Reflexionen

Mein innerer Kampf mit dem Krieg

01.04.2022 - Daniela Ribitsch

Bislang habe ich nur den Frieden gekannt.

Eine komische Aussage, ich weiß, denn schließlich grenzt mein Heimatland Österreich an das ehemalige Jugoslawien, wo in den 1990ern Krieg herrschte. Damals war ich ein Kind, und um ehrlich zu sein, ich habe kaum noch Erinnerungen an den Krieg, nicht einmal mehr an die vielen Flüchtlinge, die über die Grenze zu uns kamen. Das einzige Bild in meinem Kopf ist jenes eines Soldaten mit einem Gewehr in der Hand, als meine Familie und ich an den kroatischen Strand auf Urlaub fuhren, bevor der Krieg ausbrach. Doch auch wenn ich mich nicht mehr an diesen Krieg erinnere, so hat es in den wenigen Jahren unseres ach so fortgeschrittenen 21. Jahrhunderts bereits viele Kriege gegeben: Afghanistan, Syrien, Jemen und Gaza sind nur ein paar davon. Obwohl all dieses unnötige Leid in mir Traurigkeit, Bestürzung und Wut auslöst, sind diese Gebiete so weit weg, dass in meiner eigenen kleinen Welt der Frieden immerzu dominierte. Und ich bin nicht die Einzige. In den Köpfen vieler war Europa eine Friedenszone. Ich wuchs in einem Wohnhaus mit Bunker auf. Dieser Bunker hat sich im Laufe der Jahre in eine Rumpelkammer verwandelt. Und die heutigen Wohnhäuser werden überhaupt ohne Bunker gebaut. Krieg in Europa schien absolut unmöglich - bis Putin kam.

Ich saß vor dem Fernseher und sah diese furchtbaren Bilder von Menschen, die um ihr Leben fürchteten, all diese Angst, diese Verzweiflung, und ich fragte mich wieder und wieder: „Was, wenn ein anderes Land in Österreich einmarschierte? Einfach so in mein Zuhause einmarschierte, wo ich aufwuchs, wo meine Familie lebt, und niemand uns zur Hilfe käme?“

Österreich ist neutral. Unsere Neutralität ist in der Verfassung verankert und wird jedes Jahr am 26. Oktober gefeiert. Ich bin stolz darauf, dass unser Bundesheer nicht an Kriegen teilnimmt und stattdessen Hilfe bei Friedensmissionen im Ausland leistet, wie auch bei Naturkatastrophen und bei der Suche nach Lawinenopfern. Ich mochte den Gedanken noch nie, Österreich könnte in einen militärischen Konflikt involviert werden oder der NATO beitreten - bis Putin kam.

Für mich war immer klar: Ich bin Pazifistin und lehne Krieg sowie Waffen vollständig ab. Statt zu töten, glaube ich an den Dialog. Was eigentlich ironisch ist, denn ich bin eine schrecklich emotionale Person und als solche oft emotional zu aufgewühlt, um sachlich reden zu können oder gar zu Kompromissen bereit zu sein. Und nun ist da Putin, der diese irrsinnige Idee hatte, in die Ukraine einzumarschieren, und nicht aufgeben will. Ein Mann, der notorisch lügt und keine Regeln kennt. Der Wohnhäuser und Gesundheitseinrichtungen, sogar Geburtskliniken, bombardiert. Der die Waffenruhe während der Verhandlungsgespräche verweigert. Der auf Gebieten mit Atomkraftwerken schießt. Der Bürgermeister entführt. Der alle in Russland einsperrt, die die Wahrheit über den Krieg aussprechen. Bei so einem Mann, scheint es, können wir nur zurückschießen.

Und dennoch… Würde ich? Könnte ich zurückschießen? Vor der russischen Invasion kam es mir nie in den Sinn, dass ich mir eines Tages ernsthaft diese Frage würde stellen müssen. Ich habe einen tiefen Sinn für Gerechtigkeit (ob mein Gerechtigkeitssinn ein guter ist, sei dahingestellt), und ich habe einen tiefen Sinn für Loyalität und dafür, die Menschen, die ich liebe, zu beschützen. Aber würde ich zurückschießen?

Ich sitze hier in meinem sicheren amerikanischen Zuhause und denke mir, Österreich sollte an der Seite der Ukraine kämpfen. Das ist einfach zu denken, denn ich riskiere ja nicht mein Leben. Wenn Österreich schon nicht kämpft, dann könnten wir doch wenigstens Waffen liefern wie das neutrale Schweden und das neutrale Finnland. Freilich ist es großartig, dass wir bei den Sanktionen gegen Russland mitmachen und humanitäre Hilfe leisten. Aber die Ukraine braucht Waffen, und wir sollten ihr daher Waffen geben. Und vielleicht wäre es auch eine gute Idee, der NATO beizutreten, um in Zukunft geschützt zu sein. Denn Putin hat gezeigt, dass Frieden keineswegs selbstverständlich ist. Seit Kriegsbeginn kämpfen die verschiedenen Argumente in meinem Kopf gegeneinander und das Ergebnis ist: Ich weiß nicht mehr, was richtig und was falsch ist. Ich hasse es, mich überhaupt mit diesem Thema beschäftigen zu müssen, weil die in meinem Kopf herumschwirrenden Gedanken - zurückschießen, Waffen liefern, der NATO beitreten etc. -, sich gegen alles richten, woran ich immer geglaubt habe.

Das Konzept des Krieges entstand vor etwa 10.000 Jahren, als die rasant wachsende Bevölkerung sesshaft wurde, dadurch an Privatbesitz kam und Grenzen errichtete. Plötzlich gab es etwas zu verteidigen und zu erobern. Auch in unserer modernen Welt kämpfen wir immer noch um Gebiete. Putin will sein Imperium vergrößern, China will Taiwan, sowohl China, Taiwan als auch Japan wollen die Senkaku-Inseln im Ostchinesischen Meer usw. Neben solchen territorialen Streitigkeiten führt auch die stetig steigende Nachfrage nach Ressourcen zu immer mehr Konflikten. Diese Konflikte werden weiter zunehmen, da unsere Welt mit ihrer Technologie unaufhaltsam smarter wird und die dafür notwendigen Ressourcen unaufhaltsam schrumpfen. Es scheint tatsächlich so, als würden uns Kriege weiterhin begleiten. Was für eine traurige Zukunft.

Die der NATO angehörigen EU-Staaten haben zugesichert, neutrale Staaten wie Österreich zu schützen. Doch können wir das wirklich von ihnen verlangen? Wie kann Österreich erwarten, von anderen Ländern verteidigt zu werden, wenn wir nicht für andere Länder kämpfen wollen? Das widerstrebt meinem Sinn für Fairness. Und trotzdem: Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, dann will ich, dass Österreich neutral bleiben kann. Ich will, dass wir uns klar gegen Gewalt positionieren und uns für die Achtung des Völkerrechts einsetzen. Aber ich will nicht, dass wir in Kriegen kämpfen müssen, Waffen liefern oder sie gar selbst produzieren. Ich will auch nicht, dass wegen Putin die EU und Österreich nun mehr Geld in ein besseres Verteidigungssystem stecken wollen. Dass wir aufrüsten statt abrüsten. Und ich will ebenso wenig, dass Österreich NATO-Mitglied wird. Ich will das alles nicht und muss zugleich anerkennen, wie furchtbar naiv und weltfremd ich doch bin. Da gibt es einen sinnlosen Krieg nicht weit von meinem Zuhause und ich träume immer noch von einer Welt ohne Krieg und Waffen. Aber vielleicht gerade weil dieser Krieg so sinnlos ist und ihm noch andere sinnlose Kriege folgen werden, sollte ich doch wenigstens träumen dürfen…

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Unterstützen