Komponist im Interview

Max Richter: "Ich lese keinen Roman, der von elf Leuten geschrieben wurde"

01.06.2020 - Tahir Chaudhry

Er gehört zu den wichtigsten zeitgenössischen Komponisten. Er spielt weltweit Konzerte, komponiert Konzeptalben und schreibt Soundtracks für Film und Fernsehen. Mit seiner Musik setzt er immer wieder auch politische Statements und geht auf aktuelle Entwicklungen ein. Zu seinen bekanntesten Arbeiten gehört der Soundtrack zu »Waltz With Bashir«, der ihm 2008 den Europäischen Filmpreis für die »Beste Filmmusik« einbrachte und den Libanon-Krieg thematisiert. Im Gespräch mit Komponisten Max Richter geht es um den Entstehungsprozess seiner Kunst, den Nutzen von Musik, seine Schlaf-Konzerte und Kompositionen als Annäherung an die richtigen Fragen.

Herr Richter, warum hören wir traurige Musik, wenn wir traurig sind?

(überlegt) Sie gibt einem in schweren Zeiten das Gefühl, verstanden zu werden. Das Leben ist herausfordernd und wird zunehmend kompliziert. Musik verschafft darin einen Raum, in dem sich das Denken entfalten kann. Das kann sehr hilfreich sein.

Können Sie sagen, woher Ihre Musik kommt?

Meine ersten Erinnerungen, die ich von meiner Kindheit habe, sind Melodien in meinem Kopf. Ich war vielleicht drei oder vier Jahre alt, und ich dachte, das wäre normal. Ich spielte mit meinen Spielzeugen, dann kamen Melodien, die ich formte – und dann wandte ich mich wieder den Spielzeugen zu. Das tat ich ständig. Erst viel später fand ich heraus, dass das erstens nicht normal war und dass man das zweitens Komponieren nennt. Ich kann diesen Prozess aber nicht erklären, und weil ich nie in dem Kopf eines anderen Menschen war, kann ich ihn auch nicht vergleichen. Das Komponieren ist bis heute mein Weg, um durch den Tag zu kommen.

Haben Sie beim Komponieren zuerst eine Art Urbild des Stücks im Kopf, dessen Abbild Sie dann versuchen, in die Realität zu bringen?

Teilweise, ja. Ich spüre, was vermittelt werden soll. Ich spüre, dass ich einen Raum betreten werde, der mir vorher gänzlich unbekannt war. Der Boden in diesem Raum ist sehr fruchtbar, und das Ungewisse macht die Sache erst richtig interessant. Es ist ein intuitiver Prozess oder, besser gesagt, eine intuitive Anwendung einer Technik. Ich nehme also meine Werkzeugkiste, die ich durch meinen akademischen Hintergrund in mir trage, mit in diesen Raum – und dann geht es los!

Dass Sie heute als Komponist arbeiten, hat auch mit dem Milchmann Ihrer Heimatstadt Bedford zu tun.

Tatsache! (lacht) Als Teenager hatte ich Klavierstunden, damals habe ich noch auf eine kindliche Weise musikalisch herumexperimentiert. Der besagte Milchmann hat mich einmal beim Proben eines Mozart-Stücks gehört. Wenn man in Großbritannien Milchmann ist, dann liefert man am frühen Morgen die Milch aus und kann danach anderen Beschäftigungen nachgehen. Der perfekte Job für einen Künstler also – und dieser Milchmann war einer. Er sah mich als eine Art Projekt an und ließ beim nächsten Mal neben der Milch auch einige seiner Platten mit experimenteller Musik da. In Großbritannien gab es obskure Platten von Avantgarde-Künstlern wie Philip Glass damals nicht, er hatte sie aus New York beschafft. Hätte dieser Milchmann mir nicht diese Musik gezeigt, hätte ich sie wahrscheinlich nicht zu hören bekommen.

Also auch dank ihm zählen Sie heute zu den einflussreichsten Komponisten der Gegenwart. Sie gelten auf musikalischer Ebene als Minimalist. Ich stelle mir die Einrichtung Ihres Zuhauses daher so vor: ein Tisch, ein Stuhl, ein Schrank, ein Klavier.

(lacht) Nein, nein, nein. Ich habe Kinder, und mein Leben ist genauso chaotisch wie das der meisten Menschen. Aber es gibt ein Element in der künstlerischen Arbeit, das der Wunscherfüllung dient. Wenn ich ein Stück schreibe, dann wünsche ich mir, dass die Welt genauso wäre wie dieses Stück. In meiner Musik ist für mich daher diese entspannte, besonnene und minimale Atmosphäre von großem Wert. Aber meine Musik ist gleichzeitig auch das Resultat meiner Erfahrungen, meiner Existenz im Kontext der heutigen Kultur. Sie ist daher auch schwierig und komplex.

Was meinen Sie damit?

Wir Menschen stehen vor riesigen sozialen, ökologischen und politischen Herausforderungen. Zum Beispiel beeinflusst die Technologie unsere Definition davon, was Arbeit und Karrieren sind. Sie ändert unsere Verhaltensmuster, wie wir unsere Zeit einsetzen, und sie verändert auch den Wert der Dinge. Diese sozialen Umwälzungen machen unsere Lebensumstände weniger zuverlässig und fest, als sie es früher waren. Und die politische Sphäre ist insofern komplex, als die Dynamiken früher viel simpler zu bewerten waren. Nehmen Sie die Stadt Berlin, hier hat man kürzlich 30 Jahre Mauerfall gefeiert. Dreht man die Zeit zurück und zieht man die Mauer wieder hoch, dann hat man eine übersichtliche Aufteilung in die Guten hier und die Bösen dort. Heute verwischen die Farben, es gibt zahlreiche Grau-Schattierungen. Natürlich handelte es sich früher um eine übermäßige Vereinfachung der Dynamiken, aber gefühlt ist die Sache heute für alle komplexer geworden. Diese psychologischen Lasten tragen wir täglich mit uns herum.

Was macht die Musik für uns in solchen Zuständen so wertvoll?

Musik bietet ein Fenster in das Denken und Erleben anderer. Wir Menschen stehen im Leben häufig vor den gleichen Herausforderungen, und die Musik ermöglicht es uns, diese Erfahrungen zu vergleichen. Das macht sie so wertvoll für uns. Sie ist eine Sprache – aber keine, deren konkrete Bedeutung sich bemessen lässt. Und dennoch fühlen wir uns von ihr im doppelten Wortsinn » angesprochen «. Sie berührt uns, psychologisch wie physisch.

Über Ihre Kompositionen heißt es, dass Sie gerne von Großstädtern und Workaholics gehört werden, die sich vom Stress ihres Alltags befreien wollen. Wen und was haben Sie als Komponist, der einen solchen Effekt erzielt, vor Augen, wenn Sie Musik schreiben?

Zunächst möchte ich niemandem vorschreiben, wie er meine Musik zu konsumieren hat. Wenn sie einen beruhigenden Effekt auf diese Menschen hat, dann ist das für mich höchstens interessant, aber niemals ein Ziel, das ich vor Augen habe. In meinen Kompositionen werfe ich musikalische Fragen auf, aus Eigeninteresse sowie aus dem Bedürfnis heraus, meine Geschichten zu erzählen. Aber natürlich hat die Musik auch einen gewissen Nutzen.

Wir Menschen hatten schon immer Musik zum Tanzen, zum Heiraten, zum Sterben …… zum Schlafen.

Richtig, und mein » Sleep «-Projekt soll nicht nur ein Kunstwerk sein, sondern auch ein Werkzeug, um sich auszuruhen. Sehen Sie, diese Zeiten verlangen viel von uns ab, und deshalb wollte ich mit » Sleep « einen Mini- Entspannungsurlaub schaffen.

Dazu ließen Sie in Konzerthallen Hunderte Feldbetten aufbauen und spielten das Publikum von Mitternacht bis acht Uhr morgens in den Schlaf. Warum ist das Thema Schlaf für Sie relevant?

Unser gesamtes Leben baut auf dem Schlaf auf. Ohne ihn könnten wir nicht existieren. Als ich diese Musik vor fünf Jahren schrieb, hatte ich im Kopf, dass die News-Maschinerie und sozialen Medien immer mehr Stunden unseres Tages auffressen. » Sleep « ist damit auch eine Form des Protests gegen die Zurückdrängung unseres Schlafs.

Ich lief gerade, an diesem grauen und kalten Wintertag, durch Berlin und habe dabei eines Ihrer Stück gehört, bei dem ich dachte, dass es gut zu der gegenwärtigen Stimmung passt. Ich schaute, wie das Stück hieß, der Titel war » Sunlight «. Fühlen Sie sich manchmal missverstanden?

Künstlerische Arbeit hat es an sich, dass ich als Schöpfer nicht weiß, was ich da geschaffen habe, bis das Werk auf den Rezipienten trifft. Erst dann entsteht ein Dialog, und dieser deckt sich nicht zwangsläufig mit dem, was ich als Künstler eigentlich vermitteln wollte. Meine Musik ist immer eine Art Untersuchung, sie folgt der Frage nach einem Was-wäre-wenn – da sind solche Unterschiede von Beginn an angelegt.

Sie sagen, Musik sei eine Sprache, die den Menschen anspricht. Ich bin in einem familiären Umfeld aufgewachsen, das mit Kunst fremdelt, sie größtenteils als Zeitverschwendung betrachtet. Können Sie das verstehen?

Auf jeden Fall. Musik hat ein Image-Problem, insbesondere die klassische. Sie gilt als elitär. Dass diese Art der Musik so wahrgenommen wird, hat historische Gründe. Nur die ökonomische und einflussreiche Elite konnte es sich leisten, ein Orchester spielen zu sehen. Jedoch geht es bei der klassischen Musik im Kern um den Klang, was eine ziemlich demokratische Angelegenheit ist. Ich kann aber sehr gut nachempfinden, dass das Modell eines Orchesters seltsam wirkt: Wenn da jemand vorne steht und mit einem Stab herumfuchtelt, um vielen Menschen Anweisungen zu geben, dann erinnert das an einen Fabrikbesitzer, der seine Belegschaft herumkommandiert. Und tatsächlich spiegelt das Orchester das Gesellschaftsmodell vergangener Jahrhunderte wider. Ich denke, das ist eine Altlast, von der sich die klassische Musik befreien muss, um mehr Gehör zu finden.

Warum haben Sie sich dann für klassische Musik entschieden?

Ich sehe das, was ich tue, nicht als klassische Musik an. Okay, ich habe eine universitäre Ausbildung in der klassischen Komposition, aber ich habe als Kind mit elektronischer Musik experimentiert. Als ich eine Anleitung für einen Synthesizer gefunden habe, habe ich ihn in meinem Kinderzimmer nachgebaut. Und in meiner Jugend habe ich Punk gehört. Was ich mache, habe ich immer als Komponieren jenseits aller Genres betrachtet.

Sie haben mal gesagt, dass Sie keine Pop-Musik hören, weil Sie ein Problem mit industriell gefertigter Musik haben.

Für mich sind Kreativität und Musik Gespräche unter vier Augen: Der Künstler tritt in einen Dialog mit dem Rezipienten. Seine Kunst ist daher stets auch ein Ausdruck davon, dass er selbst lebendig ist, dass er mit einer einzigen authentischen Stimme mit dem Hörer kommuniziert. Klar, es ist Geschmackssache, aber ich mag Selbstgemachtes, und wenn ich Pop-Musik höre, dann vermisse ich das.

Die aktuelle Chartsmusik entsteht in einem fabrikartigen Prozess, an dem viele Stimmen beteiligt sind. Ich will auch keinen Roman lesen, der von elf Leuten geschrieben wurde. Nur wenn ein Mensch über seine persönlichen Erfahrungen mit mir spricht, kann ich sie mit meinen eigenen Erfahrungen vergleichen.

Welche Musik wir hören, hat auch mit ihrer Verfügbarkeit zu tun. Wir haben nahezu unbegrenzten Zugang zu Musik durch Streaming-Flatrates. Empfinden wir sie dadurch anders?

Ja, denn es fehlt etwas Entscheidendes: die Risikobereitschaft. Wir müssen heute nicht mehr in ein Musikgeschäft gehen, um dort eine Entscheidung zu fällen und dann Geld auszugeben. Heute hören Sie etwas – und Sie mögen es oder mögen es eben nicht, egal. Es gibt kein sofortiges finanzielles Risiko, und Sie müssen auch nicht mehr einem bestimmten Musikmaterial folgen, um zu schauen, wohin es Sie als Hörer führt. Sie erkunden Musik also nicht mehr, sondern bleiben innerhalb der Grenzen Ihres Genres. Wobei, dieses Konzept von Genres halte ich ohnehin für einen großen Mythos. Warum?

Es ist für den Musikliebhaber nicht hilfreich. Musik funktioniert nicht auf diese Weise. Von Grenzen bei der Klangformung halte ich rein gar nichts. Besonders in der klassischen Musik, die als besonders streng definiert wird, haben die Komponisten immer auf viele unterschiedliche Quellen zurückgegriffen, etwa auf die Tradition des Folk.

Nehmen Komponisten in der Musikwelt die gleiche Rolle ein wie die Philosophen in der Geisteswelt?

Es ist der gleiche Instinkt, dem sie folgen. Es liegt in der Natur des Menschen, Fragen zu stellen. Das Universum ist unerkennbar, was auf eine Weise frustrierend und besorgniserregend ist. Also erschaffen wir Menschen aus der Not heraus Rahmen, konzeptionelle Strukturen und Denkgebäude, die wir dazu verwenden können, die Welt um uns herum zu verstehen. Und auch die Musik kann ein Mittel sein, eine unfassbare Situation fassbar zu machen.

Was soll Ihre Musik bei dem Hörer wecken?

Ich interessiere mich vor allem für Geschichten, ein großer Teil meiner Arbeit besitzt eine aktivistische Dimension. » Memoryhouse «, » The Blue Notebooks «, » Waltz With Bashir « oder » Infra « sind Werke, die aus Sorge um weltpolitische Entwicklungen entstanden sind. Generell kann man sagen, dass meine Musik eine Reaktion auf gesellschaftliche Dynamiken ist. Um eine Sache zu verstehen, forme ich instinktiv eine Frage, die ich dann in der Sprache der Musik ausdrücke. Der Hörer wird also mit meinen Fragen konfrontiert.

Finden Sie jemals Antworten?

Nein.

Ähnlich wie Philosophen.

(lacht) Ja.

Ist denn die Suche nach Antworten überhaupt das Ziel?

Es ist eher der Versuch, überhaupt einmal den Fragen näherzukommen. Sie in der Musik zu formulieren und zu verstehen.

Wie unterscheidet sich dabei Filmmusik von Ihrer anderen Musik?

Filmmusik ist ein Werkzeug. Ein Film ist keine Sinfonie, sondern eine Komposition, die dazu gedacht ist, an der Erzählung einer Geschichte mitzuwirken. Wobei die Musik im Gesamtkontext eines Films häufig nur eine subtile Rolle spielt.

Sehen Sie es als Einschränkung, wenn Sie bei der Komposition von Filmmusik eine vorgegebene Kulisse bekommen und sich nur darin bewegen können?

Nein, es ist für mich so, als würde ich ins Fitnessstudio gehen. Es ist ein sehr technisches Unterfangen. Es heißt: » Wir brauchen 30 Sekunden davon und 48 Sekunden hiervon. «​​​​​​​

Wie an der Käsetheke.

Genau, oder: » Wir wollen jetzt in dem Kopf des Protagonisten sein. « Oder: » Wir wollen an dieser Stelle, dass die Zeit schneller vorbeigeht. « Diese Wirkung in kürzester Zeit erzielen zu müssen, ist eine sehr interessante Herausforderung für mich.

Konkret: Sie schauen dann auf einen Bildschirm und finden auf Kommando die passende Melodie für eine Filmsequenz?

Meistens ja. Es ist ein ständiges Hin und Her. Die Musik entsteht in einer Konversation mit den Machern. Das ist eigentlich ganz nett, weil ich bei eigenen Projekten normalerweise alleine in einem Zimmer sitze.

Wenn Sie schließlich den fertigen Film sehen, wie jetzt bei Ihrer aktuellen Arbeit zum Science-Fiction-Thriller » Ad Astra «: Lassen Sie sich von den von Ihnen untermalten Szenen berühren?

Na ja, ich bin nie glücklich damit. (überlegt) Bei jedem Projekt habe ich das Gefühl, ein produziertes Stück ab einem gewissen Punkt im Stich zu lassen. Hinzu kommt, dass es immer eine ideale Version des Stückes gibt, die aber von niemandem aufgeschrieben wurde. Auch von mir nicht.

Bei der Arbeit zu » Ad Astra « gab es aber die großartige Chance, einen Soundtrack zu machen, der nicht nur irgendeine Filmmusik ist, sondern zusätzlich einen dokumentarischen Charakter besitzt, weil er Klänge einer realen Kulisse verwendet.

Sie haben in einigen Stücken Audioaufzeichnungen von Plasmawellen verwendet.

Wir konnten das Voyager-Programm nutzen, das uns Daten von der Reise der Raumsonde ins Universum geliefert hat. Das war sehr aufregend. Ein großes Geschenk für einen Komponisten.

Finden Sie es schade, wenn solche klugen Ideen und subtilen Elemente in der Rezeption des Films untergehen?

Nein. Ob das die große Masse zu hören bekommt, interessiert mich nicht wirklich. Und ob diese Masse es dann auch noch kapiert, ist mir ebenso wenig wichtig.

Es gibt einen Unterschied zwischen der Handschrift und der Unterschrift eines Menschen: Während Unterschriften zeigen sollen, wie man gesehen werden will, zeigt die Handschrift, wer man wirklich ist. Ist Ihre Musik Ihre Handschrift?

(überlegt) Ich habe früher gedacht, dass kein Mensch auf dieser Welt meine Musik hören würde. Viele Jahre hat das auch gestimmt. Heute ist das anders, was schön ist. Was mich aber eher begeistert, ist, wenn ich das Musikmaterial so bearbeiten und damit ein Ergebnis erzielen kann, das für mich funktioniert. Ich empfinde daher Authentizität als sehr wertvoll. Ich hoffe, das beantwortet Ihre Frage.

 

 

 

 

 

Erstveröffentlichung: GALORE #39

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