Schriftsteller im Interview

Martin Mosebach: "Bei Kriegen geht es weder um Religion noch um Atheismus"

01.09.2014 - Anna Alvi & Alia Hübsch-Chaudhry

Im Säkularisierungsprozess der Moderne scheint Religion immer weniger Akzeptanz zu finden. Sie stehe für Strenge, Extremismus und Rückständigkeit. Zugleich bewegt und vereint der Glaube an Gott Millionen Menschen weltweit. DAS MILIEU sprach mit Martin Mosebach, einem der bedeutendsten Schriftsteller der deutschsprachigen Literatur, über die Vernunftideologie des Rationalisten, eine fehlende Wahrhaftigkeit in der Gesellschaft und erklärt, warum Religiösität das Menschsein auszeichnet.

DAS MILIEU: Wieso gibt es Gott, Herr Mosebach?


Mosebach: Diese Frage ist sinnlos. Zur Definition des Begriffes „Gott“ gehört, daß Er vor allem Warum und Wieso existiert – Er steht vielmehr am Anfang aller Kausalitätenketten und hat selber keinen Grund.

 

DAS MILIEU: Für viele ist Gott ein Rätsel. Zwar hat er die Menschen aus Liebe erschaffen, doch zugleich gibt er ihnen die Freiheit zu töten und zu leiden. Wozu?


Mosebach: Darauf gibt jede Religion eine andere Antwort. Von mir können Sie nur die christliche hören: Gott ist Liebe und er schafft seine Geschöpfe, um sie zu lieben und um von ihnen geliebt zu werden. Aber um in Freiheit geliebt zu werden, muß Er ihnen die Fähigkeit verleihen, sich auch gegen diese Liebe zu entscheiden. Die Entscheidung der ersten Menschen gegen Gott wird die Erbsünde genannt – Erbsünde ist ein unbegreifliches Phänomen, ohne das nichts auf der Welt zu begreifen ist; so ähnlich hat Pascal das, wie ich finde, sehr zutreffend gesagt.

 

DAS MILIEU: Sie sind für Ihre Romane viel verreist und hatten die Möglichkeit Menschen unterschiedlichster Religionen und Weltanschauungen kennen zu lernen. Was kann der Glaube an Gott außergewöhnliches bewirken?


Mosebach: Ich wehre mich grundsätzlich gegen den Versuch, die Religion aufgrund der außergewöhnlichen Wirkungen, die sie zweifellos hat, zu rechtfertigen. Es geht in der Religion um Wahrheit und um die Erkenntnis derselben. Das ist das Eigentliche. Natürlich wird die Erkenntnis der Wahrheit auf das Leben eines Menschen, dem sie geschenkt wird, einen Einfluß haben: der Wichtigste für mich ist, daß er durch die Religion in den Stand gesetzt wird, etwas Größeres als den Menschen zu erkennen und anzubeten. „Das Schaudern ist der Menschheit bestes Teil“, wie Goethe sagt. Einem Menschen ohne Ehrfurcht fehlt das wichtigste Element zum Menschsein.


DAS MILIEU: Ein Großteil unserer säkularen Gesellschaft meint, auf Religiosität verzichten zu können. Zugleich ist ein aggressiver Atheismus zu beobachten, der den Argumentationsmustern religiöser Extremisten ähnelt. Auch Sie gelten als gläubiger Katholik mancherorts als Hardliner. Woher rührt das Ganze?


Mosebach: Der Krieg zwischen dem Glauben und dem Unglauben ist so alt wie die Welt, deshalb will ich mich nicht mit den neueren Phänomenen wie der Aufklärung und dem Szientizismus unserer Tage aufhalten. Schon in den Psalmen ist immerfort die Rede von Menschen, die die Existenz Gottes verneinen. Ich vermute manchmal, daß es sich bei Gläubigen und Ungläubigen um verschiedene Menschentypen handelt, Archetypen gleichsam, die es beide immer geben wird, obwohl mir meine Religion solchen Determinismus eigentlich verbietet. Es gibt schließlich viele Beispiele von blitzartigen Überwältigungen des Unglaubens, ebenso wie die Katastrophe des Glaubensverlustes nach einem langen gläubigen Leben.

 

DAS MILIEU: "Der Rationalist kann alles erklären. Aber Gott kann man nicht erklären." Klingt das plausibel?

 

Mosebach: Der Rationalist glaubt nur deswegen alles erklären zu können, weil er einem Ismus anhängt, weil er also nicht vernünftig ist, sondern eine Vernunft-Ideologie vertritt. Zur Vernunft gehört, die Grenzen der Vernunft erkennen zu können – die Mittel der Vernunft mit äußerster Schärfe bis zu dem Punkt anzuwenden, an dem sich ihre Unanwendbarkeit erweist.


DAS MILIEU: Der Erfolg der Mode-Film und Musikindustrie baut auf den sieben Todsünden, wie Gier, Neid, Wollust und Lügen auf; erklären sie gar zu Tugenden. Gibt es eine klare Grenze zwischen „gut“ und „böse“ oder ist das was wir als schlecht verstehen bloß Ansichtssache?


Mosebach: Selbstverständlich gibt es eine Grenze zwischen Gut und Böse, und zwar eine sehr scharf gezogene, und jeder Mensch kennt sie auch, wenn er sich in seinem Gewissen befragt. Dazu gehört natürlich ein Gewissen, das durch Selbstbelügung und Verharmlosung unserer menschlichen Bedingung nicht abgestumpft ist. Aber ich glaube, daß viele Menschen, die sich nach außen hin sehr selbstgewiß in ihrem Egoismus bewegen, im Geheimen, in einer schlaflosen Stunde in der Nacht, sehr genau darüber im Klaren sind, welche Schweine sie sind.


DAS MILIEU: Große Tyrannen und Massenmörder unserer Menschheitsgeschichte töteten nicht im Namen der Religion, man denke an Mao Tse Tung, Josef Stalin oder Adolf Hitler. Trotzdem wird Religion immer mit Gewalt verbunden, warum?


Mosebach: Das liegt vor allem daran, daß die Herrscher die längste Zeit der Geschichte religiös gebunden waren. Erst die Neuzeit kennt den atheistischen Mörder und dieses zwanzigste Jahrhundert ist ganz ohne Zweifel das schwärzeste Jahrhundert in der Geschichte der Menschheit. Vom Standpunkt des zwanzigsten Jahrhunderts aus gesehen, ist es eine Unverschämtheit, den
anderen Jahrhunderten ihre Grausamkeiten vorzuhalten. Aber es geht bei der Grausamkeit gegen die Menschen grundsätzlich weder um Religion noch um Atheismus. Es geht darum, daß der durch die Erbsünde geschwächte Mensch morden will und es unter jedem möglichen Vorwand bis zum Ende der Welt tun wird.


DAS MILIEU: Viele Philosophen und Autoren haben sich immer wieder die Frage gestellt, was es im Menschen ist, das ihn töten lässt. Was antworten Sie darauf als gläubiger Mensch?

 

Mosebach: Die Erbsünde bestand, wie Sie wissen, im Kern in dem Wunsch des Menschen, „zu sein wie Gott“ – dieser Wunsch war eigentlich überflüssig, denn der Mensch war als Gottes Ebenbild geschaffen, er war bereits „wie Gott“. Aber nun wollte er seine Göttlichkeit pervertieren und selber über das Leben seiner Mitmenschen, dessen Beginn und dessen Ende befinden.


DAS MILIEU: Welche Rolle kann und soll Religion in unserer Gesellschaft zur Etablierung von Moral spielen?


Mosebach: Die Religion soll überhaupt keine Rolle spielen. Daß die Religion zu irgend etwas nützlich sein könnte, ist ein areligiöser Gedanke, vom Standpunkt der Religion aus gesehen eigentlich eine atheistische Vorstellung. Entweder ist die Religion alles, oder sie ist nichts. Für die christliche Religion, für die allein ich sprechen kann, gilt aber, daß dieser Anspruch sich nicht an die Gesellschaft, sondern an den einzelnen richtet. Wenn viele Menschen eines Landes
gute Christen sind, dann wird man ja sehen, was geschieht.

 

DAS MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Mosebach!

 

 

 

 

 

Foto: © Peter-Andreas Hassiepen

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