Kolumne: Lupus Oeconomicus

Mehr Geduld mit dem Aufbau Ost (und was Schleswig-Holstein damit zu tun hat)

01.08.2021 - Nicolas Wolf

Nach mehr als 30 Jahren seit der Wiedervereinigung liegt das Bruttoinlandsprodukt in den neuen Bundesländern pro-Kopf noch immer deutlich unter dem westdeutschen Durchschnitt. Doch ist das wirklich so schlimm und enttäuschend, wie es in den Medien häufig porträtiert wird? Zeit für einen Perspektivenwechsel.

Anfang Juli beschloss das Bundeskabinett den „Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit“, welcher sich vortrefflich an die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vom 6. Juni reihte und somit in eine Zeit fiel, in der ohnehin schon viel über Ostdeutschland gesprochen wurde. Wie es so üblich ist, wenn über die „Ossis“ doziert, philosophiert und diskutiert wird, ging es seinerzeit wieder einmal um die Frage, warum soviele Ostdeutsche die AfD wählen. In den Medien wurde aufgeregt debattiert, was von den Äußerungen des Ost-Beauftragten Marco Wanderwitz zu halten seien, der viele Ostdeutsche pauschal für die Demokratie verloren erklärt hatte. Und dann, wenige Wochen nach der Wahl in Sachsen-Anhalt, bei der die AfD 21,8% erreicht hatte, erschien eben jener Jahresbericht, zu dem man Folgendes auf der Webseite der Tagesschau lesen konnte:

Die Wirtschaftsleistung in Ostdeutschland ist weiterhin geringer als im Westen. Das geht aus dem Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit hervor. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den ostdeutschen Bundesländern erreichte demnach 2020 rund 77,9 Prozent des westdeutschen Niveaus. Berlin mitgerechnet waren es 82,8 Prozent.

Der Trend sei eindeutig, heißt es in dem Bericht: Der Abstand zwischen Ost und West baue sich zwar weiter schrittweise ab. "Die Zahlenvergleiche machen aber zugleich deutlich, dass es auch gut 30 Jahre nach dem Fall der Mauer noch einen klar erkennbaren Abstand in der Wirtschaftskraft zwischen Ost und West gibt."

Na sowas. Gerade mal 77,9%. „Diese Ossis“, mag da mancher Wessi denken, „kapieren nicht, was Demokratie bedeutet und haben wirtschaftlich immer noch nicht zu UNS aufgeschlossen“. Als im von mir sehr geschätzten Politik-Podcast des Deutschlandfunks der Jahresbericht Thema war, stellte eine der Journalisten fest, dass der Osten wahrscheinlich nie zum Westen in Sachen Einkommen aufschließen würde. Das klingt irgendwie traurig und enttäuschend, vor allem wenn man bedenkt, wie viel Geld über die vergangenen 31 Jahre in den Aufbau Ost geflossen ist und weiterhin auch fließen wird. „Aber“, wirft der selbstgefällige Wessi wieder ein, „vielleicht hängt das ja damit zusammen, dass die Ossis aufgrund von 40 Jahren DDR irgendwie anders sind und nicht anders können – schließlich haben die ja auch Demokratie nicht so wirklich gelernt.“

Nun genieße ich allerdings das Privileg aus Schleswig-Holstein zu stammen, welches mit einem Pro-Kopf BIP von circa 31.700 Euro das „ärmste“ der alten Bundesländer ist. Ein Bayer könnte zu recht konstatieren, dass die „Fischköppe“ zwischen Nord- und Ostsee gerade mal 70% seiner jährlichen Wirtschaftsleistung erbringen. Klar: das nördlichste Bundesland Deutschlands ist immer noch wohlhabender als all jene im Osten (mit Ausnahme Berlin), aber der Abstand zu Sachsen beträgt „nur“ 7%. Nicht unerheblich, klingt aber weniger dramatisch als 20%. Nun ist Schleswig-Holstein jedoch nicht erst seit der Wiedervereinigung Teil der Bundesrepublik, sondern seit ihrer Gründung vor mehr als 70 Jahren. Warum reden wir also nicht mal darüber, weshalb meine Heimat trotzt Länderfinanzausgleich und anderen Förderprogrammen den Bayern, Hessen oder Baden-Württembergern bis heute wirtschaftlich so sehr hinter hinkt?

Obwohl durchaus erforschenswert, ist diese Frage in erster Linie rhetorisch gemeint. Man kann sie auch noch mehr zuspitzen und feststellen, dass es ja nicht nur Schleswig-Holstein und Ostdeutschland sind, deren Pro-Kopf-Einkommen deutlich unter dem westdeutschen Durchschnitt liegen, sondern dass dies auf die allermeisten Länder dieses Planeten und der Mehrheit der Weltbevölkerung zutrifft. Und auch hier kann man wieder fragen „wieso?“, um im gleichen Atemzug dann aber einzuwerfen, dass einige Nationen wie z.B. Südkorea, Taiwan, Malaysia und natürlich auch China zu unterschiedlichen Graden eindrucksvoll aufgeholt haben. Doch wieso ist das nach dem Koreakrieg so bettelarme Südkorea innerhalb von fünfzig, sechzig Jahren in den Club der Industrienationen aufgestiegen, allerdings nicht die Philippinen? Wieso gilt Vietnam als heißer Kandidat für die nächste, große Wachstumsstory, aber nicht Laos oder Thailand?

Falls jetzt irgendjemandem hierzu spontan eine Antwort einfällt („Das hat was mit Kultur/Geografie/Kolonialgeschichte/Industriepolitik etc. zu tun“), dem sei gesagt, dass diese höchstwahrscheinlich entweder falsch ist oder aber neben ihr noch fünf, sechs weitere ebenso plausible Erklärungen existieren. Wer ein anschauliches Beispiel zur Verdeutlichung möchte, dem sei dieser Substack-Artikel von Bloomberg-Kolumnist Noah Smith ans Herz gelegt. Darin diskutiert er, warum das Pro-Kopf-BIP der Dominikanischen Republik heutzutage 7-mal höher ist als das Haitis, obwohl beide Staaten sich die Insel Hispaniola teilen und sie in den 60ern wirtschaftlich gleichauf lagen. Die Quintessenz: Es gibt viele Faktoren, die als Erklärung in Frage kommen, aber keinerlei Gewissheit.

Mit diesem kleinen Exkurs möchte ich auf eine Sache aufmerksam machen, nämlich dass die Zunft der Volkswirte relativ wenig darüber weiß, wie man ein Land genau reformieren muss, damit es wirtschaftlich aufholen kann. Es gibt zwar viel Einigkeit darüber, welches die typischen Merkmale einer aufstrebenden Wirtschaftsnation sind (ein ausreichend starker Staat, der das Gewaltmonopol faktisch besitzt und Vertragsrecht durchsetzen kann; nicht allzu viel Korruption, ein hoher Grad an Marktwirtschaft, Geldwertstabilität, berechenbare Politik, eine relativ gut gebildete Bevölkerung, ein funktionierendes Finanzsystem...) und welche Bedingungen gegeben sein müssen, sodass der Aufholprozess auch gelingt. Doch das ist ungefähr so wie mein Verständnis von Autos: Ich weiß, wie eines aussieht, wie es im Prinzip funktioniert und welches die Hauptbestandteile sind, die dafür sorgen, dass es fährt. Ich könnte allerdings keines von Grund auf zusammenschrauben.

Die Sache wird aber ungleich komplizierter, wenn es um entwickelte Industrienationen geht und darum, wie sie noch weiter zu den reichsten unter ihnen aufschließen können. Einem Entwicklungsland mag ein Ökonom mit Doktortitel von der Weltbank vielleicht einen Ratschlag à la „Ihr müsst den Servicesektor deregulieren und gewisse Staatsunternehmen privatisieren“ mit einem hohen Grad an Vertrauen in seine Analyse erteilen können, doch es ist alles andere als eindeutig, welchen Schalter die Sachsen-Anhälter umlegen müssten, um die Schleswig-Holsteiner wirtschaftlich zu überholen.  Sicherlich kann man einen „Standort attraktiver machen“, wie es oftmals so schön heißt. Aber damit reproduziert man nicht von heute auf morgen jene Industriecluster und „Superstar Cities“, die über die letzten zehn Jahre immer mehr Wirtschaftsdynamik auf sich vereinen konnten. 

Und damit sind wir an einem anderen Punkt angelangt, der mir zunehmend bedeutend erscheint, was unser Verständnis von langfristigem Wirtschaftswachstum angeht: nämlich der Tatsache, dass der Wohlstand eines Landes oder einer Region heute eng mit dessen (Wirtschafts)geschichte verknüpft ist. Als Industrialisierung und Kapitalismus im 19. Jahrhundert unaufhaltsam voranschritten, sahen sich sämtliche Nationen mit der Frage konfrontiert, ob sie diese übernehmen oder an ihrer bestehenden Wirtschaftsordnung festhalten sollten. Die USA und die Schweiz industrialisierten und sind bis heute reiche und prosperierende Länder. In Italien vollzog diese Entwicklung in erster Linie der Norden, der Süden hingegen blieb weitestgehend ein Agrarstaat, was bis in die Gegenwart zu einem starken Nord-Süd-Gefälle führt. In Rumänien sträubten sich die Großgrundbesitzer gegen die Industrialisierung auf Kosten der langfristigen Wachstumsperspektive des Landes. Was China und Südkorea angeht, so vermutet man, dass sie bei ihrer wirtschaftlichen Aufholjagd gegenüber dem Westen wohl sehr stark von ihrem über Jahrhunderte hinweg gewachsenen und entwickelten Staatswesen profitierten.

Was all dies zusammengefasst bedeuten soll, ist, dass langfristiges Wirtschaftswachstum ein rätselhaftes Phänomen ist und nicht zuletzt von historischen Zufällen abhängt, die mitunter für Jahrzehnte, wenn nicht sogar für Jahrhunderte nachwirken. Und so kann es dann halt passieren, dass Schleswig-Holstein aus welchen Gründen auch immer nach 160 Jahren im selben Staatenverbund wie Bayern immer noch beträchtlich weniger wohlhabend als der Freistaat ist. Deshalb bin ich auch wenig überrascht, dass die neuen Bundesländer nach 40 Jahren Kommunismus und Diktatur und gerade einmal 31 Jahren Wiedervereinigung immer noch nicht zum westdeutschen Durchschnitt aufgeschlossen haben. Vielleicht werden sie dies eines Tages tun (hoffentlich!)– aber womöglich vergehen bis dahin weitere 50, 100 oder sogar noch mehr Jahre. Ich für meinen Teil bin zu der Überzeugung gekommen, dass wir aufhören sollten die Wirtschaft Ostdeutschlands zu pathologisieren und so zu tun, als ob die neuen Bundesländer doch nun mal endlich zum Westen aufgeschlossen haben müssten. Stattdessen sollten wir dafür sorgen, dass sie wachsen und prosperieren und jedes Jahr ein wenig wohlhabender werden – unabhängig davon, wie reich der Rest der Bundesrepublik bereits ist. Wie heißt es doch so schön: „Vergleich dich nicht mit anderen, sondern mit dem, der du gestern warst“. In Schleswig-Holstein hat man das (glaube ich) verstanden.

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