Psychologie

Mehr als 1 Million Trennungsgeschädigte durch Corona

01.08.2020 - Dr. Wolfgang Krüger

Corona ist für alle Menschen eine besondere Herausforderung und vor allem für Partnerschaften, weil das bisher eingespielte Gleichgewicht von Nähe und Autonomie plötzlich gestört ist.

Und das führt in einer Liebesbeziehung immer zu einem Ausnahmezustand, den wir auch im Urlaub und zu Weihnachten kennen. Das sind die beiden klassischen Situationen, in denen es eine emotional aufgeladene Zwangsnähe gibt. Wir alle sehen jedes Jahr die Folgen: 1/3 aller Trennungen finden nach dem Urlaub, 1/3 nach Weihnachten statt. Denn wir kommen mit dem anderen nur dann gut klar, wenn wir uns gelegentlich zurückziehen, wenn wir ihm sogar den Rücken zuwenden können. Anders ausgedrückt: Ich kann die Nähe zum mitunter etwas schwierigen Partner nur dann souverän gestalten, wenn der Schwerpunkt des Lebens in mir selbst bleibt. Doch das ist schwierig, wenn ich 24 Stunden am Tag mit dem anderen konfrontiert bin, weil ich im Homeoffice arbeite und die Freunde nicht mehr so unkompliziert sehen kann.

Allerdings ist damit zu rechnen, dass es in einigen Monaten einen Baby-Boom gibt und viele Partnerschaften wurden in der Corona-Zeit häufig besser. Sie haben Corona als gemeinsame Herausforderung betrachtet, hatten mehr Zeit füreinander. Sie haben wieder angefangen, sich etwas vorzulesen, gemeinsam zu kochen, sich mehr um umarmen. Dies betrifft erstaunlicherweise fast die Hälfte aller Paare, aber die andere Hälfte erlebte Corona eher als Belastung und ¼ hat inzwischen oft Trennungsgedanken, wobei sich erfahrungsgemäß dann nur 10 % trennen.  Etwa 2,5% aller Paare sind daher akut trennungsgefährdet. Bei 20 Millionen Liebesbeziehungen in Deutschland sind dies immerhin  500 000 Paare. Im Vergleich: Nach dem Urlaub und Weihnachten trennen sich jeweils etwa 100.000 Paare. Es kommt also eine Trennungswelle auf uns zu, von der vor allem auch viele Kinder betroffen sind und die Scheidungsquote, die seit vielen Jahren rückläufig ist, wird enorm ansteigen.

Viele Paare nehmen sich vor, dass sie es im Urlaub noch einmal miteinander versuchen. Scheitert dies, trennen sie sich. Und hier müssen wir beachten:

Corona und Urlaub sind zwei Herausforderungen für Nähe. Sie sind kein guter Testfall für die Qualität einer Partnerschaft. Diese zeigt sich eher im entspannten Alltag. Also: Nicht übereilt trennen: Die meisten dieser Partnerschaften haben eine gute Überlebenschance, wenn jeder wieder stärker sein eigenes Leben führen kann. 80% der Deutschen meinen, dass wir uns zu früh trennen. Meine Erfahrungen zeigen: 90% der Partnerschaften haben ein Verbesserungspotential. Notfalls sollte man bitte einen Experten um Rat fragen. 

Er wird darauf hinweisen, dass jeder wieder eigenständiger werden sollte, indem er Sport treibt, sich mit Freunden trifft. Erst dann können wir entscheiden, ob wir zusammenpassen. Denn wir müssen wissen: Corona hat jene Nähe-Autonomie-Konflikte sehr verstärkt, unter der grundsätzlich alle Paare leiden. Sie will reden, er am Computer spielen. Er möchte Sex, sie möchte lesen. Das sind die Alltagskonflikte, die sich allerdings massiv in der Zwangsnähe sehr verstärken. Dann geht es Paaren so wie einer U-Boot-Besatzung, die sich kaum aus dem Weg gehen kann.

 

Dr. Wolfgang Krüger ist Psychotherapeut und Buchautor. Sei neues Buch „Nähe und Autonomie in der Liebe“ ist ein lebensnaher Ratgeber über den ständigen Konflikt zwischen dem Suchen von Nähe in einer Beziehung und der unabhängigen Auslebung individueller Bedürfnisse.

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