Erziehung

„Mami, gib mir Geld oder ich schlag‘ dich!“

01.05.2015 - Dr. Albert Wunsch

75 Prozent der Deutschen glauben, dass wir auf dem Weg in eine Gesellschaft von Egoisten sind, vor allem dadurch, dass Eltern ihre Kinder verwöhnen. So das Ergebnis einer Umfrage des Magazins "Familie&Co". Dabei hat der Begriff "Verwöhnen" sehr viele Facetten, die auch zu Verwirrung und Missverständnissen führen können.

Häufig kommt er in der Werbung zum Einsatz. "Lassen Sie sich verwöhnen", ob durch Wellness-Angebote, zarte Wäsche oder Blumen. Dass diese Werbestrategien so effektiv sind, beweist: Es existiert ein tiefes Bedürfnis, nicht ständig aktiv oder initiativ sein und funktionieren zu müssen, sondern einfachverwöhnt zu werden. Wunderbar!?

 

Die Eltern und Erziehungskräfte in Kindergarten, Schule und Berufsausbildung sollen Kinder so fördern, dass sie mit Handlungskompetenz, Selbstbewusstsein und Verantwortung ihr Leben in Beruf, Partnerschaft, Familie und Gesellschaft meistern können. Dafür ist Hinwendung und nicht Verwöhnung notwendig. Wachsen Kinder in einem zu behüteten Umfeld auf, fehlt es an altersgemäßen Herausforderungen. Die Entwicklung von Selbstwirksamkeit - ein Schlüsselbegriff der Resilienzforschung – hat keine Basis. Denn ein Aufwachsen im Schongang führt nicht zu Durchhaltekraft, Stabilität, Selbstbewusstsein und Eigenverantwortung.

 

Aber was kennzeichnet ein Kind mit solchen sozialen Kompetenzen? Es lässt sich nicht vom ersten Gegenwind umpusten, sieht sich nicht als den Mittelpunkt der Welt, bringt sich in die Gemeinschaft ein, lernt mit Spannungen und Konflikten umzugehen, kann nachgeben ohne aufzugeben. Und es erkennt mit dem Älterwerden immer deutlicher, dass Eltern nicht vollkommen sind und deshalb nicht immer alles richtig machen. Ein solches Kind kann auch mit eigenen Begrenztheiten besser umgehen . So erhalten Kinder die besten Voraussetzungen, sich zu liebenswürdigen Erwachsenen mit einem stabilen ICH entwickeln zu können. Es geht also um die Vermittlung eines‚ Ich pack das Leben an’-Faktor.

 

Besonders die so genannten Helikopter-Eltern verhindern eine mutmachende Lebensvorbereitung. Ständig sagen sie : ‚Ich mach das schon für dich’, ‚Das ist zu schwer für dich, ‚magst du das wirklich noch essen’, wenn du nicht möchtest, dann brauchst du nicht …’. In den USA wird schon zwischen elterlichen „Rettungs-, Kampf- und Transport-Hubschraubern“ unterschieden. Auch wer die Vergleiche mit diesem Fluggerat, das fast überall starten und landen kann, nicht mag, sollte trotzdem sein eigenes Verhalten kritisch überprüfen. Denn dass Eltern anstelle ihrer Kinder – ob im Sandkasten, in der Schule oder beim Jugend-Fußballclub – in die Arena steigen oder ihre Töchter und Söhne ständig herumchauffieren um ihnen ein müheloses Leben zu ermöglichen, ist zur ‚Normalität’ geworden. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul, der als Verfechter einer entspannten Erziehung gilt, beschreibt in einem Spiegel-Interview die Folgen von Überbehütung. ‚Verwahrlosung, Ignoranz und Desinteresse’, so argumentiert er‚ richteten weniger Schaden in Kinderseelen an als jener Narzissmus, der den Nachwuchs glücklich und erfolgreich sehen will, um sich selbst als kompetent zu erleben’. Wer jedoch Kindern ständig Hindernisse aus dem Weg räumt, ihnen Mühe, Schweiß und notwendige Mitarbeit ersparen will - sogar die Erfahrung von Trauer, etwa beim Tod der Großeltern - der führt diese in ein Umfeld des Misslingens und der Zukunftsangst. Solche Kinder wissen nichts über andere Menschen und nichts über sich selbst. Sie spüren nicht, was es heißt, traurig oder frustriert zu sein, kennen kein Mitgefühl, besitzen keine Herzenswärme und sind letztlich lebensuntauglich.

 

Der Irrglaube, dass ein Verzicht auf angemessene Anstrengung und Mühe den Start ins eigenständige Leben erleichtern könne, verbreitet sich rasant. Aber wie können sich Kinder auf die Herausforderungen des Lebens in Beruf, Familie und Freizeit vorbereiten, wenn ihnen das notwendige Einübungsfeld verwehrt wird und sie keine Konsequenzen –positive oder negativ- ihres Handelns erfahren? Im Alltag wird deutlich: Wer Selbstverantwortung und Eigenständigkeit nicht lernt, kann nicht in gutem Zusammenwirken mit Anderen zielorientiert und erfolgreich handeln und wird kaum zu Selbstwirksamkeit und innerer Zufriedenheit gelangen. Insofern führt dieses ständige Vorenthalten von altersgerechten Herausforderungen unsere Kinder zu Nichtkönnen und Versagen. Viele Probleme in Beruf und Partnerschaft haben dort ihren Ursprung.

 

Das erzieherische Unvermögen im Umgang mit unseren Kindern ist leider noch steigerungsfähig. Hier zwei aktuelle Belege zu verwöhnten Kindern aus der Schweiz: „Mami, gib mir Geld oder ich schlage dich. - Das neuste Smartphone, die teuerste Tasche: Bekommen Kinder und Jugendliche nicht, was sie wollen, ticken sie aus.“ - Ein Kinderpsychologe: „Verwöhnte Teenies kriegen keine Lehrstelle. - Kritikunfähig, zart besaitet, zu wenig ehrgeizig: Viele Junge müssen ihre Lehre abbrechen, weil sie zu verwöhnt sind“, sagt Psychologe Henri Guttmann (beides Beiträge der Zeitung „20 Minuten“ vom 11.3.2015). Dazu titelt „DIE WELT“: „Die Schule geschafft, aber der Arbeitswelt nicht gewachsen. - Seit Jahren sollen ‚unnötige Härten’ vermieden werden: keine Grundregeln beim Schreiben, keine schriftlichen Prüfungen, kein Sitzenbleiben. Mit der wahren Arbeitswelt sind Jugendliche so überfordert“ (vom 26.03.15). Und spätestens mit dem Ergebnis der im Auftrag des Stern durchgeführte tiefenpsychologische Kinderstudie : "Eltern, erzieht uns endlich wieder!" (vom 28.1.2015) und der Folgerung: „Nicht Leistungsdruck überfordert unseren Nachwuchs, sondern die Eltern, die ihren Job nicht richtig machen“, wird Gegensteuern notwendig.

 

Dies ist jedoch leichter formuliert als umgesetzt. Denn eingefahrene Verhaltensmuster, eine zu starke Identifikation mit dem eigenen Nachwuchs, permanenter Zeitdruck , die Unfähigkeit selber keine Spannung oder Anstrengung auszuhalten und sich wirklich auf das eigene Kind mit dessen Bedürfnissen einlassen zu wollen, setzt Rechtfertigungsmechanismen in Gang. Schließlich geht es um meine Kinder, da hat sich niemand einzumischen’, ist ein häufiges Argument. Aber wer genauer hinsieht, merkt, dass es den Eltern nicht um ihre Kinder, sondern um ihre eigenen Wünsche und Wohlbefinden geht. Damit sich das ändert, ist eine kräftige Portion Selbst-Kritik und Bereitschaft zur Umorientierung notwendig. Hier die mutmachende Konkretisierung einer Journalistin und dreifachen Mutter:

 

„Es ist ja nicht so, dass man etwas hört, bloß weil es stimmt. Bisher hatte ich immer naiv gedacht, dass es in Ordnung sei, wenn ich meine Kinder ab und zu verwöhne. Hier ein Eis außer der Reihe, da eine halbe Stunde länger Fernsehen. Wird schon nicht so schlimm sein, dachte ich, sofern ich überhaupt darüber nachdachte, bis ich anrief - ‚Ist Verwöhnen denn immer schlecht?’ frage ich und hatte dabei noch kein Problembewußtsein. ‚Verwöhnung macht asozial, lebensuntüchtig und einsam,’ sagte Wunsch und ich zog den Kopf ein. Zu spät. Volle Breitseite. ‚Sie haben den Auftrag, Ihre Söhne in ein eigenständiges Leben zu führen und das ist nicht im Schongang erlernbar. Nehmen (Stehlen) Sie den Kindern ihre Probleme nicht weg! … Dadurch erziehen Sie sie zu unselbstständigen Menschen, die alles wollen aber nichts geben und später in der ersten eigenständigen Wohnung erschrocken feststellen, dass der Mülleimer nicht von alleine leer und der Kühlschrank nicht von alleine voll wird. Kinder brauchen Herausforderungen, um stark zu werden’.“

 

 

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