Buchautor im Interview

Michael Köhlmeier: "Der Kompromiss ist die größte politische Erfindung der Menschheit"

01.08.2018 - Patricia Bartos

Michael Köhlmeier gehört zu den bedeutendsten Autoren Österreichs. Nach zahlreichen Bestsellern erscheint nun der nächste Roman "Bruder und Schwester Lenobel", der von dem scheinbar verrückt gewordenen Robert handelt, der verschwindet und von Ehefrau Hanna und Schwester Jetti gesucht wird. Unlängst erregte Köhlmeier mit einer Rede zum Gedenktag gegen Rassismus und Gewalt in Österreich viel Aufsehen. DAS MILIEU sprach mit dem Schrifsteller über seinen neuen Roman, die Auswirkungen seiner Rede, sowie um die Frage des Erfolgs der Aufarbeitung des Nationalsozialismus.

DAS MILIEU: Herr Köhlmeier, Sie gehören zu den bedeutendsten Autoren Österreichs. Bald erscheint Ihr neuer Roman „Bruder und Schwester Lenobel“. Wie lassen Sie sich thematisch nach so vielen Romanen und Geschichten noch inspirieren?

Michael Köhlmeier: Ein Roman hat kein Thema, jedenfalls kein guter Roman. Er hat vielleicht eine Geschichte, aber auch nur vielleicht. Er muss aber interessante Figuren haben. Außerdem glaube ich nicht, dass man sich „inspirieren lassen kann“. Inspiration ist ein Rätsel und soll es bleiben.

MILIEU: Haben Sie manchmal Angst vor einem leeren Blatt?

Köhlmeier: Nein. Es beißt ja nicht. 

MILIEU: „Bruder und Schwester Lenobel“ handelt von dem verschwundenen Robert, der sich auf die Reise nach Israel machte und von seiner Frau Hanna und seiner Schwester Jetti gesucht wird. Sie thematisieren dabei stark die Bruder-Schwester Beziehung zwischen Jetti und Robert. Was hat Sie dazu bewegt, diese spezielle familiäre Beziehung genau herauszuarbeiten und zu thematisieren?

Köhlmeier: Die Jetti kenne ich schon lange, sie kommt schon in frühen Erzählungen und auch als kleine Nebenfigur in anderen Romanen vor, Robert ebenso. Irgendwann klopfen sie an und sagen: Könnte ich auch mal wieder drankommen? Ich sage dann: Ja, was hast du zu erzählen? Und entweder erzählen sie oder sie erzählen nicht und gehen wieder. Wenn sie erzählen, schreibe ich halt mit.

MILIEU: Schauplatz in Ihrem Buch ist neben Wien Israel. Sie thematisieren dabei auch stark das Judentum. Die Hauptfigur Robert beschreibt sich als „der Jude, wie er im Buch steht, nämlich all das was er nicht ist und nicht sein will“. Was hat Sie dazu veranlasst sich dieser Religion in Ihrem Roman zu widmen? 

Köhlmeier: Ganz am Schluss und nur ganz kurz kommt Israel vor. Aber so ist das: Wäre er nach Moldawien oder nach Portugal gefahren, wäre das wahrscheinlich gar nicht groß aufgefallen, so kurz wie die Stelle ist. Aber Israel...dabei ist dem Robert sein Judentum gar nicht wichtig. Und der Jetti sowieso nicht. Robert ist ein Spötter. Habe ich mich in meinem Roman tatsächlich dem Judentum als Religion gewidmet? 

MILIEU: Der israelisch-palästinensische Konflikt ist ein sehr sensibles und komplexes Thema, die Lösung dieses Konfliktes scheint gerade aufgrund dieser Komplexität nahezu unmöglich. Wie beurteilen Sie die derzeitige Situation und Politik im Nahen Osten?

Köhlmeier: Wumm! Diese Frage ist mir zu groß für ein Interview. Um sie zu beantworten, ohne mich schämen zu müssen, müsste ich erst einmal einen guten Meter Literatur lesen, dann ein gutes Jahr in Israel leben und lange Gespräche mit allen möglichen Leuten führen, die darüber Bücher geschrieben haben und schon ein Leben lang dort unten leben. Aber ich habe einen Vorschlag: Wir, die Europäische Union, gehen auf die Palästinenser und die Israelis zu und fordern sie auf, Mitglied in der EU zu werden. Israel und Palästina haben historisch bedeutend mehr mit Europa zu tun als zum Beispiel die Türkei. Und was die Geografie betrifft – bitte, die Prinzessin Europa stammt genau aus dieser Gegend, von dort wurde sie von Zeus nach Kreta entführt. Der Konflikt zwischen England und Irland wurde durch den Beitritt der beiden Länder zur EU beigelegt und zumindest so weit entschärft, dass nicht mehr geschossen und gebombt wird. Wir können nur beten, dass dieser Konflikt nach dem Brexit nicht wieder aufflammt. Der Israel-Palästina-Konflikt ist ein klassisches Dilemma. Seit ich denken kann, geht das immer hin und her. Wenn in der Mathematik ein Dilemma auftritt muss man in eine höhere Ebene wechseln. So eine höhere Ebene könnte die EU sein. Zunächst würden sowohl Israel als auch die Palästinenser dieses Angebot ablehnen, vielleicht sogar empört sein. Dann muss man eben beharrlich sein. Es ist dort unten schon alles Mögliche probiert worden – warum nicht so ein Angebot?

MILIEU: Sie haben dieses Jahr mit einer Rede zum Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus sehr viel Aufsehen erregt, in der Sie Antisemitismus thematisiert und die derzeitigen Regierungsparteien in Österreich stark kritisiert haben. Während manche Leute Sie dafür in höchsten Tönen gelobt haben, kam vor allem von Regierungsseite sehr viel Kritik und der Vorwurf der Verharmlosung des Holocaust. Haben Sie bereits vorher mit solch einem Aufsehen und einer Polarisierung gerechnet?

Köhlmeier: Ja, habe ich. Und wenn ausgerechnet ein Funktionär der FPÖ mir vorwirft, ich würde den Holocaust verharmlosen, dann ist das ein absurder Witz. Das hat sich so heimlich eingeschlichen: Wenn jemand vor Tendenzen warnt, die ähnlich sind wie in den Jahren bevor Hitler an die Macht kam, dann sagt man: Hey, du verharmlost den Holocaust, indem du vergleichst! Wie bitte, soll man denn aus der Geschichte lernen, wenn man keine Vergleiche zieht? Ich sage: Das war damals so und so, schauen wir, dass es nie wieder so wird und erheben die Stimme, wenn sich die Anzeichen mehren. Das heißt aus der Geschichte lernen. Diese Leute, die in diesem Zusammenhang von Verharmlosung der NS-Zeit reden, wollen doch nur, dass eben gar nicht darüber geredet wird. 

MILIEUSie haben damals Ihre Endarbeit an der Universität zum Thema Austrofaschismus geschrieben, ein sehr dunkles Kapitel österreichischer Geschichte. Haben sich die damals verkrusteten, konservativen und stark autoritären Strukturen Ihrer Meinung nach komplett aufgelöst? 

Köhlmeier: Ja. Wir dürfen nicht den Fehler machen und nach Identischem suchen. Dann werden wir mit Recht sagen: Nein, heute besteht keine Gefahr für einen neuen Faschismus. Zweimal das Gleiche passiert nicht. Es geschieht Ähnliches in neuer Form. Sicher gibt es einige Wirrköpfe unter den Burschenschaftlern, die davon träumen mit erhobener Hand über die Ringstraße zu marschieren. So wird es aber nicht sein. Wir müssen heute auf die smarten Bubis mit den leeren Gesichtern aufpassen, viel mehr als auf die Saufköpfe mit den Schmissen.

MILIEU: Es beschleicht einen oft das Gefühl, dass populistische Parteien mit rassistischen und ausländerfeindlichen Aussagen gerade in Österreich besonders leicht Stimmen gewinnen. Warum denken Sie ist das so? 

Köhlmeier: Wenn du an Neid und Missgunst appellierst, kriegst du immer den Mob hinter dich. Ich kann Ihnen gar nicht sagen wie sehr ich Politiker verachte, die genau auf diese Gefühlslage setzen! 

MILIEU: Sieht man sich aktuelle Umfragen an stellt sich heraus, dass sogar unter den jüngeren Generationen die Opferthese des Nationalsozialismus noch stark vertreten ist. Was denken Sie, sind die Gründe dafür, dass die Aufarbeitung der Vergangenheit in dieser Hinsicht gescheitert zu sein scheint?

Köhlmeier: Glauben Sie, dass die Aufarbeitung der NS-Zeit gescheitert ist? Ich nicht. Keine Zeit in der Vergangenheit ist besser aufgearbeitet worden. Wer sich heute von der Ideologie der Nazis faszinieren lässt der kann nicht sagen, er hätte irgendetwas nicht gewusst. Der will es so.

MILIEU: Die „österreichische Seele“, die, wie sie in Herr Karl dargestellt wird, feige, konservativ und rassistisch ist und keinerlei Verantwortung übernehmen will, wurde bereits oft thematisiert und als Grund für die starken rechten Tendenzen in Österreichs Politik gesehen. Ist der Herr Karl derzeit wieder besonders stark in Österreichs Bevölkerung vertreten?

Köhlmeier: Der Herr Karl ist das großartigste Stück Theater, das in Österreich nach 1945 geschrieben wurde! Nicht nur, weil es sehr scharf eine politische Befindlichkeit zeigt, sondern weil es eine Charakterstudie von Shakespear´scher Kraft ist. 

MILIEU: Trotz der Großartigkeit Ihrer Rede und des Engagements vieler anderer hat man oft das Gefühl, dass sich nur wenig zu ändern scheint und bestehende, veraltete Strukturen in Gesellschaft und Politik bestehen bleiben. Was muss passieren, dass Österreich von diesen Strukturen wegkommt?

Köhlmeier: Hoffentlich passiert nichts! Wenn in der Politik etwas passiert, ist es meistens schlimm. Es war schon anders und es wird wieder anders werden. Politik ist Wurschteln, jedenfalls gute Politik. Wenn einer kommt und „alte Strukturen zerschlagen“ möchte, dann entlehnt er die Worte aus der Sprache des Krieges. Vertraut auf die Sprache! Was einer sagt und wie er es sagt, so denkt er und so wird er handeln. Der Kompromiss ist die größte politische Erfindung der Menschheit. Aber sexy ist er nicht. Zerschlagen, glauben viele, sei sexy. Da kracht es. Da ist Action! 

MILIEU: Sie haben bereits unzählige Preise gewonnen, derzeit werden Sie bei den Salzkammergut Festwochen in Gmunden geehrt, Sie können also auf eine sehr erfolgreiche Karriere zurückblicken. Was wünschen Sie sich noch für Ihre Zukunft?

Köhlmeier: Die Zukunft selber.

MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Köhlmeier!

 

 

 Foto: Peter-Andreas Hassiepen, 2010

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