Rezension

Martin Niemöller. Ein Leben in Opposition

01.12.2019 - Dr. Burkhard Luber

“Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte." (Martin Niemöller)

 

Benjamin Ziemann kommt mit dem klaren Anspruch daher, die ultimative Biographie über Martin Niemöller geschrieben zu haben. Seine Fleißarbeit über mehr als 600 Seiten, die Auswertung aller verfügbaren Sekundärliteratur über Niemöller und der Zugriff auf Originalquellen, bekannte wie neue, unterstreicht diesen Anspruch.

In der Einleitung zu seinem Buch umreißt Ziemann die drei Themenbereiche, die seine Biographie profilieren:

- Die Allianz des deutschen (völkischen) Nationalismus mit dem Protestantismus des 19. und 20. Jahrhunderts

- Die schwankende Haltung des Pfarrers und Theologen Niemöller zur Institution Kirche, unter anderem sein tiefes Mißtrauen gegenüber der Bürokratie der deutschen protestantischen Kirche, die ihn ernsthaft eine Konversion zur katholischen Kirche reflektieren ließ (was nur die Drohung seiner Ehefrau mit einer Ehescheidung verhinderte)

- Die Wandlung Niemöllers zu einem überzeugten Pazifisten und einer grundsätzlich positiven Einstellung zur Sowjetunion und zum Kommunismus.

Ausser diesen drei Themen verfolgt Ziemann auch mit überzeugender Akribie das ehrgeizige Ziel, mit den zahlreichen “Niemöller-Legenden” aufzuräumen, die die bisherige biographische Beschäftigung mit dieser Person beherrscht haben.

Aus dem umfangreichen Werk von Ziemann kann die/der Leser*in in mehrfacher Hinsicht Nutzen ziehen: Durch die intensive Schilderung der gesellschaftlichen und politischen Realität Deutschlands vom Geburtsjahr Niemöllers 1892 bis zu Hitlers Machtergreifung 1933 entsteht ein sehr gutes Bild der damaligen Epoche des deutschen Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Danach schildert Ziemann sehr detailliert die verschiedenen sich wandelnden Haltungen Niemöllers zur Hitler-Diktatur, die mit den unterschiedlichen Haltungen der protestantischen Kirche in Deutschland 1933 bis 1945 verknüpft sind. Und schließlich lautet ein instruktiver Titel eines Kapitels im letzten Teil des Buches “Der politische Pastor: Niemöller als Kritiker der Bundesrepublik”, wo Zieman detailliert das immer stärker werdende Engagements Niemöllers für die Friedensbewegung schildert, die ihn auch nicht davon abhielt sich Positionen der Sowjetunion zu nähern. Dieser letzte Teil des Buches wird sicher von denjenigen Leser*innen umso interessierter gelesen werden, die diese Epoche der Bundesrepublik selber noch live miterlebt haben.

Das Schlusskapitel des Buches ist der Versuch einer Würdigung des Lebens und Wirkens von Niemöller durch Ziemann. So hebt er insbesondere das konsequente und kompromisslose Vertreten der Position der Bekennenden Kirche durch Niemöller in der Zeit der Hitler-Diktatur hervor. Unverständlich bleibt jedoch die Weigerung Ziemanns die Maxime von Niemöller “Was würde Jesus dazu sagen?” zu akzeptieren und er verfälscht sogar das Zitat in unzulässiger Weise, indem er verschiedene Situationen im Leben Niemöllers heranzieht, mit denen er die unterschiedliche Bezüge von Niemöller “zu Gott” demonstrieren will. Aber, und das sollte auch ein nicht-theologischer Wissenschaftler wie Ziemann doch wissen: Gott ist eine viel allgemeinere religiöse Dimension als das konsequente einzigartige Leben Jesu (worauf Niemöllers Grundsatz sicherlich hinweisen sollte). Auch der Seitenhieb des Autors auf die Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste mag bei einer sehr spitzen Elle der Interpretation gerechtfertigt sein, in einer Biographie über Niemöller ist sie unnötig und irreführend.

Ziemanns Fleißarbeit ist eindrucksvoll. Niemals zuvor sind so viele Quellen-Details zum Leben von Niemöller ausgewertet worden. Sehr positiv ist, dass Ziemann sich jeder positiven Legendenbildung Niemöllers verweigert und auch die Schwachstellen dieses Lebens nicht verschweigt. Allerdings kann sich Ziemann auch bis zum Schluß zu keiner Gesamtwürdigung Niemöllers durchringen, so dass “nur” ein Bild Niemöllers entsteht, dass voller Zerrissenheit, Widersprüche, und sogar auch Abgründe entsteht. Schon aus diesem Grund ist der Untertitel des Buches eher irreführend. “Ein Leben im Widerspruch” wäre wohl angemessener gewesen und zwar im doppelten Sinne des Wortes, für das äußere Leben und Handeln Niemöllers genauso wie für seine innere Verfasstheit. Dennoch bleibt Ziemanns Buch eine historische Meisterleistung, die sowohl umfassend über den Menschen Niemöller an sich als auch die Probleme der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert informiert.

Bildergebnis für Benjamin Ziemann: Martin Niemöller. Ein Leben in Opposition. Deutsche Verlagsanstalt. 2019. 637 Seiten. 39 Euro

Benjamin Ziemann: Martin Niemöller. Ein Leben in Opposition. Deutsche Verlagsanstalt. 2019. 637 Seiten. 39 Euro


 

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