Buchautor im Interview

Michael Nast: "Ab dreißig sollte jeder, der hier geboren wurde, eine Therapie machen"

01.12.2019 - Alia Hübsch-Chaudhry

Er ist ein Phänomen. Seit seinen Büchern „Ist das Liebe oder kann das weg?“ und „Generation Beziehungsunfähig“ gilt er als Sprachrohr einer Generation. Nun hat der 1975 in Ost-Berlin geborene Schriftsteller eine Anleitung für ein besseres Miteinander und ein erfüllteres Leben geschrieben. DAS MILIEU sprach mit dem Bestseller-Autor Michael Nast über die Beziehungskrise zwischen Ost- und Westdeutschland, das Nazi-Problem im Osten, den Konsum-Wahn im Westen und das Schwelgen in Luxusproblemen.

DAS MILIEU: Warum dauert das Abitur im Osten 12 Jahre und im Westen 13 Jahre?

Michael Nast: Bei den Westdeutschen war noch ein Jahr Schauspielschule dabei. Nein, natürlich nicht. Das war ein Scherz, den man zu Wendezeiten erzählt hat. Aber jeder Scherz hat ja auch einen wahren Kern. Es waren die Erfahrungen, die die Ostler mit den Westlern gemacht hatten, die sich verstellten, um einen Vorteil daraus zu ziehen. Das kannte man im Osten nur, wenn man mit den staatlichen Organen zu tun hatte, also mit Feinden, die man überlisten musste. Dass sich die Menschen untereinander verkauften, das kannte man nicht.

MILIEU: Die Westdeutschen sollen im Gegensatz zu den Ostdeutschen gekünstelt und affektiert auftreten, so ein langwährendes Klischee. Was ist da dran?

Nast: Ich glaube, dass es etwas mit einem macht, wenn man in eine Gesellschaft hineingeboren wird, die Konkurrenzdenken zu einem Wert erhoben hat. Unter solchen Umständen muss man sich schützen, in dem man eine Rolle spielt, die einen unangreifbarer macht. Oder auch um den vorgegebenen Gefühlskonventionen zu entsprechen, ständig gut gelaunt sein zu müssen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es nicht wenige gibt, bei denen diese Rolle die Identität ersetzt hat.

MILIEU: Wie hat sich Ihre Kindheit im Osten von der eines West-Berliners unterschieden?

Nast: Im Osten wurde früh auf Talente eingegangen, die gefördert wurden. Es wurde darauf geachtet, dass sich die Kinder auf der Straße nicht selbst überlassen wurden. Das war natürlich auch ein Kontrollmechanismus, wir sollten auf Linie gebracht werden.

MILIEU: Gab es einen Moment in Ihrer Jugend in Ost-Berlin, wo Sie in eine extremistische Szene hätten abdriften können?

Nast: Die Frage habe ich mir ganz ernsthaft kurz nach der Wende gestellt. Ich bin in Köpenick aufgewachsen, aber in der vierten Klasse in eine andere Gegend Berlins umgezogen. Meine ehemaligen Mitschüler habe ich dann 1991 im Gymnasium wiedergesehen, das waren alles Neonazis. Da habe ich mich schon gefragt, wie ich politisch denken würde, wäre ich nicht weggezogen. Der Freundeskreis beeinflusst ja sehr.

MILIEU: Was hat die Verhältnisse, in denen einige Ihre ehemaligen Mitschüler gelebt haben, von den Ihrigen unterschieden?

Nast: Leider muss man sagen, dass es nicht nur einige waren. 1991 war es praktisch ein Lifestyle, Nazi zu sein. Die Elternhäuser unterschieden sich nicht so sehr, das lief über die Freundeskreise.

MILIEU: Wie erklären Sie sich, dass der Osten heutzutage als ein "Hort der Rechtsextremisten" gilt?

Nast: Ein „Hort der Rechtsextremisten“ klingt jetzt sehr martialisch. Mit solchen Formulierungen muss man vorsichtig sein. Aber es gibt natürlich ein Problem, das allerdings jahrelang totgeschwiegen wurde, und sich diese Strukturen so ungehindert entwickeln konnten. Aber rechtsextrem sind ja nur verhältnismäßig wenige. Die AfD wird ja von vielen aus Protest gewählt. Dass ist das eigentliche Problem: dass diese Leute nicht moralisch hinterfragen, was sie da für eine Partei wählen. Das ist die Haltung sehr ichbezogener Menschen. Vielleicht ist der Erfolg der AfD auch damit zu erklären, dass sie sich jahrzehntelang übervorteilt fühlten, und jetzt eine Partei kommt, die sagt: „Deutsche zuerst“.

MILIEU: Wie kann es sein, dass Menschen, die jahrzehntelang zu Sozialisten erzogen wurden, zu einem großen Teil rechtskonservativ wurden?

Nast: Das hat verschiedene Gründe. Im Osten wurde ja derselbe Fehler gemacht, der auch nach der Wende von der Politik gemacht wurde: offiziell gab es in einem antifaschistischen Staat einfach keine Nazis. Aber das Denken war da, und zwar bei mehr Leuten, als man es sich eingestehen wollte, es wurde eben nur am Stammtisch ausgesprochen. Die Nazizeit wurde ja auch nie wirklich aufgearbeitet. Plötzlich waren alle Antifaschisten, weil sich die DDR als antifaschistischer Staat verstand. Ein weiterer Aspekt war, dass in der DDR ein Nationalstolz kultiviert wurde, man sollte stolz auf sein sozialistisches Vaterland sein. Das macht natürlich etwas mit einem, auch wenn man das „sozialistisch“ wegnimmt, bleibt ein Stolz aufs Vaterland. Das gab es im Westen nicht. In der DDR war auch der private Kontakt zu Ausländern nicht erwünscht, Russen und Vietnamesen waren kaserniert. Das machte das Land zu einer autarken Gesellschaft, in der Deutsche unter sich waren, und auch alte voreingenommene Haltungen zu Ausländern konserviert wurden.

MILIEU: Die Wissenschaftlerin Naika Foroutan hat in diesem Jahr eine Studie veröffentlicht, wonach Migranten und Ostdeutsche sich gleichermaßen stark benachteiligt fühlen. Warum fehlt dann doch bei den Ostdeutschen die Empathie für die Lebensumstände der Migranten?

Nast: Von den Migranten fühlen sich viele bedroht, weil über die Jahre eine Ausländerfeindlichkeit konserviert wurde, wie gesagt, in der DDR gab es ja kaum Kontakt zu Ausländern. Aber ich glaube, das es auch mit dem Minderwertigkeitskomplex vieler Ostler zu tun hat. Man hat sich 30 Jahre lang benachteiligt gefühlt, und jetzt wären sie ja mal dran mit Zuwendungen, aber das kriegen jetzt die Geflüchteten. Das ist die Denke. Es ist eine sehr egoistische Haltung. Das Soziale geht dann bei vielen doch nur bis an die Landesgrenze. Die DDR war auch eine sehr spießige Gesellschaft, da fügt sich diese Haltung gut ein.

MILIEU: Sie sagen, dass die Beziehung zwischen Ost und West ungesund ist, weil die Ostdeutschen sich an die Westdeutschen anpassen und ihre Vergangenheit auslöschen sollten. Welche Folgen hatte das?

Nast: Alles aus dem Westen galt als gut, alles aus dem Osten als schlecht. Ein erfolgreicher Ostler wurde daran gemessen, wie wenig er als Ostler zu erkennen war. Die ostdeutsche Identität wurde also in allen Facetten in Frage gestellt. Das bisherige Leben der Ostler wurde abgewertet. Daraus entstand ein Minderwertigkeitskomplex, der sich über die Jahre zu einem trotzigen ostdeutschen Selbstbewusstsein gewandelt hat, und zwar in dem Sinn, dass sie Revolutionäre sind. Da entsteht eine beunruhigende Energie, die schwer einzuschätzen ist. Mir schreiben Leute aus Sachsen, dass 1989 von Sachsen schon einmal eine Revolution ausging. Da denken nicht wenige, dass wir uns vor einem revolutionären Umbruch befinden.

MILIEU: Sie erzählen in Ihrem Buch von Ihrem Lehrer, der unerwartet durch einen Unfall aus dem Leben gerissen wurde. Auf seiner Beerdigung waren sehr viele Menschen. Welche Bedeutung hatte er für sie?

Nast: Leider erkennt der Mensch erst in solchen Momenten, worauf es wirklich im Leben ankommen sollte. Er war einer der coolen Lehrer, ein Kumpeltyp, den man ernstnahm und der einen ernstnahm. Bei dem war man gut, weil er einen richtig motiviert hat. Ich bin ihm auch nach der Schule immer mal wieder zufällig in Plattenläden begegnet. Und immer haben wir gesagt, dass wir uns mal treffen müssen, was wir nie getan haben. Und dann war er tot. Ich hatte alle Chancen verpasst, so etwas setzt schon Gedanken in Gang.

MILIEU: Welche Qualitäten hatten die Bürgerinnen und Bürger der DDR, die den Westdeutschen fehlten?

Nast: Ich glaube, dass sie allein schon ein anderes System kennengelernt haben, dass sie gegen dieses System aufbegehrt sind. Die menschlichen Werte entstanden ja bedingt durch die Mangelwirtschaft und die Resignation in der Diktatur. Erfolg wurde durch die Pflege von Freundschaften und Familie definiert. Erfolg mit der Anhäufung von Geld zu verbinden, brachte ja nichts, denn von dem Geld konnte man sich ja nichts kaufen. Die DDR war keine Wegwerfgesellschaft, man musste nachhaltig mit dem umgehen, was man besaß. Die DDR-Bürger waren auch viel näher bei sich, weil sie sich nicht untereinander verkaufen mussten. Alles Eigenschaften, nach denen sich viele heute so sehnen: Authentizität, Natürlichkeit, Nachhaltigkeit.

MILIEU: Wie unterscheiden sich Ost- und West im Konsumwahn, in der Selbstoptimierung und in der Ich-Bezogenheit, die im Zentrum Ihres Buches stehen?

Nast: Ich weiß nicht, ob man da Unterschiede zwischen Ost und West machen kann. Wenn es um Konsum geht, haben sich die Ostler schon sehr angepasst. Der Fehler war ja damals das nur der Osten infrage gestellt wurde. Eigentlich hätten sie das bei beiden System machen sollen, um etwas Neues, besseres entstehen zu lassen. Dann hätten wir auch alle ein wirkliches Vereinigungsgefühl gehabt. Das wäre das Fundament einer gesunden Beziehung von Ost- und Westdeutschen sein können.

MILIEU: Sie sprechen in Ihrem Buch von unserer Gesellschaft als „kranke Gesellschaft“. Wer kann sie heilen?

Nast: Die Politik arbeitet für die Wirtschaft, und nicht für den Menschen, darum liegt der Schlüssel in uns selbst, in jedem Einzelnen. Viele Kleinigkeiten zusammengenommen können eine große Veränderung bewirken. Unsere Gesellschaft produziert so viele psychische Erkrankungen wie keine zuvor, weil unsere Werte vollkommen verzerrt sind. Egoismus und Konkurrenzdenken sind zu Tugenden erhoben worden, weil sich inzwischen auch vieles Zwischenmenschliche an wirtschaftlichen Prinzipien orientiert. Ab dreißig sollte jeder, der in diese Gesellschaft hineingeboren wurde, eine Therapie machen.

MILIEU: Generell moralisieren Sie in Ihrem Buch ziemlich stark und gehen dabei mit den Westdeutschen sehr hart ins Gericht. Wie kommt das bei denen an?

Nast: Ich weiß gar nicht, ob ich mit ihnen so hart ins Gericht gehe. Und falls ja, liegt wohl daran, dass Übertreibung eine Wahrheit ist, die die Geduld verloren hat. In der Wendezeit wurde die Haltung des Kapitalismus praktisch zementiert, er wurde nicht in Frage gestellt, und konnte ungehindert immer extremer werden. Und jetzt stehen wir hier, und sehen uns mit den Auswirkungen konfrontiert. Ich glaube, wir sollten den Umbruch durch die digitale Revolution als Chance begreifen, um einiges zu korrigieren.

MILIEU: Sie haben als Jugendlicher vom Staat der DDR ein Buch mit dem Titel „Vom Sinn unseres Lebens“ geschenkt bekommen. Ihr Buch heißt genauso. Was unterscheidet die beiden Bücher?

Nast: Bis auf den Titel alles. Die DDR-Version war ein Propagandaband. Mein Buch beschäftigt sich letztlich damit, dass es Menschlichkeit ist, was unsere Existenz zu einem wahrhaftigen Leben machen kann.

 

 

Michael Nast: "Vom Sinn unseres Lebens - Und andere Missverständnisse zwischen Ost und West", Edel, 2019.

 

Foto: © Steffen Jänicke

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