen oder deren Lebzeiten wertschätze. Der Tod war für mich immer Teil der Existenz, selbst bei Bekannten und Verwandten kam mir selten mehr als ein kurzer Satz des Beileids über die Lippen. Ich bin kein gefühlskalter Mensch, ich neige nur einfach nicht sonderlich dazu, meine Emotionen offen auszutragen. Auch glaube ich eigentlich daran, dass der Mensch in ersten Linie für sich selbst verantwortlich ist. Deshalb gilt mein größtes Bedauern jenen, die ihren eigenen Anspruch ans Leben nicht erfüllen konnten. Jenen, die sagen, sie hätten ein erfülltes Leben gehabt, bringe ich an ihrem Sterbebett vor allem das Gefühl entgegen, dass es okay ist, zu gehen. Dass ihr Auftrag erfüllt, ihre Ruhe verdient ist. Das meine ich nicht zynisch, ich verstehe schlicht manchmal nicht, warum der Tod immer bedauert werden sollte. Fragt man mich nach meinen eigenen Vorstellungen, dann antworte ich immer, dass ich möchte, dass die Menschen zu meinem Tod eine große Party feiern und nicht trauern. Sie sollen froh sein, dass es mich gab und dass ich hoffentlich meinen Beitrag zu dieser Welt geleistet habe. Sie sollen trinken und tanzen, was das Zeug hält. Um das Leben zu feiern und den Tod nicht zu betrauern.


Bei Madibas Tod hatte ich eine andere Empfindung. Er gehörte zu den Lichtgestalten, die ich kannte, aber ein Vorbild hätte ich ihn wohl nie genannt. Nicht, weil er dazu nicht taugte, sondern weil ich Vorbilder immer abgelehnt hatte. Ich besaß auch nie ein Bild von ihm an meiner Wand, ich neige nicht dazu, mir Kalender voller weiser Sprüche zu kaufen oder soziale Netzwerke mit inspirierenden Zitaten zu füttern. Doch als ich von seinem Tod erfuhr, fühlte ich mich leer. Ich rede nicht von der Leere, die jemand empfindet, dem etwas egal ist. In Wahrheit empfindet der keine Leere, sondern nur keine zusätzlichen Gefühle, aber das latente Rauschen des Alltags ist immer vorhanden. Ich fühlte mich leer, auch nicht traurig, nur leer, als wenn jemand diesen Gefühlen, dem ewigen Kreiseln im Kopf, den Stecker gezogen hatte.


Ich versuchte meine Beziehung zu dem alten Mann zu ergründen. Was seinen Zauber auf mich, auf alle Welt ausmachte, war, dass er die Erfüllung aller Verheißungen schien. Er war der weißhaarige weise Mann, der nur mit dem Finger zu schnippen brauchte, um auf der Welt das Licht anzuschalten. Der dem pfiffigen, aber naiven Helden der Geschichte mit Rat und Tat zu Seite stand, der Albus Dumbledore oder Gandalf für die Welt. Doch Mandela war immer selber Akteur gewesen, hatte sich in schwierigen Phasen auch manchmal gegen den Willen der eigenen Leute durchgesetzt und wirkte alles in allem nicht wie der weise alte Mann im Hintergrund, den er mit seinem Charakter, seinem Charme, seiner ruhigen Art doch ausstrahlte. Wo steckte also der junge Held, auf den ich wartete?


Ich studiere Politik, hatte mich jedoch auch nie besonders mit Adenauer, Brandt, Kohl oder Schröder identifizieren können. Ich war nie naiv gewesen und glaube bis heute, dass auch unpopuläre Entscheidungen manchmal sein und dass manche Entscheidungen auch gegen das eigenen Gewissen getroffen werden müssen. Das nennt man wohl Realpolitik. Doch trotzdem bin ich bis heute ein hemmungsloser Idealist und glaube und hoffe noch immer auf eine gute Welt. Vielleicht macht eben das aus mir auch den recht passablen Zyniker, der ich bin. Mandelas Tod, so habe ich erkannt, hat diesen Glauben in mir für einen Moment erschüttert. Solange er lebte, wirkte er real, war aus Fleisch und Blut, keine Sagengestalt, wie Gandalf. Er war für mich, ohne dass mir das bewusst war, der reale Beweis, dass Idealismus siegen kann. Dafür, dass die ganzen Bücher und Geschichten Recht haben und Liebe, nicht Hass, Geld, Macht, die öffentliche Meinung oder Panzer die einzig wahre Antwort auf eine schlechte Welt sein können. Es gibt nur einen anderen, der sich mit ihm messen konnte und dieser Mann hieß Gandhi. Doch den hatte ich erst recht nie miterlebt und deshalb hatte er mir als Beweis nie getaugt.

 

Mandela hieß nicht nur Madiba, er wurde manchmal auch Tata genannt, was in der Stammessprache der Xhosa „Vater“ bedeutet. So fühle ich mich. Als hätte ich einen Vater verloren, einen spirituellen Vater. Eine weitere kleine Seifenblase ist zerplatzt, der Rückhalt, dass es einen solchen Menschen gibt und nun fühle ich mich, als sei ich hart mit dem Gesicht auf dem Asphalt der Realität aufgeschlagen, ohne dass die Hand des Vaters mich noch davor schützen konnte. Ein weiterer Teil von mir ist erwachsen geworden. Doch wenn ich diesen Gedanken zu Ende denke, kommt mir noch eine Erkenntnis. Auch Gandalf und Dumbledore sterben und lassen ihre Schützlinge in dem Gefühl zurück, dass sie allein in einer schlechten Welt nicht zurecht kommen. Doch in Wahrheit wachsen sie in die ihnen zugedachte Rolle hinein, werden selbst zu dem, was sie sich erhoffen und stellen sich dem Bösen entgegen. Vielleicht bin ich, bist du, der du dies liest, sind wir alle, ist die Welt der pfiffige, aber naive Held, der nur den Rat eines alten, aber weisen Mannes brauchte, um zu reifen. Vielleicht ist Madibas Tod in Wahrheit sein letzter, größter Streich: Der Welt die Verantwortung für sich selbst zu geben, wenn sie bereit dazu ist.

 

 

 

 

Foto: © Archives de la Ville de Montréal

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