Rapper im Interview

Massiv: "Meine Tochter soll sich nicht für ihren Papa schämen müssen"

15.10.2018 - Tahir Chaudhry

Er gehört zu den wichtigsten Akteuren der deutschen Rapszene. 2007 gelang ihm der Durchbruch mit dem Song „Wenn der Mond in mein Ghetto kracht“ und damit der Ausbruch aus der kriminellen Szene. Heute will der in Pirmasens geborene Deutsche palästinensischer Abstammung Rapper Massiv, 35, ein Vorbild für seine junge Fans sein. Als erster deutscher Gangster-Rapper will Massiv auf Schimpfwörter in seinen Texten verzichten. Wie harter Straßenrap auf wuchtigen Beats ohne dieses Element auskommt, beweist er in seinem neuen Album „M10II“. DAS MILIEU sprach mit dem Berliner Rapper über Alltagsmarotten, Authentizität, Rap im hohen Alter und über die arabischen Familienclans der Berliner Unterwelt.

 

DAS MILIEU: Was ist Ihre größte Schwäche?

Massiv: Im Alltag? Wenn ich irgendwo zu lange in der Warteschlange an der Kasse stehen muss, kriege ich Hitzewallungen und Panik (haha).

MILIEU: Sind Sie ein impulsiver Mensch, der auch mal richtig ausrastet?

Massiv: Überhaupt nicht. Ich hatte in der letzten Zeit vier oder fünf Autounfälle, wo ich immer im Recht war. Da bin ich so cool und gelassen ausgestiegen, als wäre nichts passiert. Da haben sich die Leute immer gewundert. Ich bin auch niemand, der im Auto herumturnt oder Signale mit den Fingern macht.

MILIEU: Woher kommt diese Ausgeglichenheit?

Massiv: Von meiner Erfahrung. Ich habe sehr früh gemerkt, dass wenn man alles an sich abprallen lässt, stressfreier lebt. Größere Raufereien und Probleme machen dich stärker. Dann erscheinen dir alltägliche Dinge sehr klein. Dadurch redet man sich irgendwann auch große Sachen klein, weil man sagt: das gehört ja alles zum Leben dazu.

MILIEU: Haben Sie eine Macke, die Ihre Fans überraschen würde?

Massiv: Ich bin Zuhause ein richtiger Perfektionist. Ich muss alles symmetrisch zueinander sortieren. Die Fernbedienung, der Stift, das Taschentuch, sie müssen alle in einer geraden Reihe stehen. Ordnung ist meine Macke. Damit könnte ich auf jeden Fall zu RTL gehen (haha).

MILIEU: In Ihrem aktuellen Album M10II sind Sie inhaltlich wie gewohnt aggressiv und bissig unterwegs, doch stilistisch geht’s in eine völlig andere Richtung. Warum?

Massiv: Musik ist eine Sprache. Da muss man mit der Zeit gehen und die neuen Trends berücksichtigen. In der Musik darf es keinen Stillstand geben. Ich kann ja nicht 100 Jahre lang so rappen wie ich es 2006 gemacht habe. Man muss sich an seine Kollegen orientieren, es besser machen als sie und sich ständig behaupten.

MILIEU: Was macht Sie in der Rap-Szene besonders?

Massiv: Ich glaube nicht, dass es einen Typen wie „Massiv“ ein zweites Mal in Deutschland gibt. Meine Art ist konfrontativ, meine Stimmlage ist rau und die Atmosphäre ist immer sehr „groß“. Das ist alles Geschmackssache, aber die Hauptsache ist, dass ich von mir selbst komplett überzeugt bin. Der Erfolg bestätigt mich: die Streamingzahlen eine Woche nach dem Erscheinen von „M10II“ sind viermal höher als bei „BGBX“, das seit einem Jahr auf dem Markt ist.

MILIEU: Wenn man sich die Trackliste von M10II anschaut, findet man Titel wie Kobe Bryant, Pelé, Hubba Bubba oder Éric Cantona. Sie scheinen ein Nostalgiker zu sein, der sich gerne nach den 90ern zurücksehnt. Warum ist diese Zeit so zentral in Ihrer Musik? 

Massiv: Die Eindrücke aus den 90ern sind in meinem Kopf für immer haften geblieben. Das war Wahnsinn! Es gibt einige 90er-Songs, die ich erst nach der Jahrtausendwende gehört habe, weil ich mich dann intensiver mit Musik beschäftigt habe. Die sind für mich bis heute zeitlos. Was die musikalischen Einflüsse betrifft, war diese Zeit das Nonplusultra in meinem Leben. 

MILIEU: Früher war alles besser.

Massiv: Nein, überhaupt nicht. Ich lebe den Moment. Ich schätze den vor mir liegenden Tag und den gestrigen. So lebe ich auch. Mir würdest du niemals anmerken, ob ich eine Million im Minus oder im Plus bin. Ich bin und bleibe der gleiche Typ. Ich habe zu viel durchgemacht, um mich verstellen zu müssen.

MILIEU: Wenn man sich die aktuellen Top-Ränge des Deutschraps vor Augen führt, hört man mit ein paar Ausnahmen immer wieder dieselben Phrasen wie „Ich war unten, jetzt bin ich oben“, „Pass auf, was du sagst oder ich baller dich weg“, „Mir egal, was alle anderen sagen“, „Ich scheiß auf die Justiz“ oder „Ich mach das alles nur für Mama“. 

Massiv: Da haben Sie aber gut aufgepasst (haha). Genauso ist es.

MILIEU: Langweilen Sie diese Phrasen auf Dauer nicht?

Massiv: Nein, gar nicht. Ich weiß, was Sie meinen. Man sollte kreativer sein und mehr tun, als das zu wiederholen. Für mich kommt es darauf an, welcher Typ das sagt, wie er es sagt und wie er es in seinem Kontext meint. Wenn der Künstler dabei authentisch ist, dann kann ich mir das alles immer wieder anhören. Authentisch zu sein, heißt nicht, dass man wegen dem Diebstahl von Nike-Schuhen zehn Jahre im Knast war. Ich muss dem Typen das abkaufen, seine Authentizität fühlen, sie in seinen Augen sehen. Das zählt für mich.

MILIEU: Die derzeit erfolgreichsten Rapper in der Szene setzen eher auf Image-Rap und erzählen oftmals von Dingen, die nicht ihrer Lebensrealität entsprechen oder jemals entsprochen haben. Sehen Sie das kritisch?

Massiv: Nur authentisch zu sein, bringt nichts, wenn man nicht unterhalten kann. Wie gesagt: für mich zählt nicht, ob er wirklich tatsächlich 30 Leute weggeballert hat, sondern, dass er Kunst im Blut hat und in der Lage ist, on-point zu rappen, ein Lebensgefühl realitätsgetreu wiederzugeben, wie z.B. ein Bushido. Sylvester Stallone ist auch privat kein Boxer oder Soldat, sondern ein Entertainer, dem es gelingt, seine Zuschauer für ein paar Minuten in eine andere Welt eintauchen zu lassen. Heute sind es Rapper, die in den Augen der Kritiker die Jugend verderben, früher waren es Wrestler oder Actionfiguren. Jeder will irgendetwas sein und entscheidet sich oftmals Figuren, die gegen den Strom schwimmen. Heute wie damals kann jeder Jugendliche für sich selbst entscheiden, wer er am Ende sein möchte.

MILIEU: Es ist fraglich, ob die zur Auswahl stehenden Rapper für die gute Form des Gegen-den-Strom-schwimmens stehen. Gibt es Werte, die Sie im zeitgenössischen HipHop vermissen?

Massiv: Ich höre Deutschrap rauf und runter, ich kaufe mir die Musik und pumpe jede einzelne CD, um meine Kollegen zu supporten, weil ich ja auch ein Teil davon bin. Was ich derzeit vermisse, ist Rap mit einer Aussage. Wenn ich mir heute Alben anhöre, finde ich zu viele auf Lifestyle bezogene Songs und zu wenig ernstgemeinte Songs über persönliche Herausforderungen. Zu selten höre ich z.B. Songs, die davon handeln, dass du es früher wirklich schwer hattest oder was du bereit bist dafür zu tun, um dieses Leben zu behalten.

MILIEU: Mit ein paar Ausnahmen wird im Deutschrap viel geprahlt: mit Drogen, Gewalt oder materiellen Gütern. Wie alt und weise muss man als Rapper werden, damit man einem nicht lächerlich vorkommt? 

Massiv: Das habe ich mich auch immer gefragt. Ich hätte niemals gedacht, dass ich rappen werde, wenn ich dreißig bin. Heute bin ich 35 und rappe noch, aber so, dass ich noch in den Spiegel gucken kann. Seit einiger Zeit nutze ich in meinen Texten keine Schimpfwörter oder Fäkalsprache, auch wenn andere mit 40 noch Mütter beleidigen oder sagen, dass jemand seinen Pferdekopf irgendwo reinschieben soll. Ich trage selbst auch mit niemandem öffentlich Beefs aus. Das alles hat mich nicht geschwächt, sondern gestärkt. Ich empfinde es als einen geraden und korrekten Weg, den Beruf eines Rappers auch noch im hohen Alter nachzugehen.

MILIEU: Gab es einen konkreten Moment, an dem Sie sich entschieden haben, keine Schimpfwörter in Ihren Texten zu nutzen?

Massiv: Es ist das eigene Spiegelbild. Wenn man es sieht, dann muss man sich dabei wohlfühlen. Irgendwann sagst du dir: Stopp, warum mache ich das eigentlich? Das alles ist zu viel. Es ist für mich aber auch eine Herausforderung, Musik zu machen, die brachial und offensiv ist, aber niemanden persönlich verletzt. Ich will damit ein Vorbild für die Kids sein. Viele von ihnen machen mit mir Bilder und ich will, dass sie danach mit einem guten Gefühl nach Hause gehen. Wenn sie dann ihren Eltern erzählen, dass sie mit Massiv ein Bild gemacht haben, will ich, dass die Eltern mich googeln und auf einiges stoßen, was positiv ist.

MILIEU: Du hast eine kleine Tochter. Wie wünschst du dir, von ihr wahrgenommen zu werden?

Es ist mein Kind, mein Leben. Wenn ich mir über diese Frage keine Gedanken machen würde, dann wäre das respektlos ihr gegenüber. Sie soll Respekt vor mir und vor meiner Arbeit haben. Sie soll hinter ihrem Papa stehen können und sich für nichts schämen müssen. Am Ende will ich ihr nichts schulden und sauber aus dieser Sache heraustreten – mit Würde und Respekt.

MILIEU: Sie haben keinen Schulabschluss. Bis zum 19. Lebensjahr haben Sie mehr als 40 Anzeigen kassiert. Warum sind Sie bis damals in diese kriminelle Dauerschleife gelangt?

Massiv: Ich selbst war der Grund und niemand anderes. Ich hatte auch noch ein Umfeld, das bei allem mitgezogen ist. Wenn du dann auf einmal Geld in der Hand hast und es davor nie hattest, dann entwickelst du in dir eine Energie, die dich dazu drängt, es immer wieder haben zu wollen. Ich habe nicht daran geglaubt, dass ich es da jemals raus schaffen könnte, aber beim Versuch, es endlich zu schaffen, habe ich in der Musik 100 Prozent gegeben. Das, was ich am Anfang gemacht habe, empfinde ich heute zwar als dermaßen schlecht und untalentiert, aber ich war zum Glück kein Perfektionist, sondern ein Macher. Ich finde, man muss einfach machen. Nur so kommt man immer voran.

MILIEU: Sie spielen aktuell in der Drama-Serie „4 Blocks“ (mittlerweile in der 2. Staffel) mit, wo Sie einen Gangster namens Latif aus der Berliner Unterwelt spielen. Woran liegt es, dass Sie diesen Charakter so authentisch spielen können, ohne ein ausgebildeter Schauspieler zu sein?

Massiv: Man hat mit Menschen aus diesem Milieu zu tun. Man kennt sich. Man weiß, was dort passiert, weil man selbst auch Dinger gedreht hat. Und man weiß einfach, wie man dabei agiert und reagiert. Ein gelernter Schauspieler kommt zum Set und macht sein Ding, bestimmt nicht schlecht, aber die persönliche Erfahrung ist da sehr wertvoll und bereichernd.

MILIEU: Einige Filmkritiker halten „4 Blocks“ für die beste deutsche Fernsehserie aller Zeiten. Gibt’s schon Anfragen von Hollywood?

Massiv: Noch nicht, aber ich will da auf jeden Fall hin (haha).

MILIEU: Nicht nur in der Serie, sondern auch im echten Leben sind Sie mit der Berliner Unterwelt recht gut vertraut. Derzeit sind die arabischen Familienclans, besonders Familie A. und Familie R., wieder Thema in den Medien. Wie stehen Sie dazu?

Massiv: Es wird total übertrieben. Kriminalität gibt es überall und die wird es immer geben. Und wenn Menschen in einem Bezirk eingekesselt sind, sozial schwach sind, keine Arbeitserlaubnis haben usw., dann braucht man sich nicht wundern, dass es dort mehr Kriminalität als in anderen Bezirken gibt. Dabei auf diese eine bestimmte „Familienclans“ einzugehen, ist für mich nichts anders als Klatschpresse. Die Polizei spielt dabei auch keine korrekte Rolle. Sie hat versagt, weil sie gegen die Familie R. nichts in der Hand hat. Die Polizei ist ständig dabei, sie vorzuführen, falsche Vorwürfe zu streuen, was SternTV und SpiegelTV eine Menge Zuschauer bringt und sie selbst als diejenigen darstellt, die alles für die Sicherheit der Menschen tun.

MILIEU: Also wird die Familie R. in den Berichten zu Unrecht beschuldigt? 

Massiv: Das kann ich nicht sagen. Jeder, der eine Straftat begeht, muss vor Gericht. Am Ende wird nur dort entschieden, ob jemand schuldig oder unschuldig ist und nicht in den Medien. Sie schlagen meiner Meinung nach aus ihren Spekulationen und Lügen Profit. Das weiß ich, denn ich kann in dieser Sache sehr gut zwischen dem medialen Bild und der Realität unterscheiden.

MILIEU: Es wird berichtet, dass Rapper Bushido vor kurzem „die Seiten gewechselt“ hat. Er soll sich von der Familie A. befreit haben und nun bei Familie R. Schutz suchen. War das die richtige Entscheidung?

Massiv: Das geht mich nichts an. Mich interessiert nicht, wo Bushido früher war und was er gemacht hat. Das sind seine Erfahrungen, seine Lektionen, sein Lebenslauf. „Seiten wechseln“ hin oder her. Aber wenn du mich fragst, wer dieser Mann [gemeint ist Ashraf R.] ist, mit dem Bushido heute befreundet ist, dann kann ich dir aus meiner eigenen Erfahrung sagen: rein menschlich gesehen, ist er der beste Mensch, den man sich nur vorstellen kann. Es ist das größte Glück überhaupt, dass ich diesen Menschen kennenlernen durfte und ihn heute einen wahren Freund nennen kann.

MILIEU: Zum Abschluss: Was ist die wichtigste Erkenntnis, die Sie in Ihrem Leben gemacht haben?

Massiv: Ich bin davon überzeugt, dass man am Ende in seinen vier Wänden allein vor dem Spiegel steht und sein Leben selbst in die Hand nehmen muss. Alle Versprechungen, Hoffnungen und Gedanken, die man sich je gemacht hat, die einem Vertrauen und Loyalität von anderen Menschen vorgaukeln, haben keinen Wert, wenn der Brief von der Justiz nach Hause kommt. Denn dann merkst du schnell: das geht nur einen selbst an, nur man selbst kann sich um sich kümmern. Verlass dich auf niemanden, auf keinen Schwur, auf kein Tattoo einer Bruderschaft. Du musst für dich selbst geradestehen.

MILIEU: Vielen Dank für das Interview, Massiv!

 

Das neue Album von Massiv "M10II" ist ab sofort im Handel erhältlich.

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